13.02.1995

StrafjustizGrenzen des Vorstellbaren

Von einem Unglück wird hier die Rede sein. Von einem Rinnsal, das zur Flut schwillt. Von Mißhelligkeiten erst, kaum der Erwähnung wert, wie sie in jedem Leben und Zusammenleben vorkommen. Und dann ist die Katastrophe da - so oder so.
Am 1. Oktober 1985 heiraten in Worms zwei junge Leute, die nach Meinung ihrer Familien nicht gerade füreinander bestimmt sind, Kurt Baum*, damals 23, und Marion Riffel, 21. Es eilt, nach drei Wochen ist schon das erste Kind da.
Der Vater des jungen Ehemannes ist 1976 gestorben, er war Dachdecker. Die Mutter Waltraud Baum wäre gern Schneiderin geworden, das Schicksal hat sie jedoch nur eine Arbeiterin werden lassen. Sechs Kinder hat sie zwischen 1955 und 1962 geboren, von denen fünf am Leben blieben. Später hat sie für andere Leute geputzt und als Witwe die Kinder allein durchgebracht.
Der Vater Marions war Hotelportier in Lorsch, ihre Mutter arbeitete zeitweise als Bedienung. Es kam jedes Jahr ein Kind, 1963, 1964, 1965 und so fort, bis es achte waren, fünf davon Mädchen. Der Vater trank und schlug. Als die Ehe auseinanderging, zog Marions Mutter nach Worms und pachtete eine Gaststätte. Marion mußte helfen.
Als Marion Riffel den Kurt Baum kennenlernt, hat sie weder Ausbildung noch eine Arbeitsstelle, denn die Gaststätte der Mutter ist bereits wieder geschlossen. Erfreut war man bei den Baums über Marion nicht. Die Riffel-Töchter mit zum Teil unehelichen Kindern und Männern zweifelhaften Rufs galten bei den Baums als unfähig, es im Leben zu etwas zu bringen. _(* Alle Familiennamen geändert. )
Waltraud Baum rät ihrem Jüngsten ab, doch was hilft es. Man habe ihr eine "anständige Familie" bieten wollen, sagen Mutter und Sohn rückblickend, "aber sie hat ja nicht gewollt". Doch auch Marion ist irritiert über die Schwiegermutter: Berge von schmutzigem Geschirr in der Küche, und der Kartoffelsalat unter der Eckbank. Man wirft sich gegenseitig das gleiche vor.
Es geht nicht lange gut. Marion habe kein Essen auf dem Tisch gehabt, wenn der Mann von der Arbeit kam, sie sei flatterhaft, verlogen und schlampig gewesen, behaupten die Baums. Kurt habe getrunken, mit anderen Frauen herumgemacht und sich nicht ums Kind gekümmert, heißt es bei den Riffels.
Im Mai 1987 verläßt die junge Frau, schwanger mit einem zweiten Kind, ihren Mann, ohne ein Wort zu sagen. Den eineinhalbjährigen Robert nimmt sie mit. Es wird ihr bedeutet, sie könne ruhig wegbleiben, aber den Sohn habe sie herauszugeben.
Im Dezember 1987 kommt Jenny zur Welt. Sie habe dieses Kind nicht gewollt, vertraut Marion einer Verwandten an, doch leider sei es für eine Abtreibung schon zu spät gewesen.
Im Mai 1988 wird die Ehe von Marion und Kurt Baum geschieden. Schon wieder schwanger, heiratet Marion 1989 einen Mann namens Heino Butt. Wenige Monate nach der Geburt des Mädchens Isabell ist auch diese Ehe kaputt. Dann heiratet sie einen Klaus Jürgen Unkelberg und bringt 1993 wieder ein Mädchen zur Welt. Jetzt hat sie von drei Männern vier Kinder und ist von dem Ganzen hoffnungslos überfordert.
Am meisten bekommen das wohl die ältesten Kinder aus erster Ehe zu spüren, Robert und vor allem die ungewollte Jenny. Sie ist nach Beobachtung der Baum-Partei von Anfang an das Außenseiterkind unter den vieren.
Einmal in der Woche, so ist es seit der Scheidung vereinbart, soll Kurt Baum seine Kinder sehen dürfen, die Mutter behält das Sorgerecht. Doch nicht lange, und die Termine und Abmachungen werden nicht eingehalten. Um den Unterhalt wird gestritten. Kurt Baum meint, sein Geld komme nicht seinen Kindern zugute. Es gibt auch lautstarken Streit mit den wechselnden Ehemännern Marions. Das Zerwürfnis verschärft sich.
Nicht nur der Großmutter Waltraud Baum fallen die blauen Flecken an Jenny auf, wenn sie mit ihrem Bruder Robert zu Besuch gebracht wird. Eine Schwägerin der Baums beobachtet, wie häßlich Jenny von ihrer Mutter Marion behandelt wird: Den ganzen Tag müsse das Kind auf dem Topf sitzen oder in einer Ecke stehen, berichtet sie. Robert erzählt, daß es Haue gebe mit dem Handfeger und daß Jenny angebunden werde, wenn sie nicht schlafen will.
Jenny leidet lange unter einer Windeldermatitis. Die Sorgfalt, Geduld und Mühe, die die Behandlung einer solchen Erkrankung verlangt, bringt niemand für das Kind auf. Schließlich ist das kleine Mädchen so entzündet, daß es blutet.
Eine Verwandte aus der Baum-Familie informiert das Jugendamt über die Zustände. Das Amt reagiert schwerfällig. Nicht jedes Kind, das mal geschlagen werde, könne man gleich in ein Heim stecken, heißt es.
Vater Kurt Baum appelliert ans Jugendamt, daß er seine Kinder zu sich nehmen wolle; seine Mutter werde sich um Jenny und Robert kümmern. Waltraud Baum wird vorstellig, 10mal, 20mal, wie sie sagt, die Schwestern Kurt Baums gleichfalls.
Das Schreien und abwehrende Strampeln von Jenny, wenn sie gewickelt werden soll, schüren das Mißtrauen der Familie Baum obendrein. Was machen die eigentlich mit dem Kind? fragt man sich düster. Es gibt Gerede, das Wort vom sexuellen Mißbrauch fällt. Unbewußt schleicht sich das Gefühl ein, daß der Hinweis auf blaue Flecken nicht ausreicht, wenn man die Kinder wiederhaben will; daß wohl stärkere Argumente vonnöten sind.
Der Verdacht gegen Marions Sippe, die Riffels, der die Kinder Kurt Baums hilflos ausgeliefert sind, so sieht man es, wuchert schon im Jahre 1988. Den Kindern Jenny und Robert, aber auch der später geborenen Isabell ist das Thema von frühesten Kindheitstagen an vertraut.
Von Kinderärzten, denen sie ihre Besorgnis vortragen, werden die Baums nach ihrer Darstellung abgewiesen; das Sorgerecht habe die Mutter, man könne da nicht viel machen.
Den von Sorge, Zorn und Verdacht geplagten Vater irritiert überdies, daß die zweijährige Jenny ihm manchmal zwischen die Beine faßt - "gezielt", wie er meint. Zu seiner Mutter sagt er: "Du hast keine Ahnung, was das Kind macht, ich möchte mal wissen, wo sie das her hat."
Am 7. Juni 1991 bringt eine Schwester Kurt Baums die inzwischen dreijährige Jenny auf Empfehlung einer Kindergärtnerin ("Da wird nicht nach dem Sorgerecht gefragt") in die Kinderarztpraxis Dr. Sievers/Dr. Veit in Worms wegen einer Wunde am Kopf. Das Kind, sprachlich etwas zurückgeblieben, sagt: "Mama mich hingesmissen."
Dr. Christoph Sievers schaut sich als erster Jenny an. Er zählt 15 Blutergüsse sowie Kratz-, Schürf- und Quetschwunden am ganzen Körper. Jenny soll die Hose ausziehen, sie weigert sich und läßt sich auch nicht die Knie auseinanderdrücken. Dann, so erinnert sich der Arzt, habe die Dreijährige gesagt: "Wenn man streichelt, dann lieb ich dich nur." Und: "Wenn man keine Angst hat, ist das in Ordnung."
Was heißt das? Für Dr. Sievers keine Frage: Auf dem Krankenblatt notiert er: "Verdacht auf mehrfachen sexuellen Mißbrauch".
Der Sievers-Befund spricht sich herum. Als erste erscheinen Marion und Klaus Jürgen Unkelberg, ihr dritter Ehemann, aufgeregt in der Praxis und weisen jeden Verdacht von sich. Ihnen folgt am gleichen Tag Großmutter Baum mit der dreijährigen Jenny und klagt: "Mein Gott, was muß noch alles passieren, damit die Kinder nicht mehr zu den Unkelbergs gelassen werden."
Nun wird Jenny von Dr. Veit untersucht. Über den Verdacht auf sexuellen Mißbrauch ist er unterrichtet, auch darüber, wer es getan haben soll: Herr und Frau Unkelberg. Er hört, daß der Kollege "von der Massivität der Befunde" an Jenny beeindruckt ist. Und so findet er eine wunde Stelle an einer Schamlippe, zählt fünf Einkerbungen und Schrunden am Po und findet keinen Schließreflex des Afters. Das erlaubt ihm, den Befund von Sievers zu präzisieren: analpenetrativer chronischer Mißbrauch. "Ein solcher Befund schließt andere Formen sexuellen Mißbrauchs nicht aus" - diesen bei ihm üblichen Standardsatz fügt er hinzu.
Kurt Baum, der Vater, in heller Aufregung, erstattet am 22. Juni 1991 Anzeige gegen Marion und ihren dritten Ehemann wegen des Verdachts auf gemeinschaftlichen sexuellen Mißbrauch von Kindern und der Körperverletzung zum Nachteil des Kindes Jenny. Wenn die Ermittlungen ein Jahr später auch im Sande verlaufen, denn eine Kinderpsychologin hält Jenny für noch zu wenig aussagetüchtig, so hat die Anzeige der Familie Baum doch eines eingebracht: Die Kinder werden sofort zur Großmutter Waltraud Baum geschafft. Endlich ist das Ziel erreicht.
Ob Jenny geschlagen worden ist zu Hause, ob sie vernachläßigt oder ob sie auch sexuell attackiert wurde (die Doktoren Sievers und Veit unterscheiden in ihrer Terminologie nach eigenen Angaben nicht zwischen Mißhandlung und Mißbrauch), danach fragt niemand mehr. Der Befund wirkt.
So ist es nicht verwunderlich, daß nun Marion umgehend ihren ersten Ex-Mann Kurt Baum mit dem Mißbrauchsverdacht überzieht, den er gegen sie und Unkelberg so erfolgreich vorgebracht hat. Jede Seite unterstellt von nun an der anderen das Gräßlichste. Den Kindern bleibt das nicht verborgen. Sie wachsen in die beiderseitigen Unterstellungen hinein.
Sogar vor Gericht beschimpfen sich die Parteien vor den Kindern aufs gemeinste. Das Jugendamt gerät an den Rand der Verzweiflung: Wie soll künftig die Besuchsregelung aussehen? Bei jedem Treffen gehen die Parteien wie Furien aufeinander los. In einem Gutachten heißt es, die Kinder wünschten sich nur zweierlei - ein Ende der Streitereien zwischen den Erwachsenen und mehr Nähe zum Vater und zur Mutter.
Die Diagnose der Ärzte wird von niemandem angezweifelt, nicht vom Jugendamt, nicht vom Vormundschaftsrichter, von den Familien - mit Blick auf die gegnerische Partei - ohnehin nicht. 1992 kommt es wieder zu einem Gerichtstermin, weil Marion Unkelberg ihre Kinder zurückhaben will. Es wird gegen sie entschieden. Jenny, so drückt es ein Mitarbeiter des Jugendamts aus, solle künftig "an den Verein Wildwasser angebunden werden", der in Worms als "Kinderschutzdienst" firmiert.
Am 10. Mai 1993 beginnt die Wildwasser-Mitarbeiterin Ute Plass, 42, eine Religionspädagogin, mit der inzwischen fünfjährigen Jenny zu "arbeiten". Frau Plass ist neu bei Wildwasser. Vom Jugendamt und von Dr.Veit, der dem Verein eng verbunden ist, erfährt sie, daß Mißbrauch bei dem Kind vorliege.
Ute Plass erklärt jedem Kind erst einmal, daß Erwachsene ihm wehgetan hätten. Dann folgt das Spiel mit den sogenannten anatomisch korrekten Puppen (Puppen mit meist langen Zungen, überdeutlichen Geschlechtsteilen und Körperöffnungen, in die der Penis der Mann-Puppe genau hineinpaßt), mit denen auch in der Praxis Sievers/Veit hantiert wird - "für Kinder, die keine Sprache haben". Jenny, ist anzunehmen, kannte sich mit den Puppen bereits aus.
Beim zweiten Termin schon sagt Jenny auf die Frage, wer ihr wehgetan habe: Jürgen. Mama schlage die kleine Isabell. "Jürgen" ist für Frau Plass Jennys Stiefvater Klaus Jürgen Unkelberg.
Dann fragt Frau Plass: "Wie hat Jürgen dir wehgetan?" Daraufhin verhaut Jenny eine der Puppen. Später steckt sie der Kind-Puppe den Papa-Puppen-Penis in den Po. Für Frau Plass heißt das: Jenny ist von Klaus Jürgen Unkelberg anal vergewaltigt worden.
Der ältere Bruder Jennys, Robert, wird auch zu Wildwasser gebracht, er soll bestätigen, was Jenny "aufgedeckt" hat. Erst weigert er sich, verneint alles. Nach vier, fünf Besuchen sagt er ja. Jenny habe nicht gelogen. Frau Plass lobt ihn darauf ob seines Mutes.
Auch Isabell muß nun zu den Ärzten. Marion Unkelberg, so wird vom Jugendamt versprochen, könne die Kinder Jenny und Robert öfter sehen, wenn an der bei ihr lebenden Tochter Isabell keine Mißbrauchsspuren gefunden würden. Anläßlich einer Untersuchung Isabells im März 1993 findet Veit nichts.
Gleichwohl soll auch Isabell zu Wildwasser. Es ist eine schwierige Zeit für das Kind: Das nächste Baby der Marion Unkelberg, Jacqueline, ist knapp drei Monate alt. Die vierjährige Isabell, in der Geschwisterreihe als Jüngste entthront, reagiert eifersüchtig. Und bei Wildwasser hat ihre Halbschwester Jenny bereits aufgedeckt und die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
6. Oktober 1993, Isabell kommt vom ersten Termin nach Hause und erzählt. Sie bringt offensichtlich alles durcheinander. Frau Plass aber notiert eifrig, was das Kind spielt und sagt.
3. November, Isabell und Jenny sind mal wieder gemeinsam bei Wildwasser. Es geht wie immer um Schniedel und Scheide, Po und Pinkeln. Frau Plass lenkt nach eigenen Angaben das Spiel so, daß Isabell vor Jenny sagt, wo Mama und Jürgen ihr weh tun. Sie soll mit den Puppen zeigen, was passiert - und Isabell steckt, nach Auffassung von Frau Plass, den Penis der Jürgen-Puppe in den Mund der Isabell-Puppe. Dasselbe macht sie mit der Baby-Puppe.
Jetzt informiert Frau Plass das Jugendamt. Hektische Betriebsamkeit bricht aus. Der Mann vom Jugendamt kommt. Das Kind soll wiederholen, was es eben mit den Puppen gespielt hat. Es tut, was es soll, und stellt nach allseitiger Überzeugung "oralen Mißbrauch durch Jürgen Unkelberg" dar.
Anschließend soll Isabell dies vor ihrer Mutter Marion zeigen. Da sträubt sich die Vierjährige und flüstert, daß alles nicht wahr sei, Jürgen habe überhaupt nichts gemacht. Frau Plass akzeptiert das nicht: "Ja, heute ist nichts passiert, aber es ist früher passiert." Isabell nickt - und kommt ins Heim.
Auf der Fahrt dorthin nickt das Kind auf Frau Plass'' Frage, ob ein Film gedreht worden sei. Es nennt auf Nachfrage Namen: Andreas, der sei "böse", Sylvia, Nadine, Kevin und viele andere. Um wen es sich dabei handelt, so Frau Plass, erfährt sie von der Großmutter Waltraud Baum, die bereitwillig die ganze Feindessippschaft bis zu den Kindeskindern aufzählt.
Wenige Tage später unterrichtet Frau Plass die Staatsanwaltschaft. Auch Waltraud Baum beteiligt sich aufgeregt an allen Aktivitäten. Sie beschafft Informationen über weitere angeblich Beteiligte, sie gibt Gerüchte weiter und erfährt welche. Sie wirbelt in den Strudel hinein, der sie als erste verschlingen wird.
11. November 1993, richterliche Anhörung von Isabell. Beim Hinausgehen sagt Isabell unvermittelt zu Frau Plass, die sie auf dem Arm trägt: "Und der Robert war auch dabei." Frau Plass fragt zurück: "Und die Oma und die Jenny auch?" Isabell nickt.
Die Oma Baum soll zusammen mit Klaus Jürgen Unkelberg oder einem anderen Mann von der Riffel-Partei Mißbrauch getrieben haben? Frau Plass ist fassungslos. Der Herr vom Jugendamt ist geschockt. Der Arzt Sievers: "Das konnte ich mir nicht vorstellen." Eine Mitarbeiterin des Jugendamts: "Es lag außerhalb unserer Vorstellung, daß diese Erwachsenen solche Kontakte miteinander haben sollten angesichts des wahnsinnigen Kriegs, der zwischen denen tobte."
An dieser Stelle wäre noch Gelegenheit gewesen, die Katastrophe aufzuhalten: wenn jemand nüchtern die Entstehung der durch Vorgaben und Vorhalte erzielten Kinderaussagen geprüft und an der Familiensituation gemessen hätte.
Aber nein. Jenny und Robert werden bei einer Tante untergebracht. Deren drei Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren kommen auch zu Wildwasser und werden, wie Isabell im Heim, geradezu in einen Aufdeckungsrausch hineingefragt. Namen über Namen fallen. Schließlich landen alle Kinder im Heim. Auf dem Höhepunkt werden sogar die Staatsanwältinnen, die sich mit dem Fall befassen, von den Kindern des sexuellen Mißbrauchs beschuldigt.
Noch an jenem verhängnisvollen 11. November 1993 werden Marion und ihre vier Schwestern, Klaus Jürgen Unkelberg und ein weiterer Verwandter festgenommen. Waltraud Baum und ihre zwei Töchter (eine davon ist Arzthelferin von Dr.Veit) sowie deren Ehemänner sind einen Monat später an der Reihe. Kurt Baum, der Vater, der 1991 die Anzeige wegen Verdachts auf sexuellen Mißbrauch erstattet hatte - er wird am 15. Dezember 1993 verhaftet.
Immer mehr Personen kommen in U-Haft, auch solche, die weder mit den Baums noch mit den Familien Riffel oder Unkelberg verwandt sind. Auf sie fällt Verdacht, nachdem eine Fünfjährige zuerst bei dem Arzt Veit und dann bei Wildwasser war, zur gleichen Zeit wie Jenny und Isabell. Die Fünfjährige aus komplizierten Familienverhältnissen berichtet: Mit ihrer vom Vater geschiedenen Mutter Heike habe sie in einer Kneipe Dinge essen müssen, die sie nicht mag, zum Beispiel Spinat.
Frau Plass kommt auf die Idee, daß das Kind womöglich Sperma habe schlucken müssen. Die Stiefmutter des Mädchens dringt weiter in das Kind und hält ihm vor: "Ich weiß, daß die Heike dich gezwungen hat, Samen zu essen." Das Kind: "Ja."
Frau Plass, überzeugt, einem Kinderporno-Ring auf der Spur zu sein, schlägt vor, die Lokale der Umgebung mit den Kindern abzufahren; vielleicht finde sich die Kneipe. Inzwischen spricht auch Isabell von dem Lokal, man darf annehmen, auf Vorhalt von Frau Plass - mit der Folge, daß ein Wirt verhaftet wird. Sein Lokal liegt in Sichtweite von Frau Plass'' Wohnung.
Und nun ist auch die Rede von einem öffentlichen Schwimmbad, in dem es einen Bademeister namens Erich gebe. Dort seien die Kinder hingebracht und unbekannten Männern gegen Entgelt zugeführt worden. Den Bademeister hat man nicht gefunden, das öffentliche Bad auch nicht. Wann es geschehen sein soll, weiß niemand. Die Beschuldigungen geraten vollends außer Kontrolle.
Am 24. November 1994 beginnt in Mainz der erste Prozeß gegen sieben Angeklagte aus der Baum-Familie. Zwei weitere Prozesse gegen Personen aus dem Riffel-/Unkelberg-Umkreis und Nicht-Verwandte wie etwa den Wirt folgen. Bis jetzt sind 25 Personen beschuldigt, 15 Kinder mißbraucht zu haben.
Vor Gericht erscheinen die Zeugen Stephan Veit, 48, und Christoph Sievers, 50, die Ärzte, die sich die Feststellung sexuellen Mißbrauchs als Spezialität zugelegt haben. Seit Jahren betrachten sie die kleinen After und Scheiden unter der Lupe, sie beleuchten, messen und fotografieren die durch Spreizen erzielten Öffnungen und erkennen "eindeutige Anzeichen", wo andere Kinderärzte zumindest Alternativursachen erwägen. Sievers: "Wenn wir Kinder auf sexuellen Mißbrauch untersucht haben, hat sich das auch bestätigt."
Veit hat auch eine Theorie zur Täterfeststellung: "Das wissen wir einfach - wer immer den Verdacht auf sexuellen Mißbrauch vorträgt, kommt immer auch tätermäßig in Betracht." Er hat eine Sehschwäche, kann die Farben Rot und Grün nicht unterscheiden. Seine Befunde, zum Beispiel Rötungen, beurteilt er, wie er sagt, "nach Helligkeitswerten".
Die Zeugin Plass von Wildwasser: Der "fachliche Bereich des sexuellen Mißbrauchs" ist laut Jugendamt in Worms an diesen Verein delegiert. Dessen Hauptaufgabe, heißt es, sei die Aufdeckung sexuellen Mißbrauchs. Frau Plass gibt sich vor Gericht als Anhängerin von Professor Tilman Fürniss, Münster, zu erkennen. Bei dem habe sie ein Jahr lang eine "sehr intensive Ausbildung für die Aufdeckung sexuellen Mißbrauchs" an zehn Wochenenden absolviert, weil er nach ihrer Auffassung "die Kapazität in Deutschland im Bereich des sexuellen Mißbrauchs" ist.
Die Öffentlichkeit ist von der Schuld der Angeklagten schon vor Prozeßbeginn überzeugt dank der Mainzer Staatsanwaltschaft. Der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Seeliger, 60, an der Seite seiner Ermittlerinnen Martina Fischl und Heike Finke, schwor die Medien ein: Der Fall sprenge die Grenzen des Vorstellbaren! Kein Zweifel an den Aussagen der Kinder! Kein Zweifel an den eindeutigen massiven Spuren von Mißbrauch! Ungewöhnlich gut belegt!
Das Gericht mit dem Vorsitzenden Ernst Härtter, 61, verhandelt nicht nur deshalb unter fast unerträglichem Druck. Liegt es daran, daß die Kritik und die Zweifel, die vor allem die Verteidiger Michael Harschneck, Mainz, und Franz Obst, Koblenz, vorbringen, allenfalls mit Unmut und Abwehr zur Kenntnis genommen werden?
Das Gericht wird trotzdem klären müssen, ob die Kinder tatsächlich beschuldigen oder ob sie von Erwachsenen - unbewußt und aus unterschiedlichstem Anlaß - in Situationen gebracht wurden, in denen möglicherweise harmlose Worte und Gesten bereits zum Anstoß für den späteren Aufdeckungstaumel wurden. Auch das Mainzer Gericht wird der Frage irgendwann nicht mehr ausweichen können, ob aus dem Sud von Familienstreit, Aufdeckungsarbeit, ärztlicher Selbstsicherheit, erregter Besorgnis und dilettantischem Ermittlungseifer noch herauszudestillieren ist, was wirklich geschah.
Am 14. Januar starb Waltraud Baum in ihrer Zelle an einem Herzinfarkt. Am letzten Verhandlungstag, den sie erleben mußte, schilderte ein Zeuge die panische Angst, die die Kinder angeblich heute vor ihrer Oma hätten. In der Allgemeinen Zeitung in Mainz hieß es, die Angeklagte sei an ihrem letzten Sitzungstag "erheblich belastet" worden. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Sexueller Mißbrauch von Kindern *
stellt die Strafjustiz in sogenannten Massenbeschuldigungsverfahren vor ein neues Problem. Die "Aufdeckung" derartiger Straftaten steht für hochengagierte Kämpferinnen wider die Gewalt gegen Frauen und Kinder an erster Stelle. Jetzt erinnert ein im sogenannten Montessori-Prozeß in Münster erstattetes Gutachten daran, daß vor der Aufdeckung die Aufklärung zu stehen hat. Auch für andere Großprozesse dieser Art ist das Gutachten bedeutsam, da es auf die international als gesichert geltenden Regeln der Glaubwürdigkeitsprüfung von Kinderaussagen hinweist. In Mainz, wo es zur Zeit um den angeblich massenhaften sexuellen Mißbrauch von Kindern in Worms geht, sind solche Überlegungen noch nicht zu erkennen.
* Alle Familiennamen geändert.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 7/1995
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