04.03.2013

Die Bombenidee

GLOBAL VILLAGE: Ein Flüchtling aus Kabul baut ein Kunstwerk, das Minen räumen soll.
Massoud Hassani läuft durch das Himmelreich, vorbei an Reklame für Peitschen und Pornos. Hassani, 1983 in Afghanistan geboren, hat in Eindhovens einstigem Rotlichtviertel Hemelrijken - Himmelreich - in einem ehemaligen Sexshop Quartier bezogen. Die Schaufenster hat er mit grauem Stoff verhängt.
Hassani trägt rote Hosen und Gel in den braunen Locken. Er hat ein Studium an Eindhovens Design-Akademie abgeschlossen, der 29-Jährige gestaltete Kochtöpfe und Möbel. Dann aber schien es ihm "sinnlos, den millionsten Designer-Stuhl zu entwickeln".
Stattdessen arbeitet Hassani seit über zwei Jahren an einer mannshohen Kugel aus Bambus, Plastik und Metall. Mit dem Kunstobjekt will er ein Handwerk verändern, in dem Kreativität Leben retten kann, weil es um die Beseitigung von Minen geht. Sie werden bislang noch so entschärft wie seit Jahrzehnten: mit Spürhunden, Planierraupen, per Hand oder aber - das ist die häufigste Variante - gar nicht.
Über hundert Millionen Minen liegen noch im Boden von weltweit 78 Ländern. Pro Jahr töten und verstümmeln Munitionsreste und Minen laut Uno geschätzte 4000 Menschen, viele der Opfer sind spielende Kinder.
In den neunziger Jahren führte Princess Diana eine Anti-Minen-Kampagne an. "Nach ihrem Tod aber haben alle das Problem vergessen", sagt Hassani. Bei den Vereinten Nationen läuft zwar ein Minenräumprogramm, aber für 2013 ist die Finanzierung noch nicht gesichert.
Hassanis Kugeln sind viel billiger als andere Hilfsmittel. Sie sehen aus wie riesige Pusteblumen. In ihrem Metallkern stecken, dünnen Beinchen gleich, Bambusstäbe mit Plastikplatten an den Enden. Die zwei Meter hohe Kugel ist so leicht, dass der Wind sie über Minenfelder rollt. Hassani arbeitet aber auch an einem Modell mit Motor. Um die Zünder kleiner Minen auszulösen, reicht der Druck der Kugel. Und sie kann auch Sprengfallen mit Stolperdrähten zünden. "Mine Kafon" nennt Hassani seine Erfindung. Kafon ist Dari, das afghanische Persisch, und bedeutet Explosion. 40 Euro kostet die Herstellung einer Kugel.
Kleinere Versionen hat Hassani schon einmal gebaut, vor zwei Jahrzehnten, als Kind am Stadtrand von Kabul. "Oft trug der Wind unsere Spielzeuge weit davon, bis in die Minenfelder, aus denen wir sie nicht zurückholen konnten", erinnert er sich.
Hassani beugt sich über den Tapeziertisch, der ihm als Ess- und Arbeitsplatz dient. Er zieht sein Skizzenheft hervor, es ist so etwas wie das Tagebuch einer Karriere mit Hindernissen.
Das erste Bild ist ein Porträt seines Vaters. Er starb 1993 in Kabul, als Mudschahidin die Stadt mit Raketen beschossen. Die Mutter floh mit vier Kindern über Pakistan nach Usbekistan. Schlepper brachten Hassani nach Amsterdam. Für den Rest der Familie fehlte das Geld.
Hassani blättert weiter zu Sportwagenskizzen. Er hat sie während der Schichten beim Wachdienst gezeichnet, bei dem er nach der Realschule angeheuert hatte. Der Chef ließ ihn eines Tages rufen. "Hassani", sagte er, "du musst dich bei der Akademie bewerben."
Der Flüchtling brachte eine Arbeitsmappe zur "Weißen Dame", so heißt das Gebäude der Design-Schule. Er kassierte eine Absage, bewarb sich wieder, scheiterte erneut. Beim vierten Versuch gab der Direktor nach, "weil du sonst nie aufgeben wirst".
Um die Kugel-Idee zu verwirklichen, setzt Hassani auf das Internet. In nur einem Monat warb er über die Website Kickstarter Spenden in Höhe von 139 000 Euro. Der Kurzfilm-Macher Callum Cooper ließ ihn von einem Kameramann begleiten. Einen Auftritt beim bekannten Sundance-Festival in Utah hätte er beinahe verpasst, weil US-Grenzer ihn mehrere Stunden in einer Zelle am Flughafen festhielten, wegen Terrorverdachts. Seit Samstag zeigt das New Yorker Museum of Modern Art den Mine Kafon.
Aber auch Militärs sind auf die Erfindung aufmerksam geworden. Die niederländische Armee hat einen Prototypen Hassanis im Feld getestet. Für die Räumung von Panzerminen ist der Mine Kafon zwar zu leicht; weil das Gerät vom Wind abhängig ist, kann es auch nicht systematisch genug eingesetzt werden. Aber die Kugel könne helfen, so die Experten, Minenfelder zu identifizieren.
"Wir suchen nun Firmen für die Serienproduktion", sagt Hassani. Ein Helikopter-Hersteller hat Unterstützung angeboten. Apple-Mitgründer Steve Wozniak gab Tipps, wie Hassani die Kugeln im Einsatz präziser orten könnte: "Er solle neben GPS-Sendern parallel auch Russlands Navigationssystem Glonass nutzen."
In Hemelrijken sitzt Hassani vor seinem Laptop und blickt auf ein Satellitenfoto von Kabul. Es zeigt den Flughafen und daneben den Wohnblock, in dem er als Kind gewohnt hat. Wenige hundert Meter entfernt schlängelt sich eine Linie aus weißem Sand durch die Wüste. Dahinter beginnt das Minenfeld, auf das er seinen Windkugeln damals nicht mehr folgen durfte. Im August will er nach Kabul fliegen und seine Erfindung dort einsetzen, wo alles begann.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 10/2013
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