11.03.2013

AFFÄREN

Das Phantom

Von Buschmann, Rafael und Wulzinger, Michael

Einer der meistgesuchten mutmaßlichen Wettbetrüger lebt trotz eines internationalen Haftbefehls unbehelligt in Singapur. Man kann ihn nicht treffen. Aber man konnte mit ihm chatten.

Viele Bilder gibt es nicht von Tan Seet Eng, 48 Jahre alt, geboren und wohnhaft in Singapur. Eines zeigt ausschließlich sein Gesicht. Er hat Pausbacken und eine glatte Haut, seine dunklen Augen wirken etwas müde. Tan Seet Eng sieht jünger aus, als er ist.

Es ist ein Fahndungsfoto.

Dan Tan, wie er auch genannt wird, gilt im Schattenreich des asiatischen Wettmarkts als eine der ganz großen Figuren. In der Zockersprache: ein High Roller. Einer, der nur im Verborgenen dealt - und der mit seinen Einsätzen sagenhafte Gewinne einfährt.

Seit dem 19. Dezember 2011 besteht ein internationaler Haftbefehl gegen den Asiaten, die Staatsanwaltschaft im norditalienischen Cremona hat ihn erwirkt. Demnach ist Tan der Kopf einer Bande, die jahrelang weltweit Fußballspiele verschoben haben soll: in Südamerika, in Afrika, in Finnland, in Ungarn, in Kroatien, in Österreich.

Vor allem aber in Italien. Allein zwischen 2009 und 2011 soll Tan mit seinem Syndikat in der Serie A und der Serie B, der ersten und zweiten Profiliga, mehr als 30 Spiele gefixt und damit bei Wettanbietern in Asien Millionen Euro verdient haben.

Auf der Fahndungsliste der italienischen Polizei tauchen neben Tan 16 weitere Personen auf, die zum harten Kern seiner Zockerbande zählen sollen. Viele sind verhaftet. Doch an Tan, die Nummer eins, traut sich offensichtlich niemand heran.

Der Fall zeigt, wie absurd der Kampf der europäischen Strafverfolger gegen die asiatische Wettmafia ist. Ein früherer Komplize, der den Ermittlern in Europa als Kronzeuge dient, belastet Tan schwer, und von Cremona bis Rovaniemi in Finnland haben Staatsanwälte zahlreiche Indizien gesammelt, die Tan zum derzeit meistgesuchten mutmaßlichen Wettbetrüger machen. Trotzdem bleibt der Zockerkönig bislang unbehelligt von den Behörden in seiner Heimat Singapur.

Tan aufzuspüren und persönlich zu treffen ist bislang keinem Journalisten gelungen. Es heißt, er wohne in Singapur in einer schwerbewachten Anlage, die sich Rivervale Crest nennt. Reporter des Fernsehsenders al-Dschasira schafften es im vorigen Jahr bis vor die Tür eines Apartments, in dem er leben soll, ehe sie von Wachleuten aus dem Gebäude geworfen wurden.

Man konnte Tan bis vor gut zwei Wochen dennoch erreichen. Der SPIEGEL nahm vor über einem Jahr per Internet zum ersten Mal Kontakt mit ihm auf, Tan war bereits damals weltweit zur Fahndung ausgeschrieben. Seither chattete ein Redakteur immer wieder mit ihm. Mal bestand die Unterhaltung nur aus wenigen Fragen und Antworten, mal dauerte sie mehrere Stunden lang bis acht Uhr morgens Singapurer Zeit.

Bis Tan überhaupt reagierte, waren zahlreiche Anläufe nötig gewesen. "Wer bist du? Was willst du von mir?", waren seine ersten Fragen. Er blieb in der Leitung, obwohl er umgehend erfuhr, dass auf der anderen Seite ein deutscher Journalist saß. Tans Bedingung war, dass die Gesprächsprotokolle auch während des Chats jede Viertelstunde gelöscht wurden. Mehrmals änderte sich seine Adresse. Sein Abschiedsgruß lautete in der Regel "cu", die Abkürzung für "see you", bis bald. Das konnte ein ganzer Monat sein.

Das letzte Mal antwortete Tan am 24. Februar, von seinen zwischenzeitlichen Angeboten zu einem Treffen in Singapur war er schon länger abgerückt. Er habe jetzt mit der dortigen Polizei gesprochen, schrieb der Wettpate in einem seiner letzten Chats. Er werde zu Unrecht beschuldigt und verfolgt, von nun an werde er mit den Behörden kooperieren: "Man muss gegen diese Kriminellen vorgehen." Seither meldet sich das Phantom nicht mehr zurück.

Was wahr ist und was nicht von allem, was Tan über seinen Einstieg ins Wettgeschäft und seinen Aufstieg zum Großzocker schrieb, ist schwer zu überprüfen. Er

kann geprahlt haben. Er kann falsche Fährten gelegt haben. Er kann ein Spiel gespielt haben. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage: Ist der Mann, der sich als Tan Seet Eng zu erkennen gab, identisch mit dem weltweit gesuchten Wettbetrüger?

Sehr vieles spricht dafür. Seine Hinweise und Andeutungen bewiesen jede Menge Insiderwissen, das sich auch in den Akten der Staatsanwaltschaft Cremona wiederfindet. Und seine Schilderungen deckten sich in vielen Details mit den Aussagen seines einst wohl wichtigsten Komplizen Wilson Raj Perumal. Der ebenfalls aus Singapur stammende Perumal hatte nach seiner Verhaftung in Finnland im Frühjahr 2011 ein umfangreiches Geständnis abgelegt - und dadurch die Ermittlungen in Italien gegen Tan und dessen mutmaßliche Fixer-Clique erst ins Rollen gebracht.

"Wir sind spezialisiert auf die Manipulation von internationalen Fußballspielen", hatte Perumal bei einer Vernehmung gesagt, den "normalen Gewinn einer verschobenen Partie" bezifferte er auf eine Summe "zwischen 500 000 und 1,5 Millionen Euro".

Tan nannte in seinen Chats noch gewaltigere Zahlen. Sein höchster Wettgewinn bei einer einzigen Partie in der Serie A seien 15 Millionen Euro gewesen, behauptete er, sein höchster "Beitrag" für einen Spieler habe bei 800 000 Euro gelegen. Tan vermied in den Chats den Begriff "Schmiergeld". Er selbst habe niemals einen Spieler bestochen. Wenn, dann hätten dies seine Komplizen getan, denen er das Geld in Italien zur Verfügung gestellt habe. Aber auch darin mochte er kein Unrecht erkennen. Auf diese Darstellung legte Tan Wert.

800 000 Euro. Diese Zahl sprengt alles, was als "Beitrag" für einen empfänglichen Spieler bislang kolportiert wurde. Wenn die Summe stimmt, müssen sich auch die Bosse der englischen Premier League oder der deutschen Bundesliga ernsthafte Sorgen um die Integrität ihrer Wettbewerbe machen. Bisher galt die Annahme, dass die vergleichsweise hohen Jahresgehälter dort die Profis immun gegen Anwerbeversuche von Wettbetrügern machen würden.

In Italiens Profifußball, so schilderte es ein anderer verhafteter Komplize Tans den Ermittlern, "haben wir einen fruchtbaren Boden gefunden. Wir zwangen nicht die Spieler, etwas gegen ihren Willen zu tun. Sie stellten sich gern zur Verfügung".

Das Geld, das Tans Leute von ihm zum Schmieren der Spieler bekamen, nannten sie "Paprika". Bis Herbst 2009 überwies Tan es über sein Firmengeflecht nach Europa. So schilderte er es beim Chat.

Erst als die Bochumer Staatsanwaltschaft im November 2009 bei einer Razzia eine Gruppe mittlerweile verurteilter Wettbetrüger um den Kroaten Ante Sapina verhaftete, sei Tan vorsichtiger geworden. Die Spuren, die seine Banküberweisungen rund um den Globus hinterließen, waren ihm demnach zu gefährlich geworden. Von da an pendelten er und seine engsten Vertrauten zwischen Singapur und Mailand. Das Geld wollen sie in ihrem Gepäck nach Italien geschafft haben.

Die Ermittler fanden heraus, dass Tan und seine Kuriere zwischen 2009 und 2011 insgesamt 26-mal von Singapur nach Mailand-Malpensa gereist waren. In flughafennahen Luxushotels buchten sie Zimmer, wo sie sich wohl mit ihren "Runnern" trafen - jenen Bandenmitgliedern, die den direkten Kontakt zu korrupten Spielern gehabt haben sollen.

Nach spätestens 48 Stunden saßen die Geldboten wieder im Flieger Richtung Singapur. Manchmal war die Sache auch in wenigen Stunden erledigt. Am 4. November 2011 beschatteten Ermittler der italienischen Polizei einen Asiaten, der ein Gesandter Tans gewesen sein soll. Um 5.45 Uhr landete er in Mailand-Malpensa, bei der Ankunft wog sein Gepäck neun Kilogramm. Fast drei Stunden lang verschwand der Emissär in Zimmer 1150 des Sheraton-Hotels. Als er um 12.15 Uhr wieder eincheckte zum Rückflug Richtung Singapur, war sein Koffer um ein Kilo leichter - ein Kilo Bargeld, wie die Fahnder vermuten.

Tan chattete, er sei Anfang der neunziger Jahre als Buchmacher eingestiegen, während der Fußball-WM 1994 habe er Quoten für ein Wettbüro in den USA errechnet. Die Vereinigten Staaten habe er jedoch kurze Zeit später fluchtartig verlassen müssen. Der Grund: 1,5 Millionen Dollar Wettschulden, die sich bei ihm angehäuft hätten.

Wie man bei Fußballwetten nachhelfen kann, ließ sich Tan demnach von einem früheren Nationalspieler Singapurs beibringen. Sein Lehrmeister hatte 1997 ein besonders perfides Geschäftsmodell ersonnen: Er setzte hohe Summen auf Spiele der englischen Premier League, bei denen er durch die Bestechung von Stadiontechnikern einen Flutlichtausfall in der zweiten Halbzeit provozierte.

Tan behauptete, dieses Schurkenstück einige Jahre später wiederholt zu haben. Beim Champions-League-Spiel zwischen Fenerbahçe Istanbul und dem FC Barcelona im September 2001, das erzählte er beim Chatten, hätte er vier türkische Techniker "gehabt".

Tatsächlich gingen in der 70. Minute im Sükrü-Saracoglu-Stadion wie auf Bestellung die Lampen aus, nachdem vier Minuten zuvor das dritte Tor für Barcelona gefallen war, eines zu viel für Tans Wette. Wäre das Spiel abgebrochen worden, hätte er wenigstens seinen Einsatz zurückbekommen. Sein Pech sei allerdings gewesen, schrieb Tan, dass der Schaden nach gut 20 Minuten mit Hilfe eines Notstromaggregats behoben wurde und die Partie weiterlief, Endstand 0:3. Sein belustigtes Fazit: "So habe ich drei Millionen Dollar verloren."

Tans früherer Komplize Perumal hatte den Ermittlern die Istanbuler Flutlicht-Episode bei seinem Geständnis ebenfalls beschrieben.

Die Frage, ob er auch im deutschen Profifußball aktiv geworden sei, beantwortete der Zocker wie viele andere Fragen nicht. Wenn ihm der Dialog lästig wurde, konnte es sein, dass Tan den Chat sofort beendete. Statt einer Antwort schickte er in solchen Momenten auch mal ein Smiley-Symbol.

Ob der Name Tan Seet Eng in den Akten der Wettbetrugsverfahren bei der Bochumer Staatsanwaltschaft auftaucht, die inzwischen auf mehr als 100 000 Seiten angewachsen sind, betrachtet Friedhelm Althans als Betriebsgeheimnis. "Kein Kommentar", sagt der Mann, der sich wie kein anderer in diesen Dokumenten auskennt. Der 59 Jahre alte Erste Kriminalhauptkommissar leitet seit dem Frühjahr 2009 die Ermittlungsgruppe "Flankengott", die eine Gruppe von Matchfixern um Ante Sapina hochgehen ließ. Mittlerweile sind 14 der Angeklagten verurteilt, Dutzende Prozesse stehen noch aus.

Ermittler Althans sitzt im dritten Stock des Bochumer Polizeipräsidiums in einem Büro. Er raucht viel bei der Arbeit und trinkt viel Kaffee. Von anfangs 20 Kollegen in seinem Ermittlerteam sind mittlerweile 15 abgezogen worden, doch für Althans, so wirkt es, ist der Kampf gegen die Wettmafia so etwas wie eine Lebensaufgabe geworden. "Wir ziehen das Ding weiter durch", sagt er, "auch wenn es für die Strafverfolgung ein riesiges Problem ist, dass an einem verschobenen Spiel 50 Personen in zehn Ländern beteiligt sein können - und dies auch noch auf mehreren Kontinenten."

Singapur, sagt Althans, sei zu Beginn der Bochumer Ermittlungen auf der Weltkarte der Matchfixer für ihn nur ein Nebenschauplatz gewesen. Bei Europol in Den Haag, wo viele Verfahrensergebnisse auf dem Kontinent gegen Wettbetrüger gebündelt werden, hat Althans dazugelernt. Mittlerweile hält er den südostasiatischen Stadtstaat fast schon für das Epizentrum der Wettmafia.

Er setzt sich vor seinen Computer und drückt auf eine Taste. Auf dem Bildschirm erscheint eine Grafik mit einem roten Ball. Der Ball symbolisiert das Zockerparadies Singapur. Althans drückt erneut auf die Taste. Aus dem einen roten Ball werden 62 rote Bälle, die sich rund um den Globus verteilen. Sie stehen für jene Länder, deren Fußballligen sich im Visier von Singapurs Wettpaten befinden.

Deutschland fehlt. Noch. In dieser Woche fliegt der Bochumer Kriminalhauptkommissar nach Lyon, er hat in der Zentrale von Interpol einen Termin mit vier hochrangigen Kollegen aus Singapur. Ob Tan Seet Eng das Thema sein wird, bestätigt Althans nicht.

Aber der Name wird fallen.

(*) Fenerbahçe Istanbul gegen FC Barcelona am 18. September 2001.

DER SPIEGEL 11/2013
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