02.01.1995

Schrei nach Liebe

Aus Geltungsdrang oder Not täuschen Bürger vor, Opfer einer rechtsextremistischen Gewalttat geworden zu sein.
Was die Berliner Schülerin Jennifer, 17, Mitte Dezember auf einer Polizeiwache im Bezirk Tiergarten berichtete, klang zunächst wie eine weitere Episode aus dem häßlichen Deutschland.
Drei Neonazis mit kurzgeschorenen Haaren seien fünf Tage zuvor in einer U-Bahn-Station über sie hergefallen, berichtete das Mädchen. Die Übeltäter hätten sie wegen ihrer schwarzen Haare und des dunklen Teints offenbar für eine Ausländerin gehalten.
"Erst haben die Skins mich als ,Kanakenschlampe' beschimpft", gab Jennifer zu Protokoll, "dann haben sie mich in den Bauch getreten." Die Revierpolizisten leiteten den Fall an ein Sonderkommissariat des Berliner Landeskriminalamtes weiter.
Doch trotz detaillierter Täterbeschreibung kamen die Fahnder nicht weiter. Auch nach Tatzeugen suchten sie vergeblich. Am Freitag vor Heiligabend legte das Mädchen nach stundenlangen Vernehmungen ein Geständnis ab: "Ich habe mir das ausgedacht."
Fiktive Skinhead-Attacken halten derzeit in Deutschland die Polizei auf Trab. Allein in Berlin haben im Jahr 1994 mindestens 19 Menschen eine Straftat mit rechtsextremistischem oder fremdenfeindlichem Hintergrund erfunden - Tendenz steigend.
"Vorgetäuschte Straftaten", beklagt Hans-Martin Zimmermann, Fachbereichsleiter an der Polizei-Führungsakademie in Münster-Hiltrup, "durchziehen die gesamte Strafrechtspraxis ganz fürchterlich." Ein bayerischer LKA-Fahnder sagt: "Es ist en vogue, sich als Skinhead-Opfer aufzuführen."
Rechte Postillen nutzen solche Attacken, um tatsächliche Vorgänge herunterzuspielen. "So wird ,Rechtsterror' erfunden", titelte die extremistische Deutsche Wochenzeitung, nachdem sich ein Skinhead-Überfall in Sachsen-Anhalt als Fälschung erwiesen hatte.
Dabei ist die Zahl rechtsextremistisch motivierter Delikte noch immer hoch. In Brandenburg wurden bis zum 19. Dezember 629 Vorfälle aktenkundig. In Berlin rechnen die Strafverfolger für 1994 mit über 2000 Fällen, Schmierereien freilich mitgerechnet.
Manche Fälle, die sich später als Hirngespinste entpuppten, gerieten weltweit in die Schlagzeilen. So berichtete die New York Times großflächig im Januar 1994 über die Rollstuhlfahrerin Elke, 17, aus Halle. Mit ihrer erfundenen Behauptung, Skins hätten ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt, sorgte die Schülerin international für Aufregung.
Ebenfalls mit einem blutigen Hakenkreuz, angeblich von Neonazis in seinen Arm geritzt, foppte ein junger Berliner die Polizei. Sein Motiv: Er wollte auf rechtsradikale Gewalt aufmerksam machen.
Elke Sager-Zille, 34, aus Potsdam wurde im Oktober als Heldin gefeiert. Die arbeitslose Schwesternhelferin, Mutter dreier Kinder, hatte sich mit einer Beckenverletzung, Folge eines Sturzes, ins Krankenhaus geschleppt. Ihre Behauptung, von Skins aus der Straßenbahn gestürzt worden zu sein, nachdem sie einer gehbehinderten Frau zu Hilfe gekommen sei, nahm sie nach fünf Tagen zurück (siehe Interview Seite 51).
Im Landeskriminalamt der Hauptstadt hat man die Pseudo-Opfer in drei Gruppen eingeteilt. Das Gros, berichten Kriminalbeamte, suche mit erfundenen Überfällen ein Alibi. So behauptete ein in Berlin lebender Ghanaer im November 1993, Neonazis hätten ihm aufgelauert und ihn verprügelt.
In Wahrheit wollte der Asylbewerber seiner Frau eine Kneipentour verschweigen. Die strenge Gattin hatte ihrem Mann Bier und Schnaps verboten. Als der Afrikaner auch noch in eine Wirtshausschlägerei geriet, bekam er es mit der Angst zu tun.
Ein 15jähriger Iraner aus dem nordrhein-westfälischen Velbert behauptete, in der Weihnachtswoche von drei "Bomberjackenträgern" mit einer Gaspistole beschossen worden zu sein. Er wollte verschweigen, daß ein Kumpel ihn beim Hantieren mit der Waffe versehentlich verletzt hatte.
Für eine Minderheit, wie Elke aus Halle, seien solche Lügengeschichten "ein Schrei nach Liebe", so der sachsenanhaltinische Generalstaatsanwalt Jürgen Hoßfeld. Andere versuchen, mit erfundenen Überfällen Druck auf Behörden ausüben oder Rache nehmen.
So wollte eine im Süden Berlins untergebrachte Flüchtlingsfamilie aus Ex-Jugoslawien mit Verwandten in einem Heim am anderen Ende der Stadt zusammengelegt werden. Die Behörden schalteten auf stur. Nach dem Ablehnungsbescheid des Ausländeramts brannten im Sommer die Gardinen im Zimmer der Flüchtlinge.
"Das waren Rechtsradikale", behaupteten die Bewohner - die Polizei hegt große Zweifel an ihrer Darstellung. Die Kinder sagten aus, daß ihre Eltern zum Streichholz gegriffen hätten, doch die leugnen die Tat nach wie vor.
Daß die gewaltbereite Skinhead-Szene in jüngster Zeit eine "willkommene Projektionsgruppe" für solche Nöte abgibt, hängt für den hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer mit ihrer "augenblicklichen Dämonisierung" zusammen. Wie niemand sonst verkörperten die Glatzköpfe "das Böse, den Urfeind der Gesellschaft".
Die meist komplizierte Motiv-Gemengelage alarmiert auch Seelenforscher. Der Frankfurter Diplom-Psychologe Werner Gross vermutet, die angeblichen Opfer befänden sich meist "in einer desolaten psychischen Ausnahmesituation". Indem sie sich in eine Opferrolle drängten und Mitleidseffekte nutzten, verbuchten sie einen "sekundären Krankheitsgewinn".
Auch die Medien macht Gross als "Kollaborateure" für das Fake-Phänomen verantwortlich. Vor allem in Fernseh-Talkshows habe sich Exhibitionismus breitgemacht, nach dem Motto: "Einmal in den Schlagzeilen, einmal ein Heroe." Y
"Einmal in den Schlagzeilen, einmal ein Heroe"

DER SPIEGEL 1/1995
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