Spirit hat Laura geliebt", beteuerte Edward Kelly, als Polizeifahnder ihn der Notzucht an einer Mitpatientin bezichtigten.
Nicht er, versicherte der 44jährige US-Bürger den verdutzten Beamten, habe mit dem Opfer geschlechtlich verkehrt - Spirit sei es gewesen, eine von insgesamt 30 verschiedenen Personen, die wechselnd die Kontrolle über sein Bewußtsein ausübten. Und Laura, gleichfalls nur eine von vielen Persönlichkeiten im Körper des Opfers, habe Spirit den Beischlaf gestattet: "Er hat sie nicht gezwungen", erklärte Kelly, schließlich "hatten Spirit und Laura schon übers Heiraten gesprochen".
Zu Millionen, versichern US-Psychotherapeuten, geistern Spukgestalten wie Spirit und Laura durch die Köpfe von psychisch kranken Amerikanern. Das bizarre Krankheitsbild, die Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS), konstatierte der US-Experte Myron Boor, habe inzwischen "nahezu epidemische Ausmaße angenommen". In den letzten 25 Jahren, klagen Fachleute, sei die Zahl der diagnostizierten MPS-Fälle von unter 200 auf rund 20 000 gestiegen.
Ein Prozent der US-Bevölkerung, glauben manche Psychotherapeuten, sei mittlerweile am MPS-Wahn erkrankt, bei dem im Extremfall bis zu 100 Persönlichkeiten mit unabhängigen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen nebeneinander im selben Leib herumspuken. Auch unter den Deutschen, vermutet die Kasseler Psychologin und Verhaltenstherapeutin Michaela Huber, gebe es an die 80 000 solcher vielfach gespaltenen Persönlichkeiten.
Ursache der Multiplen Persönlichkeitsstörung, behaupten amerikanische, niederländische und neuerdings auch deutsche Psychologen, sei in aller Regel ein schweres seelisches Trauma - fast immer seien die Betroffenen im Kindesalter sexuell mißbraucht und mißhandelt worden.
Das aber wird von anderen Fachleuten inzwischen energisch bestritten - sie sind davon überzeugt, daß MPS-gläubige Therapeuten ihren Patienten das neuartige Krankheitsbild eingeflüstert haben.
"Das wächst, blüht und gedeiht in der Therapeuten-Szene", spottet der Psychiatrie-Professor Klaus Dörner; er hält das Leiden für ein Phantom: "Die Multiple Persönlichkeitsstörung gibt es überhaupt nicht."
MPS, zürnte jetzt auch der US-Psychiater Paul McHugh im Fachblatt Nature Medicine, sei "ein bemerkenswertes Beispiel für ein künstlich erzeugtes menschliches Verhalten". Vor allem die Behauptung der Therapeuten, die Persönlichkeitsspaltung werde durch Folterungen und Mißbrauch in der Kindheit verursacht, empört die Psychiater.
Zwar gebe es in den Industriegesellschaften erschreckend viele sexuell mißbrauchte und mißhandelte Kinder, räumt auch McHugh ein; "das ist schrecklich und muß gestoppt werden". Dennoch hält der Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Verhaltensforschung der Johns Hopkins University in Baltimore Kindesmißbrauch als MPS-Ursache für "eine erdachte Ausgeburt des Zeitgeistes".
Kaum eines der Opfer, so müssen auch die MPS-Verfechter zugeben, kann sich auf Anhieb an traumatische Kindheitserlebnisse erinnern. Eher werden die Patienten von Depressionen, Angstzuständen und Gedächtnisstörungen geplagt. Häufig, meint der US-Therapeut Frank Putnam, seien die angeblichen MPS-Patienten suizidgefährdet; Konzentrationsschwächen, Minderwertigkeitsgefühle und sexuelle Probleme bedrücken ihr Gemüt. Erst im Verlauf vieler Therapiesitzungen, oft unter Einsatz von Hypnosetechniken und Beruhigungsmitteln, dringen die Therapeuten zu den vermeintlich verschütteten Erinnerungen der Patienten vor.
Nachdem die MPS-Diagnose gestellt worden war, so ergab eine Untersuchung des National Institute of Mental Health, entsannen sich 97 Prozent aller Patienten an Mißbrauchserfahrungen. Meist erst im Verlauf der Psychotherapie kommen mit den abgespaltenen Persönlichkeiten unvermittelt auch schockierende Erinnerungen an Vergewaltigungen, Quälereien oder rituelle Folter etwa bei satanischen Messen zum Vorschein.
Glaubt man den Erfahrungsberichten, die von der Therapeutin und Buchautorin Michaela Huber gesammelt wurden, so gehen die Kinderschänder mit bestialischer Brutalität auf ihre Opfer los. Verbreitet, behauptet die MPS-Expertin, sei die Kindesfolterung bei schwarzen Messen und in "germanofaschistischen" Sekten: Dort werden, laut Huber, Kinder zum Kannibalismus gezwungen, nachdem sie zuvor bei der rituellen Schlachtung von Neugeborenen hatten zusehen müssen.
Resultat der sadistischen Exzesse laut Theorie der MPS-Therapeuten: Das Bewußtsein der geschundenen Kinder spaltet sich - was die Bewältigung der Horrorerlebnisse erleichtern soll. In vielen Fällen, so MPS-Doktrin, wachsen dann die Bewußtseinsfragmente zu eigenständigen Persönlichkeiten heran, die durch Amnesie-Barrieren voneinander getrennt bleiben.
Zwar sei der wissenschaftliche Beweis, daß frühkindliche Schreckenserfahrungen zur Entstehung multipler Persönlichkeiten führen, bislang noch nicht erbracht, gesteht auch der MPSgläubige US-Psychotherapeut Putnam. Dennoch könne niemand, "der mit mehr als zwei oder drei Multiplen gearbeitet hat, Zweifel an der Existenz eines kausalen Zusammenhangs" zwischen MPS und Kindesmißbrauch haben.
Groteske Erscheinungen beobachtet die von der Existenz des Seelenleidens überzeugte Therapeuten-Truppe, sobald eine der Alternativ-Persönlichkeiten das Kommando über einen MPS-Patienten an sich reißt. Plötzlich ist ein zuvor normalsichtiger Patient stark kurzsichtig, Allergien verschwinden binnen Sekunden. Hirnstrommessungen sollen beim Persönlichkeitswechsel dramatische Vorgänge im Kopf nachgewiesen haben.
Experten sind von derlei Behauptungen schockiert: Persönlichkeiten lassen sich mit Hilfe von Hirnstrommessungen nicht identifizieren - "das ist Humbug", konstatiert der Würzburger Neurologe Hans-Peter Hartung. Schon jede normale Emotion verändere das Bild der Hirnstromkurven deutlich, bestätigt auch Psychiater McHugh; an all diese Befunde, erklärt er, "glaube ich nicht eine Minute".
Auch sonst steht die Mißbrauchstheorie der MPS-Therapeuten auf schwankendem Grund. Bei der Auswertung von 45 Langzeitstudien über nachweislich mißbrauchte Kinder fanden die Psychologen Kathleen Kendall-Tackett, Linda Meyer und David Finkelhor "kein einziges Symptom, das für sexuell mißbrauchte Kinder typisch war". Ein gutes Drittel der untersuchten Kinder wies überhaupt keine Symptome von psychischen Störungen auf.
Mißbrauch, so folgerte die Psychologin Carol Tavris in der Zeitschrift Psychologie Heute, "hat viele mögliche Auswirkungen, und manchmal auch keine". Auch die Behauptung der MPS-Verfechter, die traumatischen Erfahrungen ihrer Klienten schlummerten verdrängt oder blockiert im Gedächtnis der Alternativ-Persönlichkeiten, wird von Fachleuten bestritten.
Nach 60jähriger Forschung, so schreibt der US-Psychologie-Professor David Holmes, fehle es immer noch an Beweisen für die These, daß Erinnerungen verdrängt werden können. In der psychiatrischen Praxis, meint Paul McHugh, sei eher zu beobachten, wie schwer es ist, traumatische Erlebnisse aus dem Bewußtsein zu verbannen - ein Problem, mit dem etwa Kriegsveteranen oder ehemalige KZ-Häftlinge zu ringen haben.
Für naiv halten Experten auch die unter den MPS-Therapeuten verbreitete Vorstellung, wonach Erlebnisse vom Gedächtnis naturgetreu aufgezeichnet und, beim Vorgang des Erinnerns, wie von einem Videoband wieder abgespielt werden. "Das Gedächtnis", meint Psychologin Tavris, sei keine Ablage im Gehirn, sondern "ein Prozeß, der ständig neu erfunden wird". Längst haben Hirnforscher und Psychologen nachgewiesen, daß falsche Erinnerungen, zumal unter Hypnose, suggeriert werden können.
Die korrekte psychiatrische Diagnose für Erinnerungen, wie sie im Gefolge der MPS-Epidemie massenhaft produziert werden, sei Hysterie, so urteilt McHugh. Vor allem "seismographisch begabte" Zeitgenossen, die auf gesellschaftliche Strömungen hochsensibel reagieren, werden nach Überzeugung von Psychiater Dörner zu MPS-Patienten. "Derlei entsteht nicht ohne entsprechende Aufmerksamkeit von außen", erklärt Dörner, "die schmecken den Zeitgeist."
Die MPS-Epidemie werde enden wie der "Hexenwahn von Salem" im 17. Jahrhundert, prophezeit Paul McHugh. In der Zwischenzeit, klagt er, werde die Seelenheilkunde durch die windigen MPS-Theorien nicht nur diskreditiert, sondern auch zum Büttel der Justiz gemacht.
Schon jetzt hat fast jeder zweite US-Bundesstaat mit neuen Gesetzen auf die MPS-Epidemie reagiert: Danach können sich Patienten, die in der Psycho-Praxis die Erinnerung an früheren Mißbrauch wiedererlangt haben, drei Jahre Zeit lassen, bis sie den Täter anzeigen.
In vielen Fällen, die mit großer Verspätung vor Gericht kamen, fehlte es an Beweisen; die mutmaßlichen Täter wurden trotzdem verurteilt - einzig aufgrund der therapeutisch aufgestöberten Erinnerungen der Klägerinnen.
Soviel Vertrauen in die Psychologie, meinen Kritiker, gefährde die Rechtssicherheit: "Wenn das so weitergeht", warnt Seelenheiler McHugh, "dann ist niemand mit einem Therapiefall in der Familie mehr vor dem Staatsanwalt sicher." Y
DER SPIEGEL 12/1995
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