11.03.2013

LITERATURVerbotene Post

Einen Brief verschicken zu können gleicht für den 27-jährigen Salim einem Wunder. Im Jahr 1999 lebt der ehemalige Student im Exil in Bengasi, er arbeitet als Bauarbeiter in der libyschen Hafenstadt. Aus seiner Heimat, dem Irak, musste er zwei Jahre zuvor fliehen, von seiner Freundin Samia hat er seitdem nichts gehört. Nun erfährt Salim von der Möglichkeit, über Ägypten und Jordanien illegal Briefe in die Heimat zu schicken, und in ihm erwacht die Hoffnung, der Geliebten einige Zeilen zukommen lassen zu können, vorbei an der Zensur. Der gebürtige Iraker Abbas Khider, 40, erzählt in "Brief in die Auberginenrepublik" nicht die Geschichte eines verzweifelten Mannes, sondern die eines Schriftstücks. Das gerät in sieben Kapiteln in die Hände von sechs weiteren Personen, etwa in die eines ägyptischen Taxifahrers, der den Brief in Kairo an den Leiter eines Reisebüros übergibt. Autor Khider kennt das Regime Saddam Husseins, das den Hintergrund seines Romans bildet, aus eigener Erfahrung. Mit 19 Jahren saß er in einem irakischen Foltergefängnis. Nach seiner Entlassung floh er nach Europa. Khider studierte Philosophie und Literatur und lebt heute in Berlin. Seine drei Romane hat er auf Deutsch verfasst. Auch in seinem neuen Werk beschreibt der Autor die arabische Welt in Zeiten der Diktatur. Sein Kunstgriff, einen Brief ins Zentrum der Geschichte zu stellen, ihn als Katalysator der Handlung zu nutzen, ist literarisch reizvoll. Statt eine einheitliche Erzählstimme sprechen zu lassen, setzt Khider so auf sieben Figuren unterschiedlichen Alters, Geschlechts und sozialen Ranges. Durch die Perspektivwechsel kommen Opfer und Täter des Saddam-Regimes gleichermaßen zu Wort - und es wird deutlich: Jeder von ihnen kann sein Handeln auf ganz eigene Weise rechtfertigen. Mitunter erscheinen die inneren Monologe und die nüchterne Sprache des Autors allerdings beinahe unbedarft. Dennoch: Khiders Buch fängt den Alltag in einem Unrechtsstaat wohltuend unaufgeregt ein.

DER SPIEGEL 11/2013
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