20.03.1995

AutomobileWacker auf dem Hof

Mit einem neuen Anlauf versucht Chrysler, europäische Autofahrer für amerikanische Limousinen zu begeistern.
Die zentrale Qualität des neuen Wagens definiert Franz-Josef Moors, Geschäftsführer der Chrysler Deutschland GmbH, nicht über die Fülle, sondern über den Mangel an Eigenschaften, der das Fahrzeug auszeichne: "An diesem Auto schwabbelt nichts."
Festigkeit soll die Tugend einer Mittelklasselimousine sein, die den wolkigen Namen Stratus trägt, am Kühlergrill eine Knollennase gegen den Fahrtwind reckt und im Mai für 47 000 Mark auf den deutschen Markt kommt.
Daß amerikanischen Autos hierzulande häufig unterstellt wird, ihre Straßenlage erinnere an die Seefahrt und ihre Verarbeitung an Bastelstuben von Heimwerkern, liegt nicht zuletzt an schlechten Erfahrungen, die Besitzer von Chrysler-Fahrzeugen gemacht haben.
In schlimmer Erinnerung blieb etwa der 1970 eingeführte Chrysler 1800, Produkt einer heillosen Allianz zwischen der US-Firma und dem französischen Hersteller Simca. "Bei abrupten Unebenheiten versetzt das Fahrzeug gern, es sucht sich sozusagen im Sprung eine andere Spur als die noch eben eingehaltene", notierte die Süddeutsche Zeitung.
Nach anhaltenden Mißerfolgen verabschiedete sich Chrysler bald von den europäischen Märkten. Nach Deutschland kehrte die Firma erst 1988 zurück. Seither verkauft der Chrysler-Importeur vornehmlich Geländewagen ("Jeep") und Großraumlimousinen ("Voyager"). Große Stückzahlen ließen sich mit solchen Nischenmodellen nicht absetzen. Von knapp 2,5 Millionen Autos, die Chrysler im vergangenen Jahr herstellte, wurden nur 67 000 in Europa verkauft.
Den großen Durchbruch versprachen sich die Manager in Detroit zunächst von dem kompakten Viertürer "Neon", der Anfang 1994 in den USA eingeführt wurde und im Januar dieses Jahres auf den deutschen Markt kam. "Das wird der Golf-Killer", tönte Chrysler-Präsident Robert Lutz in vertrautem Kreis - und verschätzte sich gründlich.
Dem Wagen wurden gleich bei seiner Einführung schwere Verarbeitungsmängel vorgeworfen. Eine mangelhafte Geräuschdämmung monierte etwa die Welt am Sonntag: "Ab Tempo 160 kann sich jeder im Wagen vorstellen, was ein Leuchtturmwärter bei Orkan zu hören bekommt." Den Testern der Süddeutschen Zeitung fielen "offen liegende Schrauben, angekratzte Lackierungen und ungenaue Bohrlöcher" auf. Störfälle am Neon bremsen gar die Produktion. Vergangenen Mittwoch mußte Chrysler die Fließbänder anhalten, um seltsamen Geräuschen im Bereich des Lenkgestänges nachzuspüren.
Amerikanische Kunden mögen solche Schwächen verzeihen. Dort wird der Neon in einer spartanischen Basisversion für rund 14 000 Mark angeboten. In Deutschland kostet das gleiche Auto, wenn auch besser ausgestattet, 32 595 Mark. Da sind mitgelieferte Lackkratzer unerwünscht.
Zudem wurde der Neon mit dem falschen Motor nach Europa geschickt, einem Vierzylinder mit 133 PS. Gefragt hingegen sind in dieser Fahrzeugklasse wegen der PS-abhängigen Versicherungsprämien deutlich schwächere Motorisierungen. "Der Neon hält sich wacker bei uns auf dem Hof", heißt es beim deutschen Importeur, der für 1995 vorsorglich (und zum Verdruß der Amerikaner) nur 2600 Exemplare des Neon bestellte.
Deutlich bessere Chancen soll nun der größere Stratus in Ostdeutschland haben, glaubt Chrysler-Statthalter Moors. An die 5000 Stück pro Jahr, signalisierte er der Konzernzentrale, müßten langfristig in Deutschland absetzbar sein.
Der neue Hoffnungsträger Stratus leidet allerdings unter denselben Startschwierigkeiten wie vor zwei Monaten der Neon: Es gibt nur eine Motorversion, und die ist verhältnismäßig stark (sechs Zylinder, 161 PS). Erst im kommenden Jahr soll ein schwächerer und günstigerer Vierzylinder nach Europa importiert werden. In den USA gibt es ihn bereits.
Mit der Verarbeitungsqualität sind die deutschen Tester deutlich zufriedener als bei bisherigen Chrysler-Modellen. Der von der Industrie gefürchtete süddeutsche Autokritiker Georg Kacher kleidete sein Wohlgefühl nach einer ersten Probefahrt in die Worte: "Ich habe das Schlimmste erwartet und bin angenehm enttäuscht." Y

DER SPIEGEL 12/1995
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