11.03.2013

GLAUBENMein Freund, der Salafist

Vor einem Jahr lernte SPIEGEL-Redakteur Takis Würger in Hannover einen Salafisten kennen. Würger traf ihn viele Male in Deutschland und nun, nach dessen Auswanderung, in Ägypten. Die Geschichte einer Reise, die zur Bedrohung wurde.
Es ist Nacht in Alexandria, der Salafist atmet in der Dunkelheit. Ich höre ihn, er geht auf Zehenspitzen.
Gestern hat mich der Mann, der nun auf mein Bett zugeht, vom Flughafen abgeholt. Er heißt Dennis Rathkamp, ist 24 Jahre alt, gelernter Automechaniker und hat früher in seiner Konfirmandengruppe Gitarre gespielt. Vor ein paar Wochen ist er nach Ägypten gezogen, weil er sich hier zu einem guten Muslim ausbilden lassen will.
An diesem Morgen liege ich zwischen Rathkamp und Mekka. Er fällt auf die Knie und senkt seine Stirn auf den Boden. Es ist halb sechs, Zeit des Frühgebets. Ich höre die tonlosen Bewegungen von Rathkamps Lippen. Er hat mir versprochen, dass er versuchen werde, leise zu sein, wenn er betet.
Ich liege in diesem Bett in der Wohnung eines Fremden, weil ich eine Antwort suche auf die Frage, was die Salafisten antreibt, vor denen sich Deutschland so fürchtet. Der Verfassungsschutz schätzt, dass im vergangenen Jahr 60 deutsche Salafisten nach Ägypten ausgereist sind. Viele haben die Stadt Alexandria als neue Heimat gewählt, sie leben in einem Viertel, das Mandara heißt, im Norden der Stadt.
Rathkamp sagt, er sei nach Alexandria gezogen, weil er die Sprache seines Propheten lernen wolle. Und er sei hier, weil er die Diskriminierung in Deutschland nicht mehr ertrage.
Ich habe Rathkamp kennengelernt, als er im vergangenen Frühjahr Korane in Hannover verteilte. Ich fragte ihn, ob er mich mit in die Moschee nehmen würde, weil ich mehr über den Islam lernen wollte. Viele Male begleitete ich ihn zum Freitagsgebet. Wir tranken Tee zusammen und führten lange Gespräche, er fuhr mich danach zum Bahnhof und gab mir Hefte für meine Freundin mit, in der die Rolle der Frau im Islam erklärt wurde.
Rathkamp wühlt in einem Koffer vor seinem Bett, er trägt einen Bart, der wie hellrotes Feuer sein Gesicht umrahmt, auf seinem Kopf sitzt eine Häkelmütze. Er schlüpft in ein weißes Gewand und lächelt in den Morgen. Er sieht aus, als hätte er sich als Imam verkleidet.
In Deutschland lebte er in Hohenhameln, einem Ort in Niedersachsen mit 9630 Einwohnern, in einem Haus mit Gartenzwergen vor der Tür. Das Dorf trägt zwei Kirchtürme im Wappen. Rathkamp sagt, manche seiner Nachbarn hätten ihn für einen Terroristen gehalten.
Dennis Rathkamp ist ein Salafist. Er selbst lehnt dieses Wort ab und nennt sich Muslim. Er findet es gut, wenn Frauen ihren Körper unter schwarzen Tüchern verstecken. Er glaubt, dass Gott es wichtig findet, dass seine Hosenbeine über den Knöcheln enden. Er sagt, dass die Scharia perfekt ist. Er findet es richtig, dass unter gewissen Umständen Dieben zur Strafe die Hand abgetrennt wird. Außerdem sagt Rathkamp: "Ich lehne Gewalt ab." In diesem Widerspruch sucht er einen Platz für sein neues Leben.
Als er noch in Deutschland wohnte, wichen die Menschen ihm aus. Jeder sah auf den ersten Blick, dass er ein Andersgläubiger ist. Die Menschen hatten Angst davor, dass Rathkamp einen Sprengstoffgürtel unter seinem Gewand trage, er konnte es in ihren Augen sehen.
Rathkamp schnarcht leise an diesem Morgen in Alexandria, er ist nach dem Gebet wieder eingeschlafen. Die Tür geht auf, unser Gastgeber betritt das Schlafzimmer, ein Mann mit langem Bart und geschorenen Haaren. "Salam aleikum, weißt du, wer ich bin?", sagt er.
Es ist Sven Lau, der sich selbst Abu Adam nennt. Geboren in Mönchengladbach, 32 Jahre alt, Dienst bei der Bundeswehr, Ausbildung zum Brandmeister bei der Berufsfeuerwehr, vor 14 Jahren Konvertierung zum Islam, seit unbekanntem Zeitpunkt unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.
Er erlaubt Rathkamp und mir, im Zimmer seiner drei Kinder zu schlafen, bis Rathkamp eine eigene Wohnung gefunden hat.
Sven Lau gilt als einer der Anführer der deutschen Salafisten, er hat in Mönchengladbach eine Moschee geleitet und war Vorsitzender des fundamentalistischen Vereins "Einladung zum Paradies". Er stand mal im Verdacht, seine eigene Moschee angezündet zu haben, um Brandstiftung vorzutäuschen, wurde aber freigesprochen. Bürgerrechtler bekämpfen ihn, weil sie glauben, dass er die Scharia in Deutschland einführen würde. Der Verfassungsschutz beobachtete ihn, weil die Beamten der Meinung sind, dass Lau den demokratischen Rechtsstaat abschaffen und einen Gottesstaat errichten wolle. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung, er hat einen Karnevalisten geschlagen.
"Willst du frühstücken?", fragt Lau, "meine Frau macht dir ein Wurstbrot, und dann reden wir darüber, wie das ein angenehmer Besuch für dich wird."
Rathkamp und Lau hatten Zweifel daran, ob es klug sei, einen Journalisten in ihr Leben zu lassen. Sie haben dann das Thema im Gebet mit ihrem Gott besprochen, und Lau hat anschließend Rathkamp gesagt, dass sie nichts zu verbergen hätten, weil sie ja keine Terroristen seien.
Lau sagt: "Aber hier im Viertel sind nicht alle so tolerant wie wir. Bitte geh nirgends ohne uns hin." Er schaut mir lange in die Augen. "Du willst nicht das Streichholz sein, das ins Benzinfass fällt."
Unten in den Gassen ist es kalt, die Wege bestehen aus Staub, und vor den Balkonen hängen blickdichte Vorhänge. Im Nachbarhaus verkauft ein Händler Hühnchen vom Holzkohlegrill. Katzen huschen über Berge aus Müll, ein Eselskarren fährt vorbei. Es ist ein guter Ort für Menschen, die sich an Werten aus dem siebten Jahrhundert orientieren.
Die Tage für die Salafisten in Alexandria verlaufen nach dem Rhythmus ihrer Gebete. Rathkamp sagt, die Schöpfung habe den Sinn, dass die Menschen Gott anbeten. Die Männer in Mandara tragen Schlappen. Sie beten so viel, dass es sich nicht lohnt, die Schuhe zu schnüren. Rathkamp trägt Nike Air Max, weil er sonst kalte Füße bekommt.
Ab Ende der Woche will er das Easy Language Center besuchen, eine Schule, an der nicht nur Arabisch gelehrt wird.
Sprachschulen in Alexandria haben schon in der Vergangenheit deutsche Salafisten ausgebildet: Daniel Schneider lernte hier; er war Mitglied der Sauerland-Gruppe und wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Anschläge in Deutschland geplant hatte. Zwei Salafisten aus Solingen, Robert B. und Christian E., lernten hier ebenfalls; Polizisten nahmen sie vergangenes Jahr in England fest. Ein Gericht verurteilte die beiden Männer später, weil sie Anleitungen zum Bombenbau im Gepäck hatten.
Eine Sprachschule in Alexandria kann ein Ort sein, an dem die Schüler eine Sprache lernen. Eine Sprachschule in Alexandria kann auch ein Ort der Radikalisierung sein, ein Wegweiser auf einer Reise in den "Heiligen Krieg".
Das Easy Language Center, an dem Rathkamp lernen will, schreibt auf seiner Facebook-Seite: "Wagt den Schritt in ein muslimisches Land zu kommen oder seht das als einstiegt um z. B. später nach Saudia zu gehen, wem Ägypten nicht gefällt. An die Brüder, macht es für eure Familien eure Kinder oder nehmt eure (muslimischen) Eltern mit. Lasst euch nicht von Shaitan einwickeln. Seht es als eure persönliche Pflicht an Auszuwandern."
Schaitan oder Gott. Hölle oder Paradies. Haram, halal. Verboten, erlaubt. Dazwischen existiert nichts im Salafismus.
Als Lau und Rathkamp ihr Mittagsgebet beten, sitze ich draußen in der Sonne. Nach dem Gebet stehen die Gläubigen vor der Moschee. Rathkamp spricht mit einem Mann mit schwarzem Bart. Die beiden gehen auf mich zu. Rathkamp sagt, der Mann gehöre zum Easy Language Center, der Mann sagt: "Nichts gegen dich, aber wir wollen keine Journalisten in der Schule." Ich merke, wie die Gläubigen, die vor der Moschee stehen, zu mir herüberschauen. Jeder sieht auf den ersten Blick, dass ich ein Andersgläubiger bin. Sie schauen mich an wie einen Feind, der eine Jeans über den Knöcheln trägt, einen Ungläubigen, einen Kuffar.
Das islamische Recht unterscheidet, je nach Auslegung mit unterschiedlicher Strenge, drei Arten von Nichtmuslimen:
‣ Dhimmis, Menschen, die mit eingeschränkten Rechten unter islamischer Herrschaft leben dürfen;
‣ Mustamins, Menschen, denen durch einen zeitweiligen Schutzvertrag ähnliche Rechte gewährt werden wie den Dhimmis;
‣ Harbis, Menschen, die außerhalb des islamischen Herrschaftsgebiets leben, Menschen ohne Rechte, auch ohne Recht auf Leben.
Ich weiß nicht, was ich für die Muslime von Mandara bin.
Rathkamp sagt: "Es sind nicht alle froh, dass du mich besuchst, vielleicht sollte ich in einer anderen Moschee beten, solange du hier bist." Dann schlägt er vor, in die Innenstadt zu fahren, damit er einen Schrubber für seine neue Wohnung kaufen kann und ein Geschenk für Lau, als Dankbarkeit für die Gastfreundschaft.
Aber was schenkt man einem Salafisten?
Kleidung für Salafisten gibt es nicht im Supermarkt, höchstens Socken und Unterhosen. Wein geht nicht, weil Alkohol haram ist. Eine CD geht nicht, weil Musik haram ist. Eine DVD mit einem Hollywood-Film geht nicht, weil Hollywood haram ist. Einen Koran besitzt Lau schon.
Rathkamp kauft drei Metalldosen in der Form von Spiderman für die drei Söhne von Lau. Rathkamp glaubt, Allah habe kein Problem mit Spiderman.
Am nächsten Morgen bekommt er die Schlüssel zu seiner eigenen Wohnung. Um die Miete zahlen zu können, versucht er zurzeit, übers Internet seinen BMW zu verkaufen. Vorerst lebt er von Ersparnissen.
Das Apartment besteht aus vier Zimmern, zwei Bädern, Balkon und einem Wohnzimmer, in dem man bowlen könnte. Rathkamp sagt, er brauche den Platz für die Familie, die er plant. Sein Imam habe die Ehe bereits arrangiert, das Mädchen mache gerade ihr Abitur in Braunschweig und komme im Sommer nach Alexandria.
Während Rathkamp den Schrubber über den Boden zieht, erzählt er, wie es dazu kam, dass ein Junge aus Niedersachsen seinen Gott heute Allah nennt.
Dennis Rathkamp ist aufgewachsen in einem Haus, das sein Großvater selbst zimmerte, mit einem Garten, in dem zwei Kirschbäume standen, einer trug süße Früchte, einer saure. Rathkamps Vater schraubte an Motoren bei einem Zulieferer von Volkswagen, seine Mutter kümmerte sich um Dennis und seine jüngere Schwester.
Rathkamp verbrachte seine Kindheit auf dem Fußballplatz und in den Wäldern. Als Jugendlicher besuchte er den Konfirmandenunterricht. Die Pastorin spielte mit den Kindern Bibelstellen als Theaterstück nach. Einmal durfte Dennis den Jesus spielen, so erinnert er sich.
Er begleitete auch den Kirchenchor mit seiner Gitarre. Laudato si, o mi signore. Sei gepriesen, mein Herr.
Rathkamp sagt, er wusste immer, dass es Gott gibt. Er las die Bibel, und je mehr er sich mit dem Christentum beschäftigte, umso stärker zweifelte er. Wieso wurde das Neue Testament auf Griechisch geschrieben, obwohl Jesus kein Griechisch sprechen konnte? Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, wieso lässt er seinen Sohn ans Kreuz nageln? Wieso heißt es im ersten Gebot: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir", und dann kommt Jesus, und wir verehren ihn wie einen anderen Gott?
Rathkamp überlegte, ob er zum Katholizismus konvertieren sollte, weil er vermutete, das sei ursprünglicher, aber er merkte, dass Katholiken mit ihrem Weihrauch noch seltsamer waren als Protestanten. Im Stillen beschloss Rathkamp, weiter an Gott zu glauben, aber nicht mehr daran, dass Jesus Gottes Sohn sei, nicht mehr an die Dreifaltigkeit, nicht mehr an das Christentum.
Er machte den Realschulabschluss, begann eine Ausbildung zum Vermögensberater und vermittelte Riester-Renten und Haftpflichtversicherungen. Er fand eine Freundin, blieb drei Jahre mit ihr zusammen, schlief mit ihr in einem Bett, aß mit ihren Eltern Abendbrot, ging mit ihr am See spazieren, und als sie ihn verließ, blieben die beiden Freunde.
Er trug, aus modischen Erwägungen, ein goldenes Kreuz um den Hals, er hatte einen Waschbrettbauch. Er trank gelegentlich ein Bier. Rathkamp sah, dass es anderen Menschen schlechter ging, und weil er das ungerecht fand, trat er in die SPD ein. Er wollte für ein Amt kandidieren, sagt er, aber dazu kam es nicht mehr.
Man kann die Biografie von Dennis Rathkamp lange durchsuchen nach so was wie einer Keimzelle für seine Radikalität. Es ist schwer, diese Keimzelle zu finden.
Vor vier Jahren schickte ihm eine Freundin einen Link zu einem YouTube-Video des islamischen Predigers Pierre Vogel mit dem Titel: "Warum essen Muslime kein Schweinefleisch?" Rathkamp guckte sich das Video an, in dem Vogel erklärt, dass Schweinefleisch toxisch sei. Rathkamp schaute in die rechte Leiste zu den verlinkten Videos und sah dort einen Film mit dem Titel: "Laut Koran kommen die Christen in die Hölle". Er schaute auch dieses Video und dachte: Was erlaubt sich dieser dämliche Vogel?
Er entschloss sich dazu, mehr über diese Religion zu lernen, die ihn in die Hölle schicken wollte, und bestellte sich im Bertelsmann Buchclub einen Koran auf Deutsch. Ein paar Tage später kam das Buch mit der Post. Rathkamp las die erste Sure und dann den Anfang der zweiten Sure: "Dies ist das Buch, an ihm ist kein Zweifel möglich."
Dieser Satz lies ihn erschauern. "Dies ist das Buch, an ihm ist kein Zweifel möglich." Rathkamp dachte, so einen Satz schreibt kein Mensch. Von diesem Tag an aß Rathkamp nie wieder Schweinefleisch.
In Alexandria pfeift die Kälte durch die Fensterläden. "Ich gehe heute mal allein beten, ich glaub, es ist besser für dich, wenn du nicht draußen rumsitzt", sagt Rathkamp. Es ist die Zeit des Abendgebets. Normalerweise dauert das rund 20 Minuten. Nach einer Stunde ist Rathkamp noch immer fort. Nach zwei Stunden gehe ich nach unten auf die Straße.
Sturm zieht auf, es ist finster. In den Gassen brennen Feuer, davor hocken Männer, die sich ihre Hände wärmen. Ich trete vor die Tür, und als ich ihre Blicke sehe, weiß ich, dass das ein Fehler war.
Ich gehe rückwärts in den Hausflur. Zurück in die Wohnung kann ich nicht, weil ich keinen Schlüssel habe. Du willst nicht das Streichholz sein, das ins Benzinfass fällt. Als ich die Wohnung verließ, habe ich das Benzinfass aufgerissen.
Zwei Männer betreten den Hausflur und stellen sich vor mich. Ihre Bärte sind schwarz, der eine trägt ein rotes Tuch, das er um seinen Kopf geschlungen hat wie eine schlafende Schlange, der andere hat dunkle Augenringe, als würde unter seiner Haut etwas faulen.
Who are you? Where are you from? Du bist Deutscher! Was machst du hier? Welche Religion bist du? Wir wollen dich
hier nicht haben. Wo ist dein Pass? Wieso beobachtest du uns? Wieso guckst du
Leute auf der Straße an? Wir haben gesehen, wie du im Hauseingang gelauert hast. Wir werden das melden. Es war ein Fehler, dass du hierhergekommen bist.
Mit jeder meiner Antworten werden die Männer lauter. Sie sprechen ein paar Sätze auf Arabisch, dann laufen sie davon. Ich warte, bis das Licht ausgeht, und verstecke mich in der Dunkelheit.
Nach wenigen Minuten betreten Rathkamp und Lau den Hausflur. Rathkamp sagt: "Ich glaube, es ist besser, wenn du heute Nacht nicht hier schläfst."
Während ich meine Sachen in die Reisetasche stopfe, erklärt Lau, seine Glaubensbrüder hätten gesagt, dass sie fürchteten, ich wolle sie daran hindern, in Mali oder in Syrien zu kämpfen.
Die Gefährlichen seien nicht die Deutschen, die würden mich nur hassen, aber da beten auch andere Brüder in den Moscheen. Männer, die in Tarnuniform durch die Gegend laufen, Bosniaken, Albaner, Gotteskrieger, für die ich ein Harbi bin, ein Ungläubiger ohne Recht auf Leben.
Lau nimmt mir meinen Rucksack von der Schulter und setzt ihn auf. Dann klopft es hart an der Tür. Er zuckt zusammen, schaut durch den Türspion und seufzt, es ist der Vermieter, er will prüfen, ob in der neuen Wohnung der Wasseranschluss funktioniert.
Als wir das Haus verlassen, will ich die Gasse nehmen, die ich kenne. Lau greift meinen Arm. "Hier lang, das ist der sicherere Weg", sagt er. Am Rande des Viertels, wo die Straßen aus Asphalt bestehen, ertönt der Ruf des Muezzins zum Nachtgebet. "Ich geh mal kurz beten", sagt Lau. Rathkamp kauft zwei Glas Orangensaft. Ein paar Minuten stehen wir im Regen, Rathkamp streicht sich durch den Bart, irgendwann schaut er mich an und sagt: "Mir ist das total unangenehm vor dir."
Mit einem Taxi fahren wir in die Stadt, ich miete mir ein Zimmer in einem Hotel mit vier Sicherheitsleuten und einem Metalldetektor am Eingang. Lau trägt mir den Rucksack aufs Zimmer. "Dir geht's schon wieder besser, oder?", sagt er und legt mir die Hand auf die Schulter.
Wir setzen uns in ein Restaurant der amerikanischen Fastfood-Kette Chili's. Rathkamp bestellt Crispy Honey-Chipotle Chicken Crispers, Lau bestellt ein California Turkey Club Toasted Sandwich ohne Bacon. "Jetzt weißt du, wie wir uns in Deutschland fühlen", sagt er.
Wir kauen stumm unsere Pommes frites, und ein Gedanke steigt auf wie eine Fata Morgana: Wie entspannt könnte die Welt sein, wenn Religion nie erfunden worden wäre?
Rathkamp sagt: "Das, was du erlebt hast, ist nicht der Weg Allahs."
Es lässt sich nicht genau sagen, wieso Rathkamp seinen Weg wählte. Vielleicht, weil der Salafismus die maximale Gegenkultur verkörpert zu einem protestantischen Elternhaus in Niedersachsen. Vielleicht, weil es in der deutschen Gesellschaft keine Männlichkeit mehr gibt und der radikale Islam sehr männlich ist. Vielleicht auch, weil es wirklich keinen Gott außer Allah gibt und Mohammed, Friede und Ehre seien auf ihm, der Gesandte ist.
Terrorforscher sagen, eine Radikalisierung wie die von Dennis Rathkamp verlaufe in drei Stufen: In der ersten Stufe stauten sich Unmut über Missstände und Diskriminierung. In der zweiten Stufe paaren sich diese Gefühle mit einer Ideologie, die den Unmut erklären kann und einen Weg zeigt, wie es besser werden könnte. In der dritten Stufe erfolgt eine Mobilisierung durch Gruppendynamik oder einen charismatischen Anführer.
Für manche Salafisten aus Mandara führten diese drei Stufen hinab in eine Finsternis, von der aus betrachtet jeder Besucher wie ein Feind erscheint. Auch Dennis Rathkamp und Sven Lau sind radikal und glauben an Werte, die wir ablehnen. Aber sie empfangen mich als Freund. Sie zeigen, dass der Salafismus nicht in gerader Flugbahn vom Licht ins Dunkel führt. Radikalisierung kann sich verlangsamen, die Richtung wechseln und sich umkehren.
Zwischen den letzten Bissen frage ich Lau, ob er die Glaubensbrüder versteht, die sich dazu entschließen, in den "Heiligen Krieg" zu ziehen und in Syrien zu kämpfen. Lau sagt: "Natürlich habe ich das Bedürfnis zu helfen, aber ich bin nicht ausgebildet für den Kampf, ich kenne mich da unten nicht aus. Gott hat uns mit Verstand gesegnet, ich habe eine Familie und Kinder, für die ich sorgen muss. Ich bin kein Kämpfer, ich schicke lieber Geld und Medikamente."
Im Lebensentwurf von Sven Lau hat vieles Platz: eine Ausbildung als Feuerwehrmann, Turkey Club Sandwiches und Medikamente für den "Heiligen Krieg". Wahrscheinlich werden wir weiter daran scheitern, Männer wie ihn zu verstehen, wenn wir es mit dem Verstand versuchen. Es ist nicht der Verstand, der Laus Leben lenkt. Sein Glaube ist etwas anderes als unsere Vernunft.
Lau sagt zum Abschied: "Schreib in deiner Geschichte, was du willst, aber das hier ist mein Leben, tu mir bitte den Gefallen und schreib, dass ich dazu stehe, wie du behandelt wurdest. Ich füge mich der Gemeinschaft."
Am nächsten Morgen treffe ich mich mit Rathkamp in meinem Hotelzimmer, und er erzählt mir, wie er das erste Mal eine Moschee betrat, wie schön der Koran sich auf Arabisch reimt und warum er sich nicht mehr Dennis nennt, sondern Abd al-Malik, Diener des Herrn.
Gegen Mittag will er beten, wir gehen zusammen die fünf Minuten zu einer Moschee im Innern eines Supermarkts. Ich schalte mein Handy ein und lese eine Kurznachricht von meinem Chef: "Ruf mich bitte sofort an. Es ist dringend."
Ich rufe ihn an.
Wo bist du?
Ich warte vor einer Moschee. Der Salafist betet.
Du steigst sofort in ein Taxi und fährst zum Flughafen.
Ich hab die Geschichte noch nicht fertig. Es ist alles in Ordnung.
Hör mir zu, Junge, ich kann dir jetzt nicht mehr sagen. Du haust sofort ab. Du bist da nicht mehr sicher.
Ich renne zum Hotel und bestelle ein Taxi. Rathkamp betritt die Lobby. Sein Blick fällt auf meinen Koffer.
"Was ist los?", fragt er.
"Ich fahre ab", sage ich, "ich hab einen Anruf bekommen, es ist ein Notfall."
"Hat das was mit uns zu tun?", fragt er.
Vor der Tür hält mein Taxi. Rathkamp umarmt mich. "Salam aleikum." Ich fahre zum Flughafen nach Kairo und verlasse mit dem ersten möglichen Flug das Land.
In Deutschland erfahre ich, dass beim SPIEGEL ein anonymer Anruf aus Ägypten eingegangen ist. Der Anrufer sagte, dass ich in Alexandria in Lebensgefahr sei, ich könnte von den Salafisten getötet oder entführt werden.
Ich wollte zwei Wochen bleiben, ich blieb drei Tage. Ich suchte nach einer Antwort auf die Frage, was die deutschen Salafisten antreibt. Dennis Rathkamp will in Ruhe seinen Gott anbeten. Sven Lau will Medikamente in den "Heiligen Krieg" schicken. So scheint es, aber vielleicht haben diese Männer auch Ziele, die sie vor mir verbergen wollten. Ein paar Salafisten wollen in Mali kämpfen. Ein paar wollen mich vielleicht töten.
Auf den hinteren Seiten meines Notizblocks stehen Fragen, die ich nicht stellen konnte: Warum ist laut Koran der Märtyrertod besonders süß? Was genau hat Allah gegen Hosen, die über die Knöchel reichen? Die letzte Frage in meinem Block war für Dennis Rathkamp gedacht, der wohl als Abd al-Malik geantwortet hätte. Bist du glücklich?
Im Flugzeug, das mich aus Ägypten rausflog, musste ich daran denken, wie ich weniger als 24 Stunden vorher mit Rathkamp und Lau in dem Fastfood-Restaurant in Alexandria saß.
Wir lachten darüber, wie die Ägypter Müll entsorgen (gar nicht) und dass bei meiner Flucht aus Mandara mitten auf der Straße der abgehackte Fuß einer Ziege lag. Wir lachten darüber, dass ich dachte, ich müsse sterben, als der Fahrer, der Rathkamp und mich vom Flughafen abholte, mit seinem sowjetischen Lada auf der Autobahn den Rückwärtsgang einlegte. Zwei Salafisten und ein Christ saßen an einem Tisch und teilten ihr Brot, als könnte die Welt schön sein. ◆
(*) Bei einer Koran-Verteilung in der Innenstadt von Hannover am 14. April 2012.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 11/2013
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