16.01.1995

EIN EHRENVOLLER AUFTRAG

Das Drama ist unvergessen: Am 13. Oktober 1977 entführten palästinensische Terroristen die Lufthansa-Boeing "Landshut", um ihre Genossen von der RAF freizupressen. Grenzschützer stürmten fünf Tage später das Flugzeug, von den Kidnappern überlebte nur eine junge Frau. Sie enthüllt, 17 Jahre danach, Einzelheiten des Attentats. Ihre Aussagen geben erstmals detaillierte Einblicke in die Verflechtungen der internationalen Terrorszene.

Die Bilder der schwerverletzten jungen Palästinenserin gingen um den Erdball. Sie wurden zum Symbol für totalen, fanatischen Terrorismus.

Obwohl die Frau aus mehreren Schußwunden blutete, auf einer Trage weggeschleppt werden mußte, gab sie nicht auf.

"Wir werden siegen", schrie sie mit überschlagender Stimme, "auch wenn ihr mich tötet." Dabei spreizte sie die Finger der linken Hand zum Victory-Zeichen, bäumte sich immer wieder auf: "Kill me, kill me!"

Es war das Ende eines Geiseldramas, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte: Minuten zuvor hatte eine Spezialtruppe des deutschen Bundesgrenzschutzes 82 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder der Lufthansa-Boeing "Landshut" aus der Gewalt palästinensischer Terroristen befreit.

Die Antiterror-Spezialisten von der GSG 9 benötigten gerade mal fünf Minuten, um das fünf Tage dauernde Martyrium der Entführten zu beenden: Sie sprengten die Türen auf, stürmten die Kabine und eröffneten das Feuer aus ihren Maschinenpistolen.

Der Einsatz am 18. Oktober 1977 in Mogadischu, der Hauptstadt des ostafrikanischen Somalia, beendete einen Irrflug, der die Geiseln von Palma de Mallorca über Rom, Larnaka, Bahrein, Dubai und Aden geführt hatte. Unterwegs wurde Flugkapitän Jürgen Schumann von den Luftpiraten erschossen.

Die Rettungsaktion in Somalia war ein voller Erfolg: Nur vier Geiseln und ein Grenzschützer wurden leicht verletzt. Als der Bonner Kanzler Helmut Schmidt die Nachricht vom glücklichen Ausgang am Telefon erfuhr, begann er vor Erleichterung zu weinen: "Das habe ich nicht erwartet."

Das glückliche Ende bildete zugleich den Auftakt zum tragischen Finale des deutschen Terrorherbstes, der am 5. September 1977 in Köln begonnen hatte. Ein Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) entführte auf offener Straße den Chef des Arbeitgeberverbandes, Hanns Martin Schleyer. Ziel der Aktion, bei der vier Begleiter Schleyers erschossen wurden: Die Terroristen wollten elf gefangene Genossen um den RAF-Gründer Andreas Baader freipressen. Weil Bonn nicht nachgab, organisierte die mit der RAF kooperierende Terrorgruppe "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) die Entführung des deutschen Urlauberflugzeuges.

Nachdem die Nachricht von der Geiselbefreiung über Radio verkündet worden war, wurden am Morgen in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim die RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot aufgefunden; nach dem Urteil internationaler Gutachter und Aussagen ehemaliger Genossen hatten sie Selbstmord begangen.

Am nächsten Tag fand die Polizei im elsässischen Mülhausen im Kofferraum eines Audi 100 die Leiche Schleyers. Die RAF-Entführer hatten den Arbeitgeberpräsidenten mit drei Kopfschüssen ermordet.

In Mogadischu gab es Todesopfer nur bei den Terroristen. Der Anführer Zohair Yousif Akache, 23, lag tot im Cockpit, seine bildhübsche Freundin Nadia Shehadah Yousuf Duaibes, 22, starb in der Bordtoilette. Ein dritter Entführer, der 23jährige Nabil Harb, lebte nur noch kurz. Er erlag noch auf dem Flughafengelände seinen Schußverletzungen.

Nur eine aus dem Kommando überlebte - die schreiende junge Frau auf der Trage.

Der Welt wurde die Kämpferin damals unter dem Namen bekannt, der in ihrem falschen persischen Paß stand: als Soraya Ansari. Inzwischen lebt sie in Norwegen unter ihrem richtigen Namen: Souhaila Sami Andrawes Sayeh.

Norwegischen und deutschen Polizisten hat die Palästinenserin jetzt in Oslo erstmals ihr abenteuerliches Terroristenleben geschildert - Namen, Daten, Einzelheiten, Hintergründe.

Ausgepackt hat die ehemalige Freischärlerin nicht freiwillig. Beamte des Wiesbadener Bundeskriminalamts, die seit Jahren ihre Spur verfolgt hatten, stöberten sie im Herbst in Norwegen auf. Am 13. Oktober vergangenen Jahres wurde sie von der Osloer Polizei festgenommen.

Mittelpunkt ihrer Erzählungen: die Entführung der "Landshut". "Es war ein ehrenvoller Auftrag", erinnert sich die Ex-Terroristin, "wir sollten damit beweisen, wie sehr wir Palästina lieben."

Auch heute, über 17 Jahre später, ranken sich um die Geiselnahme Mythen und Spekulationen.

Zu viele Fragen blieben unbeantwortet: Haben tatsächlich Regierungen heimlich die Freischärler unterstützt? Welche Geheimdienste hatten ihre Finger mit im Spiel? Welche internationalen Terrororganisationen waren direkt oder indirekt am Hijacking beteiligt?

Die deutschen Behörden verlangen die Auslieferung der Ex-Terroristin. Sie wollen sie in Deutschland vor Gericht stellen.

Die Vernehmungen der ehemaligen Terroristin verliefen quälend langwierig. Mehrfach erlitt die Palästinenserin Schwächeanfälle, zweimal sackte sie unter den Schreibtisch. Nahezu stündlich mußte sie mit Schmerztabletten versorgt werden.

Souhaila Sami Andrawes Sayeh leidet unter den Spätfol-Palästinenserin
*GESCHICHTE-1 *

gen der Verletzungen von Mogadischu: einem Lungenschuß und mehreren Schüssen in die Beine. Wegen der Beinverletzungen mußte sie mehrfach operiert werden, sie geht heute noch an Krücken.

Ihr Gesundheitszustand sei "sehr schlecht", gab sie zu Protokoll, sie habe "chronische Schmerzen im Körper".

Doch nach und nach rückte sie, zögernd und sich immer wieder berichtigend, mit ihrem Wissen heraus.

Am Abend des 3. November klopfte Sayeh an die Tür ihrer Zelle im Untersuchungsgefängnis Drammen und verlangte nach ihrem Vernehmer, dem Polizeiobermeister Lennart Kyrdalen. Jetzt wolle sie über alles reden.

Das späte Geständnis der heute 41 Jahre alten Palästinenserin ist geeignet, die Zusammenhänge der dramatischen Oktobertage 1977 teilweise in neuem Licht erscheinen zu lassen. Mehr noch: Ihre Aussagen geben Aufschluß über Verbindungen und Rivalitäten in der internationalen Extremistenszene.

Die scheinbar undurchschaubare Welt des Terrorismus, deren Geheimnisse Heerscharen von Agenten und Ermittlern zu lüften versuchen, schrumpft in ihren Aussagen zu einem Mikrokosmos des Schreckens, wo fast jeder jeden kennt.

Sayeh war mittendrin: Sie verkehrte mit dem 1978 verstorbenen Wadi Haddad, Chef der berüchtigten PFLP, auf deren Konto zahlreiche Anschläge und Morde gehen (siehe Kasten Seite 72). Mit Mundhir el-Kassar, dem mutmaßlichen Cheflieferanten für Terrorwaffen, stand sie in Verbindung. Kassar steht derzeit in Madrid vor Gericht, weil er die Waffen besorgt haben soll, mit denen 1985 palästinensische Terroristen das Kreuzfahrtschiff "Achille Lauro" kaperten.

Zum einst meistgesuchten Terroristen der Welt, dem im letzten Jahr festgenommenen "Carlos", bürgerlich Ilich RamIrez Sanchez, pflegte sie eine "sehr persönliche Beziehung"; der Mann, der weltweit für mehr als 80 Morde verantwortlich sein soll, wollte sie angeblich sogar heiraten.

In ihren Aussagen enthüllt Sayeh nicht nur Details der "Landshut"-Entführung, sondern auch Einzelheiten anderer Anschläge und Attentate, von denen sie durch Freunde aus der Terrorclique Kenntnis hatte.

So berichtete sie über den geplanten Abschuß einer israelischen Passagiermaschine 1976 im afrikanischen Nairobi. Das Unternehmen scheiterte, weil offenbar der israelische Geheimdienst Mossad die Hand im Spiel hatte.

Sogar über die Sprengung eines Pan-Am-Jumbos 1988 über dem schottischen Dorf Lockerbie, bei der 270 Menschen getötet wurden, gab sie Hinweise, die deutsche Ermittler hellhörig werden ließen (siehe Kasten Seite 76).

Am bedeutsamsten sind jedoch die Aussagen der Souhaila Sayeh über eine andere Frau - die Deutsche Monika Haas, heute 46. Die steht bei den Ermittlern schon lange im Verdacht, bei dem Entführungsdrama eine Schlüsselrolle gespielt zu haben: Sie soll die geheimnisvolle Unbekannte sein, die das Terrorkommando auf Mallorca mit Waffen versorgte.

Bisher stützte sich die Vermutung nur auf zwei Pfeiler: stumme Zeugen wie Flugtickets oder Meldezettel von Hotels, die Kriminalisten auf Mallorca gesichert hatten, sowie Erkenntnisse aus Akten der Hauptabteilung XXII des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Monika Haas bestreitet bis heute jede Beteiligung an dem Anschlag auf die "Landshut". Doch die Ermittler sind sich immer sicherer, daß ihr Verdacht stimmt. Sayeh hat minutiös geschildert, wie Monika Haas auf Mallorca im Hotelzimmer des Anführers Zohair Akache erschienen sei:

Die Frau, die sie aus Arabien als "Amal" kenne, habe einen "großen Kinderwagen" mit einem Baby hereingeschoben. In dem Wagen hätten, außer dem Kind, mehrere "runde und viereckige englische Bonbondosen" gelegen. In diesen Büchsen seien "die Waffen gewesen".

Die Schilderung des Zusammentreffens auf Mallorca hatte Folgen für die Deutsche: Am 8. November letzten Jahres wurde Monika Haas, die seit 1982 wieder in Frankfurt lebt, wegen Beteiligung an der Flugzeugentführung verhaftet. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft. Die beiden Frauen verbindet mehr, als sie trennt.

Beide wurden als junge Frauen mitgerissen von der Aufbruchstimmung der siebziger Jahre, von der Illusion, die Welt mit Waffengewalt verändern zu können. Und beide ließen sich aus Idealismus in die blutigen Machenschaften fanatischer Revolutionäre verstricken.

Anfangs wollten offenbar weder Monika Haas noch Souhaila Sayeh schießen lernen, sondern helfen.

Sayeh, eine im Libanon als Christin geborene Palästinenserin, war erschüttert über den Bürgerkrieg in ihrem Land, über den Blutzoll unter ihren palästinensischen Landsleuten. "Ich habe gefühlt", sagt sie, daß die Kämpfer "auch für mich und meine Familie gestorben sind". Deshalb sammelte sie in Kuweit, wohin sie vor dem Krieg geflohen war, Geld für den "Roten Halbmond", das islamische Pendant zum Roten Kreuz.

Monika Haas, in Hessen geboren, engagiert sich etwa zur gleichen Zeit bei der "Roten Hilfe" in Frankfurt, einer Organisation zur Betreuung von Gefängnisinsassen. Sie ist empört über den ihrer Meinung nach gnadenlosen Umgang des Staates mit den sogenannten politischen Gefangenen.

Ihre politischen Überzeugungen und ihr Privatleben stehen lange im Gegensatz: Während sie als Telefonistin weiter Anrufe für die US-Army vermittelt, widmet sie sich in ihrer Freizeit dem revolutionären Kampf. Den Job gibt sie auf, verlobt sich mit dem gerade zu zehn Jahren Haft verurteilten Terroristen Werner Hoppe. 1975 taucht sie ab, schließt sich der RAF-Gruppe um den Heidelberger Rechtsanwalt Siegfried Haag an.

Wie Haag und andere Genossen geht sie im gleichen Jahr in den Jemen. Dort lebt sie in einem Palästinenserlager bei Aden, wo Terroristen für den bewaffneten Kampf geschult werden. Es ist das gleiche Lager, in dem ein Jahr später die Palästinenserin Souhaila Sayeh den Umgang mit der Kalaschnikow übt.

Terroristen aus aller Welt lernen im Jemen, mit Handgranaten und Sprengstoff zu hantieren, mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten auf bewegliche Ziele zu schießen.

Monika Haas verliebt sich in den Chefausbilder, einen jungen Palästinenser namens Zaki Helou, den sie später heiratet. Der Ehemann steht ganz oben in der Hierarchie der palästinensischen Guerilla.

Fortan soll sich die Deutsche um die "Internationalisierung des antiimperialistischen Befreiungskampfes" gekümmert haben. Sie soll zwischen Europa und dem Orient gependelt sein, um Nachrichten zu überbringen und um weitere Genossen aus der Roten Armee Fraktion in den Jemen zu schleusen.

Daß Anfang 1976 im jemenitischen Aden die Zusammenarbeit zwischen deutschen und palästinensischen Terroristen verabredet wird, hat womöglich mit ihr zu tun. Der Deal ist simpel: Die Araber versprechen den Deutschen Unterstützung bei künftigen Anschlägen, wenn die RAF ihrerseits der PFLP beispringt.

Die Deutschen machen den Anfang. Sie entsenden im Januar 1976 Brigitte Schulz und Thomas Reuter ins afrikanische Nairobi, wo beide einem Palästinenserkommando beim Abschuß einer israelischen Passagiermaschine zur Hand gehen sollen. Doch der israelische Geheimdienst Mossad verhindert das Attentat, die Terroristen werden verhaftet.

Nach Nairobi beginnt erstmals das Rätselraten, auf welcher Seite Monika Haas überhaupt steht. Haas, die von der PFLP etwas später nach Nairobi geschickt wird, landet zunächst zwar ebenfalls im Gefängnis. Doch während die anderen Mitglieder des Kommandos in Israel zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt werden, kommt sie schon nach kurzer Zeit wieder frei.

Seitdem kursiert bei Nachrichtendiensten in Ost und West der Verdacht, die Frau sei womöglich umgedreht worden. Die Stasi in Ost-Berlin argwöhnt, Haas _(* Vor dem Anschlag auf Mallorca. ) arbeite für einen "französischen oder BRD-Geheimdienst". Arabische Mitkämpfer mutmaßen, der Mossad habe sie geködert. Aus dem Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim kommentiert RAF-Gründer Andreas Baader: "Man kann eben bei keinem ausschließen, daß er umkippt, wenn die Schweine ihn kriegen."

Bei ihren palästinensischen Freunden fällt Monika Haas jedoch nicht in Ungnade. Die junge Frau, die gerade ein Baby erwartet, steht offenbar unter dem Schutz von Wadi Haddad, dem berüchtigten Chef der PFLP.

Von diesem Haddad ist auch die Palästinenserin Souhaila Sayeh, die inzwischen Mitglied bei der PFLP geworden ist, tief beeindruckt. "Er war ein Mann, der jedermann dazu bringen konnte, seinem Wunsch zu gehorchen", erinnert sie sich in Oslo.

Kennengelernt hat Sayeh den PFLP-Oberen Anfang Oktober 1977 im Irak. Sie wird in ein Haus in Bagdad bestellt. Dort trifft sie zunächst drei weitere Palästinenser - Zohair Akache, Nabil Harb und Nadia Duaibes, die späteren Entführer der "Landshut".

Plötzlich taucht Haddad auf. Für Sayeh ist das bloße Erscheinen des legendären Palästinenserführers eine "große Ehre". Als sich der Mann auch noch herabläßt, mit den vieren zu Mittag zu essen, "da habe ich mich sehr bedeutend gefühlt", gibt sie bei ihrer Vernehmung an.

Nach dem Essen eröffnet Haddad den PFLP-Leuten, was er von ihnen erwartet. Sie sollen auf Mallorca ein deutsches Flugzeug entführen. Drei Tage lang unterweist Haddad die künftigen Hijacker detailliert, was sie zu tun haben. Sayeh: "Wir Frauen sollten Handgranaten benutzen, die beiden Männer Pistolen."

Über das wahre Ziel der Aktion äußert sich Haddad nicht. Sayeh: "Er hat erklärt, wir sollten Landsleute aus dem Gefängnis in Israel freipressen." Von der RAF kein Wort.

Weil der psychologisch erfahrene Haddad spürt, wie schwer der sensibel wirkenden jungen Frau die Rolle der brutalen Entführerin fällt, nimmt er Sayeh beiseite und bleut ihr ein, hart aufzutreten: "Souhaila, du darfst dir deine christliche Fürsorglichkeit nicht an den Augen anmerken lassen."

Bevor sie zum letzten Waffentraining geschickt werden, bereitet Haddad die vier schon mal auf den Heldentod vor. "Wenn die Militärs das Flugzeug angreifen", prophezeit er, "werden sie die Entführer töten."

Dreh- und Angelpunkt vor der Entführung ist das Hotel "Costa Azul" in Palma de Mallorca. Dort treffen die Mitglieder des Kommandos nach und nach ein: zunächst, am 6. Oktober, der zum Anführer ernannte Akache, tags darauf Sayeh und Harb, der zweite Mann der Gruppe, und schließlich, wieder einen Tag später, die junge Duaibes.

Tagsüber ziehen die Freischärler nach Haddads Anweisung wie normale Touristen über die Insel. Sayeh: "Wir machten Ausflüge, fotografierten, besuchten viele Restaurants und Cafes."

Nur nachts gibt es zunächst Probleme. Anführer Akache und Sayeh sollen ein Liebespaar spielen und das Hotelzimmer teilen. "Das ärgerte mich", so Sayeh bei ihrer Vernehmung, "weil er der Geliebte der anderen Frau war." In der zweiten Nacht tauschen Sayeh und Duaibes kurzerhand die Zimmer.

Dann taucht im Hotel eine Frau mit schulterlangem blonden Haar und heller Hautfarbe auf, die Sayeh seit langem herzlich unsympathisch ist: "Sie hat nicht gelächelt, machte einen mißmutigen Eindruck."

Die Frau war am 7. Oktober mit einem holländischen Paß auf den Namen Cornelia Christina Alida Vermaesen, geborene Trubendorffer, auf Mallorca angekommen.

Begleitet wurde sie von einem Araber, dessen gefälschter persischer Paß ihn als Kemal Servati auswies. Das Paar reiste als Familie, mit Kinderwagen und _(* Bei einer Zwischenlandung in Dubai. ) Baby. Die junge Mutter, darauf deuten viele Ermittlungsergebnisse hin, war vermutlich Monika Haas.

Die beiden Frauen treffen sich nicht zum erstenmal. Sayeh kennt die blonde Deutsche unter deren Kampfnamen "Amal" schon aus dem Jemen, als Frau des Kampfausbilders Zaki Helou: "Niemand mochte sie. Ich hörte auch, daß die Organisation kein Vertrauen zu ihr hatte" - wegen der Gerüchte über ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Geheimdienst.

Daß ausgerechnet "Amal" die Waffen für den Anschlag schleust, macht Souhaila Sayeh mißtrauisch: "Wie können sie Amal benutzen, wenn sie glauben, sie sei eine Verräterin."

Die Abneigung ist offenbar gegenseitig. Die Deutsche behandelt Sayeh wie einen Domestiken. Sie spricht bei der Übergabe der Waffen ausschließlich mit Akache - "englisch, aber nicht perfekt". Sayeh spielt währenddessen mit dem Kind.

Die Frau mit dem Namen Vermaesen verläßt, wie das Bundeskriminalamt herausfindet, schon tags darauf mit dem Iberia-Flug 492 die Insel. Sie fliegt nach Paris.

Das Kommando betritt fünf Tage später, am 13. Oktober 1977 gegen 12.30 Uhr, die Lufthansa-Maschine "Landshut", die Handgranaten hat Sayeh in ihrem Beauty-case der Marke Samsonite. Die Maschine mit der Flugnummer LH 181 startet um 13 Uhr in Richtung Frankfurt.

Was die deutschen Urlauber, darunter acht Schönheitsköniginnen, Familien, alte Leute und Kinder, an Bord der Boeing erdulden mußten, ist aus Sicht der Opfer schon oft detailliert beschrieben worden - fünf Tage Todesangst und Verzweiflung, Bangen und Hoffnung.

Die Erinnerung der Täterin ist nur noch bruchstückhaft. Dabei hat sie selber das Drama ausgelöst. Wie verabredet, gab sie mit einem schrillen Schrei das Signal zur Geiselnahme: "Ich habe eine Handgranate hochgehalten und die Leute aufgefordert, sich nicht zu bewegen."

Doch die Odyssee des Jets, die einzelnen Stationen der Entführung, hat Souhaila Sayeh schlicht vergessen: "Ich weiß nicht einmal, wo das Flugzeug zwischengelandet ist."

Nur ein paar Details sind ihr noch gegenwärtig: ein kleiner Junge, "den ich liebgewonnen habe", der Geburtstag einer Stewardess, "der mit Kuchen gefeiert wurde", die Fesselung der Passagiere mit Strumpfhosen, "was ich zusammen mit den anderen Entführern getan habe".

Unauslöschlich eingeprägt hat sich ihr jedoch der grausige Tod des Flugkapitäns Jürgen Schumann.

Der Pilot hatte nach einer Zwischenlandung in Aden die Maschine verlassen, um das Fahrwerk zu kontrollieren. Anführer Zohair Akache, der sich stets "Captain Mahmud" nannte, witterte einen Fluchtversuch. Als Schumann zurückkehrte, mußte er niederknien. Der Anführer tötete ihn mit einem Kopfschuß.

Was die Passagiere nie erzählt haben: Laut Souhaila Sayeh hat der tobende Anführer deutsche Geiseln gefragt, ob sie nicht auch meinten, daß der Flugkapitän erschossen werden solle. Sayeh zu ihren Vernehmern: "Einige der Passagiere haben gesagt, sie seien seiner Meinung."

Bevor Zohair Akache den Kapitän umbrachte, fragte er die anderen drei, ob sie Schumann erschießen wollten. "Wir alle", sagt Sayeh, "haben abgelehnt."

Die Drei mußten auf Befehl Akaches die Leiche aus der Touristenklasse durch die Maschine schleifen und vor der ersten Klasse "aufrecht" in einen Schrank stopfen. Der Leichnam sei später aus dem Flugzeug geworfen worden, "weil er allmählich gerochen hat".

An das Ende der Entführung, die Aktion "Feuerzauber" der GSG 9, kann sich Souhaila Sayeh nur verschwommen erinnern: "Ich habe eine Explosion gehört und zwei oder drei Schüsse, dann ist alles still geworden" (siehe Interview Seite 78).

Als sie, noch im Flugzeug, wieder erwachte, erblickte sie "einige dunkelhäutige Männer und maskierte Personen", spürte Schmerzen in den Beinen und in der Brust: "Ich sah das Blut und dachte, ich würde sterben."

Den Tod fürchtete sie damals nicht. "Ich war jung und naiv", erklärte sie den Ermittlern in Oslo, "ich habe mich als Soldatin im Krieg gegen Israel gesehen."

Souhaila Sayeh hat sich von ihrer terroristischen Vergangenheit längst gelöst. Heute sieht sie sich als "Kriegsopfer, das Hilfe benötigt und nicht Strafe". Sie sei durch ihre schweren Schußverletzungen und das Gefängnis in Somalia "körperlich und psychisch" genug bestraft.

Tatsächlich hat Sayeh in den 17 Jahren zwischen Mogadischu und ihrer Verhaftung in Oslo niemals Ruhe gefunden. In der arabischen Welt wurde sie zwar als Märtyrerin verehrt. Weil westliche Behörden sie jedoch unerbittlich verfolgten, war sie weiterhin auf die Hilfe ihrer palästinensischen Freunde angewiesen.

Die griff schon in Mogadischu. Sayeh wurde von den Somalis zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Aber schon ein Jahr später kam sie unter rätselhaften Umständen wieder frei. "Eines Nachts" hätten Soldaten sie aus der Zelle geholt, berichtete sie jetzt in Norwegen; ein Unbekannter habe sie dann in ein Frachtflugzeug nach Bagdad gesetzt.

Auf Vermittlung der PFLP kann sie wenig später nach Prag reisen, um dort die zerschossenen Beine operieren zu lassen - ein denkwürdiger Aufenthalt. In der tschechischen Metropole lernt sie einen europäisch aussehenden Mann kennen, der sie häufig mit Blumen im Krankenhaus besucht und sich Salem nennt. Souhaila Sayeh erfährt, daß der Mann Carlos heißt.

Zwischen den Vernehmern und der Palästinenserin entwickelte sich zu dieser Episode ein denkwürdiger Dialog:
" Sayeh: Carlos sprach mit meiner Mutter darüber, daß "
" er mich heiraten wolle . . . Aber heiraten wollte ich ihn "
" nicht. "
" Frage: Wenn es um Carlos geht, ist das der berühmte "
" Terrorist? "
" Sayeh: Ja, deshalb erzähle ich das ja . . . Er wirkte "
" sehr menschlich auf mich . . . Mama mochte Carlos nicht, "
" sie nannte ihn "Bastard". "

Geheiratet hat sie später einen anderen, den Palästinenser Abu Matar. Über ihren Ehemann sagt Sayeh, der sei "Schriftsteller" und "Professor für arabische Literatur". Matar pflegte mehr als gute Beziehungen zur PFLP, scheint über Details des arabischen Terrorismus bestens informiert zu sein.

Ein Geheimnis der "Landshut"-Entführung hat Souhaila Sayeh wohl gelöst. Doch ein anderes Rätsel bleibt: Welche Rolle spielten die Geheimdienste? Sicher scheint: Mogadischu, Lockerbie, Nairobi - sowohl bei der Vorbereitung der Attentate als auch bei deren Aufklärung haben die unterschiedlichsten Spionage-Vereine ihre Finger mit im Spiel gehabt.

Das Geständnis von Souhaila Sayeh deckt sich in vielen _(* Mit dem damaligen Bonner ) _(Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski ) _((M., hinten). ) Punkten mit Erkenntnissen, die Abwehrspezialisten der ehemaligen DDR-Staatssicherheit über die Hintergründe der "Landshut"-Entführung gesammelt hatten.

Die Stasi-Abteilung XXII/8 (Terrorabwehr, Linksextremismus) führte eine eigene Ermittlungsakte über die Westdeutsche Monika Haas, den Operativvorgang (OV) "Wolf".

Grund: Das DDR-Politbüro, das sich selbst zum Schutzpatron von Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, besonders aber in Nahost, ernannt hatte und die Ausbildung von Untergrundkämpfern finanzierte, wollte über jedes Detail im europäischen und arabischen Terrorismus genauestens informiert sein.

Wo der DDR-Geheimdienst schnüffelte, waren auch die Agenten des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) nicht weit. Und wo der BND lauschte, hörten die Amerikaner mit, hängten sich Franzosen und Russen dran. Der Geheimdienst der Israelis, der Mossad, war ohnehin stets mittendrin - ein weites Feld für Spekulationen.

Wenn es stimmen sollte, daß Monika Haas entgegen ihren Beteuerungen für den israelischen Geheimdienst gearbeitet hat, würde die Entführung der "Landshut" noch einmal in anderem Licht erscheinen. Denn dann hätten die Israelis womöglich vorher von dem Verbrechen gewußt, die Bundesregierung aber nicht gewarnt - eine schwere Belastung für die deutsch-israelischen Beziehungen.

Aber diese Version ist nur eine von vielen kursierenden Varianten. Merkwürdigkeiten gibt es reichlich - bis hin zu der Vermutung, Haas arbeite für den westdeutschen Geheimdienst.

Indiz dafür: Obwohl den deutschen Behörden bekannt war, daß Monika Haas früher Mitglied der RAF gewesen sein soll, blieb sie über ein Jahrzehnt in Deutschland unbehelligt. Sie sei die ideale Agentin gewesen, behauptete ein Stasi-Offizier nach der Wende, "besser konnte eine BND-Quelle nicht plaziert sein".

Für palästinensische Extremisten war seit Nairobi sonnenklar, daß Monika Haas auf mehreren Schultern trug. Laut Stasi-Akten hatten die verhinderten Flugzeugattentäter von Nairobi nach ihrer Freilassung aus einem israelischen Militärgefängnis 1985 geplant, die Deutsche zu liquidieren. Die westdeutschen Sicherheitsbehörden wußten Bescheid - den angebotenen Personenschutz lehnte Monika Haas nach Berichten von Sicherheitsexperten ab.

Laut Aussage der Flugzeugentführerin Souhaila Sayeh haben ehemalige Genossen im Jemen Monika Haas sogar verdächtigt, hinter einem Attentat auf ihren eigenen Ehemann zu stehen. Zaki Helou, mit dem sie zwei Kinder hat, war 1984 in Madrid angeschossen und schwer verletzt worden.

Ob sich die beiden Frauen, deren Schicksale so eng miteinander verwoben sind, noch einmal treffen, vielleicht die eine als Zeugin, die andere als Angeklagte, ist noch völlig offen.

Unklar ist auch, ob sich die Palästinenserin Souhaila Sayeh je vor der deutschen Justiz verantworten muß. Das oberste Gericht Norwegens hat vergangene Woche entschieden, daß über den Auslieferungsantrag neu verhandelt werden muß.

Training mit Sprengstoff, Granaten und Maschinenpistolen

"Wir haben es abgelehnt, den Piloten zu erschießen"

Auf wie vielen Schultern trug Monika Haas?

[Grafiktext]

Chronologie der Schleyer-Entführung

[GrafiktextEnde]

* Vor dem Anschlag auf Mallorca. * Bei einer Zwischenlandung in Dubai. * Mit dem damaligen Bonner Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski (M., hinten).

DER SPIEGEL 3/1995
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