20.03.1995

TiereDrüse fehlt

Deutsche Züchter wittern guten Umsatz mit Straußen. Doch das Geschäft mit dem exotischen Federvieh ist umstritten.
Sieht so ein gewerbsmäßiger Tierquäler aus? Schütteres Blondhaar, ovale Intellektuellenbrille, scheues Lächeln - Christoph Kistner, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Straußenzüchter (BDS), braucht starke Nerven in diesen Tagen. Sein Geschäft ist in Mißkredit geraten.
Mit rund 2000 Straußen bereiten sich derzeit an die 200 Züchter in ganz Deutschland aufs vermeintlich große Geschäft vor: den Verkauf von Straußenleder und -fleisch an deutsche Verbraucher. Straußenhaut gilt als hochwertigstes Leder der Welt; das Fleisch - nahrhaft und äußerst fettarm - "ist das gesündeste überhaupt", behaupten Kistner und Kollegen. Und: Die Aufzucht der wärmegewohnten Riesenvögel aus Afrika sei selbst unter nordeuropäischen Klimabedingungen "kein Problem".
Das sieht der Deutsche Tierschutzbund ganz anders: "Als Laufvögeln der afrikanischen Steppen fehlt den Straußen die Bürzeldrüse, mit deren Sekret unsere heimischen Vögel ihr Gefieder einfetten und damit wasserundurchlässig machen", so sein Präsident Wolfgang Apel. Die exotischen Tiere "in unserem naßkalten Klima zu halten" sei "ebenso grausam wie die tierquälerische Haltung von Legehennen".
Der Streit um die artgerechte Zucht der komischen Vögel ist kaum zu schlichten. Zwar erfüllt der BDS die "Mindestanforderungen" des Bundeslandwirtschaftsministeriums "an die Haltung von Straußenvögeln" - tagsüber auf der Weide, auch bei schlechter Witterung nicht länger als drei Tage hintereinander im Stall. Doch die ministerielle Richtlinie hat lediglich Empfehlungscharakter, und nur 80 der knapp 200 Straußenmäster sind im BDS organisiert.
Ornithologen wissen, daß die Tiere, die in der Natur den ganzen Tag auf Futtersuche sind, im Stall schnell Langeweile _(* Mit Straußen auf seiner Farm in ) _(Rheinmünster-Schwarzach. ) bekommen. Dann verfallen sie ins "Federpicken", ein aggressives Schnabelhacken, das zu schweren Verletzungen führen kann. Der letztgültige Beweis pro oder contra artgerechte Haltung der Tiere hierzulande könne, so die deutsche Tierärzteschaft, derzeit "nicht erbracht werden".
Züchter verweisen dagegen auf internationale Erfolge. Rund 300 000 Strauße werden weltweit zu Zucht- und Schlachtzwecken gehalten: 250 000 in Südafrika, 30 000 in den USA, 8000 in Israel, 5000 in Australien.
Neuerdings experimentieren Agrarunternehmer auch in kälteren Regionen wie Kanada, Japan und Europa mit Straußenfarming. Derzeit kostet ein ausgewachsener Zuchtstrauß hierzulande 7000 Mark. Den Verkaufswert von Fleisch und Leder taxieren Experten auf 1500 Mark pro Tier.
Ob nach dem Abflauen der Zucht-Hausse tatsächlich Geld mit den Riesenvögeln verdient werden kann, ist allerdings fraglich. Experten kalkulieren, bei Handelspreisen zwischen 30 und 40 Mark pro Kilo frischem inländischem Straußenfleisch, mit einer Nachfrage von 250 Tonnen jährlich.
Doch diese Rechnung wird kaum aufgehen. Schon jetzt liegt ausländische Ware für die Hälfte des deutschen Preises in den Kühlregalen, deutsche Straußenzüchter werden es gegenüber der zu weitaus günstigeren Bedingungen produzierenden internationalen Konkurrenz schwer haben.
BDS-Sprecher Kistner sieht deshalb für manche Kollegen schon schwarz: "Einige werden wieder aufgeben." Y
* Mit Straußen auf seiner Farm in Rheinmünster-Schwarzach.

DER SPIEGEL 12/1995
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