27.02.1995

LeichtathletikBleistift oder Radiergummi

Streit um Deutschlands größtes Ausdauertalent: Wie dünn darf eine Läuferin sein?
Auf den Fluren der Mönchengladbacher Fachhochschule ist Sonja Krolik, 22, eine von vielen. Kaum jemand registriert, daß an der Studentin der Betriebswirtschaft Pullover und Hose immer eine Nummer zu groß wirken.
Wenn Sonja Krolik aber im hautengen Rennanzug über die Straßen von Rheydt läuft, lassen sich ihre spindeldünnen Arme und Beine nicht länger verbergen, die Beckenknochen ragen spitz hervor. Beim Training wirkt die Marathonläuferin wie auf der Flucht; gehetzt von zweifelnden Blicken und kritischen Bemerkungen.
"Motorische Ausfälle" haben sie ihr attestiert, gar eine "lebensbedrohliche Unterernährung". Vom Fachmagazin Spiridon ("Sonja kriegt ihr Fett weg") bis zur Frankfurter Allgemeinen ("Wer nicht essen will, muß fühlen") wurde über Muskelschwund und "unheimliche Gewichtsfixierung" spekuliert.
Und auch die Funktionäre der Deutschen Triathlon-Union (DTU), für die Sonja Krolik schwamm, radfuhr und lief, ehe sie sich für den Marathon entschied, malen emsig das Bild einer vom Ehrgeiz zerfressenen Athletin. Sie hätten die Sportlerin sogar aus dem A-Kader gestrichen, um sie vor sich selbst zu schützen. "Wir haben mit unseren eigenen und fremden Ärzten alles versucht und sind leider gescheitert", gab sich DTU-Präsident Martin Engelhardt betont ohnmächtig.
Sonja Krolik weiß, daß sie bei 1,71 Meter Größe und 48 Kilogramm Körpergewicht der Einschätzung, sie leide unter Magersucht, kaum entkommen kann. Der Hungerwahn ist eine der bedrohlichsten Geißeln des modernen Leistungssports, eine psychische Krankheit, ausgelöst durch Streß und Überforderung. Die Betroffenen graust es vor der Nahrungsaufnahme, weil sie mit jedem Bissen negative Folgen für ihre Leistung fürchten (siehe Kasten).
Fällt das Stichwort, beginnt Sonja Krolik verlegen am Verschluß ihres goldenen Armreifs zu nesteln, die großen blauen Augen füllen sich mit Tränen. Vielleicht, räumt sie dann ein, "bin ich etwas dünn". Doch im gleichen Atemzug zählt sie auf, was sie alles ißt: "Plätzchen, Eis, Kuchen, Nudeln, Obst." Vor allem aber habe sie "kein Problem mit dem Kopf".
Der Holz- und Eisengroßhändler Rolf Krolik sieht im Psycho-Aspekt der Vorwürfe einen "Rufmord - gerade so, als wäre meine Tochter drogenabhängig". Deutschlands Langlaufelite, betont er, "wiegt kaum mehr". Und sehen die afrikanischen Läufer "neben Sonja nicht aus wie durch den Wind geblasen"? Für den Vater steht fest, daß enttäuschte DTU-Funktionäre Deutschlands größtes Ausdauertalent "wie ein gestürztes Rennpferd schlachten wollen".
Nach nur einem Jahr Triathlon-Training war Sonja Krolik 1990 bereits Jugend-Europameisterin, ihr neunter Dreikampf über 1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen machte sie zur Junioren-Weltmeisterin. Solange die Erfolge stimmten (es folgten noch zwei WM-Titel bei den Junioren und zwei Europameisterschaften in der Frauenklasse), galten Begabung, Willenskraft und das Pflichtbewußtsein, sich exakt an die vorgegebenen Trainingspläne zu halten, den Funktionären stets als Vorbild.
Als der Verbandsarzt bei einem Test in Leipzig einen Körperfettanteil von nur 4,9 Prozent (normal sind 10 bis 13) ermittelte, wurde auch dieser Wert eher als Beleg für ihre Einzigartigkeit denn als medizinische Bedrohung gewertet.
Getreu einer alten Läuferweisheit ("Vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummi") empfahlen Trainer und Ärzte der ehrgeizigen Athletin, ihren Muskelaufbau nur ganz geringfügig zu steigern, um die Leistungen im kraftfordernden Schwimmen zu verbessern. "Wenn ich mich dabei an die Ernährungspläne der DTU gehalten hätte", sagt sie heute, "wäre ich wirklich verhungert."
Doch Sonja Krolik konnte in ihren Körper nicht mehr hineinpumpen, als in 25 Wochenstunden Schwerstarbeit auf dem Rad, im Schwimmbecken oder auf der Laufstrecke an Kalorien verbrannte. Da half auch nicht, daß die Mutter schon mal Sahne unter den morgendlichen Magerquark mischte.
Regelmäßige Besuche beim Hausarzt und gelegentlich eine Computer-Tomographie zur Ermittlung der Knochendichte beruhigten die Athletin. Auch der Bundestrainer sah die einzige Gefahr für Sonjas Karriere darin, daß die sich angesichts ihrer Überlegenheit "mit der Zeit beim Triathlon langweilt".
Olympische Spiele galten der Dauersiegerin bald als "neuer Reiz". Da Triathlon aber erst zum Jahr 2000 ins olympische Programm aufgenommen wird, begann Sonja Krolik parallel mit dem Langlauftraining, lief sich im vergangenen Jahr beim zweiten Start mit einer Zeit von 2:31 Stunden beim Berlin-Marathon in die nationale Spitze.
Die glänzende Perspektive und ein schwerer Sturz bei ihrem ersten Hallen-Triathlon in Paris beschleunigten den Wechsel zur Leichtathletik. Die Weltmeisterschaft 1994 in Neuseeland, so entschied Sonja Krolik, sollte ihre Triathlon-Karriere beenden.
Doch gleich zu Beginn der vierwöchigen Vorbereitung brach sie sich den Mittelfuß; ob der ungewohnten Belastungen rebellierte auch der Körper. Sonja Krolik wog nur noch 43 Kilo, als sie zum Schwimmen in den Industriehafen von Wellington sprang und schon nach der ersten Disziplin ihr Startband zum Zeichen der Aufgabe abgab - "völlig demoralisiert" und auf 35 Grad Körpertemperatur abgekühlt, wie sie einräumt.
Hier entstanden dann jene Bilder, für deren Verbreitung die DTU-Funktionäre nach Sonjas Wechsel ins andere Lager gezielt sorgten und die die Athletin nun, längst wieder mit 48 Kilo Wettkampfgewicht, vehement zu korrigieren versucht. Ständig erklärt sie neugierigen Nachbarn und Kunden des elterlichen Betriebes, "kein psychisches Problem" zu haben, und weist windige Berater ab, die sich ihr als Gewichtsexperten andienen. Und am vergangenen Wochenende versuchte Rolf Krolik, Trainer und Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes zu beruhigen, die von den DTU-Vorwürfen aufgeschreckt worden waren.
Um Sonja Krolik langfristig in die Marathon-Weltspitze zu führen, hat ihr neuer Trainer Paul-Heinz Wellmann zunächst das Trainingspensum "erheblich zurückgefahren". In diesem Jahr ist zudem nur der Start bei der Marathon-Weltmeisterschaft in Göteborg geplant.
Und mit einer speziellen Zusatzernährung will der olympische Bronzemedaillengewinner von 1976 "dem Glücksfall für die Leichtathletik" auch noch die Kraft für den Endspurt einflößen. Sonja Krolik selbst hatte erkannt, daß alle Läuferinnen, die sie auf den letzten Metern überholten, "dickere Beine" hatten.
"Wenn es auch zynisch klingt", so Wellmann, schickt er sie jetzt mit einer anderen Läuferweisheit ins Rennen: "Am Ende brechen die Bleistifte - die Radiergummi rollen weiter." Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Magersucht *
trifft besonders Athletinnen aus artistischen Sportarten wie Turnen und Eiskunstlaufen oder aus Ausdauerdisziplinen wie dem Langlauf. Appetitlosigkeit wird für die Mädchen zum psychischen Zwang - mitunter wird gehungert bis in den Tod. Da das geringe Körpergewicht zur Leistungssteigerung von Trainern und Betreuern gewünscht ist, wird die psychosomatische Störung oft bewußt ignoriert. Die Sucht ist nur mit lang andauernden Behandlungen zu therapieren; Eßverhalten und Körpergewicht normalisieren sich meist erst nach Jahren. Folgen der Magersucht sind hormonelle Veränderungen wie das Ausbleiben der Regelblutung, aber auch Osteoporose: Die Knochen werden mürbe, es kommt zu Ermüdungsbrüchen; in schweren Fällen lösen sich große Teile des Skeletts förmlich auf.

DER SPIEGEL 9/1995
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