30.01.1995

FeminismusBastille stürmen

Krach um den Kölner Frauenturm: Mißbraucht die Journalistin Alice Schwarzer ein öffentliches Archiv als Redaktionsbüro?
Am alten Hafen zu Köln erhebt sich ein mächtiger sandfarbener Wehrturm. Einstmals, im Mittelalter, schlugen sich revoltierende Bürger und klerikale Feudalherren um den Festungspfeiler: "Wer den Turm hat, hat die Macht", sagen die Kölner noch heute.
Mittlerweile hält eine streitbare Dame das alte Gemäuer besetzt: die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, 52.
Rund 5,5 Millionen Mark Steuergelder hat die Berufsfeministin, trotz leerer öffentlicher Kassen, bei Stadt- und Landespolitikern für den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Bayenturms losgeeist. In der alten Festung errichtete Schwarzer ein gemeinnütziges, im deutschsprachigen Raum "einmaliges" Dokumentationszentrum für Frauenforschung.
Schon vor Jahren hatte sie zusammen mit dem Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma eine Stiftung gegründet. Reemtsma steuerte 10 Millionen Mark bei und garantierte damit die Finanzierung der Einrichtung "auf mindestens zehn Jahre".
Mit dem Geld wurden bislang 25 000 Bücher, Zeitschriften und Dokumente archiviert sowie die postmoderne Innenausstattung des vierstöckigen Gebäudes finanziert, ein Panorama-Büro mit Kölns schönstem Ausblick über den Rhein inklusive.
Wenige Monate nach der feierlichen Eröffnung des "Turms der Frauen" im August vorigen Jahres aber regt sich nun Unmut über die Umtriebigkeit der Stiftungsvorsitzenden Schwarzer und ihrer Getreuen hinter den dicken Tuffsteinmauern: Offenbar hat die Grande Dame des deutschen Feminismus ihren Triumphruf, Frauen hätten endlich "einen Turm für sich allein" erobert, ein wenig zu persönlich genommen.
Denn der Öffentlichkeit ist das Gebäude nur stark eingeschränkt zugänglich. Lediglich die Bibliothek steht den an weiblicher Historie interessierten Besuchern offen. Und auch dort werden nur wenige Leute auf einmal eingelassen - mit Anmeldefristen bis zu mehreren Wochen. Es sei "leichter, die Bastille zu stürmen", als im Frauenturm an Material zu kommen, spottet eine ortskundige Forscherin vom Kölner Frauengeschichtsverein über die Einlaßrituale in Schwarzers Archiv.
Zu den übrigen Räumen, insbesondere der zweiten Etage, hatten selbst Angestellte des Dokumentationszentrums bislang nur in Ausnahmefällen Zutritt: Dort, berichten ehemalige Mitarbeiterinnen übereinstimmend, verfaßten Redakteurinnen der feministischen Zeitschrift Emma über Monate ihre kämpferischen Werke.
Das "Magazin von Frauen für Menschen" (Herausgeberin: Alice Schwarzer) hatte im vorigen Frühjahr sein teures Innenstadt-Büro aufgegeben, zur selben Zeit übernahm die Feministin den Turm. Als offizielle Adresse der Emma-Redaktion firmiert seither ein bescheidenes Ladenlokal in Fußnähe des Gemäuers.
Nach dem Vertrag mit der Stadt Köln, einem Erbbaurechtskontrakt, soll der Bayenturm der Öffentlichkeit zugänglich sein, eine "gewerbliche Nutzung" der geschichtsträchtigen Immobilie ist ausgeschlossen. Überprüft werden muß nun nach Ansicht des Kölner Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes, ob die Emma-Chefin "in kommerzieller Weise" Förderzwecke mißbraucht hat. Schwarzer bestreitet dies heftig: "Die Emma wird nicht im Turm, sondern in der Alteburgerstraße gemacht."
Einsparungen beim Mietzins kämen Schwarzer als finanzielle Entlastung für ihre auflagenschwache Zwei-Monats-Gazette (44 000 Exemplare) sehr entgegen: Dem Blatt droht womöglich der wirtschaftliche Exitus, seit die streitlustige _(* Bei der Preisverleihung des "Telestar" ) _(im November 1994. ) Unternehmerin einen Prozeß gegen den Aktfotografen Helmut Newton verlor.
Um die ihrer Ansicht nach "sexistische", "rassistische" und "faschistische" Neigung des Star-Lichtbildners vorzuführen, hatte Schwarzer 19 Fotos abgedruckt, ohne Newtons Einverständnis. Newtons Verlag Schirmer/Mosel verlangte 76 000 Mark für die Abdruckrechte - und gewann vor Gericht. Nur über die Höhe des Strafhonorars wird noch verhandelt.
Bei der Kommune registriert der Kölner Stadtverordnete Jörg Frank von den Grünen hingegen eine "totale Beißhemmung" gegenüber der Emma-Chefin. Eine von Frank im Stadtparlament eingebrachte Anfrage wurde nach seinen Recherchen von der Verwaltung zunächst "verschleppt" und dann an Frau Schwarzer "weitergeleitet" - die "alles abstritt".
Immerhin kündigten sich schließlich Vertreter von Stadt und Land zu einer Begehung der Schwarzerschen Trutzburg an: Sie fanden im Turm rund ein Dutzend Arbeitsplätze mit Computern und Druckern vor - allerdings verwaist.
Mit Alice Schwarzer will sich in Köln niemand anlegen. Von Kardinal Joachim Meisner, den Schwarzer schon mal zu einer persönlichen Führung durch ihren Turm lädt, über den einflußreichen Verleger Alfred Neven DuMont bis hin zur mittelrheinischen SPD-Bezirksvorsitzenden Anke Brunn - "Alice", wie die Frauenrechtlerin liebevoll genannt wird, kann mit jedem.
Kaum ein buntes Schicki-Bankett, keine Preisverleihung, von "Bambi" bis zum "Telestar", ohne die kölsche Vorzeigefeministin. Auch Regierungspräsident Antwerpes, dessen Behörde als Kontrollorgan über die Mittelvergabe wacht, erklärt: "Die Alice kenn'' ich gut, die ist ja überall."
Der Kölner Forscher Erwin Scheuch sieht es nüchtern: "Eine Geschäftsfrau, die sich durch Beziehungen Vorteile verschaffen kann." Längst bediene sich die Frauenrechtlerin, hat der Grüne Frank beobachtet, "selbst des verfemten männlichen Instrumentariums der Macht".
Tatsächlich ist Schwarzer in Köln heute weniger als Männer- denn als Frauenschreck gefürchtet. Erfahrung mit der Turmhüterin machte etwa die Kölner Journalistin Marianne Lange. Nach einem kritischen Bericht über das Frauen-Archiv erteilte ihr der Turmvorstand postwendend "Hausverbot". Erst unter erheblichem öffentlichen Druck mußte Schwarzer den Bann wieder aufheben.
Gegenüber ihren Gehilfinnen pflegt Schwarzer offenbar einen rüden Ton. Seit Gründung der Stiftung 1984 sind schon etliche Archiv-Angestellte gegangen. Im Turm werde "absoluter Gehorsam" verlangt, berichten sie, "leiseste Kritik" beschwöre "Katastrophen" herauf. Eine ehemalige Mitarbeiterin: "Wer dort arbeitet, muß seine Seele verkaufen."
Hingegen sieht sich Schwarzer verleumdet und als Opfer einer "lokalen Machenschaft".
Die Fäden aber hält sie weiterhin fest in der Hand. So einigte sie sich jetzt mit den Behördenvertretern darauf, den Erbbaurechtsvertrag für den Turm ein wenig nachzubessern. Künftig soll, "zur praktischen Unterstützung" des Archivs, auch der "Förderverein Frauen-MediaTurm e. V." ständig dort residieren dürfen.
Die Gründungsmitglieder finden sich, bis auf eine Ausnahme, im Emma-Impressum wieder. Y
Die Emma-Chefin pflegt im Turm einen rüden Ton
* Bei der Preisverleihung des "Telestar" im November 1994.

DER SPIEGEL 5/1995
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