13.03.1995

Kirche„Gott würde es billigen“

Nachsicht für die Täter, Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, vorsätzliches Vertuschen - die katholische Kirche deckt Geistliche, die sich des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und Jugendlichen schuldig machen. Das behauptet eine amerikanische Fallsammlung, die nun in Deutschland als Buch erscheint.
Vater James Porter wirkte erstaunlich gelassen, als er in einem Telefoninterview gefragt wurde, wie viele Kinder er wohl mißbraucht habe. "Das weiß ich nicht", stotterte er. "Nun, sagen wir, irgendwo zwischen 50 und 100."
Dieses ungeheure Bekenntnis, ausgestrahlt von einer kleinen amerikanischen Fernsehstation, löste eine Flut von Anrufen aus. Innerhalb weniger Tage nach der Sendung meldeten sich 48 Opfer aus dem ganzen Land. Sie erzählten, was sie als Kinder mit Father Porter erlebt hatten, damals, als sie sieben oder acht Jahre alt waren. Sie waren vergewaltigt worden.
So entstand eine Sammlung von ziemlich ekligen Horrorgeschichten über einen Priester, der offenbar, wohin man ihn auch versetzte, regelrecht Jagd auf Kinder machte.
Weitere Fernsehsendungen, diesmal vor Millionenpublikum, folgten. Porter geriet unter Druck. Er ließ von seinem Anwalt eine lapidare Erklärung verlesen: "Ich war in den sechziger Jahren, während meiner Zeit als römisch-katholischer Priester, ein sehr kranker Mann. Meine Krankheit trieb mich dazu, eine Reihe von Kindern zu mißbrauchen."
Diese Entschuldigung interessierte niemanden. Nachdem 79 Menschen aus Massachusetts, New Mexico und Minnesota Anzeige gegen James Porter erstattet hatten, wurde er wegen fortgesetzten sexuellen Mißbrauchs an Minderjährigen vor Gericht gestellt.
Das war erst der Anfang. Als die Geschichte von James Porter im Laufe des Jahres 1992 in den Abendnachrichten wie eine groteske Fortsetzungsserie aufgerollt wurde, fühlten sich plötzlich Hunderte von Opfern im ganzen Land ermutigt, ihr oft langjähriges Schweigen zu brechen und weitere kirchliche Vergewaltiger zu entlarven. Rund zwei Jahre lang sammelten die amerikanischen Autoren Elinor Burkett und Frank Bruni diese Fallgeschichten. Sie dokumentierten die fieberhafte Suche der Opfer nach Beweisen, die aufwendigen Reisen durch das ganze Land, um die Täter zu finden, die massiven Anwürfe gegen die Kirchenoberen, die turbulenten Gerichtsverhandlungen.
"Das Buch der Schande", das jetzt auf deutsch erscheint, ist zwar keine repräsentative Studie, immerhin aber eine bislang einzigartige und eindrucksvolle Chronik über die Verfehlungen katholischer Priester*. Sie beschreibt das Leiden der Kinder, ihr späteres, oft völlig zerstörtes Leben als Erwachsene. Gleichzeitig werden die Täter, wenngleich ihre Taten monströs und widerwärtig sind, nicht dämonisiert und verdammt. Burkett/Bruni lassen sie zu Wort kommen und zeichnen ihre Berufskarrieren nach. Und dadurch erst wird die Fallsammlung zum Skandal.
Denn sie belegt, wie zynisch, ignorant, ja geradezu kriminell die Kirchenoberen mit ihren schwarzen Schafen umgegangen sind. Das Buch, das in den USA heftige Diskussionen auslöste und einen ganzen Berufsstand ins Zwielicht brachte, könnte auch in der Bundesrepublik die Debatte darüber vorantreiben, wie hartnäckig die Kirche das Thema sexueller Mißbrauch bis heute verharmlost und verdrängt, wie sehr sie die Täter in Schutz nimmt und wie wenig sie bereit ist, den Opfern zu helfen.
Durch diese fatale "Solidarität", das belegen Burkett/Bruni, geht der Mißbrauch oft jahrelang weiter, mit immer neuen Opfern. Ausreden sind beliebt - am häufigsten behaupten die Priester, ihre kleinen Zöglinge zärtlich zu lieben. Sie leugnen dabei, daß sie gegen deren Willen handeln und sich hinter den _(* Elinor Burkett/Frank Bruni: "Das Buch ) _(der Schande. Kinder, sexueller Mißbrauch ) _(und die katholische Kirche". Europa ) _(Verlag, Wien; 400 Seiten; 44 Mark. ) "erotischen Freundschaften" eine perfide Ausnutzung priesterlicher Autorität verbirgt. Die Täter, für ihre Opfer asexuelle Wesen, mißbrauchen das Vertrauen, das sie in Kindergruppen, Gottesdiensten und während der Ausbildung von Ministranten genießen. Die Folgen sexueller Übergriffe sind für die Betroffenen katastrophal.
Der Freiburger Psychoanalytiker Johannes Cremerius hat Angstzustände, Schlafstörungen und eine besondere Art von Denkhemmung bei betroffenen Kindern beobachtet: "Sie wirken fast schwachsinnig, weil sie sich - aus einem Schutzmechanismus heraus - dumm, empfindungslos machen."
Die zerstörerische Kraft der Vergewaltigungen hinterläßt die Kinder verzweifelt, innerlich zerrissen von Schuld- und Schamgefühlen, in tiefer Verwirrung und Panik vor dem Leben.
Die von Burkett/Bruni US-weit aufgestöberten Fälle haben eine Besonderheit. Anders als bei vielen Anzeigen wegen sexuellen Mißbrauchs, in denen häufig Aussage gegen Aussage steht und das Erinnerungsvermögen der Opfer bezweifelt wird, bekannten sich fast alle Priester schuldig. Einige wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, andere wegen Verjährung der Tat freigesprochen.
Ein Unrechtsbewußtsein, ermittelten Burkett/Bruni, herrschte am ehesten bei solchen, die sich an mehrere Kinder oder Jugendliche heranmachten und sie mit religiösen Drohungen einschüchterten. So verführte Vater Jay den 13jährigen Tim und schärfte ihm ein: "Das bleibt unter uns. Das ist etwas ganz Besonderes. Gott würde es billigen." Tim glaubte ihm und hatte, da Gott im Lauf der Zeit nicht einschritt, keinerlei Zweifel an dessen Billigung.
Vater Kelley mißbrauchte die neunjährige Jennifer. "Sex ist okay", sagte er. "Gott sieht das gern." Jennifer war sich nicht so sicher. "Ich wußte, daß ich mit Gott irgendwann Ärger bekommen würde", meinte sie im nachhinein.
Aber Jennifer hatte keine Ahnung, was sie machen sollte. Wie viele Opfer war sie zu jung und stand dem Täter emotional zu nahe, um ihm Grenzen zu setzen. Cremerius: "Ein Priester ist eine erhöhte Figur, ein Eingeweihter, fast ein Heiliger. Den tritt man nicht einfach ans Schienbein und sagt ,Hör gefälligst auf.''" Durch diese Verwirrung im Unbewußten sei die Tat besonders schlimm: "Wenn ein solcher Mißbrauch länger dauert", sagt Cremerius, "dann ist das entsetzlich. Dann ist das Leben dieses Kindes schwer geschädigt, vielleicht für immer."
Nachsicht für die Täter, Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern - das paßt zu dem, was Karin Kortmann, Vorsitzende des Bundes der deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), aus ihrer eigenen Arbeit kennt. Je höher in der Hierarchie, desto mehr werde gekungelt. Es sei schwierig, das Thema anzusprechen.
So hat der BDKJ vor zwei Jahren ein Papier an die Gremien der Deutschen Bischofskonferenz geschickt, das fordert, das Thema sexuelle Gewalt in die Lehrpläne für die Aus- und Fortbildung zu integrieren, kirchliche Beratungsstellen für die Opfer einzurichten, Therapieplätze für die Täter bereitzustellen. Gleichzeitig gilt für Kortmann: "Kein Vertuschen, kein Verharmlosen, sofortige Suspendierung." Nur - gerade diesen Schritt will die Kirche laut Kortmann häufig nicht tun. Lieber schickt sie ihre Sünder zum Beten in Exerzitien - und in eine andere Gemeinde. Dazu kommt die Körperfeindlichkeit der Kirche, die Verdammung der Fleischeslust. Cremerius hält die Täter für Männer mit einer gestörten Sexualität, Gemeindehirten, die "mit dem Gelübde des Zölibats nicht zurechtkommen". Das entschuldige allerdings nichts. "Wenn ein Priester merkt, daß er verführbar ist, muß er sich behandeln lassen oder den Beruf aufgeben."
Die Kirche, so Kortmann, müsse endlich aufhören, das Problem zu leugnen. Nicht die Masse der Täter sei entscheidend, sondern das Delikt an sich. "Ob es 2 oder 20 sind, ist egal. Daß es überhaupt welche sind, ist der Punkt", sagt sie und gerät in Fahrt. Einfach nur nichts zu tun findet sie empörend. "Da hat die Kirche sowohl Personalverantwortung als auch Fürsorgepflicht, und beide nimmt sie nicht wahr."
Auch in Deutschland stehen immer wieder Kirchenvertreter vor Gericht. Gegen einen katholischen Pfarrer in Schwarzenbek, Kreis Herzogtum Lauenburg, der vier Jungen mißbraucht haben soll, wurde Anklage erhoben.
Wegen sexuellen Mißbrauchs eines Kommunionschülers verurteilte das Krefelder Landgericht im März 1994 einen 54jährigen katholischen Pfarrer zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren. Er hatte sich an einem achtjährigen Jungen vergangen. Während des Verfahrens gestand er seine pädophilen Neigungen und mehrere andere Mißbrauchsfälle. Die waren allerdings längst verjährt.
Für großes Aufsehen sorgte 1993 der Fall des damals 65jährigen katholischen Pfarrers Josef K. - er stand vor dem Augsburger Landgericht und hatte sich dafür zu verantworten, ein zwölfjähriges Mädchen mit Nacktaufnahmen unter Druck gesetzt zu haben. Immer wieder hatte sie mit ihm zu schlafen. Er drohte ihr, andernfalls werde er die Nacktaufnahmen ihrer Mutter zeigen.
Diese Fotos seien, so erzählte die inzwischen erwachsene Zeugin, bei ihrem ersten Besuch im Pfarrhof entstanden. Sie habe ein Glas Meßwein getrunken und sei dann eingeschlafen. Pfarrer K. gab zu, diese Aufnahmen gemacht zu haben und mit dem Kind immer wieder ins Bett gegangen zu sein. Das Mädchen sei aber bereits 14 Jahre alt und durchaus willig gewesen.
Das Alter des Mädchens war für den Prozeß entscheidend. Denn nur wenn Kinder unter 14 Jahre alt sind, kann ein Täter wegen sexuellen Mißbrauchs verurteilt werden. Andernfalls gilt die Tat "nur" als Fall von Verführung Minderjähriger. Und die ist nach fünf Jahren verjährt.
Das Gericht konnte nicht herausfinden, ob der Pfarrer seinem Opfer damals Schlafmittel einflößte. Eindeutig hingegen war, daß das Mädchen noch keine 14 war und daß der Priester keineswegs keusch lebte.
Ein Blick in seine berufliche Laufbahn zeigte: Der Angeklagte hatte reichlich Zeit, sich kindliche Opfer zu suchen. Bereits zwischen 1966 und 1979 soll er sieben Mädchen in der Allgäuer Gemeinde Trauchgau belästigt haben. Eine Nonne meldete diese Fälle. Doch statt dem Verdacht auf den Grund zu gehen, unterrichtete das bischöfliche Ordinariat in Augsburg seinen Priester über den cleveren Umgang mit Verjährungsfristen.
So erhielt der verwirrte Unterhirte brieflich den Rat, sich still zu verhalten und im eigenen Interesse den Ablauf der dreijährigen Verjährungsfrist abzuwarten.
Der damalige Generalvikar Eugen Kleindienst argumentierte vor Gericht so wendig, daß Nebenklägervertreter Karl Günzel in Rage geriet. Kleindienst habe als Zeuge vor Gericht "bewußt die Unwahrheit" gesagt und behauptet, von den Verfehlungen des Pfarrers keine Ahnung gehabt zu haben. Um ihrer selbst willen habe die Kirche versucht, alles zu vertuschen, und in "unverantwortlicher Weise" weitere Verfehlungen des Priesters in Kauf genommen.
Pfarrer K. bekam vier Jahre Haft ohne Bewährung. Seinem Mentor und Helfer, dem Generalvikar Kleindienst, hat sein Auftritt bei Gericht nicht geschadet: Einen Tag nach seiner Zeugenaussage ernannte ihn der Augsburger Bischof zum Finanzdirektor der Diözese. Y
* Elinor Burkett/Frank Bruni: "Das Buch der Schande. Kinder, sexueller Mißbrauch und die katholische Kirche". Europa Verlag, Wien; 400 Seiten; 44 Mark.

DER SPIEGEL 11/1995
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