06.03.1995

„Erklär mir, warum“

Vor dem verlassenen Bauernhaus aus grauem Feldstein wuchs seit dem Krieg eine Mauer aus Kakteen, als sollte die Annäherung an den Ort des Schreckens abgewehrt werden.
Die Spuren von Geschoßgarben an den Außenwänden sind unübersehbar. Im halbzerfallenen Gebäude blieb der kleine Innenraum intakt, in dem die deutschen Soldaten die Leichen aufgetürmt hatten. Im Heuschober fanden Angehörige am Tag nach der Bluttat das Bein eines kleinen Kindes. Eine 16jährige lag im Schatten des Ölbaums, der, 200 Meter vom Haus entfernt, noch heute seine verschlungenen Zweige ausbreitet. Die Mörder hatten das Mädchen vergewaltigt und mit Bajonetten verstümmelt.
Das Verbrechen geschah am 13. Oktober 1943 in der Nähe des Städtchens Caiazzo, das dicht an der Front lag. Aus dem Gehöft seien Blinksignale gesendet worden, meldete am späten Morgen dieses Tages der 20jährige Leutnant Wolfgang Lehnigk-Emden seinem Vorgesetzten. Der schickte ihn los. Lehnigk-Emden kam mit vier Männern zurück, die er in dem Bauernhaus angetroffen hatte. Zwei Frauen und ein 14jähriger waren den Verhafteten gefolgt. Ohne Befragung wurden alle sieben erschossen.
Abends unternahm der eifrige Leutnant, der in der eigenen Truppe für seine Grausamkeit berüchtigt war, eine weitere Expedition auf eigene Faust. Ohne Befehl kehrte er mit drei Untergebenen zu dem Bauernhaus zurück. Durch ein Fenster warfen die Soldaten zwei Brandgranaten auf die verschreckten Menschen im Innern. Als diese ins Freie stürzten, wurden sie niedergemäht. Vor dem abgelegenen Gehöft, in dem vier Familien Zuflucht gesucht hatten, starben zehn Kinder und fünf Frauen - die älteste von ihnen 77 Jahre alt.
Caiazzo am Tag nach dem Spruch des Bundesgerichtshofs: Bürgermeister Nicola Sorbo, 35, schüttelt den Kopf. "Wie sollen wir den Angehörigen der Opfer erklären, daß es keine Sühne für die Bluttat geben wird?"
Mit 17 Jahren fand Angelo Palumbo, heute 69, unter den Leichen seine Kusine. Er dreht sich abrupt weg, als ihm der Bürgermeister nun die Nachricht aus Karlsruhe überbringt. Dann hebt er die Schultern in der unendlichen Resignation einer ländlichen Bevölkerung, die immer nur eingesteckt hat, und sagt: "Was kann man da machen? Überhaupt nichts. So ist die Welt."
Später erzählt Palumbo, daß ihn die schaurigen Bilder der Vergangenheit immer noch im Traum verfolgen. Wenn er davon sprechen muß, wird ihm schlecht. Aber Rache will er nicht. "Ich hätte diesem Menschen sogar verziehen. Unter einer Voraussetzung: Ich hätte ihn zu dem Haus geführt und ihm gesagt: Erklär mir, warum. Es war Krieg. Aber warum hast du Frauen und kleine Kinder umgebracht? Ein dreijähriges Mädchen. Eine schwangere Frau. Warum?"
Vinzenzo Perrone, 55, Neffe einer Ermordeten, starrt ins Kaminfeuer. "Die deutschen Behörden hätten uns doch gleich sagen können, daß für sie die Tat längst verjährt ist. Dann hätten wir unsere Energien anders eingesetzt."
Mit Groll, Abneigung oder gar Haß spricht niemand in Caiazzo von den Deutschen. Und Sorbo, der junge Bürgermeister, meint sogar, daß die kleine Stadt etwas gewonnen habe: die historische Erinnerung.
"Jahrzehntelang lag dichtes Schweigen über dem Verbrechen. Die Amerikaner haben die Schuldigen laufenlassen. Der italienische Staat hat nichts unternommen. Die Kirche blieb wider besseres Wissen untätig. In unserem eigenen Städtchen verschwand die Gedenktafel für das Verbrechen, und die Gräber der Opfer verkamen. So wurde unsere Vergangenheit ausgelöscht, und daran waren nicht nur die Deutschen schuld."
Alarmiert von dem amerikanischen Kriegsberichterstatter William Stoneman, hatte ein junger amerikanischer Offizier, Emigrant aus Deutschland, bereits Ende Oktober 1943 das Massaker genauestens protokolliert. (Der Offizier hieß Hans Habe und wurde später ein bekannter Schriftsteller.)
Drei Wochen nach der Tat war Lehnigk-Emden gefangengenommen und später in ein spezielles Lager für Kriegsverbrecher in der Nähe von Algier gebracht worden. Die Bewachung war nachlässig, der Deutsche entkam. Und das Interesse, ihn wiederzufinden, hielt sich auf der amerikanischen Seite in Grenzen.
Jahrelang kämpfte Stoneman nach dem Krieg für Sühne und Gerechtigkeit. Aber weder die amerikanischen noch die italienischen Behörden reagierten auf seine Eingaben. Ein Brief Stonemans aus den siebziger Jahren an den Erzbischof von Caiazzo, in dem er das Verbrechen ausführlich schilderte und die Schuldigen nannte, wurde 1988 im Nachlaß des Klerikers zwischen den Seiten eines Buches gefunden.
In den achtziger Jahren aber machte sich ein in die USA emigrierter italienischer Amateur-Historiker, Giuseppe Agnone, daran, alle verfügbaren Dokumente über die Bluttat zusammenzutragen. Eine inzwischen entstandene Historische Gesellschaft von Caiazzo finanzierte das Vorhaben. Ein italienisches Gericht verurteilte schließlich im vorigen Oktober Lehnigk-Emden in Abwesenheit zu lebenslanger Haft.
Es spricht einiges dafür, daß der Leutnant sich von seiner Brutalität damals Ruhm und Anerkennung versprach. Einem deutschen Kameraden gestand er im Gefangenenlager, daß er keinerlei Bedauern über die Greueltat verspüre. Im Gegenteil. "Hätte ich gewußt, daß man mich später dafür einsperrt, hätte ich noch viel mehr Leute umgebracht", prahlte er. Am 25. Januar 1944 gab der Mitgefangene Lehnigk-Emdens Worte den Amerikanern zu Protokoll, nachzulesen in einer Dokumentation der Historischen Gesellschaft aus dem Jahre 1990.
Bürgermeister Sorbo will die Bewältigung der Vergangenheit, die er in Caiazzo erlebt hat, auch nach Deutschland tragen. Sein Vorschlag klingt verwegen: Er wird der Kommune Ochtendung, wo der Ex-Leutnant lebt, eine Städtepartnerschaft vorschlagen. "Sowohl bei uns als bei denen hat es komplizenhaftes Schweigen über die Vergangenheit gegeben. Das sollten wir aufarbeiten. Gemeinsam."
Von Valeska von Roques

DER SPIEGEL 10/1995
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