30.01.1995

„Derbere Typen“

Professor Fleckenstein, 54, leitet das sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Strausberg.
SPIEGEL: Herr Fleckenstein, Soldaten lesen fast täglich von Spekulationen über Blauhelm-Einsätze der Bundeswehr. Wie groß ist die Verunsicherung?
Fleckenstein: Die Bundeswehr war immer eine Verteidigungsarmee, die Soldaten hatten einen gesellschaftlich akzeptierten Auftrag. Ziel war die Friedenserhaltung. Dieses Berufsbild wird durch die Vorbereitungen auf Einsätze außerhalb des Nato-Gebiets massiv attackiert.
SPIEGEL: Fürchten Sie um die Moral der Truppe?
Fleckenstein: Es gibt drei Typen von Soldaten. Der unpolitische Kämpfer, der dorthin geht, wo er hingeschickt wird; der loyale Staatsdiener, der den Argumenten der Politik folgt, und der Individualist, der sich als Staatsbürger in Uniform versteht. Für Typ drei ist die Geschäftsgrundlage verschwunden, unter der er angetreten ist.
SPIEGEL: Und was macht Typ drei? Verläßt er die Bundeswehr?
Fleckenstein: Viele, vor allem Offiziere, sind innerlich auf dem Sprung. Und viele lassen sich früh pensionieren, andere warten ab. Das geschieht weitgehend unbemerkt. Es gibt keine Untersuchungen darüber. Ich vermute, daß der Führung dieses Thema peinlich ist.
SPIEGEL: Hat sich das Bild vom Soldaten verändert?
Fleckenstein: Die Bundeswehr verändert sich lautlos. Für die neuen Einsätze in aller Welt sind wieder derbere Typen gefragt. Das Zentrum für Innere Führung entwickelt Ausbildungspläne, die das Kämpferische stärker betonen.
SPIEGEL: Was bedeutet das Potential schweigender Verweigerer für einen Auslandseinsatz?
Fleckenstein: Das ist ein unkalkulierbares Risiko. Es kann geschehen, daß viele im letzten Augenblick verweigern - das ist der Preis, den man für eine Armee mitdenkender Menschen zahlen muß. Wer weiß, ob nicht Soldaten reihenweise aus der Einstiegsluke des Flugzeugs springen, das sie ins Krisengebiet bringen soll. Rein rechtlich wäre das möglich.
SPIEGEL: Wie bereitet sich die Bundeswehr-Führung auf solche Unwägbarkeiten vor?
Fleckenstein: Ein Ergebnis des Somalia-Einsatzes war, daß die Kommandeure sich eine umfassende Betreuung der Soldaten durch Psychologen wünschen. Da erleben ja manche Grausamkeiten, die sie nur aus dem Fernsehen kennen. Doch selbst bei psychologischer Rundumbetreuung bleibt immer ein Restrisiko, für das man nicht trainieren kann.
SPIEGEL: Aber bei Bundeswehrsoldaten, die sich freiwillig gemeldet haben, ist doch eine hohe Motivation zu erwarten?
Fleckenstein: Das würde ich nicht überschätzen. Vor 1989 existierte eine reale Bedrohung durch den Warschauer Pakt und damit ein moralisch einwandfreier Auftrag zum Schutz von Recht und Freiheit. Bei manchen Blauhelm-Einsätzen von heute ist für die Soldaten nicht mehr so klar, für wessen Interessen sie eigentlich streiten.

DER SPIEGEL 5/1995
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