16.01.1995

„Ich war noch ein Kind“

SPIEGEL: Die Polizei hat Sie in Norwegen aufgespürt. Waren Sie überrascht, als die Ermittler vor Ihrer Tür standen?
Sayeh: Es war gegen halb zehn Uhr abends, ich wollte gerade zur Nachtschicht. Ich hatte mich soeben mit meinem Mann darüber unterhalten, daß unsere Tochter in Norwegen sehr glücklich ist. Da klopfte es an der Tür. Draußen standen sieben oder acht Männer. Ich konnte die Angst in ihren Augen sehen. Wahrscheinlich erwarteten sie, eine Terroristin vor sich zu sehen, eine Flugzeugentführerin.
SPIEGEL: Sie waren in Norwegen mit richtigem Namen gemeldet. Haben Sie denn nicht versucht, sich zu verstecken?
Sayeh: Ich wollte nicht mehr untertauchen. Seit der Lufthansa-Entführung 1977 lebte ich lange Zeit in Angst. Doch jetzt habe ich nicht mehr damit gerechnet, daß man mich nach so vielen Jahren noch bestrafen will.
SPIEGEL: Wissen Sie, wie die Ermittler auf Ihre Spur gekommen sind?
Sayeh: Nein. Es ist wohl ein politisches Spiel zwischen Regierungen. Als die Polizei kam, dachte ich zuerst, es seien Terroristen. Wir hatten Angst, denn mein Mann und ich sind von terroristischen Gruppen bedroht worden, so absurd sich das anhört.
SPIEGEL: Man hört, daß Syrien eine Rolle gespielt hat.
Sayeh: Das ist möglich. Syrien war nicht sehr nett zu uns. Mein Mann ist aus Damaskus ausgewiesen worden. Und die Syrer wußten, daß ich in Norwegen war.
SPIEGEL: Wie sind Sie seinerzeit, im Herbst 1977, zu dem Kommando gestoßen, das die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführte?
Sayeh: Flugzeugentführungen waren für uns damals Medien-Aktionen, nicht so sehr militärische Operationen. Die Mitglieder des Kommandos suchte man danach aus, ob sie sich in westlichen Ländern bewegen konnten, westliche Sprachen beherrschten und sich problemlos in einem Hotel einchecken konnten. Das waren zumeist Leute, die gut ausgebildet waren und sich schick kleideten. Deshalb bin ich ausgesucht worden. Ich hatte aber kaum militärische Ausbildung und überhaupt keine Kampferfahrung. Aus unserem Kommando hatte nur einer militärische Erfahrung, und das habe ich damals noch nicht einmal gewußt.
SPIEGEL: Aber irgend jemand muß die Operation geplant und mit den Aktionen der deutschen RAF koordiniert haben.
Sayeh: Was die Politik angeht, war ich damals irgendwie noch ein Kind. Ich konnte nicht mal die verschiedenen palästinensischen Organisationen auseinanderhalten. Aber ich kannte natürlich den Leiter des Unternehmens, Wadi Haddad. Er war der Kopf hinter allen Operationen.
SPIEGEL: Von den Deutschen wußten Sie also nichts?
Sayeh: Nicht die geringste Idee. Es begann damit, daß ich eines Tages nach Bagdad zu Wadi Haddad gerufen wurde. Es war eine große Ehre für mich, mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Er war für uns Palästinenser eine Legende. Er sagte: "Souhaila, vergiß deine christliche Nächstenliebe. Du mußt jetzt ein hartes Mädchen spielen und dieses Gefühl von Härte auch in deinen Augen ausdrücken, denn die sind zu sanft. Ich weiß, daß du niemandem etwas zuleide tun kannst. Wir werden auch niemandem etwas antun. Aber man soll unsere Stimme überall in der Welt hören." Die _(* Am Donnerstag letzter Woche in Oslo. ) Baader-Meinhof-Gruppe kannte ich damals überhaupt nicht, von denen habe ich erst später gelesen.
SPIEGEL: Dann wußten Sie auch nicht, daß Sie deutsche Gefangene freipressen sollten?
Sayeh: Ich wußte nur von den Palästinensern, die wegen des versuchten Anschlages in Nairobi in israelischer Haft saßen. Ein deutsches Flugzeug war ausgesucht worden, weil wir damals das Gefühl hatten, die ganze westliche Welt sei für die Gründung des Staates Israel verantwortlich - besonders die Deutschen. Für uns war klar: Sie unterstützen Israel aus ihrem Schuldkomplex heraus, was Hitler den Juden angetan hatte. Ich selbst hatte immer jüdische Freunde, in unserer Familie sind viele mit Juden verheiratet. Wir hatten nie etwas gegen die Religion, nur gegen Israel als System.
SPIEGEL: Wie sind Sie eigentlich zur PFLP gekommen?
Sayeh: Das ist eine schwierige Frage. Palästinenser zu sein ist furchtbar. Sie sind immer ein Flüchtling. Nirgends sind sie sicher; immer kann jemand kommen und sagen: Du gehörst nicht hierher, du mußt gehen. Ich habe mich 1975/76 als freiwillige Helferin engagiert, im Libanon-Krieg habe ich Körper toter palästinensischer Kinder gesehen. Meine Familie holte mich nach Kuweit, aber ich konnte den Luxus dort nicht ertragen.
SPIEGEL: Sind Sie vor der Entführung irgendwie eingewiesen worden?
Sayeh: Um Himmels willen! Zwei Monate zuvor gab es so eine Art Training für alle Mitglieder der politischen Organisation. Etwas Gymnastik, Judo, ein wenig Selbstverteidigung und Waffenschulung: öffnen, laden, schießen. Wir versuchten, das mit geschlossenen Augen zu lernen. Und ein paar Tage vor dem Abflug nach Mallorca gab es noch eine kurze Übung, da hat jeder mal eine Handgranate geworfen. Es war eher eine psychologische Vorbereitung als ein echtes Training.
SPIEGEL: Wie sind die Waffen und der Sprengstoff nach Mallorca gekommen?
Sayeh: Wir hatten sie nicht dabei, denn wir durften auf dem Weg dorthin kein Risiko eingehen. Eine Flugzeugentführung wurde ganz genau und präzise geplant, das war eine Art Kunstwerk. Deshalb mußten andere die Waffen dort hinbringen.
SPIEGEL: Waren Sie dabei, als die Waffen übergeben wurden?
Sayeh: Ja, war ich.
SPIEGEL: Dann wissen Sie, wer die Waffen geliefert hat?
Sayeh: Nach langem Graben in der Erinnerung - ja. Ich habe mich bemüht, niemandem ohne Grund ein Leid anzutun, aber ich wollte auf die Fragen der Polizei so präzise wie möglich antworten.
SPIEGEL: Die Vernehmer haben nach einer bestimmten Person gefragt, einer Frau?
Sayeh: Ja, und ich habe eine bestimmte Person genannt.
SPIEGEL: Wie wichtig war dieser Punkt für die deutsche Polizei?
Sayeh: Außerordentlich, das hat mich wütend gemacht. Ich bin doch nur ein kleiner Baustein in einem großen Theater. Ich leide darunter. Ich habe Mitgefühl mit dieser Person. Das ist 17 Jahre her, alles war damals ganz anders. Es gab viele junge Menschen mit Idealen, die heute völlig inakzeptabel sind.
SPIEGEL: Wollen Sie uns den Namen der Frau sagen?
Sayeh: Nein. Ich weiß, daß eine Deutsche in die Sache verwickelt ist. Aber ich möchte in der Öffentlichkeit nicht darüber reden.
SPIEGEL: Während der Entführung wurde der Flugkapitän erschossen. Erinnern Sie sich daran?
Sayeh: Es war schrecklich. Er hatte große grüne Augen. Ich schaute nur seine Augen an. Ich erinnere mich an seine Augen und an den schrecklichen Moment. Mahmud forderte uns auf, ihn zu erschießen, aber wir drei anderen weigerten uns. Wir versuchten, ihn daran zu hindern, den Kapitän zu töten - aber das war nicht möglich.
SPIEGEL: Als die GSG 9 in Mogadischu das Flugzeug stürmte, an was erinnern Sie sich?
Sayeh: Es war ein furchtbarer Lärm, ein schrecklicher Lärm, ich sah plötzlich maskierte, schwarz angemalte Gesichter. Dann wurde ich von Schüssen getroffen _(* 1983 in Damaskus. ) und verlor das Bewußtsein. Als ich nach kurzer Zeit wieder zu mir kam, hörte ich Schießen vom Cockpit und von der Seite her. Nabil lag auf meinen Füßen, er lebte noch. Er hielt sich, ich kann es nicht vergessen, mit seinen Händen an meinen Beinen fest.
SPIEGEL: Haben Sie geschossen?
Sayeh: Nein, ich war geschockt, außerdem hatte ich in dem Moment keine eigene Waffe dabei.
SPIEGEL: Auf Fotos zeigen Sie das Siegeszeichen. Erinnern Sie sich an die Situation?
Sayeh: Ja, einer der Somalis sagte, daß ein Deutscher, der das Flugzeug gestürmt hatte, mich erschießen wollte, als er sah, daß ich noch lebte. Ich wollte zeigen, daß ich bereit war, für die Sache Palästinas zu sterben. Ich wollte ein Zeichen setzen. Ich dachte, jetzt stirbst du als Märtyrerin.
SPIEGEL: Leiden Sie noch unter den Verletzungen?
Sayeh: Körperlich wie auch psychisch. Ich habe Angstzustände. Ich kann nicht allein zu Hause sein.
SPIEGEL: Sie sind in Somalia zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Sayeh: Ja, ich fühlte mich als Freiheitskämpferin, nicht als Kriminelle. Die Haftbedingungen waren so schlimm, daß ich versucht habe, mich umzubringen. Mit meinen Ohrringen schnitt ich mir die Pulsadern auf. Damals hätte ich mir gewünscht, in einem deutschen Gefängnis zu sitzen statt in dieser Hölle.
SPIEGEL: Nach Ihrer Begnadigung gingen Sie in die Tschechoslowakei?
Sayeh: Wegen meines schlechten Gesundheitszustandes, dort gab es gute medizinische Versorgung. Nach der Zeit in der Tschechoslowakei bekam ich sogar einen Brief von Arafat, der es mir ermöglicht hätte, zur weiteren medizinischen Behandlung in die Sowjetunion zu gehen.
SPIEGEL: Warum haben Sie jetzt mit den deutschen Behörden zusammengearbeitet?
Sayeh: Ich bin die einzige Überlebende, ich kenne die Wahrheit. Seit 17 Jahren lebe ich in einem Alptraum, ich will ihn loswerden. Es ist wie die Befreiung aus einem inneren Gefängnis. Seit drei Jahren lebe ich mit meiner Tochter in Norwegen. Das ist unsere neue Heimat. Meine Tochter spricht fließend Norwegisch. Ich bin die einzige, mit der sie zu Hause sprechen kann. Wir möchten gerne hierbleiben. Auch von hier aus würde ich den deutschen Ermittlern helfen können. Y
* Am Donnerstag letzter Woche in Oslo. * 1983 in Damaskus.

DER SPIEGEL 3/1995
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