13.03.1995

AutorenSowieso kein Spaß

Seine bizarren Katastrophenromane machten ihn zum Popstar: Sciencefiction-Autor Douglas Adams kommt auf Lesetour nach Deutschland.
Die kleine Straße im Londoner Stadtteil Islington gilt als edle und ruhige Wohnlage. Deshalb ist es etwas ungewöhnlich, als der Schriftsteller Douglas Adams morgens um vier von wildem Klingeln geweckt wird. Verschlafen öffnet er die Tür - und ist mit einer Szene konfrontiert, die aus einem seiner Bücher stammen könnte.
Auf der engen Straße ist ein schwarzer BMW quer geparkt, die Wagenschnauze ragt weit auf den Bürgersteig. Von rechts nähert sich im Rückwärtsgang, aber mit wahnwitziger Geschwindigkeit, eine schwere Limousine ("Wahrscheinlich ein Volvo", erinnert sich Adams später), rammt den BMW vier- bis fünfmal und rast davon.
Es ist, wie gesagt, vier Uhr morgens, draußen ist niemand zu sehen, darum schließt Adams "leicht irritiert" die Tür und klettert wieder ins Bett. Da klingelt es erneut. Diesmal steht ein Mann vor dem demolierten BMW und brüllt ihn an: "Und, haben Sie mir endlich das Taxi gerufen?"
Dergleichen passiere ihm "öfter mal", behauptet Douglas Adams - und vielleicht erklärt dies die bizarre Welt seiner Bücher, in denen die Erde nichts weiter ist als ein gigantischer Computer, von außerirdischen Wesen erbaut, um die Frage nach dem Sinn des Lebens und "den ganzen anderen Rest" zu erforschen.
Überhaupt haben die Fremdlinge den Erdcomputer nur erschaffen, weil das Vorgängermodell versagte. Kaum hatte das Ding 7,5 Millionen Jahre lang nach einer Antwort auf die Sinnfrage gefahndet, spuckte es eine banale Zahl aus: "42". Ziemlich unbefriedigend.
Und so grübeln die Bewohner des Planeten weiter über den Zweck ihres Daseins nach, obwohl sie vermutlich nur Labormäuse sind im philosophischen Experiment von Außerirdischen - und Douglas Adams, die cleverste unter ihnen, macht Späße darüber und wird damit reich.
Über 15 Millionen Bücher hat der Mann, der in dieser Woche eine Lesetour durch die Bundesrepublik beginnt, verkauft; die meisten davon aus der - mittlerweile auf fünf Bände ausgebauten - Trilogie "Per Anhalter durch die Galaxis", einer irrwitzigen Story über ein paar multiplanetare Freaks auf ihrer Reise durch das Universum.
Anfang der achtziger Jahre gab es kaum eine studentische Wohngemeinschaft, in der die "Anhalter"-Bücher nicht zur Grundausstattung gehörten. Die von der BBC produzierte und ziemlich lausige Fernsehserie brachte es zum Quotenhit.
All das hat Adams, wie er schamhaft gesteht, "einen Haufen Geld" beschert - und den Kulturhistorikern späterer Jahrhunderte die knifflige Aufgabe, herauszufinden, warum ein nicht unwesentlicher Teil der jungen westlichen Intelligenz so um 1983 die Lebensmaxime eines kleinen, manisch depressiven Roboters namens Marvin übernahm. Der heimliche Star aus Adams' Büchern hatte jede Arbeit, die ihm aufgetragen wurde, stets mit einem "Macht mir sowieso keinen Spaß" begonnen.
Adams' Werke sind nicht gerade hohe Literatur, aber sie trafen mit bissiger Ideologieverachtung und ihrem Sinn für irdische Absurditäten das Lebensgefühl einer Generation, die davon überzeugt war, eine der letzten auf diesem Planeten zu sein - oder zumindest gern mit der "No Future"-Haltung kokettierte: Im ersten "Anhalter"-Roman wird die Erde zerstört, weil sie einer galaktischen Schnellstraße im Wege steht.
Die Pläne hätten lange genug öffentlich ausgelegen, bügelt das außerirdische Bulldozerkommando jeden Protest der Erdlinge ab, und zwar auf einem nur ein paar Lichtjahre entfernten Planeten. Umweltzerstörung und Bürokratie, Ozonloch und Wettrüsten - Adams nimmt die größten Schrecken unserer Zeit mit Humor, verlegt sie in räumliche und zeitliche Ferne und machte sie so zum Erfolgsstück: "Ich hatte Glück", sagt er, die Zeit sei reif gewesen, "die Leute hatten keine Lust mehr auf trübsinnige Katastrophenmeldungen - sie wollten über die Katastrophen lachen".
Seine Fans verehren ihn dafür wie einen charismatischen Popstar, die seltenen öffentlichen Auftritte von Adams werden begangen wie Happenings aus alten Hippietagen. Und während andere Autoren mit der intimen Enge von Buchhandlungen oder Literaturcafes vorliebnehmen müssen, liest Adams in großen Kulturtempeln wie dem Hamburger Schauspielhaus.
Die Dinge standen nicht immer so gut für Adams. Nach seinem Literaturstudium schlug er sich zunächst erfolglos als Autor für Radio- und Fernsehshows durch und versuchte sich in Dutzenden von skurrilen Jobs.
"Ich war eine Zeitlang Leibwächter des Herrscherhauses von Katar, und immer wenn irgendwelche der etwa 900 Familienmitglieder London besuchten, mußte ich sie bewachen." Der Job habe hauptsächlich daraus bestanden, nächtelang vor Hotelzimmern zu sitzen, erinnert sich Adams, "die Tür zu öffnen, die Tür zu schließen und - falls jemand mit einer Knarre oder Handgranate aufgetaucht wäre - natürlich wegzulaufen".
Eine leichte, gutbezahlte Arbeit; aber für Adams die reine Hölle: "Ich dachte: ,Was ist mit meinem Leben passiert? Ich habe einen Cambridge-Abschluß. Ich glaube, ich bin intelligent. Was tue ich hier?'" Als er eine Nacht vor vier Lifttüren verbringen mußte, die sich wegen einer Störung alle 60 Sekunden abwechselnd öffneten, "mit dieser scheußlichen Fahrstuhlmusik", quittierte er den Job und versuchte sich wieder als Autor.
Erst der überraschende Erfolg der "Anhalter"-Serie, die zuerst als Hörspiel für die BBC produziert wurde, brachte den Durchbruch. Doch schon bald wurde dem eher zurückhaltenden Adams die massenhafte Zuneigung seiner Anhänger zuviel: "Die haben mich fast wie einen Guru behandelt."
Darum sträubte sich Adams lange gegen eine Fortsetzung der "Anhalter"-Serie, schließlich aber gab er dem Drängen seines Verlegers und seiner Bank nach: Bei der Sanierung des teuren Londoner Stadthauses hatten ihn Ingenieure und Handwerker klassisch über den Tisch gezogen - und seine anderen Bücher, skurrile Detektivgeschichten, "brachten wesentlich mehr Lob als Brot".
Mittlerweile allerdings hat er wieder Gefallen an der Idee gefunden, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Selbst die Filmrechte für die "Anhalter"-Geschichten hat er zurückgekauft, "die Verhandlungen mit Hollywood sind so gut wie abgeschlossen".
Nebenbei pflegt Adams seine vielen Talente: Er spielt Gitarre - so gut, daß sein Freund David Gilmour von Pink Floyd ihn bei einem Londoner Konzert für ein paar Stücke auf die Bühne holte. Sein Arbeitszimmer sieht aus wie die überlastete Werkstatt eines Apple-Vertragshändlers - "Ich habe da ein paar Ideen für die schöne, neue Computerwelt."
Und sein Buch "Die letzten ihrer Art", eine Reportagensammlung über die bedrohtesten Tierarten der Welt, fand bei Profi- wie Hobbyzoologen so viel Beifall, daß die BBC ihn mit der Erstellung einer TV-Serie über die Evolution beauftragte.
"Ich hoffe", sagt Adams, "ich werde damit fertig, bevor die Evolution uns fertigmacht."
Immerhin gibt es noch Hoffnung; zumindest, wenn das Motto seines zweiten "Anhalter"-Buches zutreffen sollte: "Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt."
Eine Seite später steht das zweite Motto: "Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist." Könnte stimmen. Ralf Klassen

DER SPIEGEL 11/1995
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