23.01.1995

AstrologieAlles Blödsinn

Schock für die Sterndeuter: Ein neues, 13. Tierkreiszeichen erschüttert ihr Weltbild.
Kein Sternbild hassen die Astrologen mehr als den Steinbock. Denn mit ihm kommt auch der Januar - der Monat, in dem hämische Naturen den Zukunftsdeutern alljährlich nachweisen, daß ihre Vorhersagen für das abgelaufene Jahr so bedeutsam waren wie ein Loch im Wind.
Doch dieser Januar bereitet den Astrologen gleich doppeltes Ungemach: Erst mußten sie zur Kenntnis nehmen, daß Boris Jelzin immer noch an der Macht, Boris Becker nach wie vor bei Babs und Helmut Kohl noch nicht aus der Politik geschieden ist. Allein die Hamburger Astrologin Martha Röhl behielt recht mit ihrer Prognose, daß sich "1994 sehr wahrscheinlich manches ändern" werde.
Gerade war der schlimmste Spott vorbei. Da kam, am Freitag letzter Woche, der zweite, unvorhergesehene Schlag: Seit vielen Jahrtausenden besteht der Tierkreis aus zwölf Sternbildern - und nun, auf seine alten Tage, macht er plötzlich Zicken.
Es gebe, so meldete meuchlings die Royal Astronomical Society in London, ein neues, ein 13. Tierkreiszeichen (siehe Grafik). Das in die Ekliptik der Erde gerückte Sternbild trägt den schönen Namen Ophiuchus (lateinisch: der Heilgott) und bringt den altbewährten Tierkreis völlig durcheinander: Der Zwilling, der angeblich zur Leichtfertigkeit neigt, wird plötzlich zum ernsthaften Stier, die Jungfrau (sorgenvoll) zum Löwen (selbstgefällig) und der Wassermann (provozierend) zum Steinbock (kompliziert).
Am schlimmsten dran sind aber die Skorpione (sexualstark), deren Seinsdauer nunmehr nur noch sieben Tage währt. Vom 30. November an mutieren sie zum Ophiuchus, dessen Charaktereigenschaften die Astrologen noch nicht definiert haben - aber wenn die Lebenswirklichkeit etwas zu sagen hat, können es nur sehr durchschnittliche sein: Berühmte Ophiuchiker sind beispielsweise die Bonner Langweiler Rudolf Scharping und Klaus Kinkel.
Eher freilich könnte man einem Fünfjährigen die nichteuklidische Struktur des Raumes erklären als einem Astrologen die Grundbegriffe der Astronomie. Entsprechend laut war das Zetergeschrei, das die Hellseher weltumspannend anstimmten: "Die Astronomen haben keine Ahnung, worüber sie sprechen", schäumte etwa der englische Astrologe Robert Hyde. Der Protest seiner amerikanische Kollegin Judith Davidson gipfelte in der Vorhaltung: "Alles Blödsinn."
Dabei ist das Phänomen der Präzession, wie die Astronomen die westwärts gerichtete Verlagerung der Äquinoktialpunkte nennen, nicht schwer zu verstehen: Da die Erde keine ideale Kugel ist, verhält sie sich wie ein torkelnder Kreisel - die Erdachse verschiebt sich und damit auch die Ausrichtung der Erdoberfläche auf das gestirnte Firmament.
Dies führt dazu, daß sich aus Erdsicht die Jahresbahn der Sterne verändert: Wo etwa vor 3000 Jahren die ägyptischen Priester, die das Tierkreissystem erfunden haben, im Monat Juni das Sternbild der Zwillinge erblickten, steht heute das des Stiers - allerdings nicht für die Astrologen: Die arbeiten nach wie vor mit dem Gestirnstand aus der Mumienzeit und lehnen daher auch den Ophiuchus ab, der schon vor geraumer Zeit ins astro-relevante Blickfeld der Erde geraten ist.
Dabei bestimmt der Heilgott die Zukunftsschau der Wahrsager offenbar bis ins Detail; anders jedenfalls ist nicht zu erklären, daß Heinz Tschischkoss, Deutschlands zischlautstärkster Astrologe, für 1995 ein bundesweites Rauchverbot prophezeit - da lacht der Raucher, wenn er nicht gerade hustet. Y
[Grafiktext]
Alte u. revidierte Ordnung d. Tierkreiszeichen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 4/1995
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