13.03.1995

Bücherspiegel„Biest mit Gehirn“

Jan von Flocken, Michael F. Scholz "ERNST WOLLWEBER - SABOTEUR, MINISTER, UNPERSON" Aufbau-Verlag, Berlin; 224 Seiten; 32 Mark.
Als "Pfannkuchen auf Beinen" verulkten ihn seine Mitarbeiter heimlich, gleichwohl zählte er zu den wenigen deutschen Kommunisten mit Charisma: Ernst Wollweber, nach dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 vier Jahre lang Chef des gefürchteten Staatssicherheitsdienstes. Über den schließlich gestürzten Gegenspieler Walter Ulbrichts und Sabotage-Spezialisten mit bewegter Vergangenheit hat das Autorenpaar Jan von Flocken und Michael F. Scholz eine Biographie geschrieben, die zugleich Polit-Krimi ist.
Bösewicht oder Verfolgter? Das Urteil darüber - die beiden Historiker konnten neben Geheimdienstakten und Archivquellen erstmals auch Wollwebers unveröffentlichte Memoiren auswerten - ist so zwiespältig ausgefallen, wie der Mann zwielichtig war. Den einen galt er als "Biest mit dem Gehirn eines bösartigen Wissenschaftlers", andere, etwa die Frankfurter Allgemeine, zollten dem "Künstler Wollweber" Respekt: Er sei ein "Kommunist von Statur".
Wollwebers Lebensweg war abenteuerlich. Nach der Ausbildung zum Sprengvormann bei der Kaiserlichen Marine kam der 20jährige bereits in den Revolutionsmonaten 1918/19 mit dem Spartakusbund, dem Vorläufer der KPD, in Berührung. Fortan kämpfte der linientreue Bolschewist für den Sieg der revolutionären Sache - zunächst als Agitator und militanter Untergrundaktivist, in den dreißiger Jahren mit Sprengstoffanschlägen auf Schiffe Nazi-Deutschlands und seiner Verbündeten. Mindestens zehn solcher Sabotageakte gingen auf das Konto der "Wollweber-Organisation", die den Nazis mit als Vorwand beim Einfall in die Sowjetunion im Juni 1941 dienten.
Die Jahre von 1940 bis 1944 verbrachte der nach Skandinavien ausgewichene Bombenleger in schwedischen Gefängnissen, stets in Sorge um seine mögliche Auslieferung an Deutschland. Dorthin kehrte er nach Kriegsende zurück, nur widerwillig akzeptierte ihn Ulbricht als neuen Stasi-Chef.
Weil Wollweber mehr auf die Abwehr ausländischer Agenten als auf die Bespitzelung der eigenen Untertanen Wert legte, geriet er mit dem SED-Chef aneinander. 1957 nutzte Ulbricht eine innerparteiliche Säuberungswelle, um den eigensinnigen Kommunisten kaltzustellen.
Zum Dissidenten brachte es der etwas regimeskeptisch gewordene Spionjäger allerdings nicht. Den Bau der Berliner Mauer 1961 verteidigte Rentner Wollweber als "absolute politische Notwendigkeit". Er starb 1967.

DER SPIEGEL 11/1995
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