13.03.1995

FilmQuick Stop

„Clerks - Die Ladenhüter“. Spielfilm von Kevin Smith. USA 1994.
Ach, die berühmte Generation X war so lang aus dem Blickfeld entschwunden, daß man sie schon für eine bloße Zeitgeistmedien-Erfindung halten wollte. Aber nun, mit dem Film "Clerks", ist sie wieder da, knackfrisch und lebensmunterer als je.
Denn der Film ist auf einem körnigen 16-Millimeter-Schwarzweiß-Material gedreht, das von sich aus die ganze Welt "grungy" erscheinen läßt. Die Bilder sind so bewußt kunstlos, als hätte eine Video-Aufzeichnungskamera sie geliefert. Und die Dialoge, mit denen die Helden einander vollabern, kommen so unsynchronisierbar blumig, zotig, hirnverbrannt daher, daß diese ganze Welt in Gelächter explodieren möchte. "Clerks" ist, was in der guten alten Zeit "screwball comedy" hieß, eine Quasselkomödie schlechthin, also bestens.
Dabei hat der "Slacker", der Jung-Schlaffi, der als Repräsentant der Generation X unlustig rumhängt, wo immer sich rumhängen läßt, eigentlich nichts zu lachen: Das Leben, gemein wie es ist, schmiert ihm keine Butter aufs Brot. Der 22jährige Filmheld namens Dante (was nichts weiter bedeutet) muß also in einem trüben Kaff namens Leonardo (was auch nichts weiter bedeutet) seine Tage hinter der Registrierkasse in einer "Quick Stop" genannten Bude herumbringen, einem besseren Kiosk, der neben Zeitungen, Zigaretten und Schokoriegeln auch Brot, Milch, Eier und Lottozettel im Angebot hat.
Der eine Tag, den der Film von Ladenöffnung bis Ladenschluß erzählt, scheint für Dante (Brian O'Halloran) wie jeder Tag angefüllt mit Lieferantenscheiß, Kundenverarschung, Frauengeschichten und Macho-Talk mit dem Kumpel Randal (Jeff Anderson), der in der Videothek nebenan hinterm Tresen steht - aber insgeheim ist dieser Tag ein besonderer, ein Offenbarungstag, einer, an dem das Lotto des Lebens neu gemischt wird, auch wenn das bekanntlich die Siegeschance nicht erhöht.
Richard Linklaters Generation-X-Schlüsselfilm "Slacker" von 1989, der ein paar jugendliche Rumhänger im texanischen Austin porträtierte, hat in Leonardo (New Jersey) folgenschwer gewirkt: Kevin Smith, der sich als "Registrierkassen-Jockey" im "Quick Stop" durchs Leben brachte, sah den Film an seinem 21. Geburtstag und erlebte ihn als "Offenbarung" mit der Botschaft: Das kannst du auch!
Smith, plötzlich beflügelt, besuchte ein paar Monate eine Filmschule in Vancouver, schrieb sein Drehbuch und machte sich Anfang 1993 an "Clerks": Tagsüber bediente er im "Quick Stop" hinter dem Tresen, frühmorgens und abends wurde dort gedreht, nebenan in der Videothek stand der Schneidetisch, und als alles fertig war, hatte sich der Nichtsnutz als witziges Talent erwiesen. Die Herstellung von "Clerks" kostete 27 575 Dollar. Ein Jahr später bekam Smith dafür knapp das Zehnfache als Verleihvorschuß, und seither hat der Film allein in den USA gut das Hundertfache eingespielt.
Kevin Smith, inzwischen 24, lebt noch immer in Leonardo, läßt sich gelegentlich im "Quick Stop" blicken und geht sonntags als guter Katholik zur Messe, aber natürlich hat er für seine beiden nächsten Filme schon Millionenverträge aus Hollywood in der Tasche. Offenbar gibt es Slacker, die im Lotto gewinnen, also bei genauerem Hinsehen gar keine sind.
Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 11/1995
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