20.02.1995

Autoren Das Grauen im ICE-Bord-Treff

Der Junge ist ein Schnösel. Einer, der Roederer Christal am Strand von Sylt trinkt, der entweder Taxi oder Porsche fährt, der auf Millionärspartys am Bodensee Highballs schlürft und auf Hamburger Medientreffs Ecstasy-Pillen einwirft, der in Salem war und davor ein Kindermädchen hatte, das ihm die Toastbrotkanten abschnitt und Tee der Sorte Lapsang Souchong brühte.
Ein Junge also, der den Reichtum und das Leben, von dem die Protzgesellschaft träumt, samt seinen Feinheiten kennt, so genau, daß er es sich leistet, ein Dandy zu sein, den Geld nicht interessiert.
"Faserland" heißt das Debüt des Ich-Erzählers Christian Kracht, 28, und als der Verlag seinen Vertretern im letzten Herbst die Fahnen vorlegte, gab es sofort das erste Mißverständnis*. Die meisten Außendienstler meinten, daß man dieses Buch nicht ernsthaft vermarkten könne, manche fühlten sich gar verhöhnt; eine Minderheit hielt dagegen, "Faserland" sei brillant.
Ein Konflikt, der einiges über "Faserland" und noch mehr über Deutschland sagt, denn Romane wie der von Kracht werden hierzulande normalerweise nicht geschrieben. Bücher wie Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen", Jack Kerouacs "On the Road" oder Bret Easton Ellis'' "Unter Null" - Bücher, deren Autoren sich in den Mittelpunkt stellen und mit Haltungen, Meinungen und Ausdrucksformen _(* Christian Kracht: "Faserland". ) _(Kiepenheuer & Witsch; 166 Seiten; 29,80 ) _(Mark. ) aufwarten, die vielleicht nicht gleich den Beifall der Literaturbürokraten finden, aber die dafür ihre eigenen sind.
Denn Krachts Debüt beweist einmal mehr, daß einer die große Krise schon lange vor der Midlife-crisis und dem Älterwerden kriegen kann. Sein namenloser Ich-Erzähler, der manchmal autobiographische Züge trägt, reist von Nord nach Süd quer durch Deutschland in die Schweiz, und wie jeder ordentliche Dandy muß er an der Welt leiden, und seine Antwort ist Haß.
Haß gegen einen Menschen, der aussieht wie ein Werbetexter, der auf Sylt den eigenen türkisfarbenen Porsche vollkotzt; Haß gegen Menschen, die aussehen wie Betriebsratsvorsitzende, die Businessclass fliegen und mit ihren bunten Krawatten und senffarbenen Sakkos von ihrem letzten Phuket-Aufenthalt erzählen.
Haß empfindet der Autor, Sohn des ehemaligen Axel-Springer-Generalbevollmächtigten, gegen Menschen, die aussehen wie Nazis, "diese Welt am Sonntag-Leser in ihren Gabardine-Hosen mit der immerwährenden Bügelfalte, den in matten Farben gehaltenen Blousons, die viel zu großen Brillen mit Goldrand"; Haß gegen Menschen, die aussehen wie Techno-Raver, mit orangefarbenen T-Shirts, Bundeswehrhosen, rasierten Schädeln und Ringen in der Nase, die sich tagelang über Sätze unterhalten, die sie auf einer Toilettenwand gelesen haben; Haß gegen das Land, in dem all diese Menschen nebeneinander herleben - Deutschland Vaterland, Faserland.
Ziemlich viel Haß also. Dabei ist Kracht alles andere als ein zorniger junger Mann, der der Welt erklären könnte, wo es langgeht. Das kann er nicht einmal sich selbst. Er reist nicht durch Deutschland, er wird gereist. Betrunken, auf Ecstasy, schlaflos, der Ohnmacht nahe, zieht es ihn von Sylt nach Hamburg, nach Frankfurt, nach Heidelberg, nach München, nach Meersburg, nach Zürich. Und auch wenn er nüchtern ist, wirkt sein Erzählstil wie narkotisiert: Auf fast schläfrige, kühle und distanzierte Art nähert er sich Menschen und Gegenständen, widerwillig, voller Zweifel an der Genauigkeit seiner Wahrnehmungen. Gerne schreibt er "Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich da jetzt richtig ausgedrückt habe", noch lieber "Ich verstehe das nicht".
"Unwissenheit ist Stärke", hat Orwell behauptet. Kracht arbeitet so, um den boshaft Ohnmächtigen zu spielen. Allein der Oberfläche vertraut er: "Ich bezahle den Taxifahrer, der zum Glück während der Fahrt kein Wort gesagt hat, weil er sauer war, daß wir beide gleich alt sind und ich eine Kiton-Jacke trage und er auf Demos geht. Obgleich, wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne mit ihm geredet und ihm gesagt, daß ich auch auf Demonstrationen gehe, nicht, weil ich glaube, damit würde man auch nur einen Furz erreichen, sondern, weil ich die Atmosphäre liebe."
Politik erscheint in "Faserland" nur noch als lächerliches Ritual, das nach den immer gleichen Regeln abläuft, nicht als Quelle der Veränderung. Das ist nicht unbedingt neu, und doch hat kein anderer deutscher Autor je auf solch lakonische Art darüber geschrieben.
Nicht aus Verdrossenheit bleiben die Personen passiv - sie machen sich nur keine Illusionen mehr. Die Generation nach 1968 hat die Lehrer beim Marsch durch die Institutionen im eigenen Klassenzimmer erlebt und gesehen, wie die hehren Ziele eingetauscht wurden gegen die Reihenhaus-Ruhe, den Mittelklassewagen, den Urlaub auf Fuerteventura und das verlogene Laß-uns-darüber-Reden. Gegen den Bankrott der Ethik setzten viele die Aufwertung der Ästhetik - die schnell in einer trostlosen Verlifestylung des Lebens, im wunschlosen Unglück endete.
Die Oberflächen und Äußerlichkeiten sind Krachts Halt, und manchmal wirkt sein Roman wie eine Nachahmung von Bret Easton Ellis'' "American Psycho", dem vollständigsten Katalog des Lifestyle-Irrsinns - nur daß Kracht nicht wie Ellis das Erzählen den Markennamen unterordnet, sondern versucht, sie zu benutzen und hinter sich zu lassen.
So ist es kein Wunder, daß die Verwalter der Oberflächlichkeit, diejenigen, die das Deutschland der neunziger Jahre von der richtigen Krawatte bis zur richtigen Mülltonne mit ihrem Geschmacksterror durchdesignen wollen, von Kracht gnadenlos verspottet werden.
Ein Schnittpunkt des Grauens, der entsteht, wenn sich Trendforscher, Designer und Werber etwas ausdenken, ist für Kracht das Lufthansa-Bordheft oder der Bord-Treff des ICE.
"Ich überlege mir, wer sich wohl diesen Namen ausgedacht haben mag. Ich meine, saßen da irgendwelche Menschen mit bunten Brillen in einem Designerbüro in Kassel und haben sich tatsächlich darüber den Kopf zerbrochen, ob diese Monströsität in der Mitte ihrer geschmacklosen Züge nun Bord-Treff heißen soll oder nicht? Vielleicht hat einer ja gesagt: Nein, Gastrostubb müßte es heißen oder vielleicht sogar Iß was . . . Schließlich haben sie sich dann auf Bord-Treff geeinigt, die Agentur hat dann drei Millionen Mark eingestrichen, und alle sind mit ihren Armani-Sakkos und ihren bunten Brillen in die Toskana gefahren, Chianti trinken und Lebensgefühl tanken. Unfaßbar. Aber so war das vermutlich."
Gegen die Leiden des jungen Kracht, das zeigt sich im Laufe des Romans, hilft kein Luxus und keine Droge, und die Liebe schon gar nicht. Wann immer es zu einer vielversprechenden Begegnung kommt, bleibt der Held eingemauert in seiner Einsamkeit. Ergibt sich ein Flirt, muß er unverzüglich flüchten, sieht er ein Mädchen, mit dem er etwas anfangen könnte, so verharrt er scheinbar teilnahmslos - er hört nicht zu. "Ich will diesen wunderschönen, dummen Mund küssen, aus dem nur sinnloses Geplapper herauskommt, leeres, wirres Zeug." Der Abend endet, wie er enden muß - der Junge flüchtet einmal mehr. Er klaut den Porsche des Gastgebers und setzt sich in die Schweiz ab.
Dabei ahnt er längst, daß es kein Entkommen gibt. Irgendwo verlorengehen, so wie das die Reise-Dandys Paul Bowles und Bruce Chatwin noch konnten, ist im Zeitalter der Satellitenschüsseln nicht mehr möglich. Wo immer einer hinkommt, irgendeine Popgruppe oder ein Hollywoodfilm war schon da.
Das letzte Abenteuer ist, die Spuren und die Verformungen der Trashkultur bis in die entlegensten Orte zu verfolgen. Begeistert schildert Kracht die Abenteuer seines Freundes Alexander. Der spielte in einem kleinen Dorf in Indien eine ganze Nacht "Brother Louie" von der Gruppe "Modern Talking". Dazu stampften die Bewohner mit nackten Füßen auf den Lehmboden und tranken Schnaps. Alle kannten das Lied ganz genau. Gegen Morgen lagen sie sich weinend vor Glück in den Armen.
Kracht bejammert die verstellte Welt nicht, er bilanziert sie. Wie viele seiner Generation träumt er nicht mehr von großen Veränderungen oder verborgenen Paradiesen. Trotzdem bleibt bei allem Sarkasmus, ganz in der Tradition der deutschen Romantiker, eine Sehnsucht nach asozialer Einfachheit und Geborgenheit. Kracht halluziniert sie herbei in der Person von Isabella Rossellini. Mit ihr möchte er leben. Auf den Äußeren Hebriden. In dicken Wollpullovern. Und mit offener Schlafzimmertür, damit er nachts das Atmen der Kinder hören kann.
Doch Todessehnsucht und Selbsthaß erweisen sich als stärker, und so feiert er am Ende die liebste Kunst der Dandys: die Auslöschung. Für die, die ihm nicht ins Dunkel folgen wollen, bleibt Hoffnung auf die Erneuerung der satten postmodernen Kultur. Nicht in Gestalt von Stahlgewittern, sondern in Form von schwarzlilafarbenen Trainingsanzug-Trägern aus dem Osten.
So jedenfalls wünscht es sich Kracht: "Das wäre beruhigend, muß ich denken, wirklich sehr beruhigend, denn ein lilafarbener Ost-Mensch ist mir noch eine Million Mal lieber als so ein Understatement-West-Mensch, der irgendwo in einer Einkaufspassage Austern schlürft." Y
Kracht bejammert nicht die verstellte Welt, er bilanziert sie
* Christian Kracht: "Faserland". Kiepenheuer & Witsch; 166 Seiten; 29,80 Mark.
Von Hüetlin, Thomas

DER SPIEGEL 8/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.