13.02.1995

Geheimdienste„BUND MIT DEM TEUFEL“

Willy Brandts Vertrauter Egon Bahr knüpfte 1969 einen Sonderkontakt nach Moskau - zehn Jahre lang traf er sich konspirativ mit zwei KGB-Agenten. Einer, der KGB-General Wjatscheslaw Keworkow, und sein Ex-Kollege Nikolai Portugalow enthüllen jetzt den „geheimen Kanal“ - auch den Decknamen des KGB für Bahr.
Am Heiligabend 1969 erschien beim frischgebackenen Staatssekretär Egon Bahr in Bonn ein Mann wie aus dem Morgenland, mit reichlich Geschenken. Der rundliche Walerij Lednew, Emissär des Goliaths UdSSR, verehrte dem deutschen David einen kleinen Plastik-Weihnachtsbaum, dann machte er ihm die Offerte, einen heimlichen "direkten Kanal" zum Kreml herzustellen.
Damit erfüllte sich ein Herzenswunsch Bahrs. Am 9. September 1969 hatte das KGB laut einem dem SPIEGEL vorliegenden Dokument den sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew informiert, über den Krupp-Pressesprecher Georg-Volkmar Graf v. Zedtwitz-v. Arnim-Nechlin habe der Sozialdemokrat Bahr seinen Wunsch nach "direkten, sicheren Verbindungskanälen" außerhalb der offiziellen diplomatischen Kontakte kundgetan.
Genau das schlug Lednew nun vor. Bahr akzeptierte - nach Rücksprache mit Brandt -, derart "direkt, rasch und ohne bürokratische Umwege" mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew zu kommunizieren.
Die persönlichen Treffen sollten in West-Berlin stattfinden, in der Dahlemer Dienstvilla des Berlin-Bevollmächtigten, Pücklerstraße 14, denn dafür brauchte jener Gesprächspartner kein Visum, den Lednew im Februar 1970 in einem Moskauer Restaurant als seinen Freund "Slawa" vorstellte. Dessen Nachnamen Keworkow erfuhr Bahr so lange nicht, wie die Untergrundverbindung mit ihm bestand - über ein Jahrzehnt lang.
Bahr wunderte sich auch nicht. "Ich habe den Eindruck, das ist der Vorgesetzte, jedenfalls der höhere Rang", berichtete er Brandt. "Wo die beiden anzusiedeln sind, ist schwer zu sagen." Wahrscheinlich gehöre Slawa zum Apparat des Generalsekretärs der KPdSU und Lednew auch, getarnt oder abgestellt als ein Journalist, der unverdächtig reisen kann. "Wenn man mir gesagt hätte, vielleicht ist da das KGB dabei", meint Bahr heute, "hätte mich das nicht besonders schockiert." Keworkow war "Podkryschnik" des KGB, Offizier im besonderen Einsatz: Oberstleutnant einer Abteilung der 2. Hauptverwaltung (Abwehr), welche die in Moskau lebenden Ausländer bespitzelte, abhörte, zu kompromittieren und anzuwerben suchte.
Brandt wollte freilich erst 1992 von dem früheren Sowjetbotschafter Walentin Falin erfahren haben, was er in seinen jüngst ans Licht gekommenen Notizen festhielt:
"An Kontakten, die EB für mich, dann für HS (Helmut Schmidt -Red.) wahrnahm, seien Angehörige des dortigen Geheimdienstes beteiligt gewesen, von EB wahrscheinlich nicht wahrgenommen."
Der Moskauer Deutschlandexperte Nikolai Portugalow behauptet in seinen (noch unveröffentlichten) Memoiren, Bahr wie Brandt hätten "ohne jeden Zweifel gewußt, mit wem sie es da zu tun hatten". Der Quelle Bahr sei in Moskau auch ein interner Deckname zugeteilt worden: David.
Sowjetische Geheimdienstler und eingeweihte Diplomaten redeten von Bahr, dem Mann mit der wichtigen Miene und der Talleyrand-Attitüde, in der Koseform seines Codes: "Dodik". Als der SPIEGEL ihm das vorige Woche mitteilte, war Bahr, 72, völlig konsterniert: "Unglaublich, ungeheuer."
Von Keworkow hatte Brandt laut seiner Notiz von 1992 nichts gewußt, nur Lednew war ihm bekannt, "der gelegentlich Botschaften von Breschnew überbrachte . . ." Bahr sagt, er habe Slawa in der Pücklerstraße Brandt einmal vorgestellt, Keworkow erinnert sich an Brandt-Worte: "Grüßen Sie Breschnew von mir. Ich wünsche Ihnen und uns Erfolg!"
Der armenische Geheimdienst-Profi Wjatscheslaw ("Slawa") Keworkow war ein Deutschenfreund, er hatte als Kind erlebt, wie nebenan der Hausmeister der deutschen Gesandtschaft in Moskau an Festtagen den Gehsteig mit der Mangelware Seife scheuerte und wie dessen Frau Zigaretten verteilte, die aus Schokolade waren. Für eine Nation mit derlei Eigenheiten empfand Keworkow seither immerwährende "aufrichtige Hochachtung".
Nach dem Krieg wurde sein ganzer Jahrgang von Absolventen der Militärakademie zum Komitee für Staatssicherheit abkommandiert, dem KGB. Sein Kollege und Freund Walerij Lednew, der ansonsten "die schönen Seiten des Lebens liebte", brachte ihn einmal auf einer Party mit dem ZK-Abteilungsleiter Jurij Andropow zusammen, der 1956 als Botschafter in Ungarn einen Volksaufstand erlebt hatte (und ihn niederschlagen half).
Sie redeten über Deutschland, Keworkow erklärte - so sagt er heute - die Vereinigung der gespaltenen Nation für "unausweichlich".
Welch Glück, dieser Gesprächspartner wurde 1967 oberster Chef des KGB. Mitten im Prager Frühling, am 12. Mai des folgenden Jahres, erinnerte Andropow sich seiner und erteilte ihm einen Sonderauftrag:
"Wir müssen sehr rasch, in einem halben bis einem Jahr, ein völlig neues Verhältnis zu Westdeutschland aufbauen. Wir brauchen einen direkten Kanal zwischen der Führung der Sowjetunion und der BRD, der alle mit der Außenpolitik befaßten offiziellen Stellen beiseite läßt."
Dieser Info-Kanal sollte "keine Einbahnstraße" sein, sondern ein "Austausch von Gedanken und Informationen". Was dann geschah, berichtet Keworkow in seinen Memoiren, die Ende Februar erscheinen*. Wo sticht man _(* Wjatscheslaw Keworkow: "Der geheime ) _(Kanal. Moskau, der KGB und die Bonner ) _(Ostpolitik". Rowohlt-Berlin Verlag; 288 ) _(Seiten; 29,80 Mark. ) solch ein Unternehmen an? Igor Witsinos, Ex-SPIEGEL-Korrespondent, kam jedenfalls nicht in Frage, er hatte eine Russin geheiratet und befand sich in jenem anhaltenden "Schockzustand, der jeden Ausländer befällt, der auf eine russische Seele in einem weiblichen Körper trifft".
Aber gerade eine Woche vor dem Auftrag Andropows hatten Keworkow und der als Redakteur bei der Zeitung Sowjetskaja kultura getarnte Lednew eine Nacht lang mit Heinz Lathe getrunken, dem Moskauer Korrespondenten des Handelsblatts und der Frankfurter Neuen Presse, wobei Lathe seine tiefe Liebe zu Rußland beschwor (der Landeskenner wußte um den Hauptberuf seiner beiden Kumpane).
Lathe sprach mit seinem Chefredakteur Robert Schmelzer, der vermittelte über den Regierungssprecher Conrad Ahlers ein Interview mit dem neuen Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Egon Bahr. Der wartete auf ein Echo aus Moskau.
Denn gleich nach dem sozialliberalen Wahlsieg von 1969 suchte auch der neue Kanzler Willy Brandt einen Kreml-Kontakt jenseits des stockkonservativen AA-Apparats. Er schrieb dem Sowjetpremier Alexej Kossygin einen Brief, in dem er vorschlug, "vertrauliche" Erwägungen auszutauschen - nicht wissend, daß nicht Kossygin, sondern allein Außenminister Andrej Gromyko die sowjetische Außenpolitik besorgte. Kossygin gab den Brief Parteichef Leonid Breschnew, der reichte ihn nicht Gromyko, sondern dem Geheimpolizisten Andropow weiter. Keworkow & Lednew kamen ins Geschäft.
Auch Bahr verfügte über keine speziellen Ost-Kenntnisse, kannte Rußland nicht und gab sich damals noch dem Köhlerglauben hin, in der UdSSR herrsche Ordnung, nichts Wichtiges verlaufe unkontrolliert und ungeplant, Lednew komme von Kossygin. Als Rias-Kommentator hatte er bis 1960 heftig Kalten Krieg betrieben, wurde dann Pressesprecher des Berliner Regierenden Bürgermeisters Brandt und entwickelte 1963 die Königsidee vom "Wandel durch Annäherung", den freilich längst linke Sozialdemokraten in Berlin praktizierten und den US-Präsident John F. Kennedy zur Strategie erklärt hatte ("peaceful change").
Nun saß Bahr auf dem Sessel des Adenauer-Vertrauten Globke, der am Ende seiner Amtszeit auch darauf gekommen war, durch Entspannung lasse sich das östliche System domestizieren. Sein Chef Adenauer hatte am 6. Juni 1962 dem Sowjetbotschafter Andrej Smirnow einen zehnjährigen Burgfrieden vorgeschlagen - kurz vor seinem Rücktritt erzählte Adenauer davon im Fernsehen.
Laut Keworkow wollte Bahr mit seiner Ostpolitik der deutschen Einheit näher kommen. Ende Januar 1970 kam Bahr zum erstenmal in die sowjetische Hauptstadt, und zwar gleich zu einem offiziellen "Meinungsaustausch", der in den Moskauer Vertrag münden sollte. Der Ostexperte ahnte nicht, daß man dort zu dieser Jahreszeit, bei minus 20 Grad, eine Kopfbedeckung braucht. Auf dem Flughafen stülpte ihm Lednew die eigene Pelzmütze über. Dann lief Bahr tagelang durch die Moskauer Kaufhäuser auf der Suche nach einer Schapka, nicht wissend, daß die im Winter dort nicht zu haben war.
Bahr wollte am liebsten, so Keworkow, binnen eines Tages kontrahieren - wie es bei deutsch-sowjetischen Allianzen Brauch war. Er verhandelte bis zum Sommer, erst mit Falin, dann mit Gromyko, hernach Außenminister Walter Scheel mit Gromyko. Nebenher und insgeheim stimmten sich Bahr und Keworkow miteinander ab.
"Was wir bereden, ist völlig unabhängig von dem, was Sie mit Gromyko besprechen. Der Generalsekretär legt Wert darauf, eigene Informationen zu haben", sagte ihm Keworkow, so Bahr, der nun begriff, daß die Sowjetunion kein homogener Block war. In einem Geheimtreffen mit Bahr fand Falin - zum Zorn der DDR - die Lösung, den westdeutschen Einheitswillen wenigstens in einem Brief festzuhalten.
Nach diesem Erfolg flogen Keworkow und Lednew regelmäßig von Moskau nach Berlin-Schönefeld, wo ständig ein dunkelblauer Ford für sie bereitstand. In Dahlem redete man im Wintergarten oder in der Diele und nahm auch zusammen ein Mahl ein, "Bier zu allen Gerichten", vermerkt Keworkow, der sich heute noch über die Themen wenig ausläßt: Breschnew wollte etwa wissen, ob er in seiner nächsten Rede das West-Berlin-Problem ansprechen sollte, oder Brandt verhalf einer westdeutschen Firma zu sowjetischen Handelskontakten.
Traten Probleme auf, fuhr Keworkow in die Sowjetbotschaft Unter den Linden oder nach Karlshorst (wo ihm ein persönlicher Chiffrierbeamter zugeteilt war), um mit Andropow zu telefonieren. Noch öfter fuhr Lednew, dem Bahr ein Dauervisum besorgt hatte, auch nach Bonn.
Nachdem der Kanal gegraben war, unterrichtete Bahr den Sicherheitsberater des US-Präsidenten, Henry Kissinger, der selbst solche geheimen Spielchen pflegte und sich gelegentlich auch des Bahrschen Kanals bediente. Andropow aber gratulierte seinem Emissär Keworkow, erklärte den Kontakt zur Chefsache und mahnte die Geheimhaltung an. Keworkow informierte immerhin den Deutschlandexperten seines Außenministeriums, Falin, der von einem "edlen Unterfangen" redete: Sein eigener Chef Gromyko halte die Deutschen nur für so wichtig "wie einen zentralafrikanischen Stamm".
Gromyko warnte hernach selbst den KGB-Agenten Slawa, schon Lenin habe die deutschen Sozialdemokraten der Prostitution geziehen: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie mich in eine geheime, ich betone: geheime Verschwörung mit der deutschen Führung hineinziehen . . ." Aber er widersetzte sich nicht dem Unternehmen Andropows, der Keworkow darauf zum "geschickten Kanalarbeiter" ernannte.
Als die CDU/CSU-Opposition versuchte, die Ratifizierung des Moskauer Vertrags durch den Bundestag mit dem Sturz der Regierung Brandt zu verbinden, trat Keworkows Kanal erst richtig in Aktion.
Bahr wollte den Kritikern an der Ostpolitik den Wind aus den Segeln nehmen: Er bat um das sowjetische Protokoll des Gesprächs Adenauers mit dem Sowjetbotschafter von 1962.
Das Dokument fand sich an, "darin umreißt der deutsche Kanzler tatsächlich eine ähnliche Position zur UdSSR wie heute Brandt", enthüllte Gromyko dem Keworkow und lehnte die Herausgabe ab: Das sei ein Vertrauensbruch. "Morgen gibt uns keiner mehr die Hand, und man spricht mit uns nur noch unter Zeugen."
Bahr zeigte sich "sehr mißgestimmt", aber auch zufrieden: "Unsere Rechnung ist aufgegangen: Auf Sie ist Verlaß", versicherte er seinem Konfidenten Slawa Keworkow.
Nun erwog Andropow, ob sich nicht die Stimmen von Oppositionsabgeordneten kaufen ließen. Bahr meinte dazu, so Keworkow: "Wir haben das Geld nicht, deshalb reizen uns derartige Möglichkeiten wenig." Aber Moskau hatte das Geld (siehe Auszug Seite 22).
Die Moskowiter werteten die Verträge mit Bonn als Triumph, Andropow rühmte sich in einer Politbüro-Sitzung 1971 des Bahr-Kontakts. Wer der "Pfundskerl" sei, der das arrangiert habe, wollte Breschnew wissen und beförderte Keworkow zum General. Er wurde der 1. Hauptverwaltung (Auslandsnachrichtendienst) des KGB operativ unterstellt.
Andropow hatte den höchsten Posten in der UdSSR fest im Blick, gestützt auf seinen mächtigen Geheimdienst. Mit dem KGB verfügte er über mehr Auslandsinformationen als Gromykos diplomatischer Apparat, er setzte seinen Geheimdienst als einen entscheidenden außenpolitischen Faktor ein.
Im Keworkow-Kanal habe es nie eine Indiskretion gegeben, lobte der KGB-Chef seinen Kanalarbeiter, "andernfalls hätte es für Brandt und Bahr übel ausgehen können". Denn die beiden Sozialdemokraten hätten gewagt, "sich mit dem Teufel zu verbünden".
Und: "Bald wird man Bahr die ,Finger des KGB'' nennen. Man wird soviel Schmutz über ihn ausgießen, daß er sich bis an sein Lebensende nicht davon reinwaschen kann. Warum riskiert er soviel?"
Die Frage habe er ihm auch schon gestellt, erwiderte Keworkow seinem Chef. Bahrs Antwort sei gewesen: "Für Deutschland." Dazu Andropow: "Klingt sehr revanchistisch."
Über die Risiken der geheimen Spiele war Bahr sich wohl weniger im klaren, zumal er das vorgegebene Ziel Wiedervereinigung ("Quatsch") langsam aus den Augen verlor, der Wandel auf der anderen Seite ausblieb, die SPD sich jedoch emsig annäherte. In seinen schriftlichen Dienstberichten an die KGB-Zentrale schilderte Keworkow blumig, wie geschickt er "gegnerische Observierung" abschüttelte. Bahr speise ihn mit vertraulichen Informationen, ihm bleibe auch fürderhin keine Wahl, damit fortzufahren. Das berichtet Portugalow, selbst langjähriger KGB-Offizier.
Die Treffs in der Pücklerstraße wurden von allen Geheimdiensten belauert, auch von den eigenen beider Partner. Kaum war Keworkow durch die Mauer gen Westen geschlüpft, verfolgten ihn einmal zwei Wagen. Andropow tippte auf Stasi-Beschatter und schickte Keworkow zum DDR-Geheimdienstchef Mielke. Der gab kund, alles zu wissen, "was vor meiner Nase passiert", sogar "worüber Sie sprechen und welche Papiere Sie austauschen".
Mielke konfrontierte seinen sowjetischen Besucher mit einer Pressemeldung ("Ich glaube, es war der SPIEGEL"), die Russen hätten Brandt zu seinem 60. Geburtstag ein großes Glas Kaviar verehrt: "War das Ihre Aktion?" Keworkow nutzte die Gelegenheit, seine Kompetenz vorzuführen: Es sei ein Geschenk Breschnews gewesen. Sofort beendete Mielke die Audienz.
Geschenke förderten die Freundschaft. Bahr, so ein Moskauer Gerücht, soll im Frühling 1970 aus dem Reservefonds der Leningrader Eremitage mit Teppichen, Porzellan und Bildern bedient worden sein. "Quatsch", dementierte er jetzt gegenüber dem SPIEGEL: Falin habe ihm einmal gestattet, sich aus einer Ausstellung sowjetischer Kunst in Bonn ein Bild auszusuchen.
Nachdem Brandt den Friedensnobelpreis erhalten hatte, wollte er auch seine Kanalarbeiter mit einem Orden dekorieren. Slawa malte sich schon aus, wie er im Zentrum der sowjetischen Geheimpolizei, der Lubjanka, "in Generalsuniform mit dem Eisernen Kreuz auftauchen werde".
Die beiden Sowjetagenten erhielten ein Foto von Brandt mit Widmung. Sie hatten sich verdient gemacht. Die deutschen Wähler honorierten Brandts und Bahrs Ostpolitik 1972 mit einem triumphalen Wahlsieg der Sozialdemokraten.
Moskau reagierte mit ideologischer Abgrenzung. Dazu gehörte es, den Regimekritiker Alexander Solschenizyn auszuschalten. Per Kanal riet Brandt dem Lednew, hernach Bahr dem Sowjetchef Breschnew selbst, Solschenizyn in den Westen ausreisen zu lassen.
Fünf Tage nach einer öffentlichen Solidarisierung Brandts mit dem anderen Nobelpreisträger am 2. Februar 1974 empfahl Andropow seinem Parteiobersten Breschnew, Keworkow solle mit Bahr die Details einer Überstellung des Schriftstellers in die Bundesrepublik besprechen.
Die Einzelheiten stehen in dem Buch "Lynchjustiz im Kreml", das voriges Jahr in Moskau erschien. Am 8. Februar traf sich Keworkow mit der "Vertrauensperson" (russisch: dowerennoje lizo) Bahr, am nächsten Tag beschloß das ZK den Fahrplan: Botschafter Falin sollte den Bonner AA-Staatssekretär Paul Frank bitten, am 13. Februar um 8.30 Uhr empfangen zu werden - anderthalb Stunden vor der Kabinettssitzung -, um mitzuteilen, Solschenizyn werde um 17 Uhr Ortszeit in Frankfurt am Main eintreffen. Ändere Brandt seine Meinung, bleibe der Dissident unter Arrest.
So lief es aber gar nicht. Am 13. telefonierte Keworkow nachmittags mit Bahr: Das Flugzeug mit Solschenizyn befinde sich schon in der Luft. Bahr, überrascht: "So kann man mit den Dingen _(* Mit Staatssekretär Karl Ravens 1974 ) _((TV-Aufnahme). ) nicht umgehen." Doch Solschenizyn wurde in Empfang genommen.
Eines Tages zeigte Andropow seinem Slawa einen Bericht über die Moskau-Visite des SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner 1973, verfaßt von der ZK-Abteilung für Internationales: Wehner habe deren Chef Boris Ponomarjow, seinem Altgenossen aus Komintern-Zeiten, vertraulich mitgeteilt, _____" Brandt sei als Politiker am Ende, habe in der Partei " _____" keinerlei Ansehen mehr, trinke viel und sei ein rechter " _____" Schürzenjäger. Nach Wehners Worten teile Honecker, zu dem " _____" er ständig vertrauliche Kontakte unterhalte, diese " _____" Meinung. Beide wunderten sich, weshalb man in Moskau so " _____" auf diesen "politischen Leichnam" setze. "
Andropow über Brandt: "Warum nährt er eine solche Schlange an seinem Busen?" Er folgerte: Die große Gefahr sei, daß Wehner ein ganz reales Komplott mit Honecker schmiede. Brandt habe den unverzeihlichen Fehler begangen, nicht vorauszusehen, daß Honecker ihm den begeisterten Empfang der Einwohner von Erfurt 1970 niemals verziehen habe.
Im Rausch plauderte Lednew sein Herrschaftswissen in Lathes Moskauer Wohnung auch noch aus: Denkbar sei eine Front Honecker-Wehner gegen Breschnew-Brandt (SPIEGEL 36/1974).
Anfang Mai 1974 hörte Keworkow im Kanal von der Quelle David, Wehner rede von kompromittierenden Fotos, die den Kanzler in Damengesellschaft zeigten; Brandt werde unter Umständen dem Druck nicht standhalten und zurücktreten.
Der KGB-General flog sofort nach Moskau, Andropow meinte, alles sei schon im Herbst zuvor "bei der Geschichte mit Wehner" abzusehen gewesen. Er telefonierte mit Breschnew, der röhrte: "Der deutsche Staatsschutz sitzt in der Scheiße, wo er auch hingehört! . . . Fotos mit Weibern?" Wenn es die von ihm gäbe, "würde ich dafür noch Geld hinlegen, besonders wenn ich darauf wie ein richtiger Mann aussehe. Auf keinen Fall aber würde ich zurücktreten".
Breschnew, der selbst durch eine Palastrevolution gegen Chruschtschow an die Macht gelangt war, zeigte sich über Brandts "Feigheit" und die erfolgreichen "Intrigen seiner Kamarilla" bestürzt: "Und wer hat sich das ausgedacht? Ausgerechnet unsere deutschen Freunde!" Damit waren die DDR-Genossen gemeint. "Wie ich dabei aussehe, scheint ,die Freunde'' überhaupt nicht zu interessieren, sie haben nur ihre Abrechnung im Sinn!"
Andropow fand "Bahrs Flennen vor laufender Kamera" nach Brandts Rücktritt degoutant; auch auf ihn, der den ostdeutschen Geheimdienst zu "koordinieren" hatte, fiel laut Keworkow ein Schatten: Die DDR-Spione - Guillaume & Co. - hätten "nach der direkten Kontaktaufnahme zwischen den führenden Vertretern der UdSSR und der Bundesrepublik aus der Umgebung des Kanzlers abgezogen werden müssen".
Walentin Falin sagte vorletzten Freitag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf aus, er habe sich so etwas als Botschafter, also bis 1978, auch hinsichtlich sowjetischer Agenten versprechen lassen: Das KGB durfte im Umfeld von Brandt, Scheel, Wehner und anderen Spitzenleuten der sozialliberalen Koalition "keine Aktivitäten" entwickeln.
Tatsächlich knüpfte Falin als Vize-Propagandachef des ZK der KPdSU nun seinen eigenen Geheimkontakt zu Bahr, von Andropow genehmigt und abgesichert. Mitunter ging Falin in seinem Dienstgebäude, dem ZK-Hauptquartier am Moskauer Alten Platz, mit Bahr ganztägig in Klausur.
Keworkows KGB-Kanal freilich blieb auch noch unter Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt in Betrieb, nun aber in einer Berlin-Charlottenburger Privatwohnung, zum Schutz gegen Lauschangriffe bei laufendem Radio.
Der neue Kanzler lud Lednew zum Frühstück ein, wofür der Dickbäuchige sich bei C&A einen neuen grauen Anzug kaufte und sich einen Friseurbesuch in West-Berlin leistete.
Bahr lud Keworkow und Lednew als Gastdelegierte zum Berliner SPD-Parteitag 1979, der den Nachrüstungsbeschluß der Bundesregierung sanktionierte. Gleich darauf lieferte Andropow als Weihnachtsgeschenk einen Vertrauensbeweis besonderer Art: Lednew durfte den vollzogenen Sowjeteinmarsch in Afghanistan (der noch gar nicht erfolgt war) an Bahr und damit Schmidt verraten, sicherheitshalber unter freiem Himmel bei Regen und Wind. Bahr befand: "Eine Aggression reinsten Wassers."
Anschließend trank Lednew mit Freund Slawa in einem Berliner italienischen Restaurant einen Whisky auf das exakt zehnjährige Bestehen des Kanals. Als er später einmal Andropow eine neue Brille mitbrachte, die er bei Rodenstock in Berlin für ihn gekauft hatte, erfuhr Keworkow, daß Andropow sein KGB gegen die Partei eintauschte und Breschnews Geschäfte übernahm. Der Kanal wurde damit stillgelegt.
In Bonn kam die Union an die Regierung. Da erst, als Mitglied einer SPD-Delegation, die unter Hans-Jochen Vogel 1983 nach Moskau fuhr, lernte auch Bahr den Auftraggeber seines Partners Slawa kennen. Vogel stellte Bahr vor, Parteichef Andropow lächelte: "Egon Bahr braucht keine Vorstellung. Ich kenne Sie schon lange."
Der neue Kanzlerberater Horst Teltschik schuf sich seinen eigenen Kanal zu Nikolai Portugalow, nun ZK-Funktionär. Jetzt ging es wirklich um die Wiedervereinigung. Bei Beginn der Gorbatschow-Ära 1985 versuchte die 1. KGB-Hauptverwaltung, auf ihre Weise an den Bahr-Kanal zu erinnern. Sie schickte als Diplomaten getarnte KGB-Leute zu Egon Bahr, die ihn unter Hinweis auf die früheren Kontakte unter Druck setzen sollten - für eine engere Bindung.
Bahr warf die Werber aus seinem Büro und beschwerte sich bei Falin, der die Sache Gorbatschow meldete. Der neue Parteichef, berichtet Portugalow, vergatterte den neuen KGB-Chef Wiktor Tschebrikow, den bewährten Brücken- und Kanal-Bauer Bahr nicht zu verbrennen.
Dessen Partner auf der anderen Seite wurde Vize-Generaldirektor der Nachrichtenagentur Tass und beteiligte sich am Putsch gegen Gorbatschow 1991. Als angemessene Sinekure leitet Slawa Keworkow, 72, heute die Filiale ihrer Nachfolgeorganisation Itar-Tass - in Bonn. Seine Mitarbeiter traten in den Streik, weil sie keinem KGB-General untertan sein wollten. Wegen dieser Enttarnung eines Agenten wurden zwei Redakteure in Moskau bestraft.
Lednew ergab sich dem Alkohol und starb 1987, drei Jahre nach Andropow. Lathe, mit dem alles angefangen hatte und dem Keworkow seine Lebenserinnerungen widmet, nahm sich 1980 mit einem Fenstersturz das Leben. Y
* Wjatscheslaw Keworkow: "Der geheime Kanal. Moskau, der KGB und die Bonner Ostpolitik". Rowohlt-Berlin Verlag; 288 Seiten; 29,80 Mark. * Mit Staatssekretär Karl Ravens 1974 (TV-Aufnahme).

DER SPIEGEL 7/1995
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