23.12.1996

ZeitgeschichteUnerhörte Taten

Der Alpenverein, 600 000 Mitglieder, versucht sich seiner tiefbraunen Vergangenheit zu erinnern.
Im letzten Abendlicht humpelt Otto Margulies bergauf. Seit er ein Bein bei einem Absturz verloren hat, geht der begeisterte Alpinist seine Touren auf Krücken.
Nach dem Aufstieg, so die von der österreichischen Zeitschrift Profil kürzlich wiedergegebene Episode, bittet der Bergsteiger um ein Nachtlager. Der Hüttenwirt weist ihn ab - Margulies ist Jude. Und im Guttenberghaus des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins gilt der Anschlag am Hütteneingang: "Juden sind hier unerwünscht."
Das war im Jahr 1924, als vor den Berghütten die ersten Hakenkreuzbanner wehten. Soeben hatte sich der Alpenverein eine neue Satzung gegeben. Paragraph eins: "Der Verein ist unpolitisch." Ein Zusatz stellte klar, wie das gemeint war: "Bestrebungen zur Wahrung und Förderung deutscher Stammesarbeit können selbstverständlich nicht als politisch anerkannt werden."
Der Kernsatz des ersten Paragraphen ziert noch heute als Motto die Statuten. Über den einstigen Zusatz aber und seine Folgen breiteten die Alpinisten seit 1945, als die völkischen Träume zerplatzt waren, schamhaftes Schweigen.
Jetzt hat ein Wiener Historiker und Bergführer die Geschichte jener Jahre geschrieben, in denen sich der - damals wie heute - weltgrößte Alpinverband von einer Naturschwärmergemeinschaft zum antisemitischen Kampfbund wandelte.
Drei Jahre lang forschte Rainer Amstädter, 45, früher selbst Extremalpinist, nach Belegen für seine These: Zusammen mit der radikalen deutschen Turnerschaft sei der Alpenverein in den zwanziger Jahren eine Vorhut gewesen bei der Durchdringung des gesellschaftlichen Lebens mit soldatischer und rassischer Ideologie, die Eroberungswahn und Holocaust erst möglich gemacht hätten*.
Beeindruckend ist die große Zahl der Quellen, die der Bergsteiger und Historiker zu einem 700-Seiten-Werk zusammengetragen hat: Lieder und Vereinszeitschriften kündeten von einer alpinen Herrenmenschen-Ideologie, die sich aus Bergheldenmythen und Heimatromantik nährte; SS-Führer gaben im Alpenverein schon zu einer Zeit den Ton an, als Himmlers Elitetruppe noch nicht mehr war als das Schlägerkommando einer unbedeutenden NSDAP.
* Rainer Amstädter: "Der Alpinismus". WUV-Universitätsverlag,Wien; 672 Seiten; 69 Mark.
Konfrontiert mit der dubiosen Rolle des Kletter-Klubs in der NS-Zeit, entsinnen sich nun auch die Manager des Alpenvereins (Schirmherr: Theo Waigel) der heiklen Vergangenheit - 50 Jahre verspätet. In einem jüngst eröffneten Münchner Museum setzt sich der Verband von 600 000 Bergsteigern mit seinen Verstrickungen im Vorfeld des Hitlerstaats auseinander.
Museumsleiter Helmuth Zebhauser, der sich, wie er sagt, um eine "realistische Sicht" auf die Dinge bemüht, hat keinen ganz leichten Stand unter Sektionsvorsitzenden, die schon im Dritten Reich aktive Mitglieder waren und es lieber nicht so genau wissen wollen.
So verweist er gern auf den Widerstand im seinem Verein. Ein Vorsitzender sei sogar in die Verschwörung des 20. Juli 1944 verwickelt gewesen und von den Nazis hingerichtet worden: "Im Alpenverein gab es so viele Gegner und Aktivisten des Nationalsozialismus wie überhaupt in unserer Gesellschaft."
Eine sonderlich realistische Einschätzung ist das kaum. Tatsächlich nahm der Alpenverein die spätere Judenpolitik des Dritten Reiches um genau zehn Jahre vorweg. Schon 1924, als Hitler in Landsberg noch seine Festungsstrafe absaß und an "Mein Kampf" herumformulierte, setzten radikale Sektionen auf einer stürmischen Münchner Versammlung einen "Arierparagraphen" durch, der den antisemitischen Geist des ominösen "Stammesarbeit"-Zusatzes in die Tat umsetzte.
Am Ende desselben Jahres hatten die Münchner, die Berliner und 146 weitere von insgesamt 405 Ortsgruppen ihre jüdischen Mitglieder ausgeschlossen. Eine Ghettoisierung im Kleinen setzte ein: Juden mußten eigene Sektionen bilden. Nach drei Jahren beschlossen die Alpenvereinsfunktionäre, auch diese aus der "großen Edelweißgemeinschaft" ihres Dachverbandes zu entfernen.
Gleich zu Beginn der Arisierung etablierte der Verein, geleitet von einem grotesken Enthaltsamkeitswahn, auch eine alpine Sexualmoral. Ziel: die Hervorbringung eines "Edelbildes des deutschen Kletterers".
Schlaflager waren fortan nach Geschlechtern zu trennen, Liebespaare von den Hütten zu weisen. Alpinist Karl Prusik, Erfinder einer noch heute geschätzten Kletterseilschlinge und später Hauptmann der Waffen-SS, erläuterte im Jahr 1926 die Weisheit solcher "Enthaltsamkeit im mythischen Raum des Gebirges": Derartige Lebensführung, schon den germanischen Urvölkern bekannt, bilde die "Voraussetzung unerhörter Taten".
Führend in höchsten alpinistischen Schwierigkeitsgraden ebenso wie an der völkischen Front waren die Seilschaften zweier Münchner Sektionen namens Bayerland und Hochland. Einst entstanden aus ökologischem Engagement - gegen "Bergbahnfieber" und "Touristenflut" -, gehörten sie zu den ersten Ortsgruppen, die den Arierparagraphen durchsetzten. Vor allem aber boten sie brauner Prominenz Heimat und Hintergrund für deren Karrieren.
Zum Beispiel Eduard Dietl: Nazi der ersten Stunde, Extremkletterer, im Krieg General und Held, bis ins vergangene Jahr Namensgeber einer bayerischen Gebirgsjäger-Kaserne. Oder Paul Bauer, ein Pionier, den Reinhold Messner für seinen Weitblick pries. Als Bergsteiger wie als Verbandsvorsitzender zielstrebig, führte Bauer in den späten zwanziger Jahren die ersten deutschen Expeditionen auf die Himalaya-Gipfel und den Alpenverein in den Nationalsozialismus.
Solche Männer, lobte 1927 die Zeitschrift Der Bergsteiger, legten Zeugnis ab für die "Erhabenheit deutscher Größe" und böten ein Vorbild in jenem "schlichten Heldentum", von welchem Luis Trenker und Leni Riefenstahl in den betörenden Bildern ihrer Bergfilme die Trivialfassung lieferten - Mythen von Gefahr, Duell mit dem Berg und titanischen Gipfelsiegen zogen all jene in den Bann, die längst vom Übermenschentum und dessen kommenden Kämpfen träumten.
Alpenvereinssektionen feierten in ihren Mitteilungsblättern Bergsteigen als "Rüstung" und ihre Bergtoten als Opfer für den ikarischen "Sonnenflug" eines "geläuterten deutschen Volkes". So gehörte der Alpenverein zu den wenigen Organisationen, die Hitler nach der Machtergreifung gar nicht erst gleichschalten mußte.
Die Bergsteigertruppe, längst auf braunem Kurs, war für neue Ziele ausersehen: Die erfolgreiche Erstdurchquerung der Eiger-Nordwand im Jahr 1938 etwa, von der sich Hitler stündlich berichten ließ, lieferte der NS-Propaganda einen Beleg für die Überlegenheit der nordischen Rasse. Vor allem aber sollte der deutsch-österreichische Alpenverein als grenzüberschreitende Organisation dazu beitragen, das Nachbarland reif für den Anschluß zu machen.
Bayerische Sektionen boten laut Historiker Amstädter auf ihren Hütten NS-Terroristen Stützpunkte und Unterschlupf für ihre blutigen Aktionen. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1938 rühmte der österreichische Alpenvereinsvorsitzende das "entschiedene politische Handeln" in den "braunen Burgen" am Berg: "Über 1000 Metern gibt es nur mehr Anhänger des Führers."
Der wußte, was er an seinen Alpinkameraden hatte: "Der Bergsteiger und der Soldat haben die gleiche Gesinnung." Da nimmt es kaum Wunder, daß Tausende freiwilliger Alpenvereinsmitglieder alsbald begannen, Hitlerjungen im Alpinismus zu schulen und die kaum 16jährigen Jugendlichen den Gebirgstruppen der Waffen-SS zuzutreiben.
Diese Entwicklung mag der französische Bergführer Armand Charlet geahnt haben, als er im Jahr 1931 den todeskühnen Materialschlachten deutscher Erstbesteiger in den Eiswänden des Grand Charmoz zusah. "Das ist kein Bergsteigen", bemerkte er. "Das ist Krieg."
* Rainer Amstädter: "Der Alpinismus". WUV-Universitätsverlag,Wien; 672 Seiten; 69 Mark. * Zeitgenössisches Gemälde.

DER SPIEGEL 52/1996
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