30.01.1995

Sozialdemokraten„Berlin braucht einen mit Bums“

Den ersten SPD-Genossen haut es vom Stuhl, kaum daß die Begrüßungsworte gesprochen sind. Ein kurzes Aufbäumen, dann sackt der Mann, die Hand am Herzen, japsend auf dem Linoleumboden zusammen. Unruhe im Kreuzberger Seniorenhaus an der Stallschreiberstraße.
An diesem Sonntagmorgen wollten Ex-Bürgermeister Walter Momper und die amtierende Sozialsenatorin Ingrid Stahmer, die um den Job des Berliner SPD-Spitzenkandidaten für die nächste Wahl zum Abgeordnetenhaus konkurrieren, sich den Kreuzberger Genossen stellen. Doch nun ist erst mal der Notarzt gefragt.
Was tun? Sollen sie zu Hilfe eilen? Oder einfach weiterreden? Was erwarten wohl die rund hundert Zuschauer im Saal?
Der kantig-kahle Walter Momper, 49, schweigt stur in sich hinein. Schließlich hat er sich um den Chefposten der Millionenstadt Berlin beworben, nicht um die Stelle eines Altenpflegers.
Die gelernte Sozialarbeiterin Ingrid Stahmer, 52, rutscht dem zusammengebrochenen Alten hippelig auf der Stuhlkante entgegen. Doch dann hält sie inne. Schön stumm will sie bleiben. So wie Walter.
Die große Pose, das haben die beiden Kontrahenten bei ihrer Tingeltour durch die Ortsvereine gelernt, kommt beim Parteivolk schlecht an. Ebenso Profilsucht auf Kosten des anderen. Die Kandidaten sollen sanft miteinander umgehen, Wahlkampf ohne Kampf ist gefragt. Nur so können sie an der Basis Punkte sammeln.
"Klitzeklein" seien die Unterschiede zwischen ihr und Walter, beteuert Ingrid Stahmer, nachdem Arzt und Patient gemeinsam den Saal verlassen haben. Die Differenz zu Ingrid könne man "nur in Millimetern messen", schiebt Walter Momper hinterher.
Er lobt sie als "hochkompetent", sie bescheinigt ihm, ein "politischer Kopf" zu sein. Listig lächelnd trägt er immer wieder sein "Wie Ingrid schon sagte" vor, ebenso stereotyp kontert sie: "Ich kann dem Walter da nur zustimmen" - zwei Kandidaten, eine Meinung. So soll es scheinen.
Seit zwei Monaten turteln sie im "Doppelpack" (Stahmer) durch die Berliner SPD-Bezirke. Am kommenden Sonntag müssen die Genossen per Urwahl entscheiden, wer im Herbst gegen Eberhard Diepgen, den Regierenden Bürgermeister von der CDU, antreten soll.
Zur Wahl stehen zwei völlig unterschiedliche politische Temperamente: Eine stille Stahmer, die Menschen "abholen" will, um dann unterwegs mit allen alles zu bereden, tritt an gegen Momper, die Dröhnung. Machtmensch contra ehrliche Haut.
Für seinen innerparteilichen Wahlkampf, Motto "WM 95", hat Walter Momper im Berliner Hilton eigens die Zimmer 203 und 204 gemietet. Von dort starten Momper-Fans, eingehüllt in rote Schals, das Markenzeichen des Walter Momper aus besseren Zeiten, ihre Telefonrundrufe unter den 24 000 Mitgliedern. 60 000 Mark an Spenden hätten sie bisher zusammenbekommen, sagt Momper.
Sie will mit 12 000 Mark hinkommen. Bescheidenheit soll ihr Markenzeichen sein. "Stimmen für Stahmer" steht auf den selbstgebastelten Stickern, die ihre Anhänger tragen.
Wie in den Wochen zuvor stellt Momper wieder Selbstsicherheit zur Schau, pocht auf "klare Führung", tönt von "Schlacht" und "Angriff", wettert "gegen diese ewige Leisetreterei". Ingrid Stahmer plädiert mit rauchigrauher Stimme, die ihr das Tantenhafte nimmt, für Teamarbeit, weil "das mehr bringt".
"Diese Stadt braucht einen mit Bums", sagt Momper. "Man kann heute in der Politik nicht einfach so losrennen", sagt Stahmer. Applaus bekommen beide.
Doch das Wortgetöse des Kraftmeiers klingt merkwürdig hohl. In seinem Bemühen, nur ja nicht provinziell zu wirken, startet Momper jene Streifzüge durch die "internationale Metropole Berlin", bei denen sich auch Diepgen oft im Lächerlichen verliert.
Wenn der Kandidat anbietet, Berlin "metropolenmäßig" umzubauen, gerät ihm unversehens alles zum "zentralen politischen Anliegen". Kleiner geht's nicht. Metropolen-Momper backt gern die ganz großen Brötchen.
So sucht er jene Zweifel wegzureden, die ihn und seine Partei seit der Berlin-Wahl vom Dezember 1990 plagen. Damals, ein Jahr nach dem Fall der Mauer und zwei Monate nach der deutschen Einheit, kassierte Momper daheim die größte Niederlage der Berliner SPD-Geschichte. Die CDU mit Eberhard Diepgen holte 40,4 Prozent, die Sozialdemokraten kamen nur auf 30,4 Prozent.
Das schmerzt. Auch heute noch. Mit den zur Übergröße verklärten SPD-Bürgermeistern Ernst Reuter und Willy Brandt, die in Berlin einst absolute Mehrheiten für die SPD erkämpften, kann er sich nicht messen. "Von einem Willy Brandt", gesteht Momper, "bin ich weit entfernt."
In kleiner Runde spricht er, ungewohnt leise, von seinen "bitteren Erfahrungen" mit der Partei. Von den "nach oben durchgewachsenen 68ern", die ihm das Leben schwermachen.
Im Kreuzberger Seniorenhaus geht der Gekränkte, der Ende der sechziger Jahre im Kreuzberger Kiez als Jusochef seine Karriere begann, wieder auf die "Speckschicht der Funktionäre" los. Viele schütteln den Kopf, auch die kleinen Kassierer und Schriftführer fühlen sich beleidigt. "Walter", fragt einer dazwischen, "wie willst du mit denen jemals wieder zusammenarbeiten?"
Fürsorglich nimmt Ingrid Stahmer ihren ehemaligen Chef, der sie vor sechs Jahren aus dem Charlottenburger Bezirksamt in seinen rot-grünen Senat holte, in Schutz. "Auch ich war 1990 dabei", sagt sie, "auch ich habe damals verloren." So kann man mit Demut punkten.
Doch Momper, mittlerweile Chef einer kleinen Immobilien-Entwicklungsfirma, will keinen Trost. Mit Vorsatz tut er den Genossen weh, zum Beispiel wenn er die Politik der SPD-Senatoren zur "ordentlichen Verwaltungsarbeit" runterredet. Da kommt im Publikum keine Freude auf.
Stahmer bietet den Genossen Linderung. Der Walter habe ja mit vielem recht, pflichtet sie ihm bei. Doch dann ermahnt sie ihn: "Im Wahlkampf müssen wir unsere Senatoren aber auch ein bißchen loben." Das gefällt.
Die Mitglieder sind für jeden Flirt mit der netten Ingrid zu haben. Mit ihr, die nie zu laut und selten zu lang redet, können sich viele identifizieren.
Natürlich ärgert es die Kandidatin, wenn ihre Sanftmut als Mangel an Stärke verstanden wird. Aber sie nimmt es in Kauf. Bolleriger ist sie nicht zu haben. "Wenn ich mit meinem Stil nicht durchkomme", sagt sie trotzig, "dann will ich es nicht werden."
Bislang kam sie in der Männerwelt auch so ganz gut zurecht. Als einziges Mädchen unter Jungen absolvierte sie ihr Abitur auf dem Bremer "Gymnasium Am Barkhof". 1964 trat die damals 21jährige in die SPD ein.
Die Charlottenburger SPD kürte sie 1985 zur Spitzenkandidatin. Doch den Parteivorsitz der Landes-SPD lehnte sie damals ab, obwohl Parteifreunde die Genossin arg gedrängt hatten. Die damalige Sozialstadträtin in Charlottenburg wollte erst mal gute Fachfrau werden.
Jetzt will sie mehr. Die Rolle als "Sozialtante der SPD" (Stahmer) hat sie lange genug gespielt. Die der Generalistin probt sie noch - und alle dürfen zuschauen.
Prahlt Momper mit der Lösung, spricht sie von Problemen. Wo der Mann mit dem Schal schon die Antwort kennt, sind für sie noch "ein, zwei Fragen ungeklärt".
Ob die Genossen ihr die größeren Chancen gegen Diepgen und seine CDU-Truppe zutrauen, ist offen. Momper setzt darauf, daß sich die Sympathie für sie nicht in Stimmen auszahlt. Er will ja nicht geliebt, nur gewählt werden.
Gönnerhaft hat er ihr schon einen Stuhl an seinem Senatstisch angeboten. Mit ihm müsse die Partei die Wahl gewinnen, damit sie weiter Sozialsenatorin bleiben kann. Mompers Slogan: "Wer Ingrid mag, muß Walter wählen."
Das empört die Dame dann doch. Auch sie wisse für den Konkurrenten einen geeigneten Posten, nur leider nicht in Berlin: "Walter", lobt sie ihn, "du wärst sicher ein guter Bundestagsabgeordneter." Y
[Grafiktext]
Berliner Direktwahl: Für welchen Regierenden Bürgermeister würden
Sie sich entscheiden?
[GrafiktextEnde]
Von Gabor Steingart

DER SPIEGEL 5/1995
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