16.01.1995

Das Camp der Desperados

Der palästinensische Terrorismus ist ein Netz mit vielen Spinnen. Die 1967 von Wadi Haddad, dem Kopf der "Landshut"-Entführung, mitgegründete "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) ist eine der giftigsten. Die PFLP trug schon früh Tod und Terror in die Welt.
Erbitterte Auseinandersetzungen innerhalb der Organisation führten zu Säuberungsaktionen und mehreren Abspaltungen. Kaum etwas läuft bis heute in der PFLP ohne Georges Habasch, den einstigen Kampfgefährten des 1978 in Ost-Berlin verstorbenen Haddad. Mächtig ist immer noch die PFLP-GC (Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando) des Ahmed Dschibril, die noch vor ein paar Jahren auch in Westdeutschland agierte.
Zahllose Terrorakte mit Hunderten Toten gehen auf das Konto palästinensischer Desperados: Flugzeugentführungen, Schiffskaperungen und heimtückische Attentate. Die skrupellosen Terroristen zogen eine blutige Spur quer durch Westeuropa und den Nahen Osten.
Ziel war die sogenannte Internationalisierung des Befreiungskampfes - Motto: Terror allerorten. Detaillierte Einblicke in das verwirrende Innenleben der PFLP liefern Vernehmungen von RAF-Kadern, die nach der Wende im Osten Deutschlands sistiert worden sind.
Minutiös wurden, ihren Schilderungen zufolge, in Ausbildungslagern des Nahen Ostens Terroranschläge in Deutschland und Europa vorbereitet: der Mord am Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, die Erschießung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, der Anschlag auf den Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig.
Zentrum und Ruheraum für deutsche Terroristen war lange Jahre ein trostloser Fleck in der Wüstenei Südjemens, etwa zwei Autostunden von der Hauptstadt Aden entfernt, Richtung nordjemenitische Grenze.
"Das Lager lag auf einer Anhöhe", hat die RAF-Terroristin Silke Maier-Witt den Ermittlern des Bundeskriminalamtes berichtet. In einem großen Gebäude hätten alle Terroristen gehaust. "Wegen der Hitze haben wir meistens auf der Veranda geschlafen." Nebenan, in einer Geröllwüste, übten sie mit schweren Waffen für ihre Einsätze.
Generationen europäischer Terroristen sind bei Aden gedrillt worden. Kämpfer der "Front für die Befreiung der Molukken" aus Holland, Killer der irischen IRA, Guerrilleros der baskischen Eta. Ausbilder für das "Waffen- und Zerstörungstraining" seien Deutsche gewesen, hat die Holländerin Luduina Janssen ausgesagt.
Sie trugen Decknamen wie "Khaled" oder "Ali", arbeiteten früher als Rechtsanwälte oder an der Uni und waren jetzt nur noch Spezialisten für den Kampf Mann gegen Mann. Die Teilnehmer der Kurse mußten ein anstrengendes Programm absolvieren: Wüstenlauf in aller Herrgottsfrühe und hartes Waffentraining am Abend.
Der legendäre Venezolaner Ilich RamIrez Sanchez genannt Carlos _(* Nach dem Anschlag in Belgien im Juni ) _(1979. ) ging hier zur Schule, Opec-Attentäter Hans-Joachim Klein schulte mit mittelmäßigem Erfolg die Frauen der Bewegung 2. Juni. Heute erscheinen sie allesamt wie Schattengestalten einer untergegangenen Epoche.
Vor drei Jahren verblüffte der inhaftierte RAF-Kämpfer Peter-Jürgen Boock deutsche Ermittler mit dem späten Geständnis, zeitweise habe sich "fast die gesamte RAF" im Camp aufgehalten. Die Frau des Chefausbilders Zaki Helou war eine Deutsche: Monika Haas.
Die Internationale der Terroristen war bei der Ausbildung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die Anführer genossen alle Privilegien, das Fußvolk hatte nicht einmal sauberes Wasser.
Der frühere Carlos-Vertraute Klein erinnert sich an den "Kadavergehorsam der palästinensischen Genossen, gegen den der bei der Bundeswehr richtig antiautoritär ist. Mich machte das fuchsteufelswild". Kontakte der Gruppen untereinander seien "streng verboten" gewesen, berichtet Souhaila Sayeh, die ebenfalls dort ausgebildet wurde.
Auch die DDR-Stasi war im Geschäft. Sie trimmte den südjemenitischen "Bruderdienst" und wachte so über die Sicherheit der Terroristen aus dem Westen.
Nebenher lieferten sich die deutschen Geheimdienste in der Wüste einen lautlosen Kampf. Im verfeindeten Nordjemen hatte der Bundesnachrichtendienst mit Lauschgerät Posten bezogen, auch das Bundeskriminalamt war vor Ort, um die Geisterarmee ins Visier zu bekommen. Die Stasi installierte für die Südjemeniten ein komplettes Spionageabwehrsystem zum Schutz vor den westdeutschen Spähern.
* Nach dem Anschlag in Belgien im Juni 1979.

DER SPIEGEL 3/1995
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