30.01.1995

Konzerne

Sehr schmackhaft

Der Mischkonzern Samsung will in Deutschland zahlreiche Firmen kaufen - und mit deren Hilfe an die Weltspitze vorstoßen.

Deutschland ist für die Koreaner aus dem Hause Samsung mehr als nur ein verheißungsvoller Markt. Nicht im Hauptquartier in Seoul, sondern ausgerechnet in der deutschen Niederlassung in Sulzbach bei Frankfurt hielt Firmenchef Lee Kun Hee eine flammende Rede, mit der er dem Mischkonzern einen neuen Kurs verordnete.

"Klasse statt Masse" lautete das Fazit der "Frankfurter Erklärung", die Lee per Videoband im ganzen Unternehmen verbreiten ließ. Nur mit "einem fest ausgeprägten Qualitätsbewußtsein", so der Firmenchef, könne der größte Konzern Südkoreas zur Weltspitze aufrücken.

Um aus dem "zweitklassigen Unternehmen" einen Spitzenreiter mit Weltrang zu machen, mag sich Lee nicht allein auf billige Arbeitskräfte in Südkorea und auf das Know-how der eigenen Forscher und Techniker verlassen. Samsung will ein Multi mit globaler Präsenz werden, und in diesem Plan spielt Deutschland eine besondere Rolle.

Expertenteams des aufstrebenden Konzerns, der im vergangenen Jahr fast 90 Milliarden Mark umsetzte, sind seit Monaten auf einer ausgedehnten Deutschlandtour. Sie interessieren sich vor allem für mittelständische Firmen, die "ein Produkt haben, das für die Zukunft interessant ist", erklärt Hendrik de Jong aus der Sulzbacher Europazentrale von Samsung.

Rund 20 Betriebe, so ließen die Emissäre durchblicken, stehen auf der Wunschliste des weitverzweigten Konzerns, darunter der sächsische Ökokühlschrank-Hersteller Foron, die Autoradiofabrik Becker im badischen Karlsbad und der Motorradbauer MuZ GmbH in Zschopau. Noch in dieser Woche werden die Koreaner mit der Rollei Fototechnic GmbH in Braunschweig eine der traditionsreichsten Fotofirmen in Deutschland übernehmen.

Eigentlich wollte Rollei-Inhaber Heinrich Manderman, 72, bereits am vergangenen Mittwoch in Frankfurt seine Unterschrift unter das Vertragswerk setzen. Doch steuerrechtliche Details verhinderten im letzten Moment den endgültigen Verkauf.

Der gebürtige Pole, der mit dem West-Vertrieb der DDR-Kamera Praktica zum vielfachen Millionär wurde, hatte Rollei 1987 zum symbolischen Preis von einer Mark samt 30 Millionen Mark Schulden übernommen. Von der einstigen Vorzeigemarke, die mit der Spiegelreflexkamera Rolleiflex Weltruhm erlangte, war da nicht mehr viel übrig.

Manderman, der zuvor schon nahezu die gesamten Reste der ehemals stolzen deutschen Fotoindustrie aufgekauft hatte, gelang es, den Absturz zu stoppen. Der bis auf 35 Millionen Mark geschrumpfte Umsatz ist wieder auf gut 50 Millionen angewachsen, und in der Bilanz stehen schwarze Zahlen.

Doch ohne starken Partner, das war auch Manderman klar, hat Rollei keine Chance. In dem Verkauf an die Koreaner, die seit längerem preisgünstige Kleinbildkameras für Rollei montieren, sieht er deshalb einen "patriotischen Akt". Samsung hat vertraglich zugesichert, daß Rollei "als deutsche Firma erhalten bleibt".

Mit solch "vagen Zusicherungen" will sich Roland Becker nicht zufrieden geben. Der Inhaber der renommierten Autoradiofabrik, die vor allem Daimler-Benz und BMW beliefert, verhandelt seit Monaten mit den Koreanern, bislang ohne Ergebnis.

Obwohl die Firma (300 Millionen Mark Umsatz) schon seit Jahren keine Gewinne mehr erwirtschaftet, glaubt Becker, die Krise aus eigener Kraft meistern zu können. Beckers Hausbank, die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank, hat aber längst das Vertrauen in den Sohn des Firmengründers verloren und drängt auf einen Verkauf an Samsung. "Wir haben Herrn Becker den Deal sehr schmackhaft gemacht", bestätigt Hypobanker Harald Hofer.

Daß die Samsung-Manager große Pläne in Deutschland haben, zeichnet sich seit längerem ab. Im Herbst 1992 übernahm der Konzern von der Treuhand das Werk für Fernsehelektronik in Berlin. Ergänzt wurde das Engagement, das sich Samsung insgesamt eine halbe Milliarde Mark kosten lassen will, durch ein Werk in Tschernitz, das die Glaskolben für die Berliner Fabrik fertigt.

Im vergangenen Jahr liefen schon rund zwei Millionen Bildröhren in Berlin vom Band. Sie gehen vor allem nach England, wo Samsung sein zweites Standbein in Europa ausbaut.

Der Drang nach Europa macht durchaus Sinn. Im Gefolge des wirtschaftlichen Aufschwungs sind die Löhne in Korea steil angestiegen. Inzwischen liegen die Arbeitskosten nur wenig unter den englischen.

Mit der Produktion in Europa können die Koreaner zudem drohende Strafzölle auf wichtige Produkte umgehen. Damit will die EU-Kommission verhindern, daß die Koreaner weiterhin mit Dumping-Preisen die Märkte aufrollen.

Technologisch muß Samsung noch kräftig aufholen, um zur Weltspitze vorstoßen zu können. Auch deshalb macht die Einkaufstour Sinn. Rollei verfügt über attraktive Patente zur elektronischen Bildbearbeitung und über einen Kundenstamm, der den Koreanern Zugang zu ersten Adressen der europäischen Industrie verschafft. Und die Autoradiofabrik Becker soll immerhin in diesem Jahr alle Fahrzeuge der BMW-5er-Reihe mit ihrem neu entwickelten Digitalradio ausrüsten.

Noch sträubt sich Becker gegen den Verkauf an Samsung. Angeblich hat auch der französische Elektrokonzern Thomson Interesse. Doch die Zeit drängt.

"Wenn der Junior nicht bald seinen Wunschpartner präsentiert", ahnt ein Becker-Betriebsrat, "fällt den Koreanern das Werk wie eine reife Frucht zu." Y


DER SPIEGEL 5/1995
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