06.03.1995

KlinikenDer letzte Kampf

Der hochverschuldete Klinikbesitzer und Ex-Schalke-Präsident Günter Eichberg übernahm im Handstreich wieder die Geschäfte.
In seinem ersten Leben als Klinikchef liebte Günter Eichberg die großen Auftritte. Die brachten ihm erst ein kleines Imperium florierender Venenkliniken, später das Präsidentenamt beim Fußballklub Schalke 04, schließlich die Verehrung als "Sonnenkönig des Ruhrpotts" - und dann einen Schuldenberg von 140 Millionen Mark.
Sein Comeback versuchte der frühere AOK-Angestellte, der sich nach dem Crash Ende 1993 ins amerikanische Rentnerparadies Palm Beach abgesetzt hatte, in ungewohnter Schlichtheit. In seiner Klinik im Park in Hilden erschien er am Dienstag vorvergangener Woche, rief Verwaltungsleiter und Chefarzt zu sich und kündigte eine neue Eichberg-Zeitrechnung an: "Ich bin wieder da."
Schon bald, so Eichberg, werde er mit Hilfe von Geldgebern aus seiner finanziellen Bredouille herauskommen. Dazu sei es nötig, den bisherigen Geschäftsführer durch "einen Mann meines Vertrauens" zu ersetzen. Der alte habe zwar "hervorragend gearbeitet", durch sein Verhalten aber die Eigentümer-Interessen bei den Verkaufsverhandlungen beeinträchtigt.
Nach knapp 20 Minuten hatte Günter Eichberg die Geschäfte im Handstreich wieder übernommen - aber wohl nur für nicht einmal 20 Tage.
Denn nicht noch einmal wollen sich die Gläubiger-Banken, die vor 16 Monaten vom Ausmaß der Verluste überrascht wurden, die Eichberg "im Rausch der Kohle" (SPIEGEL 43/1993) bei seinen Geschäften in Klub und Kliniken produziert hatte, vorführen lassen. Schon am vergangenen Freitag sollte das anhaltende Gezerre um die Resteverwertung im Reich des Sonnenkönigs beendet werden - doch ehe der Gläubigerpool entscheiden konnte, verließ Eichberg zusammen mit dem Kölner Bauunternehmer Heinz Barth, 70, den Raum.
Barth, der eine Zehn-Millionen-Mark-Forderung hat, will die Kliniken zusammen mit Eichberg weiterführen - was von den Banken abgelehnt wird. Die befürworten einen sofortigen Verkauf an die Neu-Anspacher Unternehmensgruppe Hartmut Leibbrand für 85 Millionen Mark. Die Stimmung, hieß es nach der gescheiterten Pool-Sitzung, sei so gereizt, daß die Banken überlegen, noch in dieser Woche Konkursantrag gegen Eichberg zu stellen.
Den Konkursantrag hatten die Gläubiger bisher auch aus Eigeninteresse vermieden: Sie hoffen bei einer Gesamtverwertung der Kliniken einen höheren Preis zu erzielen. Also mußten sie Eichberg alle Rechte des Alleingesellschafters belassen, konnten ihn lediglich verpflichten, diese nicht mehr auszuüben.
Der Langmut machte Sinn, weil sich schon bald herausstellte, daß die Kliniken ohne Eichbergs Eskapaden im Grunde solide, auch lukrative Betriebe sind. Eichberg hatte, um sein Hobby Schalke zu finanzieren, dem Unternehmen zu viel Geld entzogen.
Während der Chef mittelmäßigen Fußballern auf Papierservietten Millionenbeträge garantierte, Trainer und Manager mit unbegrenzt zu nutzenden Kreditkarten bei Laune hielt und selbst im Zweitdomizil in Florida dauerurlaubte, mußten seine Ärzte Operationen absagen, weil es an Verbandsmaterial und Sterilisationsmitteln fehlte. Die Schalke-Fans feierten ihn derweil als großen Macher, der seinen Jaguar an Autobahnraststätten nur anhalten ließ, um Eis für den Weißwein nachzuladen.
Das Sanierungskonzept schien ohne Eichberg aufzugehen. Als sich die Gläubigerforderungen auf realistische 85 Millionen einpendelten, meldeten sich mehrere Kaufinteressenten. Schon bald galt die Leibbrand-Gruppe als Favorit, bestand aber auf einer einstimmigen Verkaufsentscheidung des Pools, um das Übernahmerisiko für bis heute noch unbekannte Forderungen so gering wie möglich zu halten.
Die Genesung seiner Kliniken machte aber auch Eichberg wieder begehrlich. In Barth, der bei einem Verkauf an die Leibbrand-Gruppe vier seiner zehn Millionen Mark abschreiben müßte, fand Eichberg nun einen kongenialen Partner, der mit seinem Veto alle Entscheidungen blockierte.
Der Bauunternehmer, der im Vorjahr erst in allerletzter Minute darauf verzichtete, sich zum Präsidenten des Kölner Eishockey-Klubs "Die Haie" wählen zu lassen, hält gemeinhin Banken für überflüssig, weil "sie einem nur das letzte Geld abnehmen". Doch allein mochte er den Kauf nicht realisieren; vergebens versuchte er, Gläubigerbanken wie die WestLB und das Hamburger Bankhaus Marcard, Stein & Co. in sein Finanzierungsmodell einzubinden.
Da gewann Eichberg, der schon beim Aufbau seines Klinikreiches nicht zimperlich gewesen war, Barth für die - legale - Besetzung seines Eigentums. Den letzten Kampf um das eigentlich schon verspielte Hab und Gut eröffnete Eichberg mit einer eindeutigen Geste: Mit dem in den letzten Monaten so erfolgreichen Geschäftsführer Bernd Kahnert entließ er jenen Mann, der dem Kaufkonkurrenten Leibbrand für die weitere Sanierung unverzichtbar erscheint.
Das ohnehin schlechte Image der Banken, erklärten Barth und Eichberg noch den verdutzten Gläubigern, ehe sie den Raum verließen, werde die Geldinstitute schon daran hindern, die florierenden Kliniken durch einen Konkursantrag zu zerschlagen.
Seinen ehemaligen Klub, dem er noch 1,3 Millionen Mark schuldet, hat der Ex-Präsident auch schon angerufen: Er werde bald zahlen. Y

DER SPIEGEL 10/1995
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