20.03.1995

Europäische UnionDoppelte Buchführung

Die riesige spanische Fischereiflotte räumt die Weltmeere aus - mit Unterstützung der Brüsseler Bürokraten.
Der beste Fang gelang den kanadischen Inspektoren an Bord des spanischen Fischtrawlers "Estai" in letzter Minute.
Der Eigner hatte für das Schiff, das von kanadischen Schnellbooten wegen unerlaubten Fischens vor Neufundland aufgebracht worden war, eine Kaution von umgerechnet 500 000 Mark hinterlegt. Die "Estai", eine Woche lang im Hafen der Inselhauptstadt St. John's festgehalten, war klar zum Auslaufen.
Da stießen die Kanadier bei einem letzten Rundgang vorigen Mittwoch auf ein geheimes Luk, das hinter getürkten Aufbauten versteckt war. Im Laderaum darunter fanden sie 25 Tonnen "American Plaice". Die Bestände dieser Schollenart sind fast ausgerottet, der Fang ist seit Jahren verboten.
Der peinliche Verstoß ist nur der letzte Beweis dafür, daß spanische Fischer wieder einmal dabei waren, mit ihrer riesigen Fangflotte rücksichtslos die Weltmeere leer zu fischen.
Vor Tricks scheuen sie dabei nicht zurück: Angeblich, um den Schnellbooten der Kanadier zu entkommen, hatte "Estai"-Kapitän Enrique Davila sein volles Netz, 80 000 Mark wert, gekappt. Das Beweisstück versank im Ozean.
Kein Fischerei-Abkommen schreibe die Mindestgröße von Fischen vor, die gefangen werden dürften, schimpfte wenig später die zuständige EU-Kommissarin Emma Bonino. Die Kanadier hatten gerügt, daß die gesamte Ladung der "Estai" - über 300 Tonnen schwarzer Heilbutt - ausnahmslos aus kleinen, noch nicht fortpflanzungsfähigen Fischen bestand. Am Fangnetz der "Estai" könne es nicht gelegen haben, behauptete Frau Bonino. Das sei schließlich erst im Dezember zweimal auf seine Maschengröße hin kontrolliert worden.
Die Kommissarin hätte schweigen sollen. Vorigen Mittwoch holten die Kanadier das Corpus delicti vom Meeresgrund. Zwar unterschreitet das Netz mit einer Maschenweite von 115 Millimetern nur unwesentlich die von der Nordwestatlantischen Fischereiorganisation (Nafo) vorgeschriebenen 130 Millimeter. Aber dafür steckte im Netz noch ein weiteres - mit nur 80-Millimeter-Maschen.
Wie bei den Raubfischern vom Westrand der Europäischen Union üblich, führte auch der "Estai"-Kapitän doppelt Buch. In einer Kladde wurde der tatsächliche Fang festgehalten, der zu 83 Prozent aus dem mit einer Fangquote belegten schwarzen Heilbutt bestand. Ein Logbuch war dagegen für die Öffentlichkeit bestimmt. Dort betrug der Anteil des Quotenfisches nur 41 Prozent.
"Piraterie", hatte sich Frau Bonino ereifert, nachdem die "Estai" knapp außerhalb der kanadischen 200-Meilen-Zone aufgebracht worden war. Weil die Europäische Union Mitglied der Nafo ist und deshalb für den EU-Partner Spanien international auftritt, mußten sich alle Europäer zwangsläufig mit Madrid solidarisieren. Doch die Drohgebärden gegenüber Kanada waren eine verlogene Pflichtübung.
Seit Spanien und Portugal Mitglieder der Union sind, versuchen die Partner, vor allem die Spanier von ihren Küsten fernzuhalten. Die ungeliebte Fischerei-Nation verfügt über so viel Fangkapazität wie der gesamte Rest der EU.
In den Beitrittsverträgen mußten sich die Spanier deshalb damit abfinden, erst im Jahre 2002 in den Gewässern der Union wie jedes andere Mitglied behandelt zu werden. Um die Iberier dennoch bei Laune zu halten, betreibt die EU seither ein verheerendes Spiel: Sie versorgt Spanien rücksichtslos auf Kosten anderer mit Fangquoten - je weiter weg, desto besser.
Und die Spanier räumen ab. 1993 schloß die Union mit dem Senegal ein neues Abkommen, das die EU-Quote für die Tiefseefischerei vor der Küste des afrikanischen Landes um 57 Prozent steigert. Den einheimischen Fischern blieb nur noch eine schmale Zehn-Kilometer-Zone entlang der Küste.
Seither durchkämmen die Fischfabriken aus dem reichen Norden das Meer - vorneweg die spanischen Fischer. Schon macht sich Mangel bei der Versorgung der einheimischen Bevölkerung bemerkbar. Die örtlichen Fischer müssen immer weiter aufs Meer hinaus. Wenn sie nicht achtgeben, geraten ihre Netze in die Reichweite der Trawler. Dabei gab es schon Tote.
Wohin die EU-Flotte unter spanischer Flagge auch dampft - überall hinterläßt sie leere Fischgründe. Vor Namibia wurde der Kabeljau abgefischt. Die Afrikaner reklamierten für sich die 200-Meilen-Schutzzone der Uno-Seerechtskonvention, da zogen die europäischen Trawler wieder häufiger in den Nordatlantik. Seither fürchten die Kanadier um ihre Fischbestände.
Als sich zeigte, daß auch hier der begehrte Kabeljau wegen Überfischung geschont werden mußte, einigten sich die Nafo-Mitglieder auf Fangquoten. Doch regelmäßig nahm die Union das in den Statuten der Nafo vorgesehene Recht für sich in Anspruch, Einspruch gegen die Quoten einzulegen - und eigene zu bestimmen, die vornehmlich den Spaniern zugute kommen.
Von 1986 bis 1992 genehmigte die Nafo der EU-Flotte 136 000 Tonnen Kabeljau. Tatsächlich fischten die europäischen Trawler über 700 000 Tonnen, nicht gerechnet jene geschätzten 250 000 Tonnen, die EU-Schiffe unter falscher Flagge von den Grand Banks vor Neufundland holten.
Wissenschaftler warnten vor dem nahen Ende des Kabeljaus. 1,6 Millionen Tonnen fortpflanzungsfähiger Fische sorgten 1962 für ausreichend Nachwuchs. 30 Jahre später war diese Biomasse auf 22 000 Tonnen geschrumpft. Kanada sah sich gezwungen, den Kabeljaufang zu stoppen. 30 000 Fischer auf Neufundland und in Labrador wurden arbeitslos, ihre Dörfer veröden.
Wie dem Kabeljau erging es auch der amerikanischen Scholle und dem Rotbarsch. Als letzter Massenfisch im ehemaligen Fischparadies vor Kanada ist jetzt der schwarze Heilbutt an der Reihe. Ihn entdeckten die EU-Fänger erst spät, da er in Tiefen von bis zu 2000 Metern lebt. Doch für moderne Tiefsee-Schleppnetze ist das kein Problem mehr.
Innerhalb weniger Jahre schafften die europäischen Fischer auch den Heilbutt. Von nahezu Null steigerten Portugiesen und Spanier seit 1990 den Heilbuttfang auf über 50 000 Tonnen pro Jahr.
Vorigen Herbst einigte sich die Nafo darauf, jährlich nicht mehr als 27 000 Tonnen schwarzen Heilbutt aus dem Meer zu holen. Da 80 Prozent der Fischfanggründe innerhalb der kanadischen 200-Meilen-Zone liegen, aus der lediglich Teile in internationale Gewässer reichen, beschloß die Mehrheit der Nafo, Kanada gut 60 Prozent dieser Quote zuzuteilen. Die EU sollte sich mit 13 Prozent, bescheidenen 3400 Tonnen, begnügen.
Das mochten sich die Europäer nicht bieten lassen. Sie widersprachen dem Beschluß und fordern den größten Teil der Quote für sich - mit der erstaunlichen Begründung, daß sie auch schon vor dem Festlegen der Quoten den weitaus größten Teil der Fangmenge abgeräumt hätten.
Nachdem die "Estai" gegen Kaution Mitte voriger Woche freigegeben war, Besatzung und Kapitän ebenfalls in die Heimat zurück durften, hat sich der transatlantische Fischereikrieg erst einmal entspannt. Spanien wollte auf die angedrohten Sanktionen gegen Kanada verzichten. Statt dessen wird die EU diese Woche in Brüssel wieder einmal solidarisch für die Fischräuber kämpfen und den Kanadiern einen Teil ihrer Quote abhandeln.
Dann könnte vorübergehend Ruhe einkehren. Lange anhalten wird sie nicht, denn auch die Heilbuttschwärme der Grand Banks werden bald erschöpft sein. Wo die Spanier dann aufkreuzen könnten, weiß niemand vorherzusagen. Ein deutscher Unterhändler in Brüssel: "Die waren doch schon überall." Y
[Grafiktext]
Karte Kanada: Fanggründe für Heilbutt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 12/1995
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