06.03.1995

KabarettEin bißchen würgen

Die „Missfits“, zwei schrille Damen aus Oberhausen, bringen in ihrem neuen Programm Omas auf Trab und Opas unter die Erde.
Matta und Lisbett sitzen auf der Toilette und trinken Eierlikör. Harte Arbeit. Die beiden haben ein Bestattungsinstitut geerbt und Entscheidungen zu treffen, etwa welcher der frisch Verblichenen auf dem Friedhof bei den "Sausäcken" zu liegen kommt und welcher bei den "Schadedrums".
Matta und Lisbett sind zwei Ruhrpott-Schachteln in den Siebzigern, ständig beschwipst und geil - sie nennen es "rattich" -, schlagfertig und frech. Erfunden hat sie das Komödiantinnen-Duo "Missfits", bürgerlich: Stephanie Überall, 35, und Gerburg Jahnke, 40.
Als Matta und Lisbett, die Damen mit dem brachialen Charme, zum erstenmal auf das Publikum losgelassen wurden, redeten sie nur vom einen, nämlich wie und wo sie sich einen Kerl beschaffen könnten, ob eher auf Mallorca oder in den ruhrpöttischen Autokinos. Oder was man tut, wenn man keinen zum "Flachlegen" findet und trotzdem "rattich" ist: In solchem Fall erkundigte sich Lisbett, welche Straße mit Schlaglöchern übersät ist, und fuhr mit dem Bus. Auf der Hinterbank. "Da kannste nich' meckern, Matta, für zwei Mark fuffzig!"
Das Publikum konnte nicht genug kriegen von den genußsüchtigen Quasselstrippen. Zwar schimpften junge Frauen über den respektlosen Umgang mit dem Alter, aber die Älteren applaudierten den Komödiantinnen: "Genauso isses."
Die beiden müssen wiederauferstehen, beschlossen Überall und Jahnke, Matta und Lisbett sollten sich dem größten aller Komödienstoffe widmen, dem Tod. Das tun sie jetzt, im neuen Programm "Wo niemand wartet": Die Missfits sind wieder unterwegs auf den Brettern der Republik.
"Watt sehr Beiläufiges" wünscht sich Überall für das auf der Bühne entwickelte Stück. Daß "rüberkommt, wie die beiden Alten mit Schlampigkeit alles geregelt kriegen, weil sie Erkenntnis allein in praktischen Dingen suchen".
Die Unternehmerinnen meistern den Alltag mit kreativer Hysterie. "Vor allem sind sie nicht jammerich", sagt Überall, die spindeldünne Kettenraucherin, "weil die wissen: Datt Leben is hart, aba da musse durch."
So froh die Botschaft für lüsterne Frauen in jedem Alter, so düster sehen Überall und Jahnke die Lage der Frauenbewegung heute: "Erstarrt zwischen den Akten der Gleichstellungsbeauftragten, gedünstet in den Bulthaup-Küchen der Ex-Alternativen, untergetaucht zwischen Fasten und Fristenlösung" - solche Sätze dürften Alice Schwarzer übel aufgestoßen sein.
Kennengelernt haben sich Stephanie, die Scheue, und Gerburg, die Wuchtbrumme, vor über zehn Jahren in einer Frauengruppe - ein Wort, "das heute kein Girlie mehr versteht", sagt Gerburg, "aber was soll's, manche waren zwei Öltanks".
Damals entdeckte Stephanie Überall, daß ihr Nervensystem fürs Studium nicht geschaffen war; Gerburg Jahnke gab germanistische und kunsthistorische Kurse an der Volkshochschule, ein Job, bei dem ihr die Lebensfreude langsam abhanden kam.
"Feministisch schwer bewegt" wollten sie ihre Forschungsergebnisse nicht allein diskutieren, sondern, was damals notwendig dazugehörte: szenisch umsetzen.
Überall, privat eher introvertiert, verwandelt sich, sobald sie im Kostüm steckt, in ein vibrierendes Bündel Energie. Sie beherrscht das heiterste Krähenlachen, das je auf einer deutschen Kabarettbühne gelacht wurde. Ihre Glanznummer ist das "Femini-Spräch", eine Persiflage auf die feministische Manie, die Sprache zu verweiblichen: Überall ersetzt jede "Er"-Silbe durch eine "Sie"-Silbe und läßt dieses komplett unverständliche Kauderwelsch im Dieter-Thomas-Heck-Tempo auf ihr Publikum niederprasseln.
Jahnkes Spezialität sind Neurotikerinnen, verklemmte Seelen und alles, was unkontrollierte Gesten vom Menschen erzählen. Sie ist ungeduldig und selbstkritisch. "Ist das Mikrofon wieder heil?" donnert sie beim Aufbauen durch den Raum. "Alles okay. Die Kontakte waren eingedrückt", erklärt die Technikerin. "Klar. Passiert mir im wirklichen Leben ständig."
Für ihren Erfolg haben die beiden eine Erklärung: "Wir sind Zynikerinnen, das schafft Respekt." "Eine Frau, die witzig ist", sagt Gerburg, "wird angesehen, als habe sie etwas auszugleichen; die Souveränität, die zu einem Witz gehört, nimmt man Frauen nicht ab." Solche Vorurteile liefern Spielmaterial.
Vor vier Jahren, im verflixten siebten Jahr ihrer Zusammenarbeit, ereilte die beiden die Krise. Sie waren zu nah aneinandergeraten. "Vielleicht", sagt Gerburg, "hatte es auch damit zu tun, daß die Veranstalter es nicht der Mühe wert betrachteten, uns Einzelzimmer zu reservieren. Die glaubten, daß zwei Frauen, die zusammen auf der Bühne stehen, auch ein Doppelbett teilen können."
Die Krise war ernst, also ließen Überall und Jahnke ihre Probenarbeit von einem Therapeuten "supervisieren" - mit Erfolg: "Wir haben damals gelernt, uns nicht als Konkurrenz und Hemmbolzen wahrzunehmen", sagt Stephanie Überall, "sondern als Partnerinnen."
Sind sie Freundinnen? "Nein", antworten die beiden wie aus einem Mund, "Kolleginnen; Freundinnen sind wir nur im äußersten Notfall." Wenn Gerburg einen Herzinfarkt hätte, würde sie sich wünschen, daß Stephanie kommt, "so was kann die gut regeln". "Klar", sagt Stephanie, "ich würde sie noch'n bißchen würgen, damit's schneller geht." Y

DER SPIEGEL 10/1995
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