20.03.1995

TexasRücklings erschießen

Angst vor Kriminellen führt zur Selbstjustiz. Gerichte schützen die blindwütigen Rächer.
Wäre Darrell Frank das zugestoßen, was er für seinesgleichen fordert, dann hätte der 35jährige Texaner nicht einmal seinen 18. Geburtstag erlebt.
Nach einem Einbruch 1977 hatte Frank neun Monate hinter Gittern verbracht. Heute, 18 Jahre später, ruft der Ex-Sträfling aus Fort Worth seine Landsleute auf, "Diebe, Eindringlinge und Mörder" kurzerhand zu erschießen. Per Flugblatt, in Zeitungen und bei Fernsehauftritten verbreiten der Freizeit-Gitarrist und seine Frau Vickie ihre Aufforderung zur Selbstjustiz und würzen sie mit einem makabren Versprechen.
Allen Mitgliedern ihres eigens dazu gegründeten Vereins "Dead Serious" (Todernst) stellen die Franks 5000 Dollar Belohnung in Aussicht, wenn sie einen Kriminellen erschießen, der "Leib, Leben oder Eigentum bedroht". Einzige Bedingung: Eventuelle strafrechtliche Ermittlungen gegen die Schießwütigen müssen zuvor eingestellt sein.
Bloßes Verletzen der Straftäter reiche nicht aus, meint Frank: "Die sitzen dann ein paar Jahre auf Kosten der Steuerzahler im Knast und begehen danach neue Verbrechen."
In einem Amerika, in dem die Furcht vor Verbrechen die Menschen geradezu paralysiert, gehört das Verlangen nach Selbstjustiz zu den Tagträumen verängstigter Bürger. Überdies stehen die Aussichten auf Straffreiheit für den, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt, nicht schlecht. Gerade erst lehnte ein kalifornisches Gericht die Eröffnung eines Verfahrens gegen einen Passanten ab, der einen jugendlichen Graffiti-Sprayer erschossen hatte, weil er sich von ihm bedroht gefühlt habe.
Im texanischen Houston sprachen im vorigen Jahr Juroren einen säumigen Kreditkäufer frei, der den Fahrer eines Abschleppwagens umgebracht hatte. Das Opfer hatte nachts - völlig legal - den erst halbbezahlten Lastwagen abholen wollen.
Wenig später ließ eine andere Jury das Verfahren gegen einen Hausbesitzer gar nicht erst zu. Der Mann hatte einen schottischen Touristen erschossen, der auf der Suche nach dem richtigen Weg nachts an eine Haustür in einem Houstoner Vorort geklopft hatte.
In Texas ist der Freiraum für unberufene Justiz-Cowboys besonders weit gesteckt. Nach Paragraph 9.42 des texanischen Strafgesetzbuches darf in den Nachtstunden jeder Bürger tödliche Gewalt anwenden, selbst wenn er lediglich sein Eigentum gefährdet wähnt. Befürchtet er, daß ein fliehender Ganove Beute mitgehen läßt, darf er ihn sogar rücklings niederschießen.
Die über hundert Jahre alte Vorschrift war, so erklärt Professor Neil McCabe vom South Texas College of Law, als Abschreckung gegen Pferdediebe erlassen worden. Das Gesetz sollte Reiter schützen, die ohne Roß in der wasserarmen Prärie des damals größten Staates der USA dem sicheren Verderben preisgegeben waren. "Texas ist kein Frontstaat mehr", meint McCabe und fordert, "das Verhältnis zwischen den Rechtsgütern Eigentum und Leben neu zu ordnen".
Doch die Aussichten auf eine Änderung des Selbstjustiz-Paragraphen stehen schlecht. Gerade erst ist mit George W. Bush, dem Sohn des Ex-Präsidenten George Bush, ein Gouverneur gewählt worden, der seinen Wahlkampf hauptsächlich mit einem Anti-Kriminalitäts-Programm bestritten hatte.
Obwohl in Texas die Verbrechensrate seit Jahren sinkt und mehr Todesurteile vollstreckt werden als in jedem anderen Bundesland; obwohl pro 100 000 Einwohner mehr Strafgefangene einsitzen als im Rest der USA und mehr Gefängnisse gebaut werden als irgendwo sonst, fanden die Vorschläge des Wahlkämpfers Bush, vor allem das Jugendstrafrecht drastisch zu verschärfen, viele Anhänger.
Das Law-and-Order-Klima fördert die Selbstjustiz: "Wenn wir nicht Opfer werden wollen, müssen wir schießen, ehe wir Fragen stellen", rechtfertigt Pam Lychner die Bürgerwehrmentalität ihrer Landsleute. Die rabiate Dame ist Vorsitzende des Vereins "Gerechtigkeit für alle", einer Interessenvertretung von Verbrechensopfern.
Die Franks können sich denn auch über einen beachtlichen Zustrom zum Amateur-Rächerklub Dead Serious freuen. "Über 1000 Mitglieder" hat Vickie Frank, die in der Dreizimmerwohnung des kinderlosen Ehepaars das Vereinsbüro führt, bereits registriert. "Und mindestens 1500 Aufnahmeanträge, die wir auf Aufforderung rausgeschickt haben, stehen noch aus", hofft Darrell.
Für zehn Dollar Jahresbeitrag erhalten Mitglieder zwei Aufkleber, die Autodiebe vor der blindwütigen Entschlossenheit der Eigentümer warnen sollen. Im übrigen werden mit den Einkünften die Bürokosten und natürlich das ausgelobte, aber bislang nicht eingeforderte Schützenhonorar abgedeckt.
Doch das müssen Frank und Vickie womöglich nie auszahlen. Fort-Worth-Staatsanwalt Marvin Collins warnte bereits vor der "extrem leichtfertigen Aufforderung zum Todesschuß". Sobald eine Belohnung für die Hinrichtung eines mutmaßlichen Gesetzesbrechers beansprucht werde, sei möglicherweise auch die Berufung auf Notwehr hinfällig.
Was dann mit den Einkünften des Vereins geschieht, dem der Vorsitzende Frank als Vorbestrafter nicht einmal beitreten könnte, ist einstweilen völlig in das Belieben von Vickie und Darrell gestellt. Die Frage, ob damit auch ein Urlaub in der Karibik finanziert werden könnte, beantworteten die Verbrecherjäger mit einem knappen "Ja". Y

DER SPIEGEL 12/1995
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