13.03.1995

RüstungGewaltiger Brocken

Boris Jelzin will der Bundeswehr ein Riesenflugzeug verkaufen - doch die Militärs mögen es nicht.
Kurz bevor die Narren anrückten, wollte Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) noch schnell eine ernste Sache klären. In der Kabinettssitzung am Tag vor Weiberfastnacht zog er Joachim Bitterlich beiseite, den außenpolitischen Berater des Bundeskanzlers.
Ob denn stimme, erkundigte sich der Bundeswehrchef irritiert bei dem Ministerialdirigenten, was er in der Zeitung gelesen habe: daß die Moskauer Regierung der deutschen Luftwaffe sechs riesige Militärtransporter des Typs Antonow AN-124 liefern und die Kosten der Flugzeuge mit ihren Schulden verrechnen wolle?
Bitterlich bestätigte die russische Offerte. Finanzminister Theo Waigel (CSU), bei dem Moskau mit 50 Milliarden Mark in der Kreide steht, befürworte den Flugzeug-Deal. Und auch Kanzler Helmut Kohl finde solche Geschäfte interessant.
Der Verteidigungsminister allerdings kann dem wenig abgewinnen. Der Riesenvogel bringt der Hardthöhe nichts als Probleme. Rühes Luftwaffeninspekteur Bernhard Mende fürchtet, seine Teilstreitkraft werde sich mit dem Großflugzeug (Spannweite: 73 Meter) überheben. Beistand finden Rühe und die Generale bei FDP-Wirtschaftsminister Günter Rexrodt. Der bangt um ein eigenes Transporter-Projekt der westeuropäischen Rüstungsindustrie.
Die Befürworter des Deals berufen sich auf alte Wünsche des Generalinspekteurs Klaus Naumann. Der General möchte bald Blauhelm-Bataillone auf große Reisen in ferne Länder schicken und klagt seit Jahren über Defizite beim "strategischen Lufttransport".
Die Transall-Flugzeuge der Bundeswehr sind zu klein und für Langstreckentransporte nicht geeignet. Die russische AN-124, fast 70 Meter lang, kann 150 Tonnen Material schleppen und damit 4500 Kilometer weit fliegen. Mit weniger Last legt der Koloß bis zu 16 500 Kilometer nonstop zurück.
Doch Experten der Hardthöhe monieren, daß der Super-Jumbo für die Bundeswehr zu groß sei, zu wartungsanfällig und teuer. Unüberschaubar seien allein die Kosten der Umrüstung auf westliche Sicherheitsnormen.
Rühe müßte für die Jets in diesem Jahr circa 1,25 Milliarden Mark an Waigel überweisen, rechneten die erschreckten Planer in einem internen Papier vor. Das sprenge den Beschaffungsetat der Luftwaffe - knapp zwei Milliarden Mark - und bringe Naumanns Bundeswehrplanung durcheinander, die Rühe diese Woche im Verteidigungsausschuß vorstellen will.
Zudem fragen sich die Militärs, nicht anders als der Wirtschaftsminister, was aus dem Versprechen werden soll, das der Kanzler im vorigen Jahr dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand gegeben hat: Deutschland werde gemeinsam mit Frankreich und anderen Europäern das Nachfolge-Flugzeug für die deutschfranzösische Transall bauen.
In Waigels bayerischer Heimat droht die Flugzeug-Schmiede Deutsche Aerospace (Dasa), eine Daimler-Benz-Tochter, bereits mit dem Abbau weiterer Arbeitsplätze, sollte Bonn das Projekt "Future Transport Aircraft" (FTA) kippen. Die viermotorige Maschine, verspricht die Dasa, werde im Jahr 2001 bei einer neuen Tochterfirma des Airbus-Konsortiums zum Erstflug starten.
Bisher wollte die Luftwaffe den Transall-Ersatz (Schätzpreis: gut 100 Millionen Mark pro Stück) erst vom Jahr 2008 an in Dienst nehmen. Doch mittlerweile überlegen die Hardthöhe-Planer, ob sie die Beschaffung des Euro-Transporters vorziehen.
Inspekteur Bernhard Mende ("Die Luftwaffe ist zwar teuer, aber ihren Preis wert") steckt in der Bredouille. Bezahlen kann er den Russen-Flieger ebensowenig wie das Dasa-Projekt. Der Luftwaffe droht in den ersten Jahren des nächsten Jahrzehnts eine Finanzierungslücke von einigen Milliarden Mark.
Vier Multi-Milliarden-Projekte stehen auf der Einkaufsliste: *___140 Jäger 90; *___110 Transporthubschrauber NH 90; *___der Ersatz für die 80 veralteten Transall-Transporter; *___etwa 30 neue Flugabwehr-Systeme.
Insgesamt ergebe das, so Mende, "einen gewaltigen Brocken". Da sei es schon "verständlich, daß manche Leute angesichts der finanziellen Dimensionen erschrecken".
Zwar wurde vorsorglich schon angeordnet, die Einführung der 140 Jäger über elf Jahre zu verteilen. Aber selbst bei Abnahme von jährlich nur zwölf Exemplaren wird das Jagdflugzeug - bei einem optimistisch veranschlagten Schätzpreis von rund 100 Millionen Mark - in den Jahren 2002 bis 2013 mehr als die Hälfte des Zwei-Milliarden-Budgets der Luftwaffe beanspruchen.
Rund eine Milliarde pro Jahr braucht Mende überdies, wenn Anfang des nächsten Jahrzehnts die Auslieferung der neuen Transporthelikopter beginnt. Ein Exemplar des NH 90, so jüngste Schätzungen, wird nahezu 50 Millionen Mark kosten.
Mit den Ausgaben für Jäger und Hubschrauber wäre das Luftwaffen-Konto demnach erschöpft. Aber es kommt noch mehr dazu. Vorigen Monat unterschrieb Rüstungsstaatssekretär Jörg Schönbohm mit Kollegen aus Amerika, Frankreich und Italien eine Absichtserklärung für die Produktion neuer Flugabwehrraketen: Das System Meads (Medium Extended Air Defence System) soll veraltete Hawk-Raketen ersetzen. Es wird sich, so ein internes Luftwaffenpapier, besonders für "schnelle Eingreiftruppen" eignen.
Mehr als eine halbe Milliarde Mark will Bonn zu den Entwicklungskosten des Waffensystems beitragen. Der "sportliche Zeitplan" (Schönbohm) sieht vor, Meads vom Jahr 2005 an einzuführen. Ausgaben von mehr als sieben Milliarden Mark werden - bisher - dafür veranschlagt.
Generalinspekteur Naumann wird sich mit den Rechnungen der Rüstungslieferanten nicht mehr herumplagen müssen. Der General wechselt demnächst zur Nato nach Brüssel und geht 1999 in Pension. Y

DER SPIEGEL 11/1995
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