06.03.1995

Hauptstadt

An jedem Baum

Für den neuen Berliner Großflughafen will die SPD 22 Millionen Bäume fällen lassen - schwarz-grüner Widerstand formiert sich.

Jede Hilfe ist den ostdeutschen Umweltschützern recht, auch die der Obrigkeit, wenn es gegen den geplanten Großflughafen im brandenburgischen Sperenberg geht.

"Die Megaphone sollten wir uns bei der Polizei ausleihen", schlägt eine Schülerin beim Treffen der örtlichen Öko-Initiativen am vergangenen Dienstag vor. Ein bärtiger Beamter hat einen Kandidaten für die Rednerliste der nächsten Demo: "Aus Berlin sollten wir den Landowsky von der CDU einladen."

Anruf genügt. Der CDU-Fraktionschef wartet nur darauf, deftige Volksreden gegen das umstrittene Vorhaben zu halten. Den 15 Milliarden Mark teuren Flughafen im Sperenberger Forst will er mit allen Mitteln verhindern.

"Ökonomisch und ökologisch unsinnig" nennt Klaus-Rüdiger Landowsky die Pläne für den Mega-Airport. Finstere Zeiten drohten der Region, wenn in Sperenberg die Rodungsarbeiten beginnen sollten: Der Kampf um die Startbahn West im Frankfurter Flughafenwald Anfang der achtziger Jahre sei dagegen "ein Kinderspiel" gewesen. "An jedem Baum werden sich Menschenketten bilden."

Eine Koalition aus Umweltschützern und CDU-Politikern hat da zueinandergefunden, die in der Hauptstadt noch vor kurzem niemand für möglich hielt. Den Berliner Unionschristen ist das Projekt zu teuer. Sie stehen unter dem Druck des Bonner CDU-Verkehrsministers Matthias Wissmann, der aus seinem knappen Etat drei Milliarden Mark beisteuern müßte (siehe Interview Seite 37). Die Ökologen bangen um eine nahezu unberührte Naturlandschaft.

Die Allianz gegen einen Airport in Sperenberg, das größte Verkehrsprojekt der deutschen Geschichte, ist mächtig - aber bisher nicht mächtig genug. Ausgerechnet die SPD, die in Brandenburg allein und in Berlin mit der CDU regiert, stellt sich stur.

"Für uns hat der Schutz von Menschen Vorrang vor Bäumen", sagt die Berliner Sozialsenatorin Ingrid Stahmer, die im Herbst als SPD-Spitzenkandidatin bei den Abgeordnetenhauswahlen antritt. Sie will die Berliner vom Lärm der bisherigen Stadtflughäfen Tempelhof, Tegel und Schönefeld entlasten.

Von einem allmählichen Ausbau des ehemaligen DDR-Regierungsflughafens Schönefeld, den die CDU des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen in Berlin bevorzugt, will die resolute Politikerin nichts wissen: "Diepgen ist hier nicht der Sonnenkönig."

Der Potsdamer SPD-Premier Manfred Stolpe steht fest an ihrer Seite. Er hofft, in der Brandenburger Provinz auf einen Schlag 24 000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Meldung der Hamburger Zeit, Stolpe habe im Spitzengespräch mit Wissmann und Diepgen auf Sperenberg praktisch verzichtet, dementiert Berlins Senatskanzleichef Volker Kähne, der bei dem Gespräch dabei war: "Kein Wort in diese Richtung ist gefallen, definitiv."

Stolpes Mehrheiten sind stabil. Im Aufsichtsrat der Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF), die dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg gehört, haben SPD-Politiker die Unterstützung der Arbeitnehmer.

Deren Interessen decken sich mit denen der Geschäftsleitung. Für die Aufregung um Wald und Wiesen hat BBF-Geschäftsführer Götz Herberg wenig Verständnis: "In diesem Waldstreifen", so sein Resümee nach einem Spaziergang im Sperenberger Forst, "möchte ich nicht ausgesetzt sein."

Die Beschilderung für Fußgänger sei schlecht, rechts und links dürfe man ohnehin nicht laufen, weil dort die sowjetische Armee ihre Munition hinterlassen habe. Das Fazit des Hobby-Ökologen: "Irgendeiner muß doch das Gelände jetzt mal sanieren."

In Herbergs Sanierungsgebiet rund um die verwitterte Landepiste der Sowjetarmee nisten heute Graugänse und Fischadler. In den Flüssen tummeln sich Bachforellen und Gründlinge, viele Fische stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Zur Hälfte liegt das Naturschutzgebiet Kummersdorfer Heide im geplanten Bauareal.

Im Fall einer Radikalsanierung ist mit dem Idyll Schluß: Zur Rodung werden bis zu hundert Kettensägen im Einsatz sein, dann rollt eine Armada von Baggern, Bulldozern und Betonmischmaschinen an. Täglich werden rund tausend Lkw über den Waldboden rattern, Baumaschinen die Abgase von insgesamt 85 Tonnen Treibstoff in die Luft blasen. Sechs Jahre lang sollen die Bauarbeiten dauern.

Am Ende wären 22 Millionen Bäume und Sträucher gefällt, über 3000 Hektar Land gerodet, planiert oder mit Beton überzogen, mehrere Kilometer Flußlauf entwässert und zugeschüttet. Weil der Flughafen in einem Waldstück über 70 Straßenkilometer entfernt von der Hauptstadt liegen soll, müßten Schneisen auch für Autobahn und Bahnstrecke geschlagen werden.

Was die Bauherren des "Flughafens der nächsten hundert Jahre in Mittelosteuropa" (Stolpe) anrichten würden, hat die Potsdamer Landesregierung in einem Gutachten minutiös aufführen lassen. Die Experten fürchten eine "Verdrängung der im Untersuchungsraum lebenden Greifvögel Brandenburgs". Lärmempfindliche Vogelarten wie der "vom Aussterben bedrohte Schwarzstorch" müßten ihre Brutplätze verlassen, bevorzugten sie doch "stille Waldgebiete mit altem Baumbestand".

Die vorgesehene Senkung des Grundwasserspiegels um mehrere Meter bedrohe "wertvolle Lebensräume, insbesondere von Amphibien, Reptilien und Libellen". Fünf schon gefährdete Fischarten seien durch die Überbauung von Seen und Flüssen gänzlich in ihrem Bestand bedroht.

Die von Wissmann empfohlene Alternative, der Ausbau des Flughafens Schönefeld, wäre weit umweltfreundlicher. Waldgebiet wäre in Schönefeld kaum betroffen. Der Flächenverbrauch allein für neue Straßen fällt in Sperenberg neunmal größer aus.

Doch Wissmanns Widerstand gegen den Neubau im Wald kommt womöglich zu spät: Im Raumordnungsverfahren, das wichtige rechtliche Voraussetzungen für den Flughafenbau klärt, wurde Schönefeld als ungeeignet eingestuft. Vor allem die Lärmbelastung für die Anwohner sei zu groß.

Das von Brandenburg betriebene Raumordnungsverfahren steht allerdings unter Verdacht: Der Bundesrechnungshof, der das Sperenberg-Projekt ohnehin für zu teuer hält (SPIEGEL 7/1995), kritisierte in einem Bericht für Wissmann, die Planer seien parteiisch gewesen und hätten die Alternative Schönefeld "nicht chancengleich" geprüft.

Am Donnerstag vergangener Woche beauftragte Wissmann deshalb den Regensburger Rechtsprofessor Udo Steiner mit einer Expertise. Der Professor, bereits als Gutachter beim Rhein-Main-Donau-Kanal aktiv, soll prüfen, ob das Brandenburger Raumordnungsverfahren "einer objektiven Prüfung standhält".

Gleichwohl sind die Chancen für Schönefeld gesunken. Zwei Rechtsgutachten, die von der Flughafen Holding bestellt wurden, warnen: Wenn die Holding "einen negativ beurteilten Standort auswählt", so die Gutachter, "geht sie damit ein erhebliches rechtliches Risiko ein". Die Klagen betroffener Bürger, so die Befürchtung, könnten das Projekt schnell zu Fall bringen.

Für die Hauptstadt wäre das ein Fiasko: Am Ende gäbe es gar keinen funktionsfähigen Flughafen. CDU-Mann Landowsky baut deshalb vor.

Vorsichtshalber, so der Taktierer, könne man ja das Planfeststellungsverfahren für Sperenberg in Gang setzen - "falls Schönefeld nicht klappt". Y


DER SPIEGEL 10/1995
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