30.01.1995

BücherEin lautes Lied der Freiheit

Demski, 50, lebt als Schriftstellerin in Frankfurt am Main. Zuletzt veröffentlichte sie den Essayband "Land & Leute" (Verlag Schöffling & Co.).
Sie erfährt, daß ihr Liebhaber aufgehängt werden soll, weil er einen Mord begangen hat. Und die Schwangere setzt alles dran, um bei der Hinrichtung anwesend sein zu können. Nicht aus Grausamkeit, sondern weil sie dem Leben nie ausweicht, auch nicht seinem Ende.
"Boxcar" Bertha nennt sie sich nach den Güterwagen, die durch Amerika fahren und nebenbei Menschen transportieren, von denen Bertha sagt: "Die Reichen können Globetrotter werden, aber wer kein Geld hat, wird Hobo."
Bertha ist ein Hobo*, und sie führt uns in das krisengeschüttelte Amerika der zwanziger und dreißiger Jahre. Ihre Mutter ist Anarchistin, und Bertha wächst in der Gesellschaft jener auf, die von den orthodoxen Linken verachtet wurden und für die Rechten der leibhaftige Gottseibeiuns waren.
Das unter anderem erklärt auch, warum man so wenig über sie weiß - ihre bunte und aufregende Geschichte ist fast vergessen. Die Anarchisten Spaniens und Frankreichs, Rußlands und Amerikas sind, samt ihrer verschütteten, im Untergrund lebendigen und trotz aller Verteufelung haltbaren Philosophie, neu zu entdecken, und einen Anfang kann man mit der furiosen Geschichte der Bertha Thompson machen.
In Berthas Amerika war noch keine Rede von Political Correctness. Noch war jene neue Schwächlichkeit nicht entstanden, in deren Verlauf sich der Glaube verbreitet zu haben scheint, man könne unter den Segeln von Kalorientabellen und Cholesterinwerten, dem Nikotin die Rolle des Teufels zubilligend, auf Strömen von Mineralwasser dem Tod entkommen.
Güterwagen-Bertha reist durch ein ganz anderes Land, sie raucht und säuft, sie liebt und stiehlt, und ihrer Mutter, die sich ihre Männer frei und fröhlich aussucht, wie sie ihr gefallen, verdankt sie die verblüffend einfache Lehre: "Wir wurden niemals beschämt, weil es nichts gab, was wir als Schande gelten ließen." ** "Boxcar Bertha. Eine Autobiographie". Aufge- _(zeichnet von Ben Reitman. Aus dem ) _(Amerikanischen von Manfred Allie. Ammann ) _(Verlag, Zürich; 296 Seiten; 39,80 Mark. ) _(* Amerikanisch für: Wanderarbeiter, ) _(Landstreicher. )
Ihrem Vater, den sie erst viele Jahre später kennenlernt, macht sie Vorwürfe wegen seines Stillhaltens und bekommt zur Antwort: "Alle Männer sind deine Väter und deine Brüder, und alle Kinder werden deine Söhne und Töchter sein." Bertha ist bis heute lebendig, weil sie den besten Chronisten ihrer schönen Freiheitsgeschichten findet, der sich denken läßt: Ben Reitman.
Der "König der Hobos", Arzt, Kämpfer für das Recht auf Abtreibung, war lange Jahre der Geliebte der legendären Anarchistin Emma Goldman. Reitman hat Berthas Geschichte aufgezeichnet, und es ist das Gegenteil jener Ikonenhaftigkeit entstanden, die exemplarischlinke Lebensgeschichten oft so langweilig macht**.
An die völlige Abwesenheit von Vorurteilen, moralischen Regeln und gesellschaftlichen Einschnürungen muß der Leser sich erst gewöhnen, soviel Neugier, Reisewut und explodierende Lebensfreude nimmt einem leicht die Luft. Das Psychologisieren und die konstante Frage nach dem Urteil der anderen hat sich schon zu tief ins allgemeine Bewußtsein gegraben, als daß dieses laut herausgesungene Lied der Freiheit ohne weiteres zu ertragen wäre.
Bertha lebt in den harten Zeiten der Weltwirtschaftskrise, ihre Familie, so chaotisch sie sich in bürgerlichen Augen ausnehmen mag, gibt ihr ein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Kraft. Nach der Jahrhundertwende sind in Amerika viele dieser erweiterten Familien entstanden, communities, in denen die Blutsbande nichts, der Respekt vor der Freiheit des anderen und die anarchistischen Formen des Zusammenlebens alles bedeuteten. Berthas Mutter verschwand einmal für ein ganzes Jahr und wußte ihre Kinder in guter Obhut.
Die Kinder gehörten niemandem außer sich selber, aber jeder in der Gruppe fühlte sich für ihr Wohl verantwortlich. Als Bertha mit knapp 17 beschließt, wie tausend andere per Güterwagen das Land zu erobern, verabschiedet sich ihre Mutter von ihr mit den Worten: "Ich bin immer ein grober Klotz gewesen. Ich habe niemals Moral gehabt, und ich habe euch auch keine beigebracht. Aber ich war eine glückliche Mutter . . . Denkt daran, ich habe niemals irgendwelche Opfer für euch gebracht, und ich habe nie auf einen Spaß oder ein Vergnügen wegen euch verzichtet."
So wird in aller Unschuld der wichtigste Gesellschaftsvertrag des christlichen Abendlandes und der Familie gebrochen: das schlechte Gewissen, auf dem alles aufgebaut ist.
Dennoch ist die Geschichte der Boxcar Bertha ein vollkommen unromantisches Buch, und die schönen und bitteren Varianten des Lebens werden nicht in Exotik verpackt. Das ist gewiß Reitman zu verdanken, der nie vergißt, daß all die merkwürdigen Jobs und seltsamen Begegnungen nichts als Alltag sind, wenn auch ein nicht durch Konventionen gezähmter Alltag.
Bertha arbeitet als Spülmädchen und Sprechstundenhilfe, als Sekretärin, in einer Abtreibungsklinik, sie kommt in den Knast und wieder in die Freiheit der Güterzüge und der weiten Reisen. Bei Jacksonville lebt sie in einem Hobo-Camp, "Camp Abgebrannt", wie sie es nennt, und äußert sich begeistert über die Menüs, deren Hauptbestandteile geklaute Hühner sind. Sie lernt den Ehrenkodex des Bettelns und Stehlens, sie liebt es zu trinken und läßt sich von einem großen anarchistischen Agitator verführen.
Diesem Mallettini - "er war für mich eine göttliche Gestalt" - begegnet sie immer wieder und findet nichts Besitzergreifendes daran, wenn sie diesen glücklichen Zufällen sanft und kräftig nachhilft. In der Liebe, das zieht sich wie ein wahrhaft roter Faden durch das Buch, sind die anarchistischen Grundsätze ein bißchen schwer zu verwirklichen, aber man wäre kein wahrer Anarchist, wenn man auf Grundsätzen beharren würde.
Anarchisten haben eine viel größere Rolle gespielt, als die Geschichte ihnen zugestehen mag - nicht nur in Amerika, wo politische Vorstellungen traditionell weniger in Parteien als in freien, miteinander lose verbundenen Gruppen ausgelebt wurden. Viele von diesen Dörfern oder Gemeinschaften gingen auf die Initiative emigrierter russischer Anarchisten zurück, denen schon früh klar war, daß sie mit dem autoritären und nivellierenden Sozialismus weder würden leben wollen noch dürfen. Mit dem korrupten kapitalistischen System schienen Arrangements möglich.
Von dieser dem verachteten System abgetrotzten Individualität erzählt Bertha. Ein Kabinettstück der Vorurteilslosigkeit ist ihre Beschreibung der Prostitution, die sie sich wie einen x-beliebigen Beruf aussucht - kein Wort über gesellschaftliche Zwänge - und deren Gesetze und Alltag sie mit der ihr eigenen Neugier kennenlernt.
Natürlich erst, nachdem sie sich in einen Zuhälter verliebt hat - es ist nun mal passiert, nicht zu ändern, die Liebe macht Gesetze so schnell, wie sie sie auch vernichtet. Und wenn es denn nun schon so ist, kann man genausogut eine Schule des Lebens daraus machen: "Ich werde herausbekommen", gesteht sie einer Bekannten, "warum Frauen sich von ihren Gefühlen versklaven lassen."
Nicht ein einziges Mal verfällt sie, trotz ihres illusionslosen Blicks auf das Hurenleben, in jenen Die-Gesellschafthat-mir-das-angetan-Ton, in dem dieses Thema gemeinhin behandelt wird. Sie verbirgt weder ihre Eitelkeit, ihren Spaß an der Freudenmädchenkostümierung noch ihre sexuelle Neugier.
Es war immer eine anarchistische Eigenschaft, im Gegensatz zu allen großen Ideologien, Religionen und sonstigen Menschheitsrettungsversuchen, eben jene Menschheit nicht anders haben zu wollen, als sie ist. Nicht Gleichheit war das Ziel, sondern der Respekt vor den Unterschieden. Deshalb bleiben Partikel dieses Denkens so hartnäckig in der Welt, ohne bei jenem Namen genannt zu werden, der von links und rechts mit der gleichen Unerbittlichkeit diffamiert und verfolgt wurde.
Unter einem Anarchisten stellt man sich heute noch den Karikaturen-Finsterling mit Schlapphut vor, der unter schwarzer Pelerine eine Bombe mit brennender Lunte hervorholt. Tatsächlich kämen keine Bürgerinitiative, keine Autonomiebewegung und keine vernünftige Erziehung ohne die Gedanken aus, die weltweit in den anarchistischen Bewegungen entstanden sind.
Schon vor mehr als 20 Jahren hat Hans Magnus Enzensberger in einem Interview - auf sein damals sensationelles Buch "Der kurze Sommer der Anarchie" angesprochen - gesagt, er habe in keiner politischen Gruppe jemals so spannende Menschen gefunden wie bei den Anarchisten.
Boxcar Bertha ist ein prachtvolles Beispiel für die spannenden Menschen, "die entstehen, wenn sie wachsen dürfen, wie sie wollen" (Enzensberger).
Berthas Lebensbericht endet, als sie um die 30 Jahre alt ist, eine strahlende Person, von den Einsamkeiten und Ängsten des Älterwerdens noch weit entfernt. An ihrer Mutter mag sie gesehen haben, daß diese Ängste nichtig sind, wenn es gelungen ist, das richtige Leben im falschen zu führen. Y
Ein Hurenleben aus sexueller Neugier, doch ohne Illusion
** "Boxcar Bertha. Eine Autobiographie". Aufgezeichnet von Ben Reitman. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allie. Ammann Verlag, Zürich; 296 Seiten; 39,80 Mark. * Amerikanisch für: Wanderarbeiter, Landstreicher.
Von Eva Demski

DER SPIEGEL 5/1995
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