11.03.2013

SYRIENBilly, das Kind

Ein Abenteurer aus Berlin wurde in Syrien verschleppt und für Wochen eingesperrt. Erst durch ein kleines Wunder kam er frei.
Davon hat er geträumt: endlich wieder "Tote Oma" zu essen im Hotel Mama, sagt Billy Six. Der schmale Mann mit dem blonden Ziegenbart schaufelt Blutwurst mit Kraut und Speck auf seinen Teller, dazu Kartoffeln, Thüringer Bratwurst, obendrauf ein Stück Kassler. Mutter Ute hat den Tisch in weiß-rotem Karo gedeckt, sie hat Kerzen darauf gestellt und alles gekocht, was Billy, ihr Sohn, der sich gestern noch Bilal Abdul Rahman al-Almani nannte, schon immer gern mochte.
Seit 14 Stunden ist der junge Abenteurer Billy Six, das ist sein richtiger Name, zurück aus einer Geheimdienst-Zelle in Damaskus, über zwei Monate hat der 26-Jährige dort zugebracht. Jetzt flitzt er hier im Einfamilienhaus der Eltern in Neuenhagen bei Berlin zwischen Küchentisch und Toilette hin und her. Wochenlang Fladenbrot mit Oliven und nun auf einmal die fette deutsche Hausmannskost, das verträgt sich wohl nicht besonders.
Die Ringe unter Billy Six' Augen sind dunkel, seine Wangen tief eingefallen. "Bismillah, Salam aleikum - Im Namen Gottes, Friede sei mit euch", begrüßte der gelernte Finanzwirt kurz zuvor die Hauptstadt-Journalisten im Haus der Bundespressekonferenz. Seine Stimme war matt, der Mantel hing schlaff über dem ausgemergelten Leib, nachdem er Mittwochmorgen mit einer Lufthansa-Maschine aus Beirut gelandet war.
Er erzählte von seiner wilden Odyssee zwischen Kämpfern der Freien Syrischen Armee, fanatischen Salafisten und der Zeit im Gefängnis von Diktator Baschar al-Assad. Er schilderte, wie er viele kalte Nächte in einsamen Zellen verbrachte und versuchte, den beißenden Flöhen in seinen Kleidern zu entkommen.
Er hörte, wie Regimegegner gefoltert wurden, und sah morgens ihr Blut auf den Gängen. Er selbst entkam den Torturen wohl nur deshalb, weil er deutscher Staatsbürger ist. "Die machen doch Unterschiede", sagt er.
Syrische Geheimdienst-Offiziere unterstellten ihm jedoch bei Verhören, er arbeite für die CIA oder das "BKA", offenbar eine Verwechslung mit dem deutschen Auslandsnachrichtendienst BND.
Eine von ihm in die Zellenwand gekratzte Nachricht und ein glücklicher Zufall führten schließlich dazu, dass die Behörden in Deutschland von seinem Aufenthaltsort erfuhren. Auf Vermittlung des russischen Außenministers Sergej Lawrow kam Six am Ende frei.
Neben dem ehemaligen Gefangenen sitzt der Chefredakteur der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit", Dieter Stein, sichtlich erleichtert. Er hatte schon gefürchtet, seinen Nahost-Reporter nie wieder zu sehen, nachdem der am 13. Dezember vergangenen Jahres in der Nähe der syrischen Stadt Hama von Unbekannten verschleppt worden war. Six schreibt für das umstrittene Blatt, denn es sei das einzige Medium, das ihm für seine Kriegsreportagen ein Forum biete und die Texte weithin unredigiert drucke. Für die "Junge Freiheit" berichtete Six auch schon aus Libyen.
Das Leben des Sohnes zweier IT-Fachleute ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Six schürfte schon im Kongo nach Gold, in Angola verlor er durch einen Überfall fast sein ganzes Reisebudget und sammelte dann Spenden, angeblich hielt man ihn für Jesus. Dabei orientiert sich der Globetrotter an einem ganz anderen Vorbild, dem weltreisenden Milliardär Dagobert Duck.
Noch im Jahr 2010 engagierte sich der junge Neuenhagener als CDU-Gemeinderatsmitglied und enthüllte einen angeblichen Abrechnungsskandal rund um die örtliche Laubkompostierung. Die Grünen dort unterstellten ihm, er bilde in Wahrheit zusammen mit einer Ex-DVU-Abgeordneten eine "rechtsradikale Fraktion" - was Six bestreitet. Voriges Jahr dann trampte er erneut los, Richtung Nahost, über Griechenland und die Türkei. Er wollte herausfinden, "was da in Syrien los ist".
Wenige Medienleute haben Gelegenheit, so tief in die Netzwerke der Krieger beider Seiten einzutauchen. Und die meisten verzichten gern darauf. Six geht auch ziemlich blauäugig vor, etwa wenn er sich von einem flüchtigen Bekannten, einem Neu-Rebellen der Freien Syrischen Armee, für zehn Dollar durch Olivenhaine über die türkisch-syrische Grenze schleusen lässt. Wie viele andere westliche Medienvertreter auch hatte sich Six lange um ein Journalistenvisum bemüht, vergebens. Damaskus hält sich kritische Journalisten möglichst vom Hals.
Als Six wenig später jedoch in eine von einem fanatischen Saudi-Araber geführte Gruppe Salafisten geriet, alle bewaffnet und in schwarzen Galabijas mit knöchellangen Hosen, hielt ihr Anführer ihn für einen von Assads Spionen. Er werde ihn persönlich töten: "Ai will kill ju wis pläääschar"- "Ich werde dich mit Vergnügen umlegen."
Six ahmt den harten Akzent des Salafisten nach, Mutter Ute und Vater Edward liegen fast unter dem Tisch vor Lachen, ihr Spross hat schon immer die ganze Familie unterhalten. In Syrien behauptete er schließlich, mit den Salafisten zu sympathisieren; nach einer Woche ließ ihn die radikale Rebellengruppe ziehen.
Mitte Dezember fuhr er mit seinem Übersetzer weiter, einem Deutsch-Syrer aus Trier, um die Hintergründe eines Massakers zu recherchieren. Dabei wurde er von einem Posten der syrischen Armee abgefangen. Man warf ihm illegale Einreise und Terrorismus vor.
Six blieb zwölf Tage im Armee-Gefängnis von Hama. Als er zum Geheimdienst nach Damaskus überstellt wurde, brachen jedoch harte Zeiten an: Einzelhaft, keine Gespräche mehr, zweimal fünf Minuten Toilettengang pro Tag.
Ein einziges Mal schlief Six nicht in seiner zweieinhalb mal drei Meter großen Zelle. Anstelle von ihm wurde dort eine Frau untergebracht, Walaka, 20 Jahre, Wirtschaftsstudentin. "Don't give up, Allah is with you", ritzte sie in den Wandputz neben seinem Namen, den er dort hinterlassen hatte. Walaka kam frei und gelangte außer Landes, sie war es, die einem Informanten deutscher Behörden von "Billy the Kid" erzählte - und dass er noch lebt. Diplomaten erreichten schließlich seine Freilassung.
Wenn er sich erholt habe von all dem, wolle er noch mal zurück, sagt der Gelegenheitsreporter. Sein Rucksack sei noch in Syrien, und darin sei der Kopf einer von Rebellen gestürzten Bronzestatue von Hafis al-Assad, dem Vater des jetzigen Diktators. Ein Souvenir, auf das er nicht verzichten möchte.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 11/2013
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