11.03.2013

KENIA„Fangt Streit an! Zerstört!“

Im Slum Mathare leben fast alle 40 Ethnien des Landes. Sie belauern sich, brennen Hütten nieder und morden für Geld, bezahlt und aufgeputscht von machthungrigen Politikern.
Die Kandidaten schweben über den Blechdächern. Sie tragen elegante Anzüge, lächeln staatsmännisch und versprechen von den riesigen Wahlplakaten das Blaue vom Himmel herunter: Arbeit, menschenwürdige Häuser, gute Schulen, Wohlstand für alle.
Der eine ist Raila Odinga, 68, der andere Uhuru Kenyatta, 51, die beiden waren die Favoriten der Präsidentschaftswahl vom vorigen Montag, bis zuletzt lieferten sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Auf die Bewohner von Mathare Valley wirken die Werbetafeln wie Hohn. Rund 180 000 Menschen leben in dem Slum, zusammengepfercht in einem 300 Meter breiten Tal, durch das eine giftige Kloake mäandert. Sie hausen in fensterlosen Verschlägen, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Kanalisation.
Die Säuglingssterblichkeit ist hoch, Kleinkinder leiden an Rachitis, weil sie in ihren Wohnlöchern kein Sonnenlicht sehen. Die häufigsten Todesursachen: Mord und Aids.
Mathare ist einer der berüchtigtsten Slums in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, ein Ort des Elends, der Gewalt und des Mülls, in dem alle Hoffnungen auf ein besseres Leben ersticken.
Shem Opiyo empfindet die Großplakate der Kandidaten nicht nur als Hohn, sondern sogar als Fluch. Denn auf den Wahlkampf folgt hier in der Regel keine Verbesserung, es folgen nur Frust und Gewalt. So war es nach der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren, und so könnte es auch jetzt wieder werden. Denn die Menschen hier haben nicht vergessen, was damals geschah, sagt Opiyo, 42, ein hagerer Mann, von Beruf Sozialarbeiter. Er schlichtet Konflikte in Mathare, wo Angehörige fast aller 40 Ethnien Kenias leben. "Wir müssen mit aller Kraft verhindern, dass wieder Blut vergossen wird."
Damals, im Dezember 2007, eroberte Präsident Mwai Kibaki dank massiver Wahlfälschungen noch einmal die Macht. Kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses begannen landesweit die Kämpfe zwischen den Volksgruppen. In den Slums von Nairobi schlachteten die Armen sich gegenseitig ab, und die ausländischen Berichterstatter sahen das Klischee vom archaischen Stammeskrieg bestätigt. 1100 Menschen starben in diesen Wochen, über eine halbe Million Kenianer wurden aus ihren Heimatdörfern vertrieben, viele von ihnen harren bis heute in schäbigen Lagern auf Entschädigung.
In Mathare waren die Gewaltexzesse besonders schlimm. "Viele Leute sind immer noch traumatisiert", sagt Opiyo. Es gab keine Versöhnung, keine Verhaftungen, die Täter laufen bis heute frei herum. "Uchungu bade iko", klagen die Opfer auf Kisuaheli: Der Schmerz ist noch da.
Opiyo sitzt in einem stickigen Container, in dem er regelmäßig Friedensgespräche organisiert. "Kenia ist unser Stamm", steht auf einem Plakat - ein frommer Wunsch an diesem Ort, wo der Hass zwischen den Ethnien seit 2007 noch zugenommen hat.
Vergangene Woche wurde in Mathare und anderswo erneut gewählt, wieder mussten die Kenianer tagelang auf das amtliche Endergebnis warten. Dann, am Mittwoch, teilte die Wahlkommission mit, dass die elektronische Stimmauszählung wegen technischer Fehler abgebrochen wurde. Man sei gezwungen, nun doch per Hand auszuzählen. Schon tags darauf äußerte die Allianz von Raila Odinga den ersten Betrugsverdacht. In der Provinzstadt Garissa gingen aufgebrachte Jugendliche auf Wahlhelfer los, die Polizei erschoss einen Teenager.
Über Mathare liegt eine unheimliche Ruhe, Gerüchte und Verschwörungstheorien kursieren. Es wächst die Angst, dass sich die Tragödie von vor fünf Jahren wiederholen könnte, wenn am Ende der Unterlegene seine Niederlage nicht akzeptiert. Und das ist, besonders nach der Auszählungspanne, allzu wahrscheinlich.
Im Wahlkampf haben beide Spitzenpolitiker die feindselige Stimmung zwischen den Volksgruppen angeheizt. Uhuru Kenyatta baut auf die Unterstützung "seiner" Kikuyu sowie der alliierten Kalenjin, zwei der größten Ethnien. Raila Odinga zählt vor allem auf "seine" Luo. Nicht viel anders war es bei der vergangenen Wahl, auch da hetzten die Kandidaten ihre Anhänger gegeneinander auf. Kenyatta und drei weitere Demagogen wurden danach vom Weltstrafgericht in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
Dabei wechseln die Allianzen der Ethnien immer wieder, es geht ihren politischen Anführern allein um Macht, um fünf fette Jahre an der Regierung, in denen die Staatskasse geplündert wird. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen gehören die Abgeordneten des Entwicklungslandes zu den bestbezahlten der Welt, verdient der kenianische Premierminister mehr als die deutsche Bundeskanzlerin.
Doch der bei Urnengängen geschürte Hass verfliegt nicht einfach, er bleibt an Slums wie Mathare kleben wie Dreck.
Keine Bilder! Keine Namen! Der Sozialarbeiter Shem Opiyo erinnert noch einmal an die Abmachung: "Die Jungs müssen unerkannt bleiben, sonst sind sie verloren." Für das geheime Treffen hat er einen vermüllten Blechverschlag in einer Seitengasse von Mathare gewählt. Dort wartet ein schüchterner 20-jähriger Schulabbrecher, neongrünes Puma-Trikot, abgeknabberte Fingernägel, die Arme und Beine voller Narben. Er nennt sich Sam, er ist ein Luo.
Sam beschreibt mit dürren Worten, wie vor fünf Jahren die Mungiki, Killerbanden der Kikuyu, über den mehrheitlich von Luo bewohnten Slumabschnitt 4B herfielen. Sie zerhackten die Menschen mit Macheten. Erschlugen seinen Vater. Seither kämpft Sam gegen die Kikuyu. Sie leben ja nur einen Steinwurf entfernt, in der Sektion 3C, im Feindesland.
"Wir gehen hinüber und zünden ihre Hütten an", sagt Sam.
Und wenn Leute in den Hütten sind, Mütter, Kinder? Nimmst du in Kauf, dass sie sterben?
"Ja, es ist Rache. Ich kann die Kikuyu nicht ausstehen. Es sind schlechte Menschen. Sie stehlen und töten."
"Wir wurden alle so erzogen, dass wir die Kikuyu als gierigen Stamm sehen, der nach der Unabhängigkeit Kenias die Macht und den Reichtum des Landes an sich gerissen hat", sagt Opiyo. "Doch erst als 2007 Raila Odinga der Wahlsieg gestohlen wurde, ist die Rivalität in Feindschaft umgeschlagen." Die eigentlichen Ursachen des Tribalismus seien jedoch andere: die wachsende Ungleichheit, die Massenarmut und der Verteilungskampf um Land, Wohnraum, Lebenschancen.
Sam gehört zu einer Gang von rund 50 gleichaltrigen Luo, die, so sieht er das, ihr Viertel gegen die Kikuyu verteidigen. Doch in Wirklichkeit schikanieren sie die Slumbewohner. Sie treiben Mieten für die Hütten ein und pressen den Besitzern kleiner Läden Schutzgeld ab. Sie kontrollieren die Schwarzbrennereien, in denen Changaa gebraut wird, ein Gesöff, das viele erblinden lässt. Es gibt mehrere solcher Banden, sie geben sich martialische Namen, eine nennt sich "Taliban".
Ein Kumpan von Sam tritt ein. Er steckt in zerschlissenen Altkleidern, ist 26 Jahre alt, hat aber die weichen Gesichtszüge und Schmolllippen eines trotzigen Kindes. Er soll Tom heißen, und Tom kommt gleich zur Sache, zum Geschäft des Tötens. Sein erstes Opfer, sagt er, habe er mit einem Messer abgestochen.
Wie viele Menschen hast du schon ermordet? Tom überlegt kurz. "Dreißig vielleicht." Völlig unbewegt behauptet er das, als handelte es sich um Jungenstreiche.
Dann erzählt Tom vom Boss, von einem hochrangigen Luo-Politiker, der seiner Gang regelmäßig Aufträge erteile. "Wenn sich die Kikuyu im Wahlkampf versammeln, sagt er: 'Zieht los! Fangt Streit an! Zerstört!' Manchmal gibt er uns Bilder von Leuten, die wir umbringen sollen."
Für einen Mord zahle der Boss umgerechnet fünf Euro, für eine Vergewaltigung drei Euro. "Wenn wir töten, haben wir Kapital", sagt Tom, eine verlorene Seele, mit leerem Blick, die Augen gelb und blutunterlaufen.
Wie heißt der Boss?
"Wenn ich das sage, bin ich tot."
Was empfindest du beim Töten?
"Manchmal tun mir die Leute leid."
Tom ist ein Täter ohne Gewissen und ein Opfer ohne Bewusstsein zugleich, einer dieser jungen Männer ohne Bildung, Arbeit und Zukunft. Er wird getrieben von dem Wahn, den die Politiker mit ihrer "Stammesarithmetik" entfacht haben, gerade bei denen, die nichts haben, außer ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Vor der Wahl habe ihnen der Boss ein besseres Leben in Aussicht gestellt und gute Häuser versprochen, sagt nun wieder Sam, der 20-Jährige. Es ist eine Hoffnung, so fern wie die protzigen Villen in Muthaiga, dem Beverly Hills von Nairobi.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 11/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 11/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KENIA:
„Fangt Streit an! Zerstört!“

Video 03:06

Webvideos der Woche Mini-Oktopus findet neues Zuhause

  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan" Video 12:25
    Vor 20 Jahren: Der Ku-Klux-Klan
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker" Video 01:27
    Brexit-Krise: Harter Dialog zwischen May und Juncker
  • Video "Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz" Video 01:19
    Kontrollierte Sprengung: Schneelawine in der Schweiz
  • Video "Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau" Video 10:58
    Vor 20 Jahren: Model-Mafia in Moskau
  • Video "Privater Raumfahrttourismus: SpaceShipTwo für eine Minute im All" Video 01:24
    Privater Raumfahrttourismus: "SpaceShipTwo" für eine Minute im All
  • Video "EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen" Video 01:08
    EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker: Ein wuscheliges Willkommen
  • Video "Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt Ihr Martin Cobb" Video 04:06
    Postkartenaktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Video "Filmstarts: Krieg der Städte" Video 07:02
    Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Video "EU-Gipfel zum Brexit: EU will May keine Zugeständnisse mehr machen" Video 03:16
    EU-Gipfel zum Brexit: "EU will May keine Zugeständnisse mehr machen"
  • Video "Frankreich: Festnahmen bei Gelbwesten-Protesten" Video 01:47
    Frankreich: Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger" Video 03:50
    Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Video "Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden" Video 02:23
    Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden
  • Video "Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt" Video 00:51
    Geburt über den Wolken: Baby kommt auf Linienflug zur Welt
  • Video "TV-Interview mit Melania Trump: Am schlimmsten sind die Opportunisten" Video 01:23
    TV-Interview mit Melania Trump: "Am schlimmsten sind die Opportunisten"
  • Video "Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg" Video 02:21
    Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause