23.12.1996

Wie ein kleiner König

Der Führer war da. 50 000 Volksgenossen fieberten an diesem 7. August 1936 im Poststadion von Berlin einem Sieg entgegen und erhoben zur Begrüßung von Adolf Hitler begeistert den Arm zum Deutschen Gruß. Die Nationalmannschaft des Deutschen Reiches spielte im olympischen Fußballturnier gegen Norwegen. Nach einem 9:0-Erfolg gegen Luxemburg im Vorrundenspiel und in Abwesenheit der Profis aus England, Italien, Österreich, Spanien und Ungarn war die Goldmedaille Pflicht.
Der Gauleiter von Danzig, Albert Forster, hatte es nicht allzu schwer gehabt, Hitler zu überreden, sich zum erstenmal in seinem Leben ein Fußballspiel anzusehen. Es wurde, wie Propagandaminister Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern festhielt, "ein richtiges Nervenbad. Das Publikum rast. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion". Doch es wurde ein rabenschwarzer Tag für den deutschen Fußball, ein Debakel.
Der Reichskanzler und sein uniformiertes Gefolge - neben Goebbels: Göring, Frick, Rust, Heß und von Tschammer - hatten sich nach dem erhebenden Ritual des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes kaum wieder hindrapiert in ihrer Loge, da verdarben ihnen die frisch und frech aufspielenden Norweger schon die Stimmung.
Sechste Minute: 0:1. "Der Führer ist ganz erregt, ich kann mich kaum halten", erinnerte sich Goebbels. "Ein dramatischer, nervenaufpeitschender Kampf." Je weiter die Uhr voranrückte, desto verkrampfter rannten die Männer mit dem Hakenkreuz auf dem Trikot dem Rückstand hinterher. Sechs Minuten vor Schluß besiegelten die Gäste die deutsche Niederlage mit einem zweiten Tor.
Die Sensation war da, der selbsternannte Favorit aus dem Wettbewerb ausgeschieden, den am Ende Italiens Amateure mit 2:1 gegen Österreich gewannen. Wütend verließ Adolf Hitler vorzeitig die Arena. Wäre er bloß zum Polo gegangen, wie sein Programm es vorsah. Oder zum Rudern, wie er eigentlich wollte. Gauleiter Forster suchte einen Sündenbock. Er konnte nur Otto Nerz heißen.
So viele Väter auch der Sieg gehabt hätte, für die Niederlage war nur der Reichstrainer verantwortlich. Josef ("Sepp") Herberger, damals Verbandstrainer in Westdeutschland, war in der Nähe, aber nicht dabei. Er war privat nach Berlin gekommen, weil ihn, wie schon 1934 bei der Weltmeisterschaft, Nerz zwar intensiv zur Vorbereitung eingesetzt hatte, beim Turnier aber offenbar nicht brauchte. Als ihn jedoch DFB-Präsident Felix Linnemann vor Ort entdeckte, wurde er sofort dafür eingespannt, die voraussichtlich nächsten Gegner der Deutschen zu beobachten.
An diesem 7. August sah Herberger das Spiel Schweden gegen Japan. Als er anschließend wieder ins Quartier zurückkam, war noch niemand da, und er gönnte sich ein Eisbein. Er kaute noch kräftig, als sein Trainerkollege und Freund Georg Knöpfle auftauchte, der als erster aus dem Poststadion zurückgekehrt war. Na? fragte Herberger, wie? 2:0, antwortete Knöpfle. "Ich war gerade dabei, das Stück Eisbein zu schlucken, als er sagte: ,Verloren'. Seitdem kann ich kein Eisbein mehr essen."
Wiewohl Herberger den Cheftrainer keineswegs für den Alleinschuldigen an der Niederlage hielt, sammelte er doch sorgfältig alle Argumente, die gegen Nerz vorgebracht wurden. "Daß er draußen in diesem Training die Leute zu scharf angepackt hätte", war ein Vorwurf; ein zweiter, daß er "einen Trainingsplatz gewählt hat, der zu weit weg war vom Quartier der Mannschaft". Dazu kam, Punkt drei, die Mannschaftsaufstellung, gegen die auch Herberger Einwände gehabt hatte.
Der Reichstrainer wackelte. Für Herberger war offenkundig, daß Nerz angeschlagen war, an höchster Stelle in Ungnade gefallen. Zeit für einen Wechsel, Herberger witterte seine Chance. Ein Szenario voller Intrigen und Feindseligkeiten entfaltete sich in den folgenden Wochen und Monaten.
Es begann am Abend nach dem Spiel. Da war Herberger noch Zuschauer. Im Polizeiinstitut des Kriminalrats Felix Linnemann in Charlottenburg kamen die Verantwortlichen des DFB zusammen, niedergeschlagen und aggressiv. Sie sparten nicht mit offenen und versteckten Anklagen gegen den Reichstrainer.
Nerz erklärte in dieser Runde, daß das "Übertraining" der Leute die Schuld trage an der Niederlage. Er meinte damit die Beanspruchung der Spieler während der Saison, keineswegs seine eigenen Drillmethoden. Er fragte Münzenberg und Hohmann, zwei anwesende Spieler, wie viele Spiele sie im verflossenen Jahr absolviert hätten. Doch Münzenberg bestritt energisch, daß die Fülle der Spiele die Ursache des Versagens gewesen sei - das überfüllte Programm im olympischen Dorf habe die Leute fertiggemacht.
Niemals habe es eine Ruhepause gegeben, klagte Münzenberg. Hohmann ergänzte später: "Auf gut deutsch gesagt, wir hatten noch nicht einmal Zeit zum Kacken."
Die Mannschaftsaufstellung, bei der gegen das vermeintlich schwächere Norwegen einige junge Talente den erfahreneren Spielern vorgezogen wurden, hatte Linnemann letzten Endes durchgedrückt.
Nerz sei damals, so Herberger, zu diszipliniert gewesen, um sich öffentlich dagegen zu wehren. Nun hatte er den Schwarzen Peter. Das Echo in der Presse und in der Fan-Gemeinde des deutschen Fußballs war verheerend. Immerhin war die Nationalmannschaft 1934 in Italien bei ihrer ersten Teilnahme an einer Fußballweltmeisterschaft unerwartet Dritter geworden und hatte 1935 eine aufsehenerregende Siegesserie hingelegt, von 17 Spielen 13 gewonnen. Nerz wurde zunächst einmal in den Urlaub geschickt, um ihn der Kritik zu entziehen. Herberger notierte: "Otto im Urlaub, Gras über die Sache."
Im September schien es Herberger geschafft zu haben. Nach einem 1:1 in Warschau gegen Polen, bei dem er erstmals hauptverantwortlich die Nationalmannschaft betreute, veröffentlichte die von Goebbels herausgegebene Berliner Tageszeitung Der Angriff eine kurze Notiz unter der Überschrift: "Herberger neuer Reichstrainer".
Vorerst aber schien Herberger noch Zurückhaltung geboten, er blieb mißtrauisch: "Ob er tatsächlich ganz zurücktreten wollte oder ob er noch dableiben wollte und nur einen Assistenten suchte, das weiß ich nicht. Nerz war nicht der Mann, der sich einfach so wegschubsen ließ." Als die ersten Glückwunschtelegramme eintrafen, die sich auf die Meldung im Angriff bezogen, konnte sich Herberger seiner Sache noch keineswegs sicher sein.
Der Machtkampf zwischen den beiden ging weiter. Penibel hielt Herberger die Chronik des Kleinkriegs in seinen Notizen fest.
Damals war Herberger 39 Jahre alt. Nerz ging auf die 44. Beide waren sie gesunde, vitale und machtgierige Männer, "im Saft bis an die Haarspitzen", wie Herberger zu sagen pflegte. Ihr Ehrgeiz war so identisch wie ihr Mannheimer Idiom. Beide waren sie autoritär und dogmatisch, beide verschlossen, hart und im Zweikampf nicht zimperlich.
Kurz nach dem Ersten Weltkrieg waren sie zum erstenmal aufeinandergetroffen - als Spieler im Mannheimer Lokalderby. Herberger, der trickreiche Stürmer beim SV Waldhof gegen Nerz, den bulligen Zerstörer beim VfR. Ein paar Jahre später lehrte der Trainer Nerz, ein Anhänger des englischen Zweckfußballs, den eigensinnigen Dribbelkünstler Herberger, der zum VfR gewechselt war, Mores. Der mag, wie alle, den Schleifer Nerz manchmal verflucht haben, bewundert hat er ihn gewiß. Und kopiert auch.
Fortan blieben die beiden Männer unzertrennlich, in verbissener Zuneigung einander zugetan. Es entwickelte sich eine Männerfreundschaft von spannungsgeladener Vielschichtigkeit, anfänglich von gegenseitiger Bewunderung bestimmt, später von erbitterter Rivalität.
Herberger folgte seinem Trainer nach Berlin an die Deutsche Hochschule für Leibesübungen, wo er mit einer Sondergenehmigung auch ohne Abitur studieren konnte. Bei Tennis Borussia und in der Berliner Stadtauswahl brillierte der quirlige Waldhofer als Mittelstürmer. 1930 beendete er seine Spielerkarriere, im gleichen Jahr erlangte er als Bester seines Jahrgangs das Sportlehrer-Diplom.
Kaum arbeitete Herberger als Trainer, verschaffte er sich den Ruf, wie ein kleiner König aufzutreten, der Widersprüche nicht duldete - ganz ähnlich dem Mann, dem er nacheiferte.
Sein Vorbild Otto Nerz, Lehrer und Mediziner, seit 1926 Reichstrainer, war immer ein Perfektionist gewesen. Nichts überließ er dem Zufall. Bei Trainer Herbert Chapman von Arsenal London hatte er erstmals Bekanntschaft mit dem WM-System gemacht. Das übertrug er auf die deutsche Nationalmannschaft. Er schuf den "Stopper", den defensiven Mittelläufer. Unterstützt von Herberger, brachte Nerz den Nationalspielern auf Lehrgängen das neue System bei.
Sie kannten sich jetzt 15 Jahre. Immer war Nerz der Boß gewesen. Herberger hatte unentwegt von ihm profitiert, und er litt darunter. Das habe aber nichts daran geändert, daß er Nerz immer ein loyaler und williger Helfer gewesen sei. Tatsächlich waren die beiden ja auch so eng befreundet, daß Herberger 1931 Trauzeuge bei der Hochzeit des Reichstrainers gewesen war. Es habe stets eine vorbildliche Zusammenarbeit gegeben - "trotz oft gegensätzlicher Auffassung in Spielgestaltung, Trainingsmethoden und Fragen der Mannschaftsführung". Nerz sei ein Intellektueller gewesen, fand Herberger, hochintelligent und ein Meister am Schreibtisch. Herberger: "Ich habe ihn respektiert, auch seine Weisungen befolgt, allerdings immer mit meinem Anstrich."
Nun freilich, nach den Olympischen Spielen, hatte sich die Situation zwischen den beiden verschoben. Herberger analysierte die Lage so kühl wie den nächsten Gegner der Fußballnationalmannschaft.
Die heiße Phase des Zweikampfs begann nach dem Polen-Spiel. Bei den nächsten Länderspielen übernahm wieder Nerz selbst die Betreuung der Nationalmannschaft. Als die deutsche Nationalmannschaft im Oktober gegen Schottland in Glasgow und gegen Irland in Dublin verlor, quittierte Herberger die Niederlagen mit heimlicher Schadenfreude.
Endgültig und offiziell trat Nerz erst im Mai 1938 zurück. Da hatte sich Herberger längst durchgebissen. Daß der jüngere diesen Zweikampf schließlich gewann, hat seinen ehemaligen Mentor natürlich erbittert. "Ich habe an meinem Herzen eine Natter großgezogen und habe es nicht gewußt", soll er , nach Angaben seines Bruders Willi, später gesagt haben.
Faktisch hatte Herberger seit Anfang 1937 das Sagen bei der deutschen Nationalmannschaft - mit sensationellem Erfolg: In diesem Jahr trugen die deutschen Fußballer elf Spiele aus und erzielten dabei neben einem Unentschieden zehn Siege.
Dennoch hatte Herberger allen Grund zur Vorsicht. Denn daß die Männer, die im Hintergrund des Machtgerangels die Fäden gezogen hatten, Nazi-Funktionäre waren, die ihr eigenes Süppchen kochten, wußten alle Beteiligten. Sowohl die Deutsche Arbeitsfront um Robert Ley als auch die Hitlerjugend Baldur von Schirachs, die Reste der alten SA-Führung wie die schneidigen SS-Karrieristen, die Gauleiter, das Reichspropagandaministerium Joseph Goebbels' und später Ribbentrops Außenministerium - alle versuchten, den Sport in ihrem Sinne zu benutzen. Der Oberlausitzer Gutsherr und SA-Gruppenführer Hans von Tschammer und Osten, 1933 zum "Reichssportführer" ernannt, stand im Schnittpunkt rivalisierender Machtgruppen.
Sepp Herberger war im Mai 1933 in die NSDAP eingetreten, Mitglied Numero 2 208 548. Die entfesselte Dynamik der neuen Zeit stärkten seinen Elan und Eifer. "Neues Leben blüht aus den Ruinen!" ist in seinen Notizen über die "Wende" 1933 zu lesen. Und: "Mit Systemwechsel geht auch eine Verjüngung einher." Im Kopf aber hatte er immer nur den Fußball.
Herberger wußte genau, daß er sich in seinem neuen Amt gefährlich nahe am Rande der oberen Ränge der Nazi-Hierarchie tummelte. Die Auseinandersetzungen mit Otto Nerz, die Beziehung zu Felix Linnemann - alles hatte im Umfeld des Reichssportfeldes schrille politische Obertöne.
Nicht von ungefähr traten die beiden Männer, die Herberger 1933 zum Eintritt in die NSDAP geraten hatten, jetzt selbst der Partei bei - am 1. Mai 1937. Ex-Sozialdemokrat Nerz, der freilich schon 1933 SA-Scharführer war, und der konservative Polizeibeamte Linnemann, der dann ab 1940 auch eine SS-Karriere startete.
Zwar gelang es Herberger, im Gegensatz zu seinen beiden Mitstreitern, die sich immer enger an das Regime banden, einen eigensinnigen Abstand zu halten, ohne sich zu verweigern. Im Trainingslager von Duisburg ließ Herberger - wie später bezeugt wurde - SA-Bonzen abblitzen, die von ihm und der Nationalmannschaft ähnliche vormilitärische Übungen unter SA-Kommando forderten, wie sie bei Nerz üblich gewesen waren.
Daß er dann in Berlin auch hohen SS-Chargen mit schwejkscher List - "Wir Fußballer schießen anders, meine Herren" - die Forderung nach einem Wehrübungsprogramm abgeschlagen hatte, erzählte Herberger später selbst gern. In beiden Fällen sicherte er sich die nachträgliche Unterstützung des Reichssportführers. Dessen Ermunterung: "Lassen Sie sich von niemandem hineinreden", trug er wie ein Banner kämpferisch durch die Nazi-Jahre. Doch half ihm das nicht gegen die großen Linien der politischen Einmischung, die immer stärker wurde.
Vor der Weltmeisterschaft 1938 in Paris ging Herberger die in Deutschland ausgebrochene Begeisterung auf die Nerven. Fassungslos vermerkte er: "Dieser Jubel. Diese Euphorie. Hosianna, wir sind Weltmeister."
Dabei war die deutsche Fußballnationalmannschaft an diesem 20. März 1938 in Nürnberg über ein 1:1 gegen Ungarn nicht hinausgekommen. Herberger war alles andere als gehobener Stimmung.
"Es gab keine Sportler mehr, es gab nur noch Politiker", stöhnte der Reichstrainer im Rückblick. Denn acht Tage vor dem Ungarn-Spiel, am 12. März, waren die deutschen Truppen in Österreich eingerückt. Über Nacht schloß sich "die Ostmark" dem Deutschen Reich an, das fast sieben Millionen neue Volksgenossen dazugewonnen hatte - und der Reichstrainer zwei Dutzend Fußballweltstars aus Wien. Zusätzlich zu seiner wunderbaren Elf aus dem "Altreich", wie das jetzt hieß. Was also sollte noch schiefgehen in Paris? Wer wollte diese Supermannschaft schlagen?
Der Mann, der das alles angerichtet hatte und sich deswegen feiern ließ, war an dem Tag des Spiels gegen Ungarn auch in dem Nürnberger Hotel - Adolf Hitler. Seinetwegen brüllten die Menschen auf den Straßen, nicht wegen der Fußballer. Auf einem Balkon stehend, ließ der Reichskanzler des nun schon viel Großdeutscheren Reiches österreichische Regimenter an sich vorbeiparadieren.
Der "Anschluß" ließ Herberger im Gegensatz zu allen anderen eher mit Skepsis in die Zukunft blicken. Gewiß, einen Augenblick hatte auch er sich den Träumereien hingegeben. War es nicht immer sein Wunsch gewesen, eine Mannschaft zu haben, die beide Spielsysteme beherrschte? Sowohl die harte und präzise, auf Kondition und Schnelligkeit beruhende Arbeit der Deutschen als auch das wunderbare technische Sturmspiel der Österreicher? Theoretisch bestand diese Möglichkeit jetzt.
In der Praxis aber - das wußte Herberger - war es unerreichbar. Ein Verschmelzungsprozeß bis zur Weltmeisterschaft in knapp drei Monaten war nicht zu schaffen: "Jede einzelne Mannschaft war besser als eine gemischte."
Seine eigene Truppe hatte sich in einem einzigen Jahr einen legendären Ruf erspielt: die Breslau-Elf. Sie war inzwischen eine gut und glänzend aufeinander eingespielte, krisenfeste Einheit und stand für Frankreich bereit.
Wie viele ältere Fußballfreunde kann Ursula Kraft, Herbergers langjährige Sekretärin an der Sporthochschule in Köln, noch heute ohne Zögern die Namen jener sagenhaften Elf hersagen: im Tor Hans Jakob, in der Verteidigung Paul Janes und Reinhold Münzenberg, in der Läuferreihe Andreas Kupfer, Ludwig Goldbrunner, Albin Kitzinger und im Sturm Ernst Lehner, Rudolf Gellesch, Otto Siffling, Fritz Szepan und Adolf Urban.
Das waren die Männer, die am 16. Mai 1937 Fußballgeschichte auf dem grünen Rasen in Breslau spielten: 8:0 gegen die keineswegs schwachen Dänen. Fünf Tore schoß Otto Siffling, eines steuerte der Regisseur Fritz Szepan bei.
Wenn Herberger später über die Entwicklung und Entstehung der Breslau-Elf erzählte, dann konnte man leicht glauben, daß er über seine Weltmeister von 1954 redete. Ein Zufall war das wohl nicht. Wie die Breslau-Elf war auch die Weltmeistermannschaft von 1954 langsam gewachsen und nicht über Nacht entstanden. Und in beiden Mannschaften hatte Herberger - ganz im Sinne seines Vorgängers Nerz - das Team um zentrale Spieler herum gruppiert.
Und diese Mannschaft von internationaler Klasse sollte nun auseinandergerissen werden, angereichert durch die Wiener Fußballstars. "Die Zukunft der großdeutschen Fußballnationalelf" habe begonnen, schrieb der Kicker.
Herberger begann zu dämmern, daß eine sportliche Lösung dieses Problems nicht gefragt war. DFB-Chef Linnemann teilte ihm mit, daß "auf höhere Weisung" hin für Paris eine Mischung 6:5 oder 5:6 angeordnet werden würde: "Auch in unserem Falle muß nach außen hin der Zusammengehörigkeit mit den ins Reich heimgekehrten Österreichern sichtbarer Ausdruck gegeben werden."
Herberger versuchte noch einmal zu argumentieren. Er hatte keine Chance. "Seppl, hat er gesagt, leben Sie denn auf dem Mond? Wissen Sie denn nicht, was vor sich gegangen ist?" Der Choleriker Linnemann ließ sich auf nichts ein: "Seppl, sind Sie verrückt? Der Reichsführer wünscht ein 6:5 oder 5:6! Die Geschichte erwartet das von uns!"
Nun als dann - "eine Wiener Melange mit preußischem Einschlag", wie Herberger das Unternehmen nannte. "Gegen den politischen Druck mußten sportliche Argumente zurückstehen."
Die Regierenden und die Sportfunktionäre des Großdeutschen Reiches kümmerten sich einen Dreck um die Regeln und Belange des Sports und die "unpolitischen" Bedenken und Einwände des kleinen Sportlehrers aus Mannheim. Mit der Aufgabe, die zwei feindseligen, mißtrauischen, haßerfüllten Lager von alten und neuen Kameraden zu einer "verschworenen Gemeinschaft" zusammenzuschmieden, sollte der Seppl besser alleine fertig werden. In einem Anfall von Selbstmitleid schrieb Herberger in seinen Notizblock: "Ich: so einsam und verlassen auf einem hohen Felsenrand."
Das sportliche Desaster, das sich aus dem politischen Größenwahn ergab, nahm seinen Lauf. Diejenigen Auserwählten, denen "die hohe Ehre" zuteil wurde, Deutschland bei der Weltmeisterschaft im Juni 1938 zu vertreten, wurden vom Reichstrainer in Duisburg auf die Aufgabe eingestimmt, als sollten sie Paris im militärischen Handstreich erobern.
Von letzter Hingabe und "höchstem Einsatzwillen für das Ansehen unseres Vaterlandes" redete Herberger.
Vergebens. Die Großdeutschen schieden gleich zu Anfang nach zwei Spielen gegen die Schweiz mit 1:1 und 2:4 aus. Es fehlte das Verständnis untereinander. Nichts ging fußballerisch zusammen, wie es politisch sollte. Die Pleite im "Hexenkessel" von Paris, bei der das französische Publikum leidenschaftlich die Schweizer unterstützte, schmerzte.
Aber auf eine irritierende Weise wirkte Herberger nach dem Debakel zornig und erleichtert zugleich. Die Wut kam aus der Niederlage, verloren hat er sein Leben lang nicht gern. Die Erleichterung entsprang aber der gleichen Wurzel: Nach all seinen sportlichen Erfahrungen, nach allen Regeln der Vernunft und Logik durfte die zusammengewürfelte großdeutsche Truppe in Frankreich einfach keinen Erfolg haben.
Trotz des Absturzes von Paris war nun Herbergers Position gesichert. "Ich hatte das Steuer in der Hand", notierte er sich Anfang 1939 zufrieden. Ein Konspirator mit machiavellistischen Zügen, trumpfte er nun auf, weil er sich der Sympathie der Obrigkeit sicher war. Von Kind an war ihm dieses Verhalten eigen: sich mit Autoritäten zu arrangieren und gleichzeitig eigensinnig die eigenen Interessen zu verfolgen.
Mehr und mehr brachte ihn dieser angelernte Reflex auf übermächtige Machtstrukturen während der Nazi-Zeit in eine zwielichtige Position. Einerseits paktierte er ungeniert mit den Parteioberen in der Reichssportführung, andererseits ging er in seinem praktischen Verhalten deutlich auf Distanz zur Partei. Am Tag nach dem antisemitischen Pogrom vom 9. November 1938, der berüchtigten "Reichskristallnacht", riskierte er viel, als er in Karlsruhe versuchte, einen älteren Menschen zu schützen, offenbar einen jüdischen Mitbürger, der von einem Mob von SA-Leuten in Zivil verprügelt werden sollte.
In seiner Rede zur Eröffnung des Lehrgangs vor der Weltmeisterschaft mit den Österreichern mangelte es gewiß nicht an patriotischem Schwulst und vaterländischem Getöse, und doch fehlte jeder Hinweis auf den Führer und seine nationalsozialistischen Ziele. Später würden alle seine Nationalspieler bekunden, daß Herberger sich in diesem Sinne nicht ein einziges Mal hervorgetan habe.
Herberger war 41 Jahre alt, als er erlebte, wie seine erste große internationale Bewährungsaufgabe mit einer herben Enttäuschung endete. Das warf ihn nicht um. Aber er vergaß es auch nie. Fast könnte man sagen, den Rest seines Lebens, nicht nur seines Fußballerdaseins, widmete er den Schlußfolgerungen aus diesem Debakel. Er war - lange bevor er dann doch noch Fußballweltmeister wurde - ein Champion auf dem Gebiet der intriganten Diplomatie. Er wurde ein Trickser und Fintierer. Und er entwickelte sich zu einem Wunder an Beharrlichkeit und Sturheit beim Durchsetzen seiner Ziele.
1939, im Jahr des Kriegsbeginns, trat die deutsche Fußballnationalmannschaft zu 15 Länderspielen an. Nach dem Polen-Feldzug hieß die Devise: nur keine Beunruhigung. Am 15. Oktober gewannen die Herberger-Schützlinge in Zagreb gegen Jugoslawien mit 5:1, eine Woche später in Sofia gegen Bulgarien mit 2:1. Am 26. November folgte in Berlin ein 5:2-Sieg gegen Italien und am 3. Dezember ein 3:1-Erfolg über die Slowakei.
War so schnell nach Beginn des Krieges im Sportbetrieb tatsächlich wieder Normalität eingekehrt? Kaum. Länderspiele wurden hektisch improvisiert. Manche kamen plötzlich dazu, andere wurden plötzlich abgesagt - immer waren politische Motive der Anlaß.
Herberger reiste kreuz und quer durch das immer größer werdende Reich. Der direkte Kontakt zu den Spielern, die nicht einfach mehr auf Abruf zur Verfügung standen, wurde enger und intensiver. Seine besondere Fürsorge und Zuneigung galt Fritz Walter, seinem "Liebling", wie er ihn selbst nannte. Der hatte am 14. Juli 1940 im Frankfurter Waldstadion sein Debüt in der Nationalmannschaft gegeben. Drei Tore waren ihm beim 9:3-Sieg gegen Rumänien gelungen.
Zunehmend kümmerte sich Herberger auch um Gesundheit, Lebensqualität und Überlebensaussichten der Spieler. Wenn er vor Länderspielen die Vorbereitungszeit um eine Woche verlängerte, dann ging es ihm weniger darum, die Kondition zu verbessern, als die Spieler eine Woche mehr von der Front wegzulotsen.
Langsam wurden die Zeichen des Krieges sichtbarer, auch in Herbergers Briefen schlugen sie sich nieder. Der Ton veränderte sich, der Trainer mußte die ersten Hiobsbotschaften verbreiten. Den Nationalspieler Jupp Gauchel ließ er wissen - nachdem er ihn zunächst "in alter Frische" zu seinem "Soldatenglück" bei der "großen Schlacht in Frankreich" beglückwünscht hatte - , daß der Kamerad Franz Zürndorf gefallen sei: "Im Vormarsch gegen den Feind traf ihn an der Spitze seines Panzerzuges das tödliche Blei."
Die Vortäuschung von Normalität mit Hilfe von Fußball-Länderspielen stieß auf immer mehr Schwierigkeiten, aber planmäßig durchgehalten wurde sie auch im Jahr 1940 noch. Zehn Spiele waren es in diesem Jahr: fünf Siege, zwei Unentschieden und drei Niederlagen. Die Zahl der Gegner war klein geworden: Ungarn, Jugoslawien, Italien, Rumänien, Slowakei, Bulgarien und dann auch Finnland und das besetzte Dänemark.
Zum bevorstehenden 25. Länderspiel gegen die Schweiz im Frühjahr 1941 war in einer Sport-Zeitung zu lesen: "Die Welt hält den Atem an und verfolgt den deutschen Siegeszug über den Balkan und in Nordafrika. Immer enger zieht sich die Schlinge um den Feind Deutschlands, um England, und trotzdem: So gewaltig ist unsere Volkskraft, daß wir selbst bei solchem Einsatz in der Lage sind, unsere internationalen, freiwillig auf uns genommenen Verpflichtungen durchzuführen."
Nun ja - so gewaltig nun auch wieder nicht. Herbergers Männer verloren in der Schweiz mit 1:2, das war schlimm genug. Zum Sakrileg aber wurde diese Niederlage, weil sie am 20. April geschah, an Führers Geburtstag.
"Es grenzte an Hochverrat und Majestätsbeleidigung", erinnerte sich Helmut Schön, der damals dabei war. Ihm hatte es freilich, wie Herberger hinterher notierte, auch an "innerer Härte gegenüber schwereren Aufgaben" gefehlt. Wütend schrieb der Reichstrainer in seinem Abschlußbericht über seinen späteren Nachfolger im Bundestraineramt: "Schön ist ein Nervenbündel! Nicht einmal das Ballstoppen gelingt ihm in solchen Augenblicken höchster Aufregung."
Im Herbst 1941 begann Deutschland sichtbar ein Land im Krieg zu werden. Vor allem die Reichshauptstadt Berlin veränderte sich. Die Straßen leerten sich. Die Fenster der Busse und Straßenbahnen bekamen einen blauen Anstrich, der alle Farben zu dämpfen schien. Und die Stimmung auch. Die Viktoria der Siegessäule wurde schwarz bemalt, damit sie nicht im Scheinwerferlicht glänzte. Seit September mußten Juden den gelben Stern tragen. Die Russen hielten der deutschen Wehrmacht stand, und die Zahl der deutschen Gefallenen wuchs beängstigend. Die Versorgung der Heimatfront wurde immer schlechter.
Je länger der Rußlandfeldzug dauerte, desto mehr Spieler mußte Herberger an die Front abstellen: "Der Kreis der verfügbaren Leute wurde immer kleiner, an Ersatz und Auffüllung war kaum noch zu denken."
In dieser Situation traf Herberger an einem der ersten Tage im Dezember 1941, als er auf dem Weg zum Reichssportfeld war, mit Arthur Jensch, SS-Obersturmbannführer aus dem Führungsstab der Reichssportführung, zusammen. Für Herberger galt Jensch noch als "unser Mann", weil er ursprünglich zum Lager der Sportler gehörte.
Beschwörend redete Herberger auf Jensch ein: "Ich trug ihm meine Schwierigkeiten vor, die ich im Hinblick auf die bevorstehenden Länderspiele hätte. Ich sprach von dem starken Aderlaß, den unsere Nationalmannschaft durch die Abstellungen an die Front erlitten habe und wodurch die Frage gestellt sei, ob ich überhaupt eine und dann gar noch eine den hohen Anforderungen eines Länderkampfes gewachsene Mannschaft auf die Beine zu bringen vermöge. Ich verwies mit Nachdruck auf die schwerwiegenden Folgen, die allein schon ein schwaches Spiel oder gar eine Niederlage gerade bei jenen Personen und Stellen auslösen würden, wo man unsere Länderspiele als ein Mittel der Volksbetreuung sehe."
Jensch wollte sich beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) dafür einsetzen. Jetzt erwies sich als Vorteil, so Herberger, daß er zu allen Spielern der Nationalmannschaft einen engen Draht hatte. Schnell fand er die nötigen Unterlagen. Im D-Zug, auf dem Wege nach Breslau, wo seine Elf am 7. Dezember gegen die Slowakei spielen sollte, erstellte er dann eine erste Liste mit Rückrufkandidaten.
Jensch hielt Wort. Noch am Abend desselben Tages rief er Herberger in Breslau an, um ihm zu sagen, daß er das Einverständnis des OKW zu seinem Antrag bekommen habe. Er gab ihm auf, 20 Leute für die Rückberufung zu benennen. Später wurde diese Zahl auf Herbergers Wunsch auf 25 erhöht. Es kämen aber nur Leute mit nachweisbarer Frontbewährung in Frage, so Jensch.
Wieder vom Länderspiel in Berlin zurück, war Herbergers erster Weg zu Jensch. Er brannte darauf, nähere Einzelheiten über den Stand und den weiteren Fortgang der Aktion zu erhalten. Als Jensch in dem Gespräch immer wieder die "ordensgeschmückte Soldatenbrust" erwähnte, glaubte Herberger, ihn verstanden zu haben: "Mein Vorschlag, meine Liste noch einmal zu überarbeiten und sie ihm am nächsten Vormittag zur Einsicht vorzulegen, fand seine Zustimmung."
Herberger machte sich an eine vermehrte und vorauseilende Ordensverleihung. Aufgrund seines regen Briefwechsels mit den Frontsoldaten wußte er von deren Fronteinsätzen. Um nun dem Antrag einen "recht bildhaften Eindruck" zu verleihen, zeichnete er den einen oder anderen Mann seiner Liste von sich aus mit zusätzlichen Orden aus.
Herberger: "Die Paradestücke und Stars meiner Liste waren die Träger des EK 1, die Feldwebel Bergmann, Pliska - der bei Inkrafttreten seines Urlaubs auch das Deutsche Kreuz in Gold erhalten hatte und später sogar das Ritterkreuz -, Unteroffizier Schaletzki und Feldwebel Edmund Malecki. Die Verleihung des EK 1 an Malecki war durch mich erfolgt und bestand zu jenem Zeitpunkt nur auf dem Papier. Erst mehr als anderthalb Jahre später ist er in den Kämpfen in Albanien in den Besitz dieser Auszeichnung gelangt. Die Gefreiten Berg und Gauchel hatten zum Zeitpunkt der Einreichung meiner Liste das (darauf verzeichnete) EK 2 noch nicht. Der Unteroffizier Kurt Welsch hatte es nur von mir verliehen bekommen."
Insgesamt kam Herberger auf acht EK 2, auf 3 EK 1, auf sechs Sturmabzeichen bei 20 Spielern. "Mit der Verleihung von einem EK 1 und drei EK 2 und einem Sturmabzeichen habe ich mich - im Hinblick auf die ungünstige Entwicklung an der Front - bei der Verleihung von Auszeichnungen sehr gemäßigt verhalten", schrieb er nachträglich.
Am 6. Januar 1942 erhielt der Reichstrainer die Nachricht, daß seine 25 Fußballer zu ihren Truppenteilen in der Heimat in Marsch gesetzt würden. Aber es sollte noch lange dauern, bis es soweit war. Die Geduld des Trainers wurde auf eine harte Probe gestellt.
Die Verbindung zu den Männern an der Front war abgerissen. In knappen Formulierungen informierte der Heeresbericht von schweren und täglich härter werdenden Kämpfen an der Ostfront. Lazarettzüge brachten abgemagerte Männer in abgerissenen Uniformen zurück. Fronturlauber klagten über Kälte, schlechte Verpflegung und ungeeignete Bekleidung. Himmler verbot "Tanzlustbarkeiten", Goebbels forderte die Berliner auf, "keine Neujahrsglückwünsche zu verschicken". Herbergers Hoffnung, daß er seine Spieler heimholen könne, sank auf den Nullpunkt.
Dann stand plötzlich Feldwebel Reinhard Schaletzki vor der Tür, abgekämpft, müde, glücklich. Er war der erste. Bald hörte Herberger auch von den anderen.
Trotz des Erfolges seiner Aktion fühlte Herberger sich keineswegs wohl in seiner Haut. Während zu Beginn des Jahres 1942 der Verlauf der Kämpfe im Osten eine brutale Durchkämmung der Garnisonen auslöste und Zug um Zug sich in Richtung Rußland bewegte, kam das Häuflein der Fußballer auf Urlaub in die Heimat, um an Länderspielen teilzunehmen. Zum Jahreswechsel 1941/42 gab die Wehrmacht ihre Verluste mit 200 000 Toten und Vermißten an, fast 600 000 Verwundete wurden registriert. Kam dem Spiel unter diesen schrecklichen Umständen überhaupt noch eine Bedeutung zu?
Er hieß seine Heimaturlauber herzlich willkommen, vergatterte sie dazu, Zurückhaltung zu üben. Gleichzeitig schrieb der listige Herberger einen Brief an die Reichssportführung, in dem er die Schwere der bevorstehenden nationalen Aufgaben beschwor, die dem deutschen Fußball aufgebürdet seien, die denkbar schlechten Vorbereitungsmöglichkeiten, die ausgefallenen Spiele, die Aufstellungssorgen bejammerte. Alles wahr - aber dennoch nur Mittel zum Zweck. Herberger: "Einmal wollte ich damit erreichen, daß mir vor den jeweiligen Länderspielen dreiwöchige Lehrgänge zugestanden wurden. Zum zweiten war es ein vorbeugendes, taktisches Manövrieren, um eventuellen Angriffen gegen die gerade zurückberufene Frontmannschaft von vornherein die Spitze zu nehmen. Mein Vorschlag wurde akzeptiert, ich hatte gewonnen."
So ging der Reichstrainer, relativ und den Umständen entsprechend, gestärkt in das Jahr 1942, das letzte Kriegsjahr, in dem noch offizielle Fußball-Länderspiele des Deutschen Reiches stattfanden. Es waren zehn Begegnungen, sieben endeten mit deutschen Siegen, dazu kamen zwei Niederlagen und ein Unentschieden.
Ja, Herberger empfand Stolz auf seine Aktion "Heldenklau", wie in Berlin - halb anerkennend, halb wütend - die listigen Bemühungen des Reichstrainers um das Überleben seiner Spieler tituliert wurden. Aber er fühlte sich auch verdammt unbehaglich bei seinen Manipulationen und subversiven Taktiken, für die er in seinen Notizen immer häufiger das Wort "Machenschaften" fand.
Er war sich darüber im klaren, daß er zum Schutze seiner Spieler fast am Rande der Aufforderung zur Fahnenflucht agierte. Wie sehr den prinzipienfesten und autoritätsloyalen Reichstrainer sein Verhalten quälte, wie große Mühe er hatte, dies zu rechtfertigen, läßt sich daran ermessen, daß er bei dem Versuch, diese Zeit für seine Memoiren aufzubereiten, zu immer neuen Versionen griff. Herberger war nicht nur ein glühender Befürworter von Pflicht und Dienst am Vaterland, hinzu kam die wachsende Furcht, mit diesen Manipulationen eines Tages aufzufliegen.
Keine Frage, daß Herberger für seine Männer viel riskierte. Keine Frage auch, daß er diesen einsamen Job als Lenker und Denker für andere innig liebte. Es machte ihm Freude, riskant zu handeln. Zu anderen Zeiten wäre Herberger ein Feldherr geworden, glaubt sein Bewunderer, Schüler, Kollege und Freund Dettmar Cramer. Auch als graue Eminenz an intriganten Fürstenhöfen wäre er denkbar gewesen. Fürsorglich kümmerte sich Herberger um seine Spieler. Herbergers Feldpostbriefe sind bewegende Dokumente menschlicher Zuwendung. Selbst da, wo der Trainer in gewohnter Weise streng und kritisch mit seinen Männern redet, folgen verständnisvolle und liebevolle Passagen.
An den Obergefreiten Albert Sing - der ihm zwölf Jahre später als Quartiermacher und Spion bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz treffliche Dienste leistete - schrieb er am 19. Mai 1942 über sein Spiel gegen die Ungarn: "In Budapest haben Sie einige plumpe Regelwidrigkeiten begangen, nur weil Sie nicht zur Stelle, bei Ihrem Mann waren und so zu spät kamen. Bei hohen Bällen springen Sie den Gegner an, was immer häßlich aussieht. Bleiben Sie dran, springen Sie vor dem Gegner!! Man muß gewissermaßen oben stehend den Ball erwarten!! Walter hat es Ihnen schon gegen Spanien vorbildlich gezeigt und auch in Budapest in der zweiten Hälfte. Wer zuerst springt, gewinnt den Kampf in der Luft. Ich freue mich, daß Sie sich selbst über all diese Dinge Gedanken machen. Am Anfang des Aufstieges steht die Selbstkritik. Wir werden es zusammen schon schaffen, daß Sie auch diese Dinge noch meistern."
Ende 1942 hatte die Macht des Großdeutschen Reiches ihre größte Ausdehnung erreicht. Aber von Jubel keine Spur. Im Gegenteil, nach schweren Bombenangriffen auf Lübeck, Essen, Rostock, Stuttgart und Köln wuchs die Angst.
In Berlin lief das Leben auf Sparflamme. Die Menschen sahen grau und überarbeitet aus, Fabriken arbeiteten in Tag- und Nachtschichten. Buslinien wurden eingestellt, Medikamente fehlten, die entfettete Milch wirkte mehr bläulich als weiß.
Im November wurde Rommel in Afrika geschlagen. In den Nachrichten von der Ostfront tauchte immer häufiger der Name einer Stadt auf, die zum Wendepunkt des Krieges werden sollte: Stalingrad.
Der Druck auf den Fußball als propagandistisches Aushängeschild des Dritten Reiches wuchs. Die Nazi-Führung akzeptierte keine Niederlagen - weder militärisch noch sportlich. Niederlagen, fand Goebbels, wirkten atmosphärisch verheerend.
Nach einem 2:3 der Herberger-Elf gegen Schweden am 20. September 1942 im Berliner Olympiastadion hieß es in einer Mitteilung aus dem Propagandaministerium, "daß es in der heutigen Zeit töricht sei, ein Fußballspiel durchzuführen, dessen Ausgang aller Voraussicht nach mit einer Niederlage von uns enden mußte". Hunderttausend seien deprimiert aus dem Stadion weggegangen. Die neutralen Staaten hätten genügend Zeit und genügend Mittel, sich zu trainieren, während unsere Leute nicht wüßten, wo sie die Zeit dazu hernehmen sollten. Ein solcher Kampf würde daher mit unfairen Mitteln ausgetragen, und er - Reichsminister Dr. Goebbels - sei entschlossen, derartige Kämpfe in Berlin nicht mehr zuzulassen.
Es folgten noch zwei Siege, 5:3 gegen die Schweiz in Bern am 18. Oktober und ein 5:1 gegen Kroatien in Stuttgart am 1. November, und dann reiste die deutsche Fußballnationalmannschaft zu ihrem letzten Länderspiel. Am 22. November 1942 gab es in Preßburg eine hektische, von schweren Publikumsausschreitungen begleitete Auseinandersetzung gegen die Slowakei. Sie wurde zwar mit 5:2 gewonnen, spiegelte aber schon deutlich die politische Situation wider.
Das "Tausendjährige Reich" ging seinem Ende entgegen. Drei Tage zuvor hatte eine große sowjetische Gegenoffensive die Einschließung von Stalingrad eingeleitet.
Herberger ignorierte in seinen Aufzeichnungen diesen politischen Hintergrund völlig. Er merkte nur an: "Das Publikum fanatisch und undiszipliniert. Der Schiedsrichter Bazant ein glatter Versager."
Wie immer verschickte Sepp Herberger eine Jahresschlußbilanz an die Spieler der Nationalmannschaft, und sie begann auch wie üblich: "Liebe Kameraden! Das Jahr 1942 war für unsere Nationalmannschaft ein Jahr stolzer Erfolge!" Doch er schrieb auch Sätze, die sich wie ein Nachruf lasen: "Das Erlebnis des gemeinsamen Kampfes und die sich immer wieder aufs neue bewährende Kameradschaft waren unser höchstes Glück und unser schönster Lohn! Wir waren ruhig und bescheiden im Sieg und stark in der Niederlage!"
Im nächsten Heft
Nach 1945: "Wir Deutschen sind selbst schuld" - Sorge um Fritz Walter - Durchsichtiges Bekenntnis zum Widerstand - Das Wunder von Bern
* Mit Zeugwart Adi Dassler in der Halbzeitpause des WM-Finales am 4. Juli 1954 in Bern. (c) 1997 Rowohlt Berlin Verlag. * Mit NS-Minister Bernhard Rust (r.) beim Länderspiel gegen Spanien in Köln 1935. * Auf der Eröffnungsfeier im Berliner Olympiastadion. Mit IOC-Präsident Graf de Baillet-Latour (links mit Halskette), OK-Präsident Theodor Lewald (rechts mit Halskette), SS-Obergruppenführer Joseph Dietrich (mit Stahlhelm). * Der deutsche Spielführer Hans Mock und sein Schweizer Kollege Severino Minelli bei der Begrüßung vor dem Anpfiff in Paris. * Am 20. September 1942 im Berliner Olympiastadion.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 52/1996
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