20.03.1995

RußlandAußer Kontrolle

Um Bruchteile einer Sekunde blieb Europa womöglich eine Atomkatastrophe wie in Tschernobyl erspart.
Den Russen Nikolai Popow aus Archangelskoje hatten die ersten Sonnenstrahlen in den kleinen Gemüsegarten hinterm Dorf gelockt. Plötzlich dröhnte es über ihm, als tue sich der Himmel auf; ein böses Zischen wie von einem heranpfeifenden Meteoriten erfüllte die Luft. Blitzartig ließ sich Popow auf die frischumbrochene Scholle fallen.
Im selben Moment ertönte eine gewaltige Explosion, glühende Metallsplitter durchbohrten Nikolais linke Hand. Wo eben noch unbestellter Boden war, nur 30 Meter entfernt, gähnte ein Kraterloch so groß wie Popows heimische Wohnstube: fünf Meter breit, zwei Meter tief. In den 20 nächstgelegenen Häusern gab es nach dieser Detonation keine Fensterscheiben oder Türen mehr.
Der Einschlag beim Gemüsegärtner Popow alarmierte Rußlands Führungsspitze. _(* Test von Schutzanzügen. ) Kaum hatte der Verletzte am vorvergangenen Freitag ein Krankenhausbett in der nahegelegenen Siedlung Novoworonesch erreicht, da tagten im 500 Kilometer entfernten Moskau bereits hochrangige Krisenstäbe des Verteidigungs- und des Atomministeriums: Explodiert war nämlich eine lasergesteuerte Rakete, abgefeuert von einem Kampfjet Typ Su-25 der russischen 16. Armee.
Das Geschoß war "versehentlich außer Kontrolle" geraten. Statt auf dem Bombenübungsplatz Pogonowo des nahe gelegenen Luftwaffenregiments niederzugehen, war die Rakete mitten in dichtbesiedeltes Gebiet gerast. Purer Zufall, daß sie nur den Landmann Popow verletzte.
An der wirklichen Katastrophe war Rußland um Sekundenbruchteile vorbeigeschrammt. Wäre die Flugbahn um weitere zwei Grad von der vorgesehenen Route abgewichen, hätte Europa womöglich den nächsten GAU erlebt - neun Jahre nach dem Atomdebakel von Tschernobyl.
Dann wäre das Mordinstrument viereinhalb Kilometer weiter im Kernkraftwerk von Novoworonesch eingeschlagen. Mit über 20 Dienstjahren ist es das älteste AKW in Rußland, dort verfügt nur einer von drei Druckwasser-Reaktoren über einen Stahlbetonmantel, der - wie von der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO gefordert - selbst direktem Artilleriebeschuß standhält. Die übrigen Atommeiler, bekannte Kraftwerksdirektor Wjatscheslaw Wikin nach dem gefährlichen Zwischenfall, seien schutzlos wie kleine Kinder.
War es vielleicht gar keine Schlamperei, sondern ein gezielter Terrorakt? Sollte sich nahe der Millionenstadt Woronesch das jüngste Horrorszenarium erfüllen, das Rechtsextremist Wladimir Schirinowski bereits angekündigt hat? Er prophezeite für die nahe Zukunft Anschläge auf zwei russische Kernkraftwerke, woraufhin Uno-Truppen unter amerikanischer Führung in Richtung Moskau in Marsch gesetzt und alle Russen endgültig unters westliche Joch gezwungen würden.
Auch Rußlands Premierminister Wiktor Tschernomyrdin hatte eben erst den verstärkten Schutz für alle Atomobjekte angeordnet. Grund: Tschetschenische Terroristen planten angeblich Attentate, auch greife der Nuklear-Klau der russischen Atommafia um sich.
Mehr als durch einen imaginären Feind sind Rußlands unsichere Nuklearanlagen allemal vom inneren Schlendrian bedroht. Allein im Januar gab es elf schwere Zwischenfälle in russischen AKW. Jüngst schaltete sich 200 Kilometer nordwestlich von Moskau nach Bedienungsfehlern ein Block im Kernkraftwerk Kalinin automatisch ab. Südwestlich der Hauptstadt brachte ein Brand Ende Februar das Kursker Atomkraftwerk in Gefahr - erst nach Stunden konnte laut Lokalpresse das Feuer gelöscht werden, "nach einer halben Stunde", berichtigte der AKW-Direktor.
Fast schon unberechenbar wird das Sicherheitsrisiko, wenn sich ein Militärobjekt in unmittelbarer Nachbarschaft eines russischen Atommeilers befindet. Mindestens einmal pro Monat stürzt irgendwo zwischen St. Petersburg und Wladiwostok eine Militärmaschine ab, fast regelmäßig fliegen Munitionslager in die Luft - vorigen Monat erst bei Chabarowsk (acht Tote). "Wir leben", titelte die Moskauer Iswestija, "in einem Land der Katastrophen."
Die Bewohner der Provinz rund um die Millionenstadt Woronesch leben schon lange mit der Angst. Seit Jahren protestieren sie vergeblich gegen den 40 Kilometer schmalen Bombenabwurfplatz, der genau zwischen Stadt und Atomkraftwerk liegt. Mal klinkte sich "außerplanmäßig" eine der Übungsbomben aus, mal schlug eine Rakete dicht neben der durchs Gebiet verlaufenden Gaspipeline ein. An die Waldbrände, die nach jeder Bombenübung aufflackern, sind die Anlieger längst gewöhnt.
Militärs und Beamtenschaft haben aus der Tschernobyl-Katastrophe keine Folgerungen gezogen. In trauter Eintracht versuchten die zuständigen Behörden, den Beinahe-Beschuß des Atomkraftwerkes totzuschweigen, selbst dem Gebietsradio war die unheimliche Episode keine Meldung wert.
Nur bei den Einwohnern von Archangelskoje hatte der Chef der 16. Armee gleich nach der Explosion um Nachsicht gebeten. Der General landete mit seinem Hubschrauber neben Popows Gemüsegarten und versprach den aufgebrachten Einwohnern eine Soforthilfe von 70 Millionen Rubel (rund 20 000 Mark).
Trotz des Versprechens wuchs die Empörung schnell über die Dorfgrenzen hinaus. Mit drei Tagen Verspätung holte der örtliche Stab der Zivilverteidigung vorigen Montag nach, was Sache der Militärs gewesen wäre: Er informierte die Presse.
Der Flug der Rakete sei in der Tat "anormal" gewesen, mußte da auch das Oberkommando der russischen Luftstreitkräfte einräumen. Eine Untersuchungskommission sei am Werk, die Schließung des Übungsplatzes aber unmöglich, teilte der Vize-Befehlshaber, Generaloberst Michail Soroka, ungerührt mit.
Er nützte den Beinahe-GAU, das Leid der angeblich vernachlässigten Streitkräfte zu beklagen: Auf dem Gelände üben - sehr beengt - sechs Luftwaffenregimenter, eine Einstellung des Flugbetriebes wäre "schlicht undenkbar", solange die Regierung keinen gleichwertigen Ersatz biete. "Zeigen Sie mir im übrigen irgendein Papier", trotzte Militärbürokrat Soroka, "das den Bombenabwurf in der Nähe eines Atomkraftwerkes verbietet."
Die militärische Ignoranz brachte endlich auch den Verwaltungschef von Woronesch, Alexander Kowaljow, in Rage. In einem Brief an den Premierminister verlangte er wie schon "viele Male" zuvor, den Schießplatz sofort zu schließen.
Bis sich Moskau zu irgendeiner Entscheidung durchgerungen hat, möchte Jelena Sorokina aus Archangelskoje keinesfalls warten. "Sobald es etwas wärmer geworden ist", kündigte sie an, "stelle ich meine Kinder hintereinander auf, nehme den Jüngsten an die Hand und marschiere mit ihnen direkt in die Mitte des Übungsplatzes."
Mutter Sorokina zieht es an die Front: "Soll einer versuchen, eine Rakete auf uns abzufeuern!" Y
[Grafiktext]
Nowoworonesch: Raketenabsturzstelle
[GrafiktextEnde]
* Test von Schutzanzügen.

DER SPIEGEL 12/1995
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