DER SPIEGEL



Belgien

Ställe ausmisten

Mit Kugeln, Molotowcocktails und Bestechungsgeldern sichern skrupellose Tiermäster ihr Geschäft.

Den Ablauf der kaltblütigen Hinrichtung kann Untersuchungsrichterin Miriam Vrinds recht genau beschreiben: Am 20. Februar gegen 19.30 Uhr wird der Veterinär Karel Van Noppen per Telefon gebeten, nach einem kranken Tier zu sehen. Kurz nach 20.00 Uhr verläßt er sein Haus am Hoverniersweg im belgischen Wechelderzande.

Nach nur 200 Metern stoppt sein Auto. Van Noppen steigt aus. Dreimal wird aus nächster Nähe auf ihn geschossen. Der Getroffene bricht tot zusammen. Offensichtlich hatte der Tierarzt sein Auto freiwillig, ohne Gewaltanwendung, verlassen - wohl, weil er die Täter kannte.

Van Noppen, Angestellter des Instituts für Veterinärkontrolle (IVK) des belgischen Gesundheitsministeriums, kämpfte gegen eine verschworene Profitgemeinschaft von Metzgern, Ärzten, Viehhändlern und Schlachthofbetreibern, die durch illegalen Einsatz wachstumsfördernder Mittel bei der Zucht von Rindern und Schweinen Millionen verdienen. Er wolle "die Ställe und Schlachthöfe ein für allemal ausmisten", hatte der Tierarzt angekündigt. Der Versuch, seine Drohung wahr zu machen, kostete ihn das Leben.

Der Mord ist nur der gewalttätigste Akt in einer langen Reihe von Anschlägen auf jeden, der versucht, in Belgien das Geschäft mit der Hormonspritze zu beenden. Der Tierarzt Andre Ermens aus Erpe wurde von maskierten Männern zusammengeschlagen. Dem Europa-Parlamentarier Jaak Vandemeulbroucke setzte ein Molotowcocktail das Haus in Brand. Am 16. Juli 1993 erwarteten zwei Motorradfahrer den IVK-Veterinär Van de Wiele aus Heldergem vor seiner Wohnung. Sie sprühten ihm ätzende Mittel in die Augen und schlugen ihn zusammen. Mindestens acht Überfälle gingen in jüngster Vergangenheit auf das Konto der belgischen Hormonmafia. Keiner wurde bisher aufgeklärt.

Für Händler und Anwender der seit 1988 europaweit verbotenen Hormone und Beta-Blocker steht viel auf dem Spiel; die Tieraufzucht mit Drogen ist ein Milliardenmarkt mit hervorragenden Gewinnchancen, Clenbuterol ein gebräuchliches Präparat für die illegale Aufzucht.

Die gespritzten Rinder bilden 10 Prozent mehr Fleisch und 35 Prozent weniger Fett als unbehandelte Tiere, fressen aber weniger Futter. Wer auf dem schwarzen Markt für 3000 belgische Francs (etwa 150 Mark) Medikamente einkauft, kann damit 20 000 Francs zusätzlich erlösen.

Der schnelle Verdienst lockt auch in anderen Ländern skrupellose Geschäftemacher. Nach Schätzungen internationaler Experten werden in Deutschland jährlich für fast 300 Millionen Mark illegale Tierdrogen umgesetzt.

Die Folge: In großen Mengen kommen Hormonbraten und Chemieschnitzel auf deutsche Tische. Eine europaweite Untersuchung im Auftrag der Brüsseler Kommission aus dem vorigen Jahr weist Deutschland einen Spitzenplatz zu: 3,7 Prozent aller Stichproben aus Supermärkten und von Metzgertheken waren verseucht.

Hunderte von Ermittlungsverfahren sind derzeit in Deutschland anhängig. Allein die Staatsanwaltschaft Oldenburg, in deren Bezirk die großen Fleischbarone residieren, recherchiert in über 200 Fällen.

Für die Bauern ist es leicht, an die illegalen Drogen heranzukommen. 20 Tonnen davon soll etwa der Tierarzt Bernhard Wiecha aus Bad Salzuflen verschickt haben, der demnächst in Bielefeld vor Gericht muß. "Alles, was in der Massentierhaltung anfällt", habe der Viehdoktor versandt, berichtet der zuständige Staatsanwalt Karl-Heinz Schneider: Hormone, Antibiotika, Antistreßmittel.

Auch der Viehhändler und Mäster Gerhard Vüllings aus dem niederrheinischen Goch-Asperden hat "quer durch die ganze Bundesrepublik" gedealt, wie Gert Schulte, Staatsanwalt in Kleve, herausgefunden hat. Er ermittelt seit einem Jahr gegen den Schwarzmarktgroßhändler. Bei Vüllings fanden die Ermittler 500 Flaschen gefüllt mit Antibiotika, Injektionsflaschen mit den Hormonsubstanzen Testosteron und Östradiolbenzoat. Dazu fielen den Fahndern 75 Kilogramm Clenbuterolmixtur in die Hände.

Immerhin: In Deutschland drohen den kriminellen Fleischproduzenten Geld- oder sogar Haftstrafen. In Belgien ist solche Härte nicht üblich.

Van Noppen kämpfte gegen ein schier undurchdringliches Geflecht von wechselseitiger Vorteilnahme, in dem sich nicht zuletzt seine eigenen Kollegen vom staatlichen Kontrollinstitut verfangen haben.

Zwei von drei Veterinärprüfern drückten im Dienst die Augen zu, weil sie eingeschüchtert oder bestochen seien, glauben belgische Ermittler. Ein Kontrolleur, der in einem Schlachthof fünf Stunden lang Zeitung gelesen hatte, ohne ein einziges Tier zu überprüfen, kam mit einer Verwarnung davon.

Auch die Polizei wird von der Hormonmafia geschmiert. Bei einer Verkehrskontrolle in Jabbeke fanden Beamte im Wagen des Tierarztes Daniel De Marcz eine Liste von Mästern und Hormonhändlern, bei denen eine Razzia geplant war. Wachtmeister Walter Dejonghe aus Roeselare hatte den Tip an De Marcz, der als Belgiens größter Hormondealer gilt, weitergegeben.

Als Van Noppen vorige Woche beerdigt wurde, hielten Schlachter im ganzen Land aus Protest gegen den Mord ihre Geschäfte geschlossen. Doch für die fleischessenden Verbraucher in Europa sind die Aussichten auch weiterhin trübe. Selbst wenn die Kollegen des ermordeten Tierarztes erfolgreicher wären - die herkömmlichen Kontrollen setzen häufig erst im Schlachthof und damit viel zu spät ein.

Die Jagd auf die Hormone müsse viel früher beginnen, fordert Michael Petz, Experte für Tierarzneimittel an der Universität Wuppertal. Ideal wäre eine Überprüfung schon im Stall, wo die Flaschen mit den Medikamenten stehen. Petz: "Wenn das Fleisch auf dem Teller liegt, ist es zu spät." Y


DER SPIEGEL 10/1995
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