06.02.1995

ArchäologieGROSSMACHT AM BERG IDA

War Troja Atlantis? Stritten Griechen, Trojaner, Ägypter und Hethiter vor 3000 Jahren in einem zyklopischen Kampf um die Weltherrschaft? Mit einer Neudeutung der Frühgeschichte hat ein deutscher Wissenschaftler die Altertumsforscher in Aufruhr versetzt. Neueste Grabungsbefunde in Troja bestätigen seine Theorie.
Der Geoarchäologe Eberhard Zangger, 36, spekuliert gern über "Revolutionen in der Wissenschaft". Dem Physiker Galilei, auch Darwin und Einstein seien solche Umstürze gelungen. Wie Blitzschläge sausten ihre Gedanken in die bestehenden Lehrgebäude, gefolgt vom Donner und von "heftigen Reaktionen" der Fachkollegen.
Wähnt sich auch Zangger in dieser Kategorie von Superhirnen? Fast raketenartig ist der gebürtige Westfale zum Enfant terrible seiner Zunft aufgestiegen. US-Professoren nennen den Mann genial. Seine - vor allem in Deutschland sitzenden - Gegner werfen ihm einen "schwer erträglichen Hang zur Selbstglorifizierung" vor.
Grund der Aufregung sind zwei sprachgewaltige Bücher, in denen Zangger als großer Rätsellöser auftritt. Sein erstes Werk entzifferte Platons mysteriöse Angaben über die versunkene Stadt Atlantis als "verzerrten Bericht über Troja" (SPIEGEL 20/1992).
Zanggers zweites Buch, letztes Jahr erschienen, wagt sich noch weiter vor. Der Autor unternimmt darin den Versuch, die bislang unverstandenen Umbrüche von der Bronze- zur Eisenzeit erstmals zu einem gewaltigen Geschichtspanorama zusammenzufügen*.
Wiederum integriert Zanggers Werk zahllose Unbekannte in seine Formel - darunter den in den ägyptischen Totentempel von Medinet Habu eingemeißelten Rätseltext von einer "Invasion der Seevölker". _(* Eberhard Zangger: "Ein neuer Kampf um ) _(Troia". Verlag Droemer Knaur, München; ) _(352 Seiten; 39,80 Mark. )
Zangger schafft Klarheit. Nach seiner Vorstellung verbirgt sich hinter den mit Irokesen-Haarschnitt dargestellten Angreifern eine westanatolische Militär-Allianz unter Führung Trojas.
Geniestreich eines Außenseiters? Der Autor, lobte das angesehene Journal of Field Archaeology, habe geschaffen, was die Atomphysik für ihr Gebiet seit Jahrzehnten vergebens suche: eine "vereinigte Feldtheorie", und zwar für die Bronzezeit.
Deutsche Fachkollegen dagegen lehnen das Szenario rundweg ab. Das von Heinrich Schliemann ausgegrabene Städtchen an den sturmumtosten Dardanellen zur "politischen Großmacht" aufzublasen, meint das Fachblatt Antike Welt, wirke "geradezu krampfhaft".
Unbestritten ist, daß am Ende des 13. vorchristlichen Jahrhunderts Schrecken über den mediterranen Teil der Menschheit kam. Fast der gesamte Mittelmeerraum wurde von einer mächtigen ökonomischen und kulturellen Krise erfaßt, ganze Landstriche wurden durch Blutbäder und Militäraktionen verwüstet. Mehrere Hochkulturen versanken im Nichts.
Auch der von Homer geschilderte Trojanische Krieg ist Teil dieses bronzezeitlichen Showdowns. Ihn mit dem allgemeinen Chaos zu verknüpfen gelang bislang noch keinem Forscher.
Schuld an dem Dilemma ist nach Zangger die "hellenozentrische" Tradition der Archäologie. Stets habe sie die Leistungen der Griechen - und damit die eigenen abendländischen Wurzeln - über Gebühr hoch eingestuft.
Für das asiatische Hinterland hatte die Spatenzunft lange Zeit wenig Interesse. Leuchtend sollten sich die mykenische Hochkultur und deren legendäre Könige, ob Nestor oder Odysseus, vom dämonischen Gefüge der orientalischen Kulturen abheben. Die Griechen selbst nannten ihre Feinde in Asien und Afrika Barbaren - zu deutsch: die Lallenden.
Als Schliemann 1870 am Hellespont auf die Akropolis von Troja stieß, sah sich die Forschung bestätigt. Ganze 20 000 Quadratmeter maß die Stadtanlage - ein Kuhdorf im Vergleich zu den mykenischen Festungen. Homer, der 100 000 Soldaten gegen Troja aufmarschieren läßt, mußte demnach wahnsinnig übertrieben haben.
Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde Westanatolien von der Forschung als kulturelles Notstandsgebiet betrachtet. Der Tübinger Altertumsforscher Manfred Korfmann, der, von Mercedes-Benz gesponsert, nach 50jähriger Unterbrechung 1988 die Grabungen am Burghügel Hisarlik wiederaufnahm, ordnete die Stadt anfangs als "Piratennest" ein.
Solche Ansichten sind nicht länger haltbar. Im Licht der neuen Grabungsergebnisse hat sich das Küstenkaff zu einer wehrhaften Handelsmetropole gemausert, größer, reicher und mächtiger als jede frühgriechische Festung.
Die ersten Erschütterungen des traditionellen Troja-Bildes ereigneten sich bereits im vorletzten Jahr. Inspiriert durch Zanggers Atlantis-These, war der Münchner Physiker Helmut Becker vom Burgberg Hisarlik herabgestiegen, um die möglichen Überreste einer Unterstadt von Troja zu suchen. Dabei stieß er auf einen Graben, der sich kreisförmig um die Akropolis zog. Schlagartig hatte sich die Siedlungsfläche der Stadt verzehnfacht.
Damit nicht genug. Während der Grabungskampagne 1994 schritt Becker erneut durchs Gelände. Bei 30 Grad Hitze bahnte er sich mit seinem Ortungsgerät den Weg durch Baumwollgestrüpp, Melonenfelder und mannshohes Gras.
Das Datenmaterial, von Becker monatelang in seinem Münchner Labor ausgewertet, schien anfangs enttäuschend. Erst kurz nach Weihnachten, "buchstäblich im allerletzten Meßquadranten" (Becker), kam eine Sensation zum Vorschein. Auf den Magnetfeldkarten zeichneten sich die Konturen eines weiteren Grabens ab.
Der Steinschacht verläuft vermutlich kreisförmig auf einer Länge von drei Kilometern um die Akropolis. Mit dieser "monumentalen Anlage", so der Forscher, hat sich die Ausdehnung von Trojas Unterstadt "auf weit über 300 000 Quadratmeter Größe erhöht" (siehe Grafik Seite 168).
Der Befund gibt Zanggers Atlantis-Hypothese neue Nahrung. Auch in Platons Schilderung wird die Fabelstadt Atlantis wie ein antikes Venedig von drei künstlichen Wasserringen umspült.
Wahrscheinlich war der mittlere Ringgraben in Troja einst mit Wasser gefüllt. Die Sohle der an die drei Meter tiefen Felsgrube verläuft über Hunderte von Metern auf demselben Höhenniveau. Becker: "Das macht nur Sinn, wenn der Graben geflutet werden sollte."
Chefgräber Korfmann hält solche Überlegungen für falsch. "Der mittlere Graben liegt 20 Meter über dem Meeresspiegel. Wie soll da Wasser reinkommen?"
Der Tübinger Gelehrte deutet die vermeintlichen Atlantis-Kanäle als schlichte Fallgruben. "Angreifer", so Korfmanns Erklärung, "wurden so gehindert, mit ihren Streitwagen bis an die dahinterliegende Schutzmauer heranzufahren."
Aber: Gleich zwei hintereinanderliegende Stolpergräben zu bauen, macht schwerlich einen Sinn. Zudem: Der Skamander (griechisch für: Schaum von Menschenhand), der sich vom Ida-Gebirge in die trojanische Ebene ergießt, könnte gezielt umgeleitet worden sein, um die Felsschächte zu fluten. Die Bewohner von Atlantis jedenfalls speisten - Platon zufolge - ihre Ringkanäle mit Frischnaß aus einem umgelenkten Fluß.
Zu solchen Projekten waren die Hydrotechniker der Bronzezeit offenbar in der Lage. Ein Archäologenteam der University of Cincinnati, das derzeit in Pylos, der Heimatstadt des Troja-Recken Nestor, gräbt, entdeckte jüngst zwei künstliche Hafenbecken, die von einem umgebetteten Fluß gespeist wurden.
Dieser Befund, der Öffentlichkeit noch nicht bekannt, wird den Korfmann-Standpunkt weiter schwächen. Was den Tübinger Professor mehr ärgern dürfte: Entdecker des Kunst-Ports von Pylos ist niemand anderer als sein Kontrahent Eberhard Zangger, der unter amerikanischer Regie in Pylos tätig ist.
Aber noch andere Troja-Funde lassen aufhorchen. Der türkische Geoarchäologe Ilhan Kayan begab sich letztes Jahr mit einem Bohrtrupp zum etwa fünf Kilometer entfernten Küstengebirge. Zanggers Atlantis-Topographie zufolge müßten sich dort künstliche Schiffsreeden und Durchstiche zum Meer befinden.
Wiederum führte die Spur ans Ziel. Kayan erfaßte zwei Kanäle, die quer durchs Vorgebirge geschlagen sind und zum Inland hin in große Becken münden.
Die Bohrergebnisse des türkischen Experten sind nirgendwo publiziert. Nur mündlich auf einer Fachtagung in Istanbul gab der Archäologe Auskunft.
Mauert Korfmann? Der Überflieger Zangger jedenfalls ist ihm zum wahren Plagegeist geraten. Während er als Leiter eines Teams von 70 Wissenschaftlern den Hisarlik nach neuen Erkenntnissen absucht, hat Zangger - wie der Igel, der vor dem Hasen ankommt - alles schon immer vorher gewußt.
Korfmann scheut sich nicht, seinen Kontrahenten mit Erich von Däniken zu vergleichen. Doch der Demontageversuch wird kaum gelingen. In den angelsächsischen Ländern hat Zangger den Beistand fast der gesamten Archäologenelite.
Die Troja-Debatte bleibt mithin spannend - zumal auch das Korfmann-Team eine Reihe von interessanten Details vorgelegt hat.
Hauptnahrungsmittel der Trojaner war demnach Gerste. Schaf, Rind, Schwein und Ziege waren domestiziert. Adelsgesellschaften verlustierten sich auf Jagdausflügen im nahe gelegenen Ida-Gebirge. Geschossen wurden Wildziegen, Hirsche und Löwen, wie Knochenfunde beweisen.
Im 13. Jahrhundert vor Christus erreichte die Stadt wohl den Gipfel ihrer Macht. Dicht an dicht standen in der Unterstadt prächtige Bürgervillen und mehrstöckige Holzhäuser.
Volle Kassen brachte den Trojanern ihre geographische Lage. Für die kiellosen Schiffe der Bronzezeit war es fast unmöglich, gegen den tosenden Nordwind in die Dardanellen einzufahren. Nur bei günstigen Winden und mit Hilfe trojanischer Lotsen, so die Annahme, war die gefährliche Passage möglich. Offensichtlich kannten die ortsansässigen Seefahrer jeden Strudel in der wetterwendischen Meeresenge.
Ihr nautisches Geheimwissen muß den Trojanern unermeßlichen Reichtum gebracht haben. Wie ein Krake saßen sie an der Nahtstelle zwischen Asien und Europa und kontrollierten die Einfuhr von Bodenschätzen aus dem Schwarzmeergebiet.
Ob Karneol aus Kolchis (dem heutigen Georgien), Ostsee-Bernstein, der über die russischen Flüsse herangeschafft wurde, oder Kupfer aus den riesigen Erzlagerstätten in Nordostanatolien - stets war Troja die erste Mittelmeermetropole, in der die Kostbarkeiten anlandeten.
Wichtiger im militärischen Machtgefüge der Bronzezeit war Trojas Zugriff auf die Zinnquellen in Böhmen oder Afghanistan. Ohne Zinn läßt sich keine Bronzewaffe schmieden. Zu allem Überfluß kontrollierten die Trojaner auch noch den Fernhandel mit Wildpferden aus der ukrainischen Steppe. Streitwagen, wohl um 1700 vor Christus als Kampfmittel eingeführt, entwickelten schnell die "Bedeutung, die heute Atombomben haben" (der Archäobiologe Hans-Peter Uerpmann).
Um 1250 vor Christus beginnt sich die geopolitische Großwetterlage dramatisch zuzuspitzen. Die Trojaner bauen gewaltige Burgwälle und legen große Nahrungsvorräte an. Hattusa, die Hauptstadt der Hethiter, verschanzt sich hinter Kyklopenmauern.
50 Jahre später jammert der König von Pylos über Metallknappheit. Um seine 400 Bronzeschmiede zu versorgen, läßt er zu einer Art Schrottsammlung aufrufen. Was braute sich da zusammen? War Troja übermütig geworden?
Letzte Meldungen vor dem großen Desaster sind hethitischer Diplomatenpost zu entnehmen. "Ahhijawa", so heißt es in den Texten, habe sich mit 22 anderen westanatolischen Kleinstaaten verbunden und bedrohe das Hethiter-Reich.
Die Großmacht Ahhijawa, eine bislang von den Wissenschaftlern nicht faßbare Hochkultur, wird von vielen Wissenschaftlern im westanatolischen Raum vermutet. In ägyptischen Texten taucht der bronzezeitliche Dunkelstaat unter dem Namen Asija auf.
Zangger nun setzt dieses mysteriöse Reich mit Troja gleich. Das aufstrebende Land Ahhijawa sei identisch mit der Festungsstadt an den Dardanellen, die im 14. und 13. vorchristlichen Jahrhundert zu den Supermächten aufschloß.
Zangger scheut nicht das Wagnis, das damalige Machtgefüge zu rekonstruieren. Beistandspakte zwischen Hethitern, Ägyptern und dem Amurru-Reich sind aus zahlreichen Quellen bekannt. Am Ende der hektischen Krisenjahre sind nach Zanggers Rekonstruktionsversuch zwei große militärische Blöcke entstanden (siehe Grafik Seite 172).
Dann geht es Schlag auf Schlag. Der Weltkrieg entbrennt. Um 1190 bläst die trojanische Konföderation zur Attacke. Die Angreifer entreißen den Hethitern die Kupferlagerstätte Zypern, dann stoßen sie nach Süden vor. Amurru sowie Dutzende von syrischen und palästinensischen Handelsstädten werden verwüstet. Erst an den Grenzen Ägyptens kommt der Vormarsch zum Stillstand.
Dann folgt die Gegenoffensive. Die Griechen, so das Fazit von Zanggers detailversessenen Archäo-Recherchen, springen den bedrohten Ägyptern bei und holen zum Vergeltungsschlag aus. 1186, glaubt Zangger, stand das Griechenheer vor Troja, um den verhaßten Seehandelsrivalen zu vernichten.
Der Ausgang der Schlacht ist bekannt. Seine Brutalität, in zahlreichen nichthomerischen Troja-Quellen überliefert, wurde indes verdrängt. Nach Einnahme der Stadt sollen die edelmütigen Helden um Agamemnon knietief im Blut gewatet sein, auch Frauen und Kinder wurden abgeschlachtet.
Ob das von Zangger entworfene, mit ungezählten Grabungsbefunden und Textquellen unterfütterte Weltkriegspanorama stimmt, werden zukünftige Forschungen bestätigen oder widerlegen müssen.
Der griechische Geograph Strabo (63 vor Christus bis 23 nach Christus) jedenfalls findet sich auf der Seite des Antiken-Einstein.
Die Story vom Raub der Helena, schrieb Strabo, sei nichts als eine schöngeistige Erfindung. In Wahrheit habe der gewaltige Waffengang vor Trojas Toren einen Streit ganz anderer Dimension entschieden: Es ging um "die Frage: Wer regiert die Welt?" Y
Nautisches Geheimwissen bescherte den Trojanern unermeßlichen Reichtum
"Es ging um die Frage: Wer regiert die Welt?"
[Grafiktext]
Rekonstruktion des Burghügels von Troja
Bündnisse im östl. Mittelmeerraum im 1200 v. Chr.
[GrafiktextEnde]
* Eberhard Zangger: "Ein neuer Kampf um Troia". Verlag Droemer Knaur, München; 352 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 6/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 6/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Archäologie:
GROSSMACHT AM BERG IDA

  • Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!