23.01.1995

AutorenDer Spion mit Teddy

Um das wahre Lebensbild von Graham Greene, dem Romancier und Geheimagenten, streiten sich zwei Biographen.
Da war er sich ganz sicher: Falls wirklich jemand versuchen sollte, eine Biographie über ihn zu schreiben, dann werde der ganz schön "in die Irre geführt werden".
Graham Greene, der 1991 im Alter von 86 Jahren starb, war ein genialer Spurenleger und -verwischer, ein Held und Erfinder selbstgestrickter Legenden. Ein reiner Schreibtischtäter war er ohnehin nie: Der britische Romancier ("Der dritte Mann", "Die Kraft und die Herrlichkeit") durchquerte in den dreißiger Jahren - zusammen mit seiner attraktiven Kusine - halb Afrika, quartierte sich im Kongo in einer Leprakolonie ein, reiste nach Vietnam, Mexiko und Haiti.
Reichlich Stoff für mehr als einen Biographen bietet dieses Leben: von Greenes Romanen über publicityträchtige Liebesaffären bis hin zum Dienst im Geheimdienst Ihrer Majestät.
So sind denn jetzt auch gleich zwei konkurrierende Greene-Biographien in London erschienen - und schon im Vorfeld haben sich die beiden Autoren Michael Shelden und Norman Sherry einen publizistischen Schlagabtausch geliefert*. _(* Michael Shelden: "Graham Greene: The ) _(Man Within". Verlag Heinemann, London; ) _(537 Seiten; 20 Pfund. - Norman Sherry: ) _("The Life of Graham Greene", Volume II: ) _(1939-1955. Verlag Jonathan Cape, London; ) _(562 Seiten; 20 Pfund. )
Sherry und Shelden hatten unterschiedliche Startbedingungen: Während der eine die autorisierte und offizielle Biographie schreiben durfte, mußte der andere auf jedes Zitat aus Briefen und Werken Greenes verzichten. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Sherry, ein glühender Verehrer Joseph Conrads, hatte sich beizeiten ins Herz des Conrad-Fans Greene geschlichen. Dem Briten Shelden, Verfasser einer großen Biographie über George Orwell, drohte Greene dagegen noch kurz vor seinem Tod mit einem Prozeß, und die Erben gingen sofort in den Clinch mit dem ungeliebten Biographen.
Der Denkmalschützer Sherry hat den ersten Band seiner auf drei Bände angelegten Biographie schon 1989 veröffentlicht, nach zwölf Jahren Arbeit - der zweite Band nun beschreibt die Zeit von 1939 bis 1955. Der fleißigbotmäßige Chronist blickt milde auf seinen Heros und betont den Leidensdruck, dem Greene sich gerade in jenen Jahren ausgesetzt sah. Nach der Trennung von Lady Catherine Walston, einer verheirateten Frau, sei der Schriftsteller von Depressionen und Todessehnsucht gepackt worden und habe sich in Indochina und Malaya auf tollkühne Abenteuer eingelassen.
Shelden sieht das anders: Greene sei zeitlebens ein regelrechter Erotomane gewesen, er nennt ihn schlicht "oversexed". Gelegentlich erlaubte sich Greene demnach das Vergnügen, nach besonders entspannenden Bordellbesuchen Visitenkarten mit den Namen seiner bekannten Romanhelden zu hinterlassen.
Sheldens Einschätzung steht gleich zu Beginn der Biographie: "Der junge Graham Greene trank bis zum Exzeß, machte sich an Prostituierte heran, flirtete mit Selbstmordgedanken, frequentierte Flagellanten-Etablissements und bot sich an, gegen sein eigenes Land zu spionieren."
Schon 1924 hatte Greene, damals noch Student in Oxford, Kontakt zur deutschen Botschaft aufgenommen und sich erboten, prodeutsche Beiträge für die Studentenzeitung zu schreiben. Er durfte tatsächlich auf Kosten deutscher Steuerzahler im französisch besetzten Rheinland recherchieren. Am liebsten hätte Greene als Doppelagent für die deutsche und die französische Seite gearbeitet - doch dazu kam es nicht. Die Lust am Doppelspiel freilich, so Biograph Shelden, sei der Schlüssel zu allen späteren Greene-Aktivitäten.
Ein besonders begabter Agent war Greene wohl nie. Nach seiner Ausbildung zum britischen Geheimdienstler wurde er 1941 nach Sierra Leone geschickt (seine Agentennummer 59200 übertrug er später dem Romanhelden aus "Unser Mann in Havanna"). Er hatte Schwierigkeiten mit dem Chiffriercode, und die Kombination für den Panzerschrank mit den geheimen Unterlagen vergaß er sogar - er ließ den Safe sprengen, um wieder an die Papiere heranzukommen.
Sein Vorgesetzter in London war Kim Philby, der berühmte Doppelagent und Maulwurf des KGB, und der erinnerte sich später wohlwollend ironisch an seinen Mann in Afrika: "Greene war so freundlich, mich damals nicht allzusehr mit Material zu überhäufen."
Shelden hat wacker manches bisher unbekannte Dokument über Greenes Geheimdiensttätigkeit ans Licht befördert. So war der Romancier - entgegen anderslautenden Beteuerungen - auch nach Kriegsende noch für den Dienst tätig. Bis in die siebziger Jahre hinein muß Greene in chinesischen Häfen, in Moskau, Warschau und Havanna spioniert haben; als Talisman trug er angeblich stets einen Teddybären bei sich.
Ihm kam bei vielen Einsätzen der Ruf zugute, ein Freund der Kommunisten zu sein. Er hatte ihn sich als Student eher beiläufig erworben: Um einen Gratistrip nach Moskau zu ergattern, war er in die britische KP eingetreten - als nichts aus der Reise wurde, trat er nach wenigen Wochen wieder aus.
Das schätzte er bei seinen geheimen Einsätzen besonders: Der Hobbyspion, der genug Zeit zum Schreiben fand, wurde nicht nur fürstlich entlohnt, er kam auch viel herum. Den MI6 nannte er das "beste Reisebüro der Welt".
Auch die Sache mit dem Katholizismus nahm Greene laut Enthüllungsbiograph Shelden nicht übermäßig ernst. Übergetreten sei er ohnehin nur, um sich leichter einer jungen Katholikin nähern zu können - immerhin hat er das Mädchen dann geheiratet. Neu ist die Skepsis gegenüber dem Katholiken Greene nicht. Schon George Orwell spottete, die Hölle sei für den Kollegen wohl "ein exklusiver Nachtklub".
Greene verdiene viel eher "als oberster Gotteslästerer" einen Orden, resümiert _(* Mit Jo Morrow, Ernie Kovacs, Alec ) _(Guinness (M.). ) auch Shelden. Schuld und Sühne, Sünde und Erlösung - alles nur ästhetische Reize für den Mann. Und er erzählt, wie Greene einmal während der Beichte aufstand, um sich unter Protest des Beichtvaters einem unterhaltsameren Priester zuzuwenden.
Schließlich sind da noch die Liebesaffären, die der indiskrete Biograph genüßlich auswalzt. Lady Catherine Walston, die große Leidenschaft Greenes, war die Frau eines Multimillionärs, der von der Beziehung zwischen den beiden wußte. Auf einer längeren Italienreise haben es die beiden laut Shelden sogar unter den Altären abgelegener Kirchen getrieben. Und der eine oder andere junge Italiener sei auch zum Reigen gebeten worden.
Spätestens da will und kann der brave Biograph Sherry nicht mehr folgen. Der sieht hinter all dem wilden Liebesgetue die Verzweiflung eines einsamen Künstlers. Lustprinzip oder Leidensdruck? Das ist die Frage.
Sherry immerhin kann aus Greenes Briefen zitieren: flehentliche Bitten um die Rückkehr der Lady, auch Heiratsanträge an Catherine. Suchte Greene nicht sogar im malaiischen Dschungel oder im französischen Bomber über Indochina den Tod? War er nicht zum Sterben entschlossen?
Greene selbst hat sich in autobiographischen Texten immer wieder als selbstmordgefährdet hingestellt. Früh schon habe er unter Depressionen gelitten, ja sogar an spätpubertäre Mutproben in russischem Roulette konnte sich der erfolgreiche Autor erinnern.
Fauler Zauber, behauptet nun wieder Shelden: In dem kleinen, vom Bruder entliehenen Revolver, den sich Greene einst dramatisch an die Schläfe setzte, hätten nur Platzpatronen gesteckt. Y
* Michael Shelden: "Graham Greene: The Man Within". Verlag Heinemann, London; 537 Seiten; 20 Pfund. - Norman Sherry: "The Life of Graham Greene", Volume II: 1939-1955. Verlag Jonathan Cape, London; 562 Seiten; 20 Pfund. * Mit Jo Morrow, Ernie Kovacs, Alec Guinness (M.).

DER SPIEGEL 4/1995
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