20.03.1995

ZeitgeschichteKämpfer in der Ecke

Der Schriftsteller Hermlin, so zeigt ein bisher unbekanntes Papier, hat 1972 den SED-Chef Honecker hart kritisiert - intern.
Deutschland-West im Jahr 1946: Ein soeben aus der Schweiz zurückgekehrter Emigrant, der Lyriker und Kommunist Stephan Hermlin, 31, wird Redakteur bei Radio Frankfurt. Er stellt sich seinem amerikanischen Kontrolloffizier vor, einem anderen Emigranten, Sohn eines berühmten Schriftstellers: Golo Mann.
Der erklärt Hermlin kurz und bündig die Prinzipien der künftigen Zusammenarbeit: "Hören Sie, wir haben über vieles verschiedene Ansichten. Ich bin leider Ihr Zensor. Lassen Sie uns einen ungeschriebenen Vertrag schließen: ich werde jede Ihrer Sendungen genehmigen, ohne sie gelesen zu haben, und Sie werden keine Sendungen machen, die den Anweisungen der Militärregierung widersprechen."
Deutschland-Ost im Jahr 1972: Wieder raufen sich zwei Deutsche zusammen, die gegen das Hitler-Regime gekämpft hatten. Und wieder geht es um das Thema Zensur.
Stephan Hermlin erhält einen Anruf vom obersten "Kontrolloffizier" der DDR, seinem alten KPD-Weggefährten Erich Honecker. Ob er "bereit" sei, so die Frage, "ein Papier für mich zu schreiben". Es solle dem Ersten Sekretär des SED-Zentralkomitees "bestimmte Dinge, die unsere kulturpolitische Situation betreffen, ins Gedächtnis" rufen. Hermlin sagt ja - wenn Kollege Graß für Willy (Brandt) trommele, so könne er auch für Erich tätig werden. Honecker habe, so berichtet Hermlin heute, herzhaft gelacht.
Das Lachen ist dem Partei-Obersten sicher vergangen, als er dann Hermlins Denkschrift las - eine grimmige Abrechnung mit der "grotesken" Zensurpraxis und anderen Ärgernissen der SED-Kulturpolitik (siehe Auszüge Seite 229).
Honecker hat auf diese Provokation nie reagiert. Hätte er Hermlins Kritik beherzigt - zweifellos wäre das intellektuelle Innenleben der DDR freier geworden, auch erheblich weltoffener.
Der Verfasser des "Aide-Memoire" - so der Titel - hat seine Schrift bald nach 1972 vergessen. Erst kürzlich erinnerte er sich, als ihm eine Kopie des Manuskripts in die Hände fiel: Seine Frau fand sie im Keller seines Ost-Berliner Domizils, in einem Karton, unter einem Brief des Lyrikers Erich Fried und anderer Korrespondenz.
Das bisher unbekannte Dokument erscheint diese Woche zur Leipziger Buchmesse in dem Sammelband "In den Kämpfen dieser Zeit" - einer Festschrift zum 80. Geburtstag des Schriftstellers am 13. April*.
Hermlin schrieb seine denkwürdige "Gedächtnis-Stütze" im Mai 1972. Walter Ulbricht lebte noch, hatte aber, ein Jahr zuvor, den Posten des Ersten ZK-Sekretärs an Honecker abgetreten. Honecker wollte sich auf der bevorstehenden 6. ZK-Tagung wohl als kulturpolitischer Erneuerer profilieren.
Hermlin erinnert sich, wie Honecker damals am Telefon sagte: "Ich möchte nicht, daß du weiter schweigend in der Ecke stehst." Unter Ulbricht hatte Hermlin, seit 1958, keinen Artikel mehr im Parteiorgan Neues Deutschland schreiben können; im Jahr 1963 hatte er, wegen einer von ihm arrangierten Veranstaltung mit undogmatischen Lyrikern wie Wolf Biermann, Rainer und Sarah Kirsch, seinen Posten als Akademie-Sekretär für Literatur verloren.
Aus dieser "Ecke" kam Hermlin aber erst 1988 heraus: Da erschien im Neuen Deutschland erstmals wieder ein Artikel von ihm, eine Erinnerung an das November-Pogrom _(* Stephan Hermlin: "In den Kämpfen ) _(dieser Zeit". Wagenbach-Verlag, Berlin; ) _(112 Seiten; 29,80 Mark. ) von 1938, jene "Reichskristallnacht", in der sein Vater, ein kunstliebender jüdischer Tuchfabrikant, von den Nazis abgeholt und nach Sachsenhausen deportiert worden war.
Hermlin war stets, zumal bei Auftritten im Ausland, ein bekennender "kommunistischer Spätbürger", wie sein Ex-Freund Günter Kunert schrieb; zugleich aber ärgerte er die Parteioberen immer wieder, vor allem durch seinen weltoffenen Literaturbegriff. Der störte ein Politbüro, das die damals von Moskau vorgegebene Politik der "Koexistenz" mit dem Westen durch eine verschärfte ideologische Abgrenzung kompensieren wollte.
So hat Hermlin einmal über Ernst Jünger gesagt: "Ein Mann, der einen sehr bedeutenden Stil schreibt, kann nicht mein Feind sein." Schon derartig unbekümmerte Kunstkonfessionen machten ihn den ostdeutschen Realsozialisten verdächtig.
Das belegt auch ein Stasi-"Plan" aus dem Jahr 1986 - "zur Kontrolle und Beeinflussung" Hermlins "durch IM der V. Verwaltung". Es war ein Kooperationsplan von Stasi und KGB.
Deutschland im Jahr 1995: Zensur findet nicht mehr statt. Doch Schriftsteller Hermlin, 79, leidet unter einem Zustand, der für ihn nicht viel besser ist als die alte Misere: Desinteresse. Vielen Konservativen gilt er als unverbesserlicher Kommunist, darunter jene Dissidenten, denen er als Freund und Helfer lieb war, solange sie in der DDR litten. Und die anderen, die alten SED-Kader, die noch Ende der achtziger Jahre "Zersetzungsmaßnahmen" gegen ihn erdachten, mißtrauen ihm nach wie vor.
Jünger gefeiert, Hermlin gefeuert? "Mit dem Heimischwerden in der Welt", heißt es in einer Hermlin-Erzählung, "ist es nicht so leicht."
* Stephan Hermlin: "In den Kämpfen dieser Zeit". Wagenbach-Verlag, Berlin; 112 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 12/1995
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