27.02.1995

Grüne„WIR WERDEN REGIEREN“

Die Grünen verlangen in Wiesbaden das Innenressort - ein Test für Bonn. Joschka Fischers Öko-Truppe hat sich vom Bürgerschreck zur Bürgerpartei gemausert. Staatstragend und gut angezogen repräsentieren die Grünen-Politiker mittlerweile eine Schicht von jungen, intelligenten, wohlhabenden Wählern - jedenfalls im Westen.
Die Geschichte vom Frankfurter Flughafen macht im Wiesbadener Landtag derzeit die Runde. Man stelle sich vor: Tausende protestieren gegen den Baubeginn des neuen Frachtzentrums, gegen die Rodung eines weiteren Stücks vom Stadtwald.
Demonstranten dringen aufs Startbahngelände vor. Der Innenminister wird von der Polizeiführung gedrängt, den Bundesgrenzschutz zu Hilfe zu rufen.
Niemand weiß so recht, wie die Geschichte weitergeht. Denn möglicherweise ist zu Baubeginn im Sommer der hessische Innenminister ein Grüner.
Ein Öko als Polizeiminister - na und? Seit die Grünen am Sonntag vor einer Woche bei der hessischen Landtagswahl den Wahlerfolg von 11,2 Prozent eingefahren _(* In der ersten Bundestagssitzung mit ) _(der neuen Grünen-Fraktion. ) und damit die rot-grüne Koalition in Wiesbaden gerettet haben, ist für die einstige Protestpartei auf dem Weg zur Macht nichts mehr undenkbar.
In Wiesbaden wollen die Grünen es wissen. Nun geben sie sich als Koalitionspartner des Sozialdemokraten Hans Eichel mit dem Umwelt- und dem Gesundheitsressort nicht mehr zufrieden.
In einem Schlüsselressort wie dem Innenministerium sollen sie nach dem Willen des Bonner Obergrünen und einstigen Wiesbadener Umweltministers Joschka Fischer zeigen, wie staatstragend sie sind. Auf dem Chefsessel soll Fischers Freund und Nachfolger im Umweltministerium, der Rechtsanwalt Rupert von Plottnitz, Platz nehmen. Der Mitbegründer des Republikanischen Anwaltvereins und Terroristen-Verteidiger gilt als ausgewiesener Innenpolitiker, das Umweltministerium ist ohnehin nicht seine Passion.
"Mit einem Grünen als Innenminister", schwärmt ein Fischer-Getreuer, würden "wir in die gesellschaftlichen Schaltbereiche vordringen, in die traditionelle Kunst des Regierens".
Systematisch planiert der alternative Star-Politiker den Weg zur Macht in Bonn.
Fischer baut die Umweltpartei planmäßig aus für die Übernahme auch der klassischen Ressorts. In Frankfurt führt Tom Koenigs mit Erfolg das Dezernat Finanzen. Fischer selbst hat sich bereits als Anwärter aufs Bonner Außenamt ins Gespräch gebracht. Der katholische Metzgersohn aus Gerabronn ist sicher: "Wir werden das Land regieren."
Die Grünen sind vom Bürgerschreck zur Bürgerpartei geworden. Nicht mehr Müsli, sondern "Vollwert", spöttelt die Vorstandssprecherin Krista Sager, 41, sei nun das Programm der Partei, und Kollegin Antje Vollmer sagt es, wie stets, feierlicher: Man sei jetzt "ein Teil des Ganzen".
Der Staat, das sind nicht mehr die anderen. Eine Grüne sitzt nun im Bundestagspräsidium, ein Grüner redet im Kontrollausschuß für die Geheimdienste mit, Grüne reisen nach Washington und Moskau, um über den Umbau von Nato und KSZE zu diskutieren.
Fischer war es, der mit dem Wort von der "Öko-FDP" Entrüstungsgeheul auslöste. Aber das Ziel ist klar: Den Platz der Freidemokraten als dritte Kraft im Parteiensystem sollen die Grünen übernehmen, mit allen Konsequenzen: "Ich glaube nicht, daß es auf Dauer zwei freisinnige Parteien geben wird."
"Ein ausbalanciertes und unverkrampftes Verhältnis zur Macht" hat sich die Partei nach der Vereinigung mit dem Bündnis 90 in ihrer "Leipziger Erklärung" 1993 vorgenommen. Und ganz unverkrampft nähern sich die Volksparteien SPD und CDU den neuen Mitstreitern von gleich zu gleich. Schwarz-Grün? Rot-Grün? Alles scheint möglich.
Grüne Oberrealos sehen ihren Platz schon längst in der politischen Mitte und nicht mehr am linken Rand. Es sei einfach falsch, sich lediglich als "Zwischenlager für frustrierte Sozialdemokraten" anzubieten, räsonierte Bremens Umweltsenator Ralf Fücks. Künftige Wahlen würden nicht links von der SPD entschieden, "sondern im wesentlichen in der Mitte der Gesellschaft", befand der baden-württembergische Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn.
Nach dem grandiosen Hamburger Wahlerfolg im September 1993, als die Grünen mit 13,5 Prozent in die Bürgerschaft einzogen, bejubelte die Spitzenkandidatin Krista Sager schon eine breite "Akzeptanz der Grünen als Volkspartei".
Die Grünen, eine stinknormale Partei - Fischers Gegenspielerin Jutta Ditfurth hat es, bevor sie die Partei wütend verließ, verächtlich vorausgesagt: Die Grünen seien auf dem Weg zur "fünften Miefpartei".
Adrett erscheinen die einstigen Anhänger einer "Antipartei-Partei" (Petra Kelly) nunmehr im Bundestagsplenum, nicht mehr ganz so leicht von den übrigen Parlamentariern unterscheidbar. Vom Schmuddellook sind allenfalls die Jeans geblieben.
Joschka Fischer hatte 1984 seinen großen Auftritt im Parlament, als er sich unflätig ausließ: "Mit Verlaub, Herr Präsident", rief er dem Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen zu, "Sie sind ein Arschloch." Saaldiener führten ihn ab.
"Ausgesprochen höflich und liebenswürdig" findet Hans-Ulrich Klose, der SPD-Vizepräsident des Bundestages, inzwischen die "vernünftiger gewordenen Söhne und Töchter". Brav halten sie sich an den Komment des Hohen Hauses. Selbst zum ökumenischen Gottesdienst vor der Konstituierung des neuen Bundestages traten die Grünen an - zahlreicher als die Sozis.
Konsequent wurden hehre Eckpunkte alternativen Selbstverständnisses ganz still geschleift. "Unsere Wählerschaft versteht mittlerweile, daß man trennen muß zwischen dem, was man parteistrategisch möchte, und dem, was man davon in der Regierung umsetzen kann", sagt Ex-Vorstandssprecher Ludger Volmer.
So könne ein erster Schritt zur proklamierten Abschaffung der Bundeswehr durchaus schon sein, "wenn bei Staatsbesuchen nicht mehr die Parade abgenommen wird", besänftigte er schon vor der Bundestagswahl potentielle Koalitionspartner. Auch deutsche Blauhelmeinsätze sind für viele Parteifreunde Volmers nicht mehr grundsätzlich tabu.
Längst sind die Zeiten vorbei, in denen radikale Barrikadenstürmer und erdverwachsene Öko-Veteranen, friedensbewegte Pazifisten und demogestählte Brokdorf-Kämpfer die Partei repräsentierten. "Wir sind", freut sich Vorstandssprecherin Sager, "über die Milieuzirkel der alten 68er hinaus."
Aber das Milieu, dem die Grünen entstammen, hat auch den Lebensstil, zumal der Jugend, geprägt. Das Lässige, verbunden mit geschärftem Umweltbewußtsein, ist zum weitverbreiteten Verhaltensmuster geworden. Die Emanzipation der Frauen haben sie mit großem Erfolg vorexerziert. Daß der verheiratete Theo Waigel sich mit seiner Freundin Irene Epple "nicht im Wald verstecken mußte", ist für Fischer ein schöner Fall gesellschaftlicher Veränderung: "Theo, das verdankst du uns."
Was die Grünen von der Volkspartei noch trennt, ist ihre etwas elitäre Klientel. Eine "urbane, ideologisch nicht festgelegte, im Wohlstand lebende Wählerschaft jüngeren und mittleren Alters", analysiert die Frankfurter Allgemeine.
Beneidenswert, diese Grünen. Sie können Wähler bedienen, die genügend Lust, Zeit und oft auch genug Geld haben, zu moralisieren und über die wahren Werte der Gesellschaft nachzudenken.
"Die neue Linke der spätindustriellen Wohlstandsgesellschaft", erkannte Forschungsdirektor Hans-Joachim Veen von der Konrad-Adenauer-Stiftung, "kommt gewissermaßen von oben, nicht von unten." Denn die meisten Grünen-Wähler seien gebildete Angehörige der Mittel- und Oberschichten, ursprünglich ganz junge, mit "ausgeprägt postmaterieller" Orientierung.
Konservativen Kreisen sei es schwer begreiflich, analysierte Veen schon vor zehn Jahren, "daß wohlstandsgewohnte Bürgerkinder links oder sogar linksradikal" seien. Doch, so die kühne Vorhersage des Christdemokraten im Jahr 1984: "Die Grünen haben begonnen, eine Stammwählerschaft zu bilden"; es wäre ein Trugschluß, ihnen wegen ihrer Undiszipliniertheiten "Überlebenschancen abzusprechen".
Veens Prognose erwies sich als richtig. "Die Stabilisierung des grünen Wählermilieus", erläutert Parteichronist und Fischer-Freund Hubert Kleinert, stütze sich vor allem auf drei Ergebnisse: Die älter gewordenen Wähler der Anfangsjahre erhielten Zuzug von nachwachsenden Generationen. Der gesellschaftliche Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungskultur fördere postmaterialistische, antiinstitutionelle Einstellungen. Und das Realo-Profil der Partei spreche pragmatische jüngere Aufsteiger an, Beamte wie Angestellte, Werbe- oder Medienleute.
"Der starke Wählerzuwachs auch in gehobenen Wohnvierteln ist neu", stellte Politikprofessor Joachim Raschke in Hamburg nach der dortigen Bürgerschaftswahl im September 1993 fest. In besseren Wohngegenden der Hansestadt stieg der Stimmenanteil der Grün-Alternativen Liste, in früheren Jahren ein Trupp von Linkssozialisten, auf Werte an die 25 Prozent. Raschke: "Früher waren es die Kinder der Wohlhabenden, heute sind es die Eltern, die arrivierten Mittelschichten, die grün wählen."
Das Bielefelder Emnid-Institut ermittelte jüngst bei 30 Prozent der Grünen-Wähler ein durchschnittliches Einkommen über 4000 Mark. Dabei stehen viele von ihnen erst am Anfang ihrer Berufstätigkeit.
Für Wolfgang Gibowski, in Kohls Küchenkabinett für Meinungsforschung zuständig, sind die Grünen "zur etablierten Partei" geworden, die "vor allem in den Kernbereich der FDP-Wählerschaft" vorrückt.
14 Prozent der Selbständigen und 13,4 Prozent der Angestellten wählten in Hessen grün. Gegenüber der Wahl 1991 erzielte die Ökopartei in beiden Wählergruppen ein Plus von rund 40 Prozent. Damit hat sie gleichgezogen mit der FDP. Entsprechend interessant sind die Ökos als Gesprächspartner für die Wirtschaft (siehe Seite 20).
Fischers Erfolgspartei ist eine Partei der Wessis. In den heruntergewirtschafteten Regionen der Ex-DDR fehlt es an materiellen und kulturellen Grundlagen für die postmoderne Befindlichkeit.
So ist es der Partei bislang nicht gelungen, in Ostdeutschland eine Basis aufzubauen. Außer in Sachsen-Anhalt sitzen die Grünen in keinem der Parlamente in den neuen Ländern.
Aber bei Joschka Fischers Vorhaben, die Ökopartei aus der linken Ecke herauszumanövrieren und damit für bürgerliche Wähler attraktiv zu machen, machen die prominenten Ostler auf ihre Weise mit.
Vor allem unter den ehemaligen DDR-Dissidenten, die nach der Wende zu den Grünen stießen, findet sich häufig der neue Typ von Grünen-Politiker: korrekt im Auftreten, verbindlich im Ton und pragmatisch im Denken.
Am Projekt einer ökologischen Bürgerrechtspartei mit guten Manieren hatte schon der "Aufbruch", eine kleine Gruppe um Antje Vollmer, gearbeitet. Die Neuzugänge aus dem Osten veränderten das Bild der Ökopartei noch mehr. "Wir haben den Westlern einen gehörigen Imagegewinn beschert", glaubt die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler.
Gut fürs Image ist beispielsweise der Bürgerrechtler Jens Reich, der Mitbegründer des Neuen Forums, den die Grünen zu den Ihren zählen, obgleich er kein Parteimitglied ist. Seine Kolumnen in der Zeit erreichen zielgenau die von Fischer anvisierte Klientel. Wo Reich schreibt oder diskutiert, wirbt er für ein unverkrampftes Verhältnis zur Gentechnologie oder schwärmt für die Thesen des konservativen Publizisten Konrad Adam.
Nachdrücklich ermuntert der ostdeutsche Professor die Grünen, den "klassischen Liberalismus auf ihre Fahnen zu schreiben" und sich "antietatistischen Positionen zu verpflichten".
Das Gesicht der Partei sei ein "pragmatischmodern-linksbürgerliches Profil mit provokanter Attitüde und gewisser Professionalität", sagt Kleinert. Es klingt, als beschreibe der Grünen-Vordenker im Dienste der hessischen Landesvertretung in Bonn den Vormann in der Bundestagsfraktion: Joschka Fischer.
Für den Chef und Ex-Sponti war Hessen, seine Heimat, stets das Experimentierfeld.
Dort mußten sich die Grünen vom SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner sagen lassen: "Ich bedaure, daß es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins in die Fresse zu hauen." Aber dort wurde auch zum erstenmal das Modell der Tolerierung einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung geprobt. Dort wurde Fischer der erste grüne Minister. In Turnschuhen, die inzwischen im Deutschen Ledermuseum in Offenbach zu besichtigen sind, kam er zur Vereidigung.
Bei einem Teach-in in der Frankfurter Universität begossen die Gegner aus dem Ditfurth-Lager ihn und den Mitkämpfer Daniel Cohn-Bendit mit einem Eimer Wasser. Mit Trillerpfeifen und Wasserpistolen gaben die Fundis auf dem Parteitag in Neumünster schließlich ihre letzte Vorstellung.
Fischers Umbau des Grünen-Projekts zur Bürgerpartei macht etlichen Ökos Probleme. In der Wiesbadener Landtagsfraktion gibt es heftigen Widerstand gegen den Plan, das Innenministerium zu kapern. Eine Grünen-Politikerin: "Fischer agiert wie im Raumschiff Enterprise."
Besonders in der Ausländerpolitik, wo grüne Prinzipien noch besonders stark sind, könnten die Alternativen sich um Kopf und Kragen regieren: "Was ist, wenn wir auf Weisung des Bundesinnenministers dann einen Kurden abschieben müssen und Amnesty bringt ihn gefoltert zurück?" fragt ein Wiesbadener Grünen-Abgeordneter.
Hinter solchen Bedenken verbirgt sich ein Konflikt, der grundsätzlich werden könnte: Bleiben die Grünen auch beim Regieren ihren Prinzipien treu und versuchen, ihre Forderungen nach sauberer Umwelt, weniger Autos und einer ausgewogenen Sozialpolitik zu realisieren? Oder lassen sie sich zu pragmatischer Machtpolitik verführen?
Irritiert sind über den neuen Kurs einige traditionell den Grünen eng verbundene Verbände. "Von fundierter Ökologie", kritisierte etwa der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Jochen Flasbarth, sei bei den Grünen in letzter Zeit "nicht viel zu spüren" gewesen. Selbst bei einem der wichtigsten Themen, der ökologischen Steuerreform, fühlen sich manche Lobbyisten von der Partei ihrer Wahl nicht recht bedient. Zu Öko-Steuern wartet der Bund für Natur- und Umweltschutz seit langem "endlich mal auf ein durchgerechnetes Konzept". _(* Helmut Lippelt, Vera Wollenberger und ) _(Ludger Volmer (r.) im Gespräch mit dem ) _(Außenamt-Staatssekretär Tim Wirth 1994. )
Beunruhigt sehen überzeugte Alternative, wie die Grünen selbst auf ihrem ureigenen Gebiet, dem Kampf gegen die Atomindustrie, zahmer geworden sind. Im November vergangenen Jahres fand in Gorleben eine Demonstration gegen die damals bevorstehende Einlagerung von radioaktivem Müll statt, 100 Kilometer entfernt hielten die Grünen seelenruhig ihren Landesparteitag ab.
"Früher", so meckerte ein Delegierter, "hätten wir erst mal die Tagesordnung geschmissen und wären zu den Leuten von der Anti-AKW-Bewegung nach draußen gefahren." Die Bundestagsabgeordnete Gila Altmann, innerhalb der Partei als Fundi bekannt, beruhigte den Heißsporn: Ein demonstrativer Parteitagsbeschluß sei auch "sehr wirkungsvoll".
Unwiderstehlich, diese Grünen. Mit den Pragmatikern konnte der niedersächsische SPD-Regent Gerhard Schröder vier Jahre lang einer rot-grünen Koalition vorstehen, ohne daß es knallte.
Und solche Grünen werden auch für die Union attraktiv. Nicht alle Christdemokraten sind dabei so euphorisch wie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Heiner Geißler, der seine Partei lieber an der Seite von Joschkas Mannen sieht als verbündet mit SPD oder FDP: "Die Grünen sind die besseren Liberalen", so Geißler.
Anders CDU-Chef Kohl, der die Grünen weder im Bund noch in den Ländern für koalitionsfähig hält. Dennoch steuert die Union die schwarz-grüne Option an, etwa im Saarland oder in Baden-Württemberg.
Der saarländische CDU-Fraktionschef Peter Müller könnte sich eine Zusammenarbeit mit den Grünen vorstellen, sein baden-württembergischer Kollege Günther Oettinger ebenso. Auch Bundesverteidigungsminister Volker Rühe hat keine Berührungsängste: "In Hamburg würde ich Schwarz-Grün nicht ausschließen."
Auch für Spitzenleute wie Wolfgang Schäuble oder Norbert Blüm ist die schwarz-grüne Koalition längst kein Tabu mehr. "Wir müssen uns zu den Grünen hin öffnen", verlangte Blüm. Die CDU müsse endlich Ernst machen mit ihrem Bekenntnis zu einer ökologischsozialen Marktwirtschaft, wie es im neuen Grundsatzprogramm stehe. Für Blüm sind sozial sensible, umweltbewußte Grüne "natürliche Verbündete".
Doch die Wahlexperten der Partei warnen: Die CDU könne ihr Wählerpotential am besten von allen Parteien ausschöpfen, weil sie ihrer Anhängerschaft ein "geordnetes Feindbild" biete. Zu diesem Feindbild gehörten die Grünen, aus dem Blickwinkel der CDU-Wähler stünden die Sozialdemokraten dieser Partei sehr viel näher.
CDU-Generalsekretär Peter Hintze mag deshalb nicht vom liebgewonnenen Feindbild lassen: "Ich will die Grünen wie die Reps verschwinden lassen. Die Republikaner haben wir mit dem Thema Asyl erledigt. Die Grünen erledigen wir, wenn wir deren Themen übernehmen."
Die Grünen haben es so oder so geschafft, mit ihrem Erfolg die Etablierten in Bedrängnis zu bringen. Jedenfalls, empfehlen Schäuble wie Rühe, seien wertkonservative grüne Themen zu besetzen. Der Unionsfraktionschef fordert, die CDU müsse endlich den Einstieg wagen in eine ökologische Steuerreform, die weniger die Arbeit und mehr den Verbrauch von Ressourcen besteuere.
Fischer lehnt jede Form der schwarzgrünen Zusammenarbeit kategorisch ab. Mag auch die Union bei der Wahl der Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer geholfen haben, das war ein Einzelfall: "Uns trennen Welten. Echte Reformen können die Christen doch ohne Abspaltung des deutschnationalen Flügels gar nicht durchstehen."
"Es wird weder in Nordrhein-Westfalen noch in irgendeinem anderen Bundesland ein Wackeln geben", verspricht Vorstandssprecher Jürgen Trittin, "ein anderer Koalitionspakt als Rot-Grün" sei nicht denkbar.
Die Grünen setzen - nach dem Wiesbadener Erfolg erst recht - auf die Roten, selbst in Nordrhein-Westfalen, wo sich Amtsinhaber Johannes Rau seinerseits bislang hartnäckig jedem Liebeswerben der Grünen verweigert. Spätestens wenn in Düsseldorf nur zwei Alternativen offenstehen, die Große Koalition oder Rot-Grün, "muß die SPD eine Richtungsentscheidung treffen", sagt Trittin: "Und egal, wie die ausgeht, werden wir als Partei davon profitieren."
Das ist der Erfolg der Fischer-Macht-Strategie: Die Grünen gewinnen immer.
* In der ersten Bundestagssitzung mit der neuen Grünen-Fraktion. * Helmut Lippelt, Vera Wollenberger und Ludger Volmer (r.) im Gespräch mit dem Außenamt-Staatssekretär Tim Wirth 1994.

DER SPIEGEL 9/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 9/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Grüne:
„WIR WERDEN REGIEREN“

Video 00:32

Uno-Generalversammlung Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter

  • Video "Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien" Video 01:50
    Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien
  • Video "Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand" Video 01:07
    Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand
  • Video "Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator" Video 03:34
    Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator
  • Video "Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser" Video 00:58
    Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser
  • Video "Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?" Video 03:13
    Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?
  • Video "Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen" Video 00:52
    Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen
  • Video "Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet" Video 00:50
    Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet
  • Video "Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon" Video 01:05
    Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon
  • Video "Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot" Video 01:30
    Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot
  • Video "Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss" Video 00:39
    Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss
  • Video "Sturm Ali über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten" Video 01:07
    Sturm "Ali" über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten
  • Video "Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen" Video 03:54
    Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen
  • Video "Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt" Video 00:42
    Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt
  • Video "Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt" Video 00:41
    Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt
  • Video "Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter" Video 00:32
    Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter