04.03.2013

Maskenmänner

Guinea-Bissau in Westafrika ist zum Knotenpunkt des globalen Kokainhandels geworden. Hier wird umgeladen und portioniert. Der Staat sorgt für ein reibungsloses Geschäft. Von Alexander Smoltczyk
João Biague sagt, er habe nur eine Chance, seinen Job wieder loszuwerden: "Erfolg". Sobald ihm ein Zugriff glücke, sagt er, "werde ich gefeuert". Aber "Erfolg" ist nicht vorgesehen in der Arbeitsplatzbeschreibung des Generaldirektors der Kriminalpolizei von Guinea-Bissau.
Das Büro von João Biague liegt an einer Lehmstraße beim Sportplatz. Ein von Feuchtigkeit schwarz angelaufener Kolonialbau. Die Schlaglöcher sind mit Plastikmüll und Muschelschalen verfüllt. Eine Frau hockt unter einem Ceiba-Baum und dreht einen mageren Maiskolben in der Asche.
Von seiner Funktion her entspricht dieses Amt der BKA-Zentrale Wiesbaden. Oder dem FBI.
João Biague hat den Körper und die leicht verquollenen Augen eines Schwergewichtlers. Er trägt einen gutgeschnittenen Anzug, wie um sich vor den Unzulänglichkeiten seines Amts zu schützen. Der 45-jährige Richter hat nebenbei noch einen Lehrstuhl für Jura.
Biague verkörpert das Recht in diesem Land. Die Macht verkörpert er nicht. Das Thema seiner Doktorarbeit war "Abstimmungsprobleme der öffentlichen Verwaltung, am Beispiel Brasiliens, Portugals und Guinea-Bissaus". Heute hat Biague es mit anderen Abstimmungsproblemen zu tun: "Ich muss gegen die Kokainschmuggler vorgehen. Aber ohne dass unser Militär etwas davon mitbekommt."
Und das geht nicht. Das wäre "Erfolg".
Guinea-Bissau liegt dort, wo sich der afrikanische Kontinent am weitesten nach Südamerika hinüberreckt, zwischen dem Senegal und dem benachbarten Guinea. Vom Fischmarkt der Hauptstadt Bissau bis nach Ostbrasilien ist es genauso weit wie nach Südspanien, knapp 3000 Kilometer Fluglinie. Für private Mittelstreckenjets ist das keine Entfernung. Selbst wenn sie beladen sind.
Die Kokainbarone Lateinamerikas brauchen für ihr Transatlantikgeschäft geografisch günstig gelegene Staaten im toten Winkel der internationalen Aufmerksamkeit, ausgezeichnet durch einen möglichst hohen Korruptionsindex. Guinea-Bissau kommt diesem Ideal sehr nahe.
Das Land verfügt über durchlässige Grenzen, diskrete Landepisten und eine zivile Staatsmacht, die ihren Namen kaum verdient. Auslieferungsabkommen sind quasi unbekannt. Einer der ehemals meistgesuchten Kriminellen der USA, George Wright, arbeitete jahrelang als Basketballtrainer in Bissau.
Das Uno-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC) sieht in Guinea-Bissau das weltweit einzige Beispiel für einen Narco-Staat: "In Afghanistan oder Kolumbien sind einzelne Provinzen in den Händen der Drogenbarone. Hier ist es der ganze Staat", sagt ein hoher Offizieller der Behörde in Wien. In Kolumbien profitieren die Herren der Droge vom Chaos. In Bissau von den sicheren Rahmenbedingungen.
Für einen Narco-Staat wirkt Bissau ziemlich friedlich, bis zur Schläfrigkeit. Man findet hier keine Junkies und keine geköpften Verräter am Straßenrand. Das tägliche Geschäft spielt sich nahezu gewaltfrei ab.
"Die Situation ist schwierig", sagt João Biague und schließt die Tür seines Büros. Seit dem Putsch im April sei der Schmuggel wieder stark angestiegen. "Die Posten sind neu verteilt. Polizei und Zivilbehörden sind noch vorsichtiger geworden." Einer seiner Männer ist kürzlich fast totgeprügelt worden - in einer Kaserne. Biagues Vorgängerin ist vor den Drohungen geflohen.
João Biague hat die Angewohnheit, beim Sprechen Mindmaps zu kritzeln. Kreise und Pfeile und noch mehr Pfeile und schließlich dicke Striche, die alles wieder sehr klar machen: "Alle haben nur noch Angst."
Man hat wenige Gelegenheiten, die Schattenmänner des internationalen Kokainhandels in aller Ruhe zu beobachten. Eine davon ist der Nationalfeiertag von Guinea-Bissau.
Am 24. September ist die Avenida Amilcar Cabral mit Plastikbändern abgesperrt, weiß-rot mit Herzchen. Die Hauptstadt dampft noch vom morgendlichen Tropenguss, die Wolkentürme über der Brettertribüne rücken langsam weiter. Frisch glänzen die Knüppel der Nationalgarde.
Punkt zehn Uhr kommt ein Klatschen auf. Kein Jubel, eher ein Applaus sicherheitshalber, so wie er in der Regel prall gestopften Uniformen entgegengebracht wird, wenn sie auf einem Pick-up langsam zur Ehrentribüne geschoben werden. Ein Applaus gegenüber der Macht.
Der Mann in der Uniform verkörpert die Macht, nicht das Recht. General António Indjai führt das Kommando in Guinea-Bissau, seit der letzte frei gewählte Präsident, João "Nino" Vieira, so tragisch ums Leben kam (einer der wenigen Fälle, wo ein amtierendes Staatsoberhaupt in Stücke gehackt wurde). Spätestens seit dem Putsch im April 2012, als alle übrigen Neider, Premierminister, Konkurrenten entmachtet wurden.
All das könnte der Mitwelt ziemlich egal sein, wenn sie von diesem schwitzenden Fleck Afrika nur mit Cashewnüssen und Holz versorgt würde. Und nicht auch mit jährlich schätzungsweise 40 Tonnen einer Substanz, die in keiner Außenhandelsstatistik auftaucht: Kokain. Jener General Indjai, der sich jetzt zwischen den anderen Generälen, Ehrengästen und Erstfrauen niederlässt, soll auch bei diesem Geschäft das Kommando haben. Achtung, die Hymne: "Sonne, Schweiß, das Grün und das Meer ..."
Im September 1974 hat sich Guinea-Bissau seine Unabhängigkeit von Portugal erkämpft. Die Guerilleros von damals sitzen jetzt auf der Tribüne, übrig geblieben aus einer Zeit, als "Befreiungskampf" noch einen guten Klang hatte.
Die Elite des Landes ist seit der Befreiung im Wesentlichen damit beschäftigt, ein Gleichgewicht zwischen Stämmen, Parteien und Heeresabteilungen zu finden. Der Findungsprozess verläuft durch Putsche, Verhaftungen, Folter, Todesdrohungen und Attentate. Kein vom Volk gewählter Präsident hat seine Amtszeit je regulär beendet.
Im "Human Development Index" der Uno rangiert das Land auf Platz 176 von 187 Plätzen. Unter dem alten Präsidenten hatte es ein Kooperationsabkommen mit der EU gegeben, zur Verbesserung des Sicherheitsapparats. Das wurde 2010 beendigt. Gut möglich, weil gerade ein Konteradmiral zum Marinekommandeur ernannt worden war, der von der US-Drogenbehörde DEA als Drahtzieher des Kokainhandels in Westafrika geführt wird. Zusammen mit dem Luftwaffenchef.
Bevor João "Nino" Vieira umgebracht wurde, hatte ein anderes Kommando den damaligen Armeechef in die Luft gesprengt. Ein Vierteljahr später wurde der Präsidentschaftskandidat Baciro Dabó von Soldaten erschossen, ebenso der ehemalige Verteidigungsminister. Die Täter wurden nie gefunden, womöglich wurden sie auch nie gesucht.
Wenige zweifeln daran, dass es bei dem Gemetzel darum ging, wer welchen Anteil am Drogengeschäft hält. Das Kokain hat die Machtwechsel brutaler gemacht. Das politische Leben Guinea-Bissaus ist von der Droge aufgeputscht worden.
"Das Militär ist derzeit die einzige Macht im Land", sagt João Biague. Vor sich eine Mindmap und über sich die Galerie seiner Vorgänger. "Sie haben bei der Ankunft unseren Flughafen gesehen, nehme ich an?", fragt er. "Genau angesehen?"
Der internationale Flughafen von Bissau "Osvaldo Vieira" ist nach einem Freiheitshelden benannt. Wenn ein Flugzeug aus Dakar oder Lissabon landet, sitzen drei ältere Zivilisten in Parkwächterbuden und stempeln die Pässe.
Gleich neben dem Terminal steht ein Privatjet vom Typ Gulfstream II, zugelassen auf eine Briefkastenfirma "Lb Aviation Inc." in Delaware. Die Maschine musste am 12. Juli 2008 mit einem Hydraulikschaden in Bissau notlanden. "Als die Kripo das Flugzeug untersuchen wollte, tauchte eine Gruppe Militärs auf", erzählt Biague. "Sie umstellten die Maschine und hinderten jeden daran, sie zu betreten."
An Bord sei, so die spanische Polizei, eine halbe Tonne Kokain gewesen. Und drei Venezolaner, darunter Carmelo Vásquez Guerra, der zum mexikanischen Sinaloa-Kartell von JoaquÍn "El Chapo" Guzmán gerechnet wird. Guzmán ist derzeit der wichtigste Kokainbaron. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat ihn als Nummer 63 der mächtigsten Menschen des Planeten aufgelistet.
Die Gulfstream konnte Guzmán nicht retten. Eine zweite, kleinere Maschine kam am nächsten Tag aus Venezuela, um die Gulfstream zu reparieren. Diesmal konnte die Polizei die Maschine beschlagnahmen. Von Ladung und Besatzung fehlen bis heute jede Spur. Die Maschinen dagegen sind sogar auf Google Earth zu sehen (11°53'9.58N; 15°39'14.25W).
Das UNODC vermutet, dass auch betagte Boeing 727 für die Drogenflüge nach Westafrika eingesetzt werden. Solch ein Jet kann über zehn Tonnen laden.
João Biague sitzt in seinem Büro, die Tür verschlossen, die Fenster verhängt, und wie er die Lage schildert, kann man verstehen, dass er lieber nicht vor die Tür geht.
Morgen hat Biagues Tochter ihren neunten Geburtstag. Sie lebt im italienischen Verona, er hat sie seit fünf Jahren nicht gesehen. Er sagt: "Ich will diesen Job nicht. Ich will nur noch etwas schaffen, dann ist Schluss. Aber irgendein Erfolg muss es sein." Er träumt von einem Job in irgendeiner internationalen Organisation. Möglichst weit weg.
"A traffickers dream", so schrieb ein US-Diplomat an seine Vorgesetzten, nachdem er vier Tage lang in den Bissagos herumgeschippert war. Das ist ein Archipel aus 88 Inseln im Atlantik, mit dem Boot von Bissau aus in zwei Stunden zu erreichen. Mit ihren Palmenstränden und Fischrevieren könnten die Bissagos die Malediven Westafrikas sein. Bislang sind sie ein Traumziel der Drogenbarone.
Der Staat ist auf den Bissagos kaum präsent. Schon allein, weil Biagues Polizei über kein Boot verfügt. Da gibt es unbefestigte Landepisten aus der Kolonialzeit, auf denen Maschinen landen, die auf keiner Flugliste stehen.
Einmal gab es eine Panne. Gut eine halbe Tonne Kokain wurde ins Meer gespült. Einige Anwohner sollen ihre Häuser mit dem weißen Zeug gekalkt haben. Andere hielten es für Maniokmehl. Mindestens einer glaubte, es wäre Trockenmilch für Babys.
Die Ware wird in 600- bis 1200-Kilogramm-Ladungen eingeflogen, umgeladen und in drei Lagern gebunkert. So können die Großhändler auf Zuruf innerhalb weniger Tage 300 Kilo nach Europa senden. Von mindestens einem Depot wissen internationale Ermittler, dass es auf Militärgebiet liegt. João Biague weiß das alles: "Ich weiß sogar, dass diese Woche im Süden eine Maschine landen wird."
Und wo soll es passieren?
Es scheint keine einzige Landkarte im Gebäude der Kriminalpolizei Guinea-Bissaus zu geben. Biague lässt seine Sekretärin eine Karte von MapQuest ausdrucken. Dann fällt der Strom aus.
Es hilft jetzt auch nicht, dass das UNODC auf seiner Herbstkonferenz über Organisierte Kriminalität melden kann: "Die Real-Time Analytical Intelligence Database ist an die Kriminalpolizei ausgeliefert worden." João Biagues "Echtzeit-Datenbank" ist der Cousin eines seiner Inspektoren. Ein Bauer, der anruft, wenn er Flugzeugmotoren hört.
Biague fängt an, Kreise und Linien zu malen: "Wir könnten drei Männer auf Posten hinunterschicken. Als Bauern getarnt. Sobald sie ein Flugzeug hören, könnten wir ein Kommando zur Brücke nahe Mampatá schicken, wo jeder Konvoi kurz abbremsen muss, und könnten die Ware abfangen."
Klingt gut. Warum macht er es nicht?
"Wir haben kein Geld."
Die 300 Kilogramm Kokain, die in solch einer Aktion beschlagnahmt werden könnten, hätten in Deutschland einen Konsumentenmarktwert von bis zu 120 Millionen Euro. Biague fehlen - "Moment" -, er fängt an, mit dem Stift zu rechnen: Die Polizisten könnten bei Verwandten schlafen. Mangos zur Verpflegung wachsen überall. "Fünf Tage drei Leute, das sind 15 000. Plus der Sprit für das Zugriffkommando, also dreimal 20 000 CFA, macht zusammen 75 000 CFA."
Das sind 115 Euro. Und wer zahlt?
I m Journalismus gilt das Prinzip, niemals ein zu beschreibendes Geschehen erst möglich zu machen. Der Reporter hat sich herauszuhalten. Manchmal ist es schwer, sich an diese Regel zu halten. SPIEGEL-Fotograf Alessandro Scotti war im Juli 2008 bei einer anderen Recherche schon einmal in Guinea-Bissau gewesen. Damals wurden 600 Kilo Kokain sichergestellt. Der damalige Polizeichef hatte dem Einsatz nur zugestimmt, wenn Scotti als einziger Weißer zugegen wäre. Es war die erste und bislang einzige Beschlagnahme von Drogen in dieser Größenordnung. Der Einsatzleiter, einer der Vorgänger Biagues, wurde umgehend entlassen. Einer seiner Männer ist inzwischen tot, erschossen, ein anderer in psychiatrischer Behandlung. Die drei festgenommenen Soldaten wurden freigelassen. Doch als Reaktion auf die Operation bekam die Kriminalpolizei massive Hilfe aus dem Ausland, eine Interpol-Vertretung und Schulungen der EU. Wir beschließen, Biague das Benzin zu zahlen.
Schon am nächsten Tag kommt der Anruf: "Die Maschine ist gelandet." Biague sagt, seine Leute hätten frühmorgens Motorengeräusche gehört. Die Schmuggler müssen auf der Halbinsel Ilha de Melo gelandet sein, direkt an der Grenze zu Guinea im Süden.
Bis vor wenigen Jahren galt der Militärflughafen von Cufar als bevorzugter Landeplatz. Seit internationale Beobachter im Land sind, werden überwiegend illegale Pisten angeflogen, vor allem im Süden. Manche sind versteckt, andere liegen sichtbar vor aller Augen.
Hinter Mansôa, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, verläuft die Landstraße für drei Kilometer schnurgerade. Gleich hinter dem Dorf Missina findet sich noch eine langgezogene Bremsspur. Anwohner erzählen, wie Männer mit Stiefeln und Strumpfmasken die Straße abgesperrt und Partyleuchten als Positionslichter aufgestellt hätten.
"Rádio Sol Mansi", der Sender eines Salesianer-Paters, berichtete von dem Vorfall. Alle anderen Medien schwiegen. Obwohl jeder Bescheid weiß. Wie auch allgemein bekannt ist, wem die Geflügelfarm in Missina unmittelbar neben der Piste gehört - und wer dort gerade sein Anwesen ausbaut: António Indjai, der General auf dem Pick-up. Der Generalstabschef von Guinea-Bissau.
Biague hockt zusammengefaltet am Couchtisch seines Büros, im Kreise seiner Inspektoren, und zeichnet Pfeile auf die MapQuest-Karte. "Sie entladen immer sofort. Die Frage ist, ob sie die Ware direkt in Schnellboote packen oder über Land wegschaffen." Nur an Land habe er eine Chance zum Zugriff.
Er weist die Männer an, sie sollten nach Pick-ups Ausschau halten, die Richtung Küste fahren. Seinen Vorgesetzten im Ministerium gibt Biague nicht Bescheid. Das wäre zu gefährlich.
João Biague wartet bis zum Abend auf den Anruf seiner Leute. Vergebens. "Die Ladung muss übers Meer weitergeschafft worden sein", sagt Biague. Es gebe in der Nähe einen Schuppen der Fiscalização, wo die Ware gelagert werden kann. Er meint ein Zollhäuschen. "Tut mir leid." Vielleicht meint er sich selbst damit.
Vielleicht hat es das Flugzeug auch nie gegeben: "Es ist ein Spiel mit Masken", sagt ein Vertreter der internationalen Gemeinschaft (der selbst nicht genannt werden möchte). "Du weißt nie, wer weshalb gerade welche Rolle spielt. Und sei es die Rolle des Guten. Du weißt nur, dass vier von fünf Offiziellen korrupt sind. Oder ist jeder zu vier Fünfteln korrupt?"
Der Jurist Biague jedenfalls wird eine zweite Chance bekommen, seinen Job loszuwerden, schneller als erwartet.
Das Kokain wird auf drei Wegen weitertransportiert, meist gutausgebaute Mehrzweckpassagen, auf denen auch Menschen und Waffen geschmuggelt werden, manchmal sogar gleichzeitig.
Die Venezolaner verfügen über Schnellboote, mit denen sie bis nach Kap Verde fahren können und weiter noch, bis zu den Kanarischen Inseln. Es kommt auch vor, dass Fischer dazu gezwungen werden, einige Kisten mitzunehmen. Es ist leicht, Druck auszuüben, wenn die Familie allein an Land ist.
Die Landroute geht von Guinea-Bissau nach Norden, durch den Senegal, Mauretanien, die Westsahara bis nach Marokko. Es ist eine Zone, in der von Tuareg-Stämmen, Schmugglern, radikalen Islamistengruppen und Menschenhändlern alles vertreten ist, was westlichen Diensten Alpträume beschert. Dennoch ist es möglich, mit Geld eine praktikable Transitstrecke aufzubauen. Es sind ausgetretene Handelsrouten, bewährt schon seit den Tagen des Sklavenhandels.
Der dritte Weg des Kokains geht durch die Gedärme der "Swallowers". Es sind meist Nigerianer, die für einen Lohn von umgerechnet 800 Euro Kapseln schlucken, bis zu ein Kilo in kleinen Dosen, und die dann versuchen, mit Linienflügen Lissabon oder Kap Verde zu erreichen.
Ein Kontaktmann mit einer unschönen Narbe über der Lippe erzählt von einem Cousin, der Zugang zu einem der Zwischenhändler habe. Er selbst ist inzwischen Besitzer zweier Mercedes-Taxis, nachdem er zwei Kilo aus der Kaserne im alten Fort zu einer "hochrangigen Person" gebracht habe.
Nach zwei Treffen mit einem sehr nervösen, sehr widerwilligen Cousin und etlichen Telefonanrufen erklärt sich der Hintermann bereit, einen seiner Gehilfen bei der Arbeit fotografieren zu lassen: "Aber nur einer. Nur fünf Minuten." Dafür will er 100 Euro.
Fotograf Scotti wird eine halbe Stunde lang zu Fuß durch Santa Luzia geführt, ein Viertel, wohin kein branco, kein Weißer, sich verirrt, wo halbnackte Kinder mit Plastikmüll spielen. Scotti erinnert sich noch an ein Schild mit der Aufschrift Nigerian Bissau Business Association.
"Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war. Meine Begleiter waren sehr nervös. Der Cousin schob mich in eine niedrige Bude. Es war heiß zum Ersticken. Ein magerer Kerl mit Rasta-Wollmütze hockte auf einer Matratze und portionierte das Pulver. Er sagte kein Wort. Ich hatte vorher angeboten, dass er sich eine Strumpfmaske überziehen sollte. Aber jetzt kam er mit dieser zerbrochenen Karnevalsmaske aus Plastik an."
Auf einem niedrigen Tisch liegen, wie übergroße Partywürstchen, zwei Dutzend Portionen, in mehrere Lagen Frischhaltefolie und Tesafilm eingewickelt. Es reicht für drei, vier Bilder. "Mach schnell! Los, raus jetzt."
12 000 Euro kostet ein Kilogramm reines Kokain in Bissau. Ein Großhändler in Europa zahlt dafür schon 30 000 Euro. Die Militärs werden für ihre Hilfe und ihr Schweigen teilweise mit Ware selbst bezahlt. Um die Vermarktung müssen sie sich selbst kümmern. So hat sich in Bissau ein Zwischenhandel entwickelt. Das Kokain bei dem Maskenmann kommt mit großer Wahrscheinlichkeit aus diesen Kanälen.
Kein einziger Zwischenhändler, geschweige denn ein Auftraggeber, ist je festgenommen worden. Die kleinen Helfer dagegen werden gelegentlich geopfert, fürs Image im Ausland. Im Gefängnis der Kripo von Bissau, einem Vorposten der Hölle, stinkend, heiß, wo 60 Männer auf 15 Quadratmetern nach Nahrung brüllen, sitzen elf Swallower aus Nigeria ein. Sobald sie erwischt werden, kennt sie niemand mehr. Die Handynummern sind abgeschaltet. Arme, verdammt arme Schlucker.
Es ist kurz vor fünf Uhr am Nachmittag. Vor der Stadt baut sich ein Tropengewitter auf, gleich wird die Nacht herunterfallen wie ein letzter Vorhang. In der Stimme von João Biague ist diesmal ein wenig Panik gewesen: "Kommt schnell", hat er am Telefon gesagt, "es geht los", und aufgelegt.
Als wir ankommen, ist Biagues Zimmer leer. Sein Chef, sagt einer der Inspektoren, habe alle Leute ins Büro beordert und sei schon vorgefahren, Richtung Mansôa. "Es hat Alarm gegeben. Eine zweite Maschine sei im Anflug."
Die US-Aufklärung hat bisher nur die üblichen Flugrouten über den Südatlantik im Blick. Seit Westafrika zum Umschlagplatz im transatlantischen Drogenhandel geworden ist, haben zwei europäische Staaten ihre Beobachtungssatelliten entsprechend ausgerichtet. Ein Dienst hat am Mittag eine verdächtige Flugbewegung festgestellt, mit Kurs auf Bissau, und eine befreundete Botschaft in Dakar benachrichtigt. Die wiederum informierte ihre Kontaktstelle in Bissau.
Eine halbe Stunde später zwängen sich vier Agenten durch das Gewimmel der Hauptstraße zum Gefängnis. Dort lagert in einem Blechspind das komplette Waffenarsenal der guinea-bissauischen Kriminalpolizei: fünf in einen Reissack verpackte Kalaschnikows aus dem Unabhängigkeitskrieg, manche auch mit Magazin.
Ein aufgerüsteter Konvoi, der Drogen im Wert von einer Million Euro transportiert, würde beim Anblick dieser Waffen nur aus antiquarischem Interesse halten. Aber der Gedanke scheint das Kommando nicht zu beunruhigen. Sie fahren mit Musikstöpseln im Ohr in den Einsatz wie zu einem Betriebsausflug.
Noch bevor die Stadtgrenze erreicht ist, klingelt das Handy. Es ist Biague. Seine Stimme ist müde und im Rauschen kaum zu verstehen. Nur ein Wort: "fracassado". Gescheitert. Wieder gescheitert. Kein Wort fasst den Kampf gegen den Kokaintransit in Westafrika besser zusammen.
Michael Daniels ist Franziskaner-Pater. Der Geistliche betreut die Candelária-Kathedale an der Avenida Amilcar Cabral. Zu dem Pater flüchten sich gejagte Generäle, Oppositionelle, Polizisten. Er hat sie alle gesehen. Einer der wenigen Ausländer, die den Mut haben, offen zu reden. "Die Menschen in Bissau sind zu arm, um sich Kokain oder Crack leisten zu können", sagt er.
Die Militärs seien überzeugt, dass ihr Land nur ein Durchgangsland sei für die Drogen. Der Schmuggel nur eine smarte Art, einen Anteil am globalen Handel zu bekommen, ohne selbst schmutzig zu werden. Mancher mag es für eine subtile Rache an den ehemaligen Kolonialmächten halten.
"Aber es hat sich ein Markt bei den Reichen entwickelt", sagt Bruder Michael. Die Söhne der herrschenden Elite hätten längst gelernt, sich eine Linie zu ziehen. Da entwickle sich eine Generation der Abhängigen. Die Kinder der Generäle.
Lesen Sie im nächsten Heft: Prag hat sich zum neuen Sehnsuchtsort von Kiffern und Cannabiszüchtern entwickelt - unterwegs mit einem Dealer.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 10/2013
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