30.01.1995

Fernsehen

Sabbelphilipp am Altar

Komiker-Ötzi Otto tritt noch einmal an: als außerfriesischer Eindringling in Edgar-Wallace-Krimis.

Da wäre selbst dem dicken Hitchcock die Zigarre aus dem Mund gefallen: Bei Scotland Yard warten Sir John und Inspektor Craig auf den dritten Earl of Emerson, der Licht ins Dunkel in den Edgar-Wallace-Fall um die Morde der "Blauen Hand" bringen soll. Es klopft, die Tür geht auf, und herein tritt - nicht der adelige Informant, sondern das merkwürdigste Rotkäppchen, seit es Rumpelstilzchen gibt: Otto.

Der Friesenscherz erzählt den beiden was vom Oberförster und dem bösen Wolf, die gemeinsam die Großmutter aus Geldgier in den Wahnsinn treiben wollen. Und zwar mit Tropfen im Tee, die laut Beipackzettel "zuverlässig in den Wahnsinn treiben". Nebenwirkungen: "Vergrößerung der Augen, der Ohren und des Mundes." Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Dergestalt vorgeführt werden von diesem Montag an im Privat-TV-Sender RTL nicht nur die Akteure des 1967 gedrehten Edgar-Wallace-Schockers "Die blaue Hand". Nein, in "Otto - die Serie", mit der Sabbelphilipp Waalkes nach elf Jahren Pause auf die Bildschirme zurückkehrt, treten sie alle noch mal an: In circa 250 Szenen aus 32 Wallace-Filmen muß so gut wie jede (bundes-) deutsche Nachkriegsfilmgröße dem ostfriesischen Leinwandschänder zu Willen sein - von Fuchsberger bis zur Flickenschildt, von Heinz Drache über Gert Fröbe, Dieter Borsche und Eddi Arent bis zu Lil Dagover und Ingrid Steeger.

Besonders hart trifft es gleich in der ersten von insgesamt 13 Folgen der RTL-Show das Film-Brautpaar Hellmut Lange und Karin Dor. In dem Schwarzweißstreifen "Der Fälscher von London" stehen er als Millionenerbe und sie als ahnungslose Nichte des perfiden Dr. Blonberg, der nur an das angeheiratete Geld will, vorm Traualtar. Otto und seine Film-Friesierer, das Frankfurter Gag- und Drehbuchtrio Gernhardt, Eilert & Knorr, aber schnitten die Szenenteile mit dem Original-Pastor heraus, ersetzten ihn durch den "Pfarrer von St. Pauli" und drehten alles mit sogenannten Rückendoubles der Brautleute nach.

So blicken nun Hellmut und Karin treuherzig zu dem - o Gotto - falschen Geistlichen auf und sprechen ergriffen ihr Jawort, obwohl der Friesengeistliche ganz neue Fragen stellt. "Mein Sohn, willst du diese deine Braut an mich abtreten?" Lange: "Ich will!" - "Und du, meine Tochter, würdest du bitte den Mund halten, wenn sich erwachsene Männer unterhalten?" Dor: "Ich will!"

Am Ende der denkwürdigen Zeremonie sieht sich das junge Eheglück im Besitz eines Gebrauchtwagens, eines Schnellkochtopfs und von 48 Liter Lebertran für "498,50 DM", während das geschäftstüchtige Ottili Product placement zelebriert ("Eine Hochzeit ohne Magnum ist keine Hochzeit!"), und die Gemeinde stimmt schmelzend den Langnese-Hit "Like Ice in the Sunshine" an.

Präsentiert werden die frischen Witze zu angestaubten Bildern als Bühnenshow. Das dezent eingesetzte Lachen vom Band schafft Live-Atmosphäre, und der unreifbare Mittvierziger jodelt und hoppelt wie einst in besten Fernsehzeiten.

Um den neuen Otto in die alten Filme zu montieren, nutzte Mitregisseur Bernd Eilert kostspielige Computer. Der EDV-Aufwand für die im einzelnen bis zu 30mal geschnittenen Wallace-Sequenzen trieb, zum Verdruß von Produzent Hans-Otto Mertens, die Produktionskosten von "Otto - die Serie" auf zehn Millionen Mark hoch - die teuerste deutsche Fernsehcomedy aller Zeiten.

Sämtliche 32 von Horst Wendlandt produzierten Wallace-Filme (in voller Länge) und rund 1000 von den Autoren in die engere Wahl genommene Ausschnitte mußten allein für die Erstellung der Sketch-Drehbücher digitalisiert werden. Erforderliches Speichervolumen des Computers Avid: 39 Gigabyte (das entspricht 22 300 Buchseiten). Die Folge: Mehr als einmal gingen - unter sauren Produzententränen - Cutterin Julia von Frihling die Festplatten aus.

Bei den Dreharbeiten im norddeutschen Heide-Luftkurort Bendestorf war Kollege Avid ebenfalls unentbehrlich. Öffnet sich die Tür von Sir Johns Scotland-Yard-Suite nun nach rechts oder links? Eine von vielen Dreh-Fragen, deren sekundenschnelle Beantwortung ohne den Zugriff auf die verbliebenen 250 zur Verwaalkesierung bestimmten Wallace-Ausschnitte ebensowenig möglich gewesen wäre wie die Realisierung der Sisyphus-Serie überhaupt.

Der Ehrgeiz der Macher beließ es nicht beim Erfinden passender komischer Repliken auf die Originaldialoge. Den Krimi-Akteuren wurden zum Teil neue Texte in den Mund gelegt, manche Filmhandlung aufs aberwitzigste umgedeutet. So mausert sich "Das indische Tuch", im gleichnamigen Film die Würgwaffe des Mörders, zum "kostbaren Seidenschal" von Detektiv-Anwalt Heinz Drache, der die versammelte Erbengemeinschaft hochnotpeinlich befragt, wer da hineingeschneuzt habe.

Zur Freude der Perfektionisten im Otto-Team halfen etliche Schauspieler beim Neusynchronisieren ihrer alten Rollen mit; neben Drache und Monika Peitsch vor allem der ausgiebig durch den Friesenkakao gezogene Joachim Fuchsberger ("Inspektor Higgins").

Für andere, namentlich Verstorbene, wurden Stimmdoubles eingesetzt. Mit der Stimme des Hamburger Schauspielers Jens Wawraczek gelingt es denn auch dem jungen Klaus Kinski, den Seidentuch-Schneuzer zu entlarven: das, in die Szene einmontierte, stark erkältete Familienmitglied "Baby Otto". Zur Strafe wird der Denunziant von dem total verrotzten Baby-Monster - eine der gelungensten Waalkes-Verwandlungen - unter den Tisch geniest.

In den knapp 25minütigen Show-Folgen kommt der Zuschauer kaum mehr zum Atem- oder Bierholen. Ständige Zwerchfellpräsenz ist gefordert. Andernfalls gehen wichtige Verbraucherinformationen verloren ("Plörr-Bräu - das Bier, das nur im Dunkeln schäumt") oder Sinn-Botschaften wie die Absage an Schönheit, Reichtum und Ruhm: "Es kommt doch nur darauf an, daß man gut aussieht, genügend Geld hat und jeder einen kennt."

Sorgen bereitet dem Otto im Glück nur der massive Werbeblock, mit dem der Spaß nach dem ersten Drittel jeder Sendung für fünf lange Minuten aufhört. Waalkes: "Dann ist die Stimmung am Boden." Pläne, den Komiker auch in einige der kommerziellen Spots einzumontieren, eine Art Otto-Versand, fanden die RTL-Verantwortlichen gar nicht gut: "Werbung ist bei denen 'ne heilige Kuh", lernte Waalkes-Manager Mertens.

Direkt hinter den Otto-Sendeplatz hat RTL den ebenfalls 13teiligen Schnellschuß "Corinna" gesetzt und preist die niederschmetternd "lustige Familienserie" nun im Doppelpack mit dem ambitionierten Friesen-Lachwerk an. RTL-Serieneinkäufer Erhart Puschnig, der "Otto - die Serie" gemeinsam mit Ehefrau Monika betreut hat, hofft auf Interesse "auch bei unserem Sitcom-Publikum", will sich aber auf keine Einschaltzahlen festlegen.

Was schlußendlich passiert, wenn der "inspirierte Blödler" und "letzte Statthalter der Ideologiekritik" (der Philosoph Peter Sloterdijk über Otto) auf die "dumpfe aufgeklärte Masse" (der Dramatiker Botho Strauß über das RTL-Publikum) trifft, mag auch Programmchef Marc Conrad nicht vorhersagen.

Vielleicht zischt's. Y

"Es kommt darauf an, daß man gut aussieht und genügend Geld hat"


DER SPIEGEL 5/1995
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