11.03.2013

PSYCHOLOGIEMehr Wicht als Wüterich

War Richard Wagner ein Muttersöhnchen? Ein Therapeut aus Münster stellt dem großen Komponisten postum eine psychiatrische Diagnose.
Auf den Knien wollte sie vor ihrem Mann posieren, da war sie ganz entschieden, "denn das ist meine Stellung". So zeigt die Schwarzweißfotografie nun die Frau, wie sie ihren Blick emporhebt zu ihrem Gatten, dem Halbgott. Klare Verhältnisse demnach im Eheleben von Cosima und Richard Wagner, dem genialen Komponisten, Erneuerer der Musik und Haustyrannen.
Oder trügt der Schein?
"Die Art und Weise, wie er seiner sitzenden Gattin die Hand hält, offenbart die wahre Rollenverteilung", so der Psychoanalytiker Bernd Oberhoff, 69, der eine neue Interpretation der Machtverhältnisse im Hause Wagner wagt: "Wie ein ängstlicher kleiner Junge" stehe Richard vor seiner Cosima, "die ihn an Körpergröße weit überragen würde, wenn sie sich einmal vom Stuhl erhöbe" - wie eine übermächtige Mutter-figur(*).
Zum 200. Geburtstag des kleingeratenen Komponisten aus Leipzig überrascht Oberhoff mit einer neuen Deutung der Persönlichkeit des Jubilars.
War der nicht ein Despot, Verächtlichmacher und unverbesserlicher Egomane, seine Musik gar "größenwahnsinniges Getöse" (Oberhoff)? Für "ein richtiges Monster" habe er Wagner gehalten, bekennt der Analytiker, der um das Werk des "Ring"-Schöpfers "64 Jahre lang einen großen Bogen" gemacht habe. Nun aber der überraschende Sinneswandel.
In Jahren "klösterlicher Beschäftigung" hat der Diplompsychologe aus Münster Wagners Hauptwerk, den "Ring des Nibelungen", seziert. Das Epos, so Oberhoffs Hypothese, sei "ein Psychogramm der unbe-
wussten psychischen Realität seines Schöpfers".
Verblüffendes Fazit des Analytikers: Wagner war wohl mehr Wicht als Wüterich.
Vor wenigen Jahren hatte der Freud-Kenner und Freizeitchorleiter Oberhoff bereits Mozart auf die Couch gelegt und darüber in einem Buch berichtet. Dem in Wien ansässigen Genius mit Neigung zu unreifen Späßen ("Mit der hintern büchse schießen") attestierte Oberhoff postum eine arg verquere Mutterbindung, ansonsten aber ein halbwegs intaktes Gemüt.
Wagner hingegen verortet der Psychologe auf einer Stufe mit seiner Heldenfigur aus dem "Ring". Wie Siegfried, so sei auch Richard Wagner in seiner "Männlichkeitsentwicklung auf der analen Stufe steckengeblieben", diagnostiziert Oberhoff.
Was das Werk des Meisters an Erkenntnissen freigebe, sei so finster, dass "viele Wagnerianer am liebsten gar nicht wissen möchten, was sie jedes Jahr in Bayreuth so inbrünstig genießen", mutmaßt der Therapeut.
Ausgangspunkt für die psychische Deformation des in Bayreuth brütenden Tonschöpfers war demnach ein von Anhängern der Freudschen Psychoanalyse so häufig ausgemachtes frühkindliches Muttertrauma. Ohne sich dessen bewusst zu sein, sei Wagner während der Kompositionsarbeit tief hinabgetaucht ins "uterale Milieu". Stellvertretend lasse er das zwergenhafte Geschöpf Alberich im "Ring"-Zyklus noch einmal jene frühe Lebensphase kurz nach der Geburt durchleben, die Oberhoff als Zeitpunkt der ersten sexuellen Verstörung identifiziert.
Da jagt Alberich unbeholfen den schönen Rheintöchtern hinterher. Die locken zwar ("Bist du verliebt und lüstern nach Minne, lass sehn du Schöner, wie bist du zu schau'n?"), doch ranlassen wollen die Nixen den Knirps natürlich nicht.
Befreiung habe sich der Komponist in der omnipotenten Figur des Siegfried verschafft, der den Riesen Fafner und den Schmied Mime erschlägt. Doch Oberhoff ist überzeugt: "Wagner müssen tief in seinem Inneren starke Kastrationsängste verfolgt haben, weswegen er einen Helden erschaffen hat, an dem ihm vor allem dessen Angstlosigkeit imponiert."
Im Alltag trieb die Sorge vor der Entmannung Blüten. Als "Anti-Ödipus" sei Wagner "lebenslang gegen alles Männliche entwertend und vernichtend zu Felde" gezogen, kommentiert Oberhoff. Konkurrenten im Musikgeschäft etwa habe er mit unbarmherzigem Spott verfolgt; daheim schmiegte sich der Geniale derweil schutzsuchend in den Schoß von Ehefrau Cosima.
Die Eheleute pflegten nach Meinung des Psychoanalytikers ein recht schräges Verhältnis: "Sie wünschte ihn als (geniales) Kind und nicht als Mann", berichtet Oberhoff - ein Wunsch, dem Richard offenbar gern nachkam; wie ein Knabe "seine stolze Mutti", so habe der Künstler seine Frau mit Komplimenten umgarnt. In der Zweisamkeit sei der Maestro "emotional nahezu zu einem Säugling regrediert", befindet Oberhoff und resümiert: "ein Bild des Jammers".
Empfindlich gestört worden sei das krause Mutter-Sohn-Verhältnis immer dann, wenn Cosima ihre Aufmerksamkeit anderen Männern zuwandte; etwa ihrem Vater Franz Liszt, der häufiger im Hause Wagner zu Gast war. Nach einem dieser Besuche vertraute die Gastgeberin betrübt ihrem Tagebuch an: "Mein Vater spielt uns abends Divertissement à la Hongroise zauberisch vor - allein R. bleibt verstört."
(*) Bernd Oberhoff: "Richard Wagner. Der Ring des Nibelungen. Eine musikpsychoanalytische Studie". Psychosozial-Verlag, Gießen; 424 Seiten; 39,90 Euro.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 11/2013
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