23.01.1995

Strafjustiz

Unverkennbar - Ronald Reagan

Gerhard Mauz zum Beginn des Prozesses gegen O. J. Simpson in Los Angeles

Von Mauz, Gerhard

Die Verhandlung gegen Orenthal James Simpson, 47, beginnt in dieser Woche vor der Jury in Los Angeles zu einem glücklichen Zeitpunkt. Im November vergangenen Jahres ist gewählt worden. Im Januar dieses Jahres haben die Republikaner zur Halbzeit der Präsidentschaft eines Demokraten nach 40 Jahren wieder die Macht im Senat und im Repräsentantenhaus übernommen.

Inzwischen fragen sich angesichts dessen, was jetzt über sie kommt und was ihnen genommen werden soll, nicht wenige Wähler, ob sie sich richtig entschieden haben. Und die Nichtwähler plagt die Frage, ob sie sich nicht doch hätten beteiligen sollen.

Hinzu kommt, daß man zwar die Großmacht ist, doch eine ratlose, nahezu verächtliche Rolle in der Welt zu spielen scheint: Es ist ein Glücksfall, daß gerade jetzt der eigentliche Prozeß um die Schuld oder Unschuld von O. J. Simpson beginnt.

Mindestens für ein halbes Jahr (wenn nicht ein Erdbeben über Kalifornien kommt) ist nun der Bildschirm angesichts sozialer, wirtschaftlicher, innen- und außenpolitischer Notstände eine Zuflucht. "The most publicized murder trial in history", so Newsweek, hat begonnen.

Die TV-Programme haben die Vereinigten Staaten in Sachen Simpson bis heute mit allem versorgt, mit Crime, Rassenhaß, Sex, Frauennot, mit kriminalistischen und juristischen Thesen, Antithesen und Spekulationen.

Als sich Simpson am 17. Juni vergangenen Jahres der Vollstreckung eines Haftbefehls für Stunden durch die Flucht in einem Geländewagen entzog, starrten fast 100 Millionen Amerikaner fasziniert auf die Bildschirme. Die Verhandlung vor der Jury, die jetzt beginnt, wollen nach einer Umfrage von Newsweek 82 Prozent der Amerikaner verfolgen.

Er soll seine geschiedene Frau und einen zufällig anwesenden jungen Mann mit dem Messer zu Tode gemetzelt haben: Er, eine Legende des US-Football, ist ein afroamerikanischer Aufsteiger aus den Slums der Schwarzen, der auch nach seinem Rückzug aus der Arena einen Platz in der amerikanischen Öffentlichkeit behielt, als Sportkommentator, als Schauspieler und als Werbeträger. Simpson hat auch für Orangensaft im Fernsehen geworben, für Orange Juice. Darum wird O. J. Simpson liebevoll "The Juice" genannt.

Nun wird er vor Gericht sitzen, und zwölf Geschworene sollen Recht sprechen. Sie sollen unbefangen sein und die Beweise und Gegenbeweise, die vor ihnen erörtert werden, unvoreingenommen würdigen.

David Letterman wurde in seiner TV-"Late Show" über diese Jury-Auswahl massiv: "Sie suchen jemanden, der im Gebiet von Los Angeles lebt, jemanden, der viel freie Zeit hat, jemanden, der keine Zeitungen liest und nicht fernsieht. Klar doch, das ist unverkennbar - Ronald Reagan." Der leidet in fortgeschrittenem Stadium an der Alzheimer-Krankheit; der erkennt Angehörige und Freunde nicht mehr.

Es gibt keinen unbefangenen Bürger der Vereinigten Staaten in Sachen Simpson. Marvin Kitman in Newsday: "Das Fernsehen hat alles nur Mögliche getan, um das amerikanische Rechtssystem durch seine massive Berichterstattung zu unterminieren."

Kann Simpson noch einen fairen Prozeß bekommen? Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Ist es noch möglich, einen Strafprozeß zu führen, der gegenüber Simpson - und zugleich gegenüber zwei grausam getöteten Menschen fair ist?

Könnte die Antwort "ja" lauten, so würde das bedeuten, daß in der Auseinandersetzung mit dem Verbrechen noch Vernunft waltet; daß es noch möglich ist, einen Ausgleich zu finden zwischen dem Leid der Opfer, dem Schmerz, der Wut seiner Angehörigen und Freunde - und der Sauberkeit und Fairness des Strafverfahrens; daß es noch möglich ist, so zu verhandeln und gegebenenfalls zu bestrafen, daß das Maß nicht überschritten wird, das der Mensch gerade dem Menschen gegenüber bewahren muß, der etwas getan hat, was viele als unmenschlich empfinden.

Doch in den US-Wahlkämpfen der vergangenen Jahre hatte kein Politiker eine Chance, der nicht für eine Justiz ohne Federlesen und für die Todesstrafe eintrat - und dafür, daß wegen immer mehr Tatbeständen zum Tode verurteilt werden kann. In den Staaten ist es heute möglich, daß ein Mann hingerichtet wird, von dessen Unschuld zuletzt sogar die Staatsanwaltschaft überzeugt war. Und es ist möglich, daß die Anklage im Fall Simpson schon im September vergangenen Jahres erklärte, der Angeklagte solle, wenn er des zweifachen Mordes für schuldig befunden würde, nicht mit dem Tode bestraft werden.

Opportunität bestimmte diese Entscheidung. Es werden viel mehr Schwarze als Weiße hingerichtet in den Staaten. Diesem Thema der Bürgerrechtler wollte man ausweichen. Da setzte man sich lieber dem Aufschrei der Frauenorganisationen aus, die im Fall einer Verurteilung von Simpson die Todesstrafe, ein Zeichen wider die Gewalt gegen Frauen, gegen die Gewalt in der Ehe, verlangen.

In einem Meer von Gerüchten und Spekulationen lassen sich gerade noch die Tage von der Entdeckung von zwei Leichen bis zur Festnahme des Tatverdächtigen erzählen, ohne daß der Berichterstatter in den Heerscharen der pro und contra einen Bürgerkrieg führenden Parteien untergeht.

Am späten Abend eines warmen, vorsommerlich heiteren Tages, am 12. Juni 1994, einem Sonntag, ist in Brentwood am South Bundy Drive gegen 22.15 Uhr wütendes, rasendes Hundegebell und -jaulen zu hören.

Brentwood ist ein vornehmer, abseits und geschützt für sich gelegener Stadtteil von Los Angeles, unweit von Beverly Hills und vom Rodeo Drive. Der nächtliche Lärm ist ungewöhnlich, befremdend und beunruhigend. Doch niemand geht der Ursache des Lärms nach. Und dann ist die Nacht wieder so still, wie es sich für Brentwood gehört.

Um 22.35 Uhr begegnet dem Schriftsteller Steven Schwab, der seinen Hund ausführt, ein Akita, ein Hund aus einer alten japanischen Hunderasse. Seine Pfoten sind blutig. Als ein Nachbar Schwabs, Shukru Boztepe, nach Hause kommt, erklärt sich dieser bereit, den Akita für die Nacht aufzunehmen. Doch der Akita ist in Boztepes Wohnung so rastlos, daß dieser sich entschließt, nach seinem Eigentümer zu suchen.

Und um Mitternacht führt der Akita-Hund Boztepe und Bettina Rasmussen, dessen Frau, zum Haus 875 South Bundy Drive. Das Tor steht offen. Zwischen dem Tor und der gleichfalls offenen Haustür liegen eine tote, fürchterlich zugerichtete Frau und ein von schwersten Wunden übersäter, toter Mann. Überall ist Blut, es rinnt den Weg zum Haus hinunter auf die Straße.

Die über den Notruf 911 alarmierte Polizei trifft Minuten später ein. Die tote Frau wird rasch als Nicole Brown Simpson, 35, identifiziert, die geschiedene Frau des Football-Idols "Juice" Simpson.

Die Polizei bringt zuerst die Kinder Simpsons und seiner geschiedenen Frau Nicole, die Tochter Sydney, 8, und den Sohn Justin, 6, die geschlafen und nichts bemerkt haben, so aus dem Haus, daß ihnen der Anblick der Leichen in ihrem Blut erspart bleibt.

Dann setzt die Routine der Mordkommission ein, Spurensicherung am von Scheinwerfern beleuchteten, mit gelben Bändern abgesperrten Tatort. Die Frage, wer der tote Mann ist, läßt sich zunächst nicht beantworten. Erst später wird er als Ronald Goldman, 25, identifiziert. Er hat zuletzt als Bedienung im "Mezzaluna" gearbeitet, einem Lokal, das derzeit en vogue ist.

Die Wirklichkeit übertrifft jeden Roman, jedes Theaterstück, jeden Film und jedes Fernsehspiel. Und die Dramaturgie, nach der sie die Spannung immer höher auf und ab einem Gipfel zutreibt, von dem an nichts mehr die Sintflut aufhält, die sie inszeniert hat, ist perfekt.

Zunächst ist da die grauenvolle Tat. Und natürlich auch Mitgefühl für die Angehörigen der beiden Opfer, ein Mitleid, das sich auch auf Simpson erstreckt. Mancher kann sich auch in seinen Schmerz einfühlen, weil er weiß, daß Simpson noch immer nicht darüber hinweggekommen ist, daß die Frau, die er im Februar 1985 geheiratet hatte, sich 1992 von ihm scheiden ließ.

Gegen 7.30 Uhr Ortszeit am Morgen des 13. Juni erfährt Simpson, so sagt er bis heute, in Chicago durch einen Anruf der Polizei aus Los Angeles vom Tod seiner geschiedenen Frau und eines - noch nicht identifizierten - Mannes. Er ist in der vorangegangenen Nacht wegen eines seit langem geplanten Werbetermins nach Chicago geflogen. Er tritt sofort die Rückreise an.

Zurück in L. A., telefoniert Simpson mit seinem Anwalt, Howard Weitzman, und dann ist schon uniformierte Polizei da, die ihn ins Headquarter abholt.

Der Schock der Tat, das Absinken der Spannungskurve ins Mitleid - die Regie der Wirklichkeit zieht den Bogen wieder hoch: Die Befragung von Simpson dauert fast vier Stunden. Es gelingt TV-Teams, O. J. Simpson zwischen Detektiven aufzunehmen: Und ihm sind die Hände mit Plastikhandschellen auf den Rücken gefesselt. Wenig später sieht die ganze Nation die Legende Simpson in Handschellen auf allen Programmen.

Das ist ein Schock, die Spannungskurve steigt steil an: Ist es möglich, daß der Nationalheld, dessen Büste in der Ruhmeshalle des American Football steht, der seine Sportkarriere als Schauspieler, als begehrter Star der Werbung fortgesetzt hat, der vielfacher Millionär ist und ein Symbol dafür, daß auch ein farbiger Amerikaner sich durchsetzen und behaupten kann in der von den Weißen dominierten Gesellschaft - daß dieser Mann ein Mörder ist?

Aber die Spannung läßt nach. Simpson verläßt das Headquarter als freier Mann. Die Ermittlungsbehörde erklärt, sie sei dankbar für die Kooperationsbereitschaft O. J. Simpsons. Der hat, so erfährt man, ausgesagt, er wisse nichts über den Mord an seiner geschiedenen Frau, er sei auf dem Weg nach Chicago gewesen, er habe nichts mit den beiden Morden zu tun. Die Verletzung an seiner Hand? Er habe ein Glas in der Hand gehabt, als ihn die Polizei in Chicago anrief. Er habe das Glas zerdrückt, als er hörte, daß Nicole tot sei.

Simpson bleibt auf freiem Fuß. Zwar zieht die Hertz-Autovermietung, deren Werbestar er fast 20 Jahre gewesen ist, ihre Spots mit ihm zurück. Doch am Mittwoch, dem 15. Juni, nimmt er an der Aufbahrung seiner geschiedenen Frau teil. Er beugt sich über die Ermordete, er bewegt sich als Tieftrauernder unter der trauernden Familie Brown, der Familie der toten Nicole.

Am Donnerstag, dem 16. Juni, erscheint Simpson zur Messe für Nicole, ihretwegen ist er vor der Hochzeit zum katholischen Glauben übergetreten. Er ist später auch bei der Beisetzung dabei. An seiner Hand gehen die Kinder, Sydney und Justin. Auf den Bildern und Filmen ist er ein zutiefst erschütterter Mann.

Zwar sind schon beunruhigende Gerüchte in Umlauf. Blutspuren am Tatort sollen auf Simpson hinweisen. Und am 16. Juni werden im Fernsehen zwei Interviews mit einem Taxifahrer gesendet, der zuvor von der Polizei verhört worden ist. Trifft seine Aussage zu, so hat Simpsons Alibi, er sei zur mutmaßlichen Tatzeit auf dem Weg nach Chicago gewesen, ein Loch von 75 Minuten, in dem er die beiden Morde hätte begehen können. Aber was ist das gegen die Bilder und Filme von dem Mann, der weint, der die Hände seiner Kinder hält.

Am frühen Morgen des 17. Juni, einem Freitag, erläßt Staatsanwalt Gil Garcetti, der Chef der Strafverfolger in Los Angeles, den Haftbefehl wegen Mordes in zwei Fällen gegen Simpson. Wo der Delinquent ist, weiß die Behörde nicht. Sie hat nur über seinen Rechtsanwalt Kontakt zu ihm. Simpson ist nach der Beisetzung verschwunden. Darum ruft die Polizei den Anwalt Robert Shapiro an, der inzwischen die Beratung von Simpson übernommen hat. Sie informiert ihn über den Haftbefehl und vereinbart mit dem Anwalt, der nun der Verteidiger von Simpson ist, daß sich sein Mandant um 11.00 Uhr zu stellen habe.

Um 9.30 Uhr bricht Shapiro auf, er fährt ins San Fernando Valley, dort hat Simpson, mit Wissen Shapiros, bei seinem Freund Robert Kardashian Unterkunft und ein Versteck vor den Medien gefunden. Shapiro sagt ihm, daß er sich jetzt stellen müsse. Simpson ist mit schweren Medikamenten beruhigt worden und befindet sich unter ärztlicher Kontrolle, er wacht gerade benommen auf. In den Achselhöhlen plagen ihn geschwollene Lymphdrüsen, er wird deswegen untersucht. Es könnte, streut Shapiro aus, Krebs sein.

Shapiro gibt Simpson 60 Dollar, damit er nicht ohne Geld in die Untersuchungshaft geht. Man ist spät dran, alle 15 Minuten ruft Shapiro bei der Polizei an, um zu erklären, warum man sich verspätet. Shapiro diskutiert mit den Ärzten im zweiten Geschoß des Hauses, auch einem Psychiater, der Selbstmordgefahr sieht. Um 11.45 Uhr teilt Shapiro, der sich nicht mehr zu helfen weiß, der Polizei mit, wo Simpson sich befindet. Ein Streifenwagen wird losgeschickt. Doch inzwischen befindet sich Simpson in einem weißen Ford Bronco, der Al Cowlings gehört, einem Jugendfreund, der immer für ihn durchs Feuer geht, auf einer Fahrt, von der niemand weiß, wohin sie führen soll.

In Los Angeles tritt Gil Garcetti vor eine Pressekonferenz, vor Kameras und Mikrophone im Gebäude des Kriminalgerichts, und teilt mit, daß sich Simpson auf der Flucht befinde. "Wir haben", sagt er, und fügt korrekt und vorsichtig ein "vielleicht" ein, "den Sturz eines amerikanischen Helden erlebt."

Fast 100 Millionen Amerikaner erleben vor dem Bildschirm mit, wie der weiße Bronco auf dem Highway von einem Hubschrauber aus entdeckt wird und wie er schließlich vor einer Meute von Streifenwagen, immer drei oder vier nebeneinander mit eingeschalteten Scheinwerfern und blinkenden Alarmlichtern auf den Dächern, dahinrollt.

Shapiro beschwört seinen Mandanten vor den Fernsehkameras, aufzugeben und sich zu stellen. Auf den Brücken über den Highways und an deren Rand, wo der Geleitzug entlangfährt, Kundgebungen für Simpson, für "Juice", schnell gemalte Schilder, die ihn auffordern, nicht aufzugeben. Auf dem Bildschirm, vorgezeigt und verlesen, Briefe, die Simpson geschrieben hat vor dem Aufbruch, Briefe, in denen er seine Unschuld beteuert, die aber auch als Abschiedsbriefe eines Schuldigen empfunden werden können. "That's history", schrieb ein Journalist, fassungslos und überwältigt.

Dazu die Stimme von Al Cowlings am Steuer des Bronco, der über Telefon mit der Polizei verhandelt, der inständig bittet, man möge nichts unternehmen. Simpson halte eine Pistole an seinen Kopf. Erst nach Stunden kapituliert der Verfolgte, stellt und ergibt sich vor seinem Haus in Brentwood.

Mit immer höheren Wellen und immer weniger Wellentälern zwischen ihnen hat sich der Fall Simpson aufgebaut, bis endlich die Sintflut eines Medienereignisses ohnegleichen alle Deiche, alle Spielregeln der Gesellschaft überrollt. An diesem Strafprozeß wird sich entscheiden, nicht nur für die Vereinigten Staaten, ob die Gesellschaft in totaler Öffentlichkeit zusammenlebt, in jedem Augenblick und an jedem Ort unter den Augen der Fernsehkameras - oder in einer Welt, die zwar von den Medien kontrolliert wird, in der es jedoch eine Insel wie die Rechtsprechung gibt, der ein Schutz gewährt wird, den die Mühe um eine leidliche Gerechtigkeit braucht, wenn sie nicht zum Volksgericht per TED, zum Pranger und zur öffentlichen Hinrichtung zurückkehren will.

Der amerikanische Stabschef Colin Powell hielt am 13. Dezember 1991, kurz vor Beginn der militärischen Auseinandersetzung mit dem Irak, einen Vortrag vor den Offizieren der National Defense University in Washington. "Wenn Sie alle Truppen in Bewegung gesetzt haben und die Kompaniechefs sich um alles kümmern," sagte er, "müssen Sie sich aufs Fernsehen konzentrieren. Denn Sie können die Schlacht gewinnen und den Krieg verlieren, wenn Sie die Geschichte nicht richtig verkaufen."

In einem Land, in dem sich sogar das Militär dem Fernsehen unterworfen hat und alles tut, um dessen Ansprüche zu befriedigen und sich seiner bedienen zu können, war die Justiz lange eine letzte Bastion. Der Supreme Court, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, versuchte durchaus in der Auseinandersetzung "Fair trial versus free press", im Konflikt zwischen der Fairness des Strafverfahrens und der Pressefreiheit, die Waagschalen auf gleicher Höhe zu halten. Es sind immer wieder Urteile aufgehoben worden wegen zu großer Publizität zum Nachteil des Verurteilten.

Doch am 26. Januar 1981 entschied der Supreme Court im Fall Chandler versus Florida, daß ein Bundesstaat berechtigt ist, Kriminalprozesse durch Radio und Fernsehen aufnehmen und live senden zu lassen. In Florida gab es bereits Richtlinien, die es dem Richter überließen, ob er Aufnahmen gestatten wollte. Und Aufnahmen waren auch gegen den Widerspruch des Angeklagten zulässig. Im Fall Chandler hatte der Verteidiger den Supreme Court angerufen. Der entschied gegen ihn. Die Fernsehberichterstattung durchbreche die Verfassungsgrundsätze nicht, ein generelles Verbot sei nicht zulässig. Sie berge lediglich die Gefahr, gegen die Verfassung zu verstoßen. Die Fernsehberichterstattung wurde mit der Berichterstattung des gedruckten Mediums gleichgesetzt.

Der Angeklagte habe im Einzelfall nachzuweisen, daß die Unparteilichkeit der Jury oder die einzelner Beteiligter durch die Medien (ob im Print- oder im elektronischen Bereich) beeinträchtigt worden sei. Es sei inzwischen möglich durch eine weiterentwickelte Technik, Gerichtsverhandlungen ohne jede Störung ihres Ablaufs unauffällig aufzunehmen. Das Fernsehen habe sich in der Bevölkerung als Medium durchgesetzt. Es bestünde daher ein erhöhtes Interesse an seiner Berichterstattung.

Für den Supreme Court dürfte bei seiner Entscheidung eine Rolle gespielt haben, daß Affären wie 1972 Watergate bei stärkerer Einschränkung der Medien nicht aufgedeckt worden wären.

Auf der Basis dieser Supreme-Court-Entscheidung haben bis heute 47 Bundesstaaten Fernsehübertragungen zugelassen. Und seit vier Jahren gibt es Court TV, einen Kanal, der ausschließlich aus den Gerichtssälen sendet und zusätzlich "Specials" über die Justiz anbietet. Die verheerenden Folgen sind spürbar, doch es wird abgewiegelt: Kein Einfluß auf Richter und Geschworene, kein Qualitätsunterschied zwischen Urteilen mit und ohne TV, verwerflichen Journalismus gebe es auch gedruckt, immerhin könne sich das Publikum eine eigene Meinung über die Justiz machen.

Doch in Wahrheit werden die Prozesse gesendet, die "ankommen" beim Zuschauer, von der Tat oder vom Täter her oder den Beteiligten. Ein Kennedy-Verwandter wegen Vergewaltigung vor Gericht, die Frau, die ihrem Mann den Penis abschnitt: Das kommt garantiert an. Und die Prozesse, die weniger ankommen, werden auch zu guter Handelsware, wenn man aus ihnen die "knackigen" Szenen herausgreift, ob sie nun bedeutsam sind für den Fall oder nicht. Man sendet eine Komposition, man mischt, man wählt aus, mal den Zeugen, der belastend aussagt, mal den Angeklagten, wie er reagiert. Am TV-Pranger stehen der Angeklagte und seine Angehörigen, sind diese nicht im Saal, "schießt" man sie irgendwo draußen "ab". Man braucht Füllsel für langweilige Passagen der Sitzung und vor allem für die Vorberichte, die den Appetit pflegen sollen. Am Pranger steht auch die Frau, die sagt, sie sei vergewaltigt worden, wenn die Verteidiger sie ins Kreuzverhör nehmen.

Es ist Geld in die Justiz eingedrungen mit dem Fernsehen. Den Richter hat es noch nicht erreicht, doch schon den Geschworenen: Für die Beschreibung der Beratung sofort nach der Entlassung der Jury zahlt man fünfstellige Beträge (und es soll schon Verträge darüber weit vor dem Urteil gegeben haben). Zeugen sind nicht mehr brauchbar, weil sie zuerst die Medien für Geld informierten. Auch die Medien, die gedruckt oder gesprochen werden, zahlen, zwar magerer, aber sie versuchen im Kampf gegen die Übermacht der Bilder, was in ihren Kräften steht. Hat man kein Geld, druckt oder sendet man auch das Unwahrscheinlichste. Man muß etwas haben. Polizeibeamte in TV-begehrten Verfahren werden zu Lecks, liefern Dokumente. Mitarbeiter von Anwälten, Sachverständige wispern vertraulich - für Geld, für Geld, für Geld.

Lance Ito, 44, der Richter im Simpson-Prozeß, hat, über Falschmeldungen empört, gedroht, das Fernsehen auszuschließen. Dann ließ er es doch zu, die Anwälte des Mediums hatten vor ihm für die Pressefreiheit brilliert. Doch kurz darauf gab der Richter Tritia Toyota von KCBS-TV fünf Zehn-Minuten-Interviews über sich selbst. Im Mittelpunkt des Interesses stehend, so erfuhr man, fühlt er sich wie Madonna. Früher hatte er einmal von den verheerenden Folgen gesprochen, die es haben könne, wenn man nicht der Versuchung widersteht, sich auf dem Kanal von CNN zu sehen. Die Jury hat er in einem unbekannten Hotel einschließen lassen. Zwei ihrer Mitglieder mußte er bereits vergangene Woche entlassen und ersetzen. Sie hatten im Auswahlverfahren etwas verschwiegen. Acht Frauen und vier Männer gehören der Jury an, in der Mehrzahl Afroamerikaner.

Marcia Clark, 41, Tochter eines Israeli, zwei Kinder nach zwei gescheiterten Ehen, einmal Tänzerin gewesen, ein Jury-Kandidat mochte sie nicht leiden, sie trage zu kurze Röcke, sieht sich als Anklägerin in der Rolle des "underdog" in diesem Prozeß. Sie hätte am liebsten jeden Jury-Kandidaten dem Lügendetektor überantwortet. Sie fürchtet, daß viele Anwärter falsche Antworten gegeben haben, um ausgewählt zu werden und zugunsten Simpsons wirken zu können. Marcia Clark ist dennoch zuversichtlich. Sie hat Richter Ito dazu bewegt, Material zuzulassen, mit dem sie beweisen will, daß der Angeklagte Nicole in den 17 Jahren ihrer Beziehung immer wieder mißhandelt hat. Sie ist eine ausgezeichnete Juristin, doch darum geht es nicht: Es geht darum, wie man sich präsentiert. Nicht nur darum, wie man in der Sitzung wirkt, sondern wie man über den Bildschirm kommt. Ihre selbstbewußte Art, so heißt es, könnte gerade Frauen gegen sie einnehmen.

Die Verteidiger Robert Shapiro, 52, der als Bürgerrechtler bekanntgewordene farbige Johnnie L. Cochran, 57, und die Berater F. Lee Bailey, 61, er hat gelegentlich Alkoholprobleme, "wenn ich einen schwierigen Fall habe, werde ich durstig", und Allen Dershowitz, 56, der Harvard-Rechtsprofessor, der durch die Verfilmung des Falls von Claus von Bülow weltbekannt wurde, empfanden sich bis zur letzten Woche als "dream team".

Dann gab es wüste öffentliche Auftritte. Shapiro und Bailey stritten darüber, wer das Protokoll der ersten Befragung Simpsons den Medien zugespielt habe. Inzwischen geht man wieder ostentativ Arm in Arm "im Interesse des Mandanten", den man für "unschuldig zu 100 Prozent" hält. Cochran, gefragt, da werde er wohl vermittelt haben, lachte: Er meine, sich den Friedensnobelpreis verdient zu haben. Die Verteidigung versteht es, Siegesbewußtsein auszustrahlen. In die erste Reihe der Showtruppe der US-Anwaltschaft gerät man auch dadurch, daß man seine Mißerfolge im Schatten gelegentlicher Triumphe verbergen kann.

Übrigens: Bevor sich der Supreme Court 1981 für Fernsehübertragungen aus den Gerichtssälen entschied, hatte sich die ABA, eine Vereinigung amerikanischer Rechtsanwälte, bereits dafür eingesetzt, die Restriktionen für das Fernsehen zu lockern. Man roch den gewaltigen Impuls für das Geschäft. Von dem profitieren nun aber nicht nur die Anwälte, sondern eben auch mögliche Zeugen.

Faye D. Resnick hat ein Buch über "Nicole Brown Simpson" veröffentlicht, ihr privates Tagebuch über das so schrecklich beendete Leben ihrer Freundin. Faye Resnick ist zumindest schwer drogenabhängig gewesen. Die Verteidigung wird versuchen, sie damit im Kreuzverhör zu zermalmen. Doch das Buch, von dem bereits 750 000 Exemplare gedruckt wurden, erschien, bevor die Jury eingeschlossen wurde. Es hat eine gewaltige Wirkung gehabt, denn es alarmierte - gerade in den Staaten - gleich zwei maskuline Urkomplexe. Zum einen soll Nicole ihrer Freundin Faye anvertraut haben, wenn der erste Mann im Leben ein Farbiger gewesen sei, dann fände man Befriedigung nur noch bei Farbigen. Und zum zweiten behauptet Faye Resnick, Nicole habe eine Affäre mit Marcus Allen, einem hochaktuellen Football-Star angefangen.

Sie habe die Freundin verzweifelt gewarnt. Das werde O. J., der Football-Star im Ruhestand, nicht hinnehmen, dann werde er sie umbringen. Der Versuch, Nicole auch nach der Scheidung in Abhängigkeit von ihm zu halten; seine kranke, irre Eifersucht - sie werde explodieren. Doch Nicole, man ging am Strand spazieren, sei plötzlich stehengeblieben, habe ein mächtiges Stück Treibholz hochgehoben und ihr mit den Worten hingehalten: "Das ist das Maß von Marcus Allen." Faye will gesagt haben: "O mein Gott, das ist unmöglich." Doch Nicole habe lachend versichert, dies sei absolut die Wahrheit. Faye Resnick erzählt eine Geschichte, in der mancher den Brand sehen könnte, dem die Explosion der Tat folgte.

Der Simpson-Prozeß soll, anläßlich einer Straftat, ein "neues TV-Zeitalter" einleiten, die totale Zugänglichkeit von allem und jedem für das Fernsehen. Was in den Staaten möglich ist, muß überall in der Welt möglich sein. So hat denn auch dieser Tage der geschäftsführende Gesellschafter von n-tv gefordert, zuzulassen, daß Gerichtsprozesse im Fernsehen übertragen werden. Nach deutschem Recht sei öffentlich zu verhandeln. Heute stellten vor allem die elektronischen Medien Öffentlichkeit her. Der Deutsche Richterbund hat entschieden widersprochen. Doch die deutschen Richter sind die dritte Gewalt im Staat, die rechtsprechende, und nicht die erste, der Gesetzgeber. Und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts wird vom Fernsehen neuerdings hoffnungsvoll betrachtet.

Der französische Religionsphilosoph Blaise Pascal schrieb: "Weil man das Recht nicht finden konnte, hat man die Macht gefunden." Gegenwärtig droht, daß dieser Satz abgewandelt werden muß: "Weil man das Recht nicht finden konnte, hat man das Geschäft gefunden." Vor dem Gericht in Los Angeles türmen sich die Kameragerüste, das ist kein Landsknechtlager mehr und kein "O. J. Camp". Das ist eine Invasionstruppe mitten im Generalangriff. Y


DER SPIEGEL 4/1995
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Unverkennbar - Ronald Reagan