06.03.1995

NeonazisWerwolf der Zukunft

Nach dem Verbot der neonazistischen FAP zirkulieren im rechten Untergrund erneut Pläne für eine Braune Armee Fraktion.
Der Führer hat noch Großes vor. "Uns kann man nicht verbieten", brüstet sich Friedhelm Busse, 66, "Parteivorsitzender" der am vorletzten Freitag vom Bundesinnenminister verbotenen Neonazi-Truppe "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" (FAP) im Kameradenkreis.
Die vollmundige Ankündigung des wegen illegalen Waffen- und Sprengstoffbesitzes vorbestraften Busse geht selbst vielen Neonazis auf die Nerven. Bei Parteigenossen gilt der Schwadroneur als "Karikatur eines Führers" und als "unfähig, auch nur eine Ortsgruppe zu führen", so der frühere FAP-Landesvize in Nordrhein-Westfalen Norbert Weidner, 23, der die Neonazi-Szene verlassen will.
Die Führung der braunen Busse-Truppe im Untergrund übernehmen Jüngere. "Wir brauchen keine Parteistrukturen und keine Parteivorsitzenden _(* Am 24. Februar in Düsseldorf. ) mehr", verkündet Siegfried Borchardt, 42, bis zum Verbot FAP-Bundesvize und Landeschef in NRW.
Borchardt, Anfang der achtziger Jahre Mitkämpfer des 1991 verstorbenen Neonazi-Führers Michael Kühnen, hat seine Leute schon länger auf das Verbot vorbereitet. Bereits im Mai vorigen Jahres löste er in seinem "Gau" die Kreisverbände auf und schulte seine FAP-Kämpfer in autonomen Kameradschaften.
Die ortsgebundenen Neonazi-Zellen haben weder Vorstand noch Kassenwart, statt dessen treiben sie Hitlerismus mit High-Tech. Auf einem "Führerthing" in Berlin beschlossen FAP-Kader wenige Wochen vor dem Verbot, ihre Gruppen mit Computern und Funktelefonen für den Untergrund zu rüsten.
In einem neonazistischen Netz aus Computer-Mailboxen kommunizieren die Rechtsextremisten in verschlüsselten Systemen unter Decknamen und mit Codewörtern. Da mahnt etwa in der Bonner "Germania BBS"-Mailbox der Kamerad "Schinderhannes" eine "völkische APO" an.
An unbelehrbaren Hardlinern, die dem "Judensystem" den Kampf ansagen, herrscht kein Mangel. "Mehr Spontan-Demos" rechter Ultras, heimlich vorbereitet, werde es künftig geben, verspricht FAP-Boß Borchardt dem Jungvolk.
Die Sicherheitsbehörden verfolgen die Radikalisierung des harten Kerns der Hitler-Nachfahren mit Sorge. "Die Kalkulierbarkeit im Handeln dieser Szene läßt nach", analysiert Ernst Uhrlau, Chef des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, die Lage.
Angeheizt wird die aggressive Stimmung im Milieu von außen. Die "AO", wie die im US-Staat Nebraska residierende NSDAP-Auslands- und Aufbauorganisation im Neonazi-Jargon genannt wird, versorgt die Szene mit nahezu allem, was das braune Herz begehrt, von SS-Anstecknadeln über Hitler-Reden bis zum Hetzfilm "Der ewige Jude" aus dem Jahr 1940. Die deutsche FAP ist nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer personell eng mit der NSDAP-AO verfilzt.
Die amerikanischen Neonazis sind schwer zu packen: In den USA ist NS-Propaganda legal, selbst Propaganda für den Terrorismus wird offenkundig nicht verfolgt.
Alarmiert ist das Bundeskriminalamt (BKA) vor allem wegen einer von Nebraska aus in Deutschland vertriebenen vierbändigen Broschüre "Eine Bewegung in Waffen". Unter dem Pseudonym "Hans Westmar" wirbt in dem Machwerk ein mutmaßlich deutscher Neonazi für den Aufbau einer Art Braunen Armee Fraktion.
"Hans Westmar" propagiert die "Heranbildung eines geeigneten Werwolf-Kaders" für den bewaffneten Kampf nach dem Vorbild der gescheiterten NS-Partisanentruppe bei Kriegsende 1945. Der "Werwolf der Zukunft" sei ein "Feierabend- und Wochenendterrorist".
Das braune Guerilla-Handbuch, vom BKA als "stringent ausgearbeitetes Konzept" eingestuft, nennt zahlreiche Operationsziele. So fordert der Autor "Zerstörungen von Sendeanlagen der Systemmedien" und "Störungen von Verkehrswegen bzw. -anlagen" wie Flughäfen, Bahnhöfen und Brücken. Nötig seien auch Banküberfälle, um "den Einsatzgruppen einen gewissen finanziellen Spielraum zu verschaffen".
Sympathie bekundet der rechte Terrorratgeber für den Mordanschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) auf den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder im April 1991. Mit dem Mord habe die RAF "eine Schwachstelle im System" aufgezeigt.
Die Bundesanwaltschaft verdächtigt die beiden Hamburger Neonazis Henry Fiebig und Christian Scholz, die "Bewegung in Waffen" verfaßt oder zumindest vertrieben zu haben. Scholz ist ehemaliger Funktionär der FAP.
Daß "Westmar" nicht nur leere Sprüche macht, wissen die Behörden seit Monaten. Im November vorigen Jahres hob die Polizei im Stadtwald von Frankfurt am Main ein von Rechtsextremen angelegtes Waffen- und Sprengstofflager aus.
Die Waffen stammten aus Kroatien und Bosnien, wo deutsche Neonazis, darunter auch FAP-Mitglieder, als Söldner in kroatischen Kampfverbänden dienen. Y
* Am 24. Februar in Düsseldorf.

DER SPIEGEL 10/1995
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