20.03.1995

Zensur, Zynismus

Ein Memorandum des Schriftstellers Stephan Hermlin von 1972 für Erich Honecker

Von Hermlin, Stephan

Von unseren positiven Leistungen rede ich nicht; sie sind uns allen bekannt. Wichtiger scheint mir zu sein, Mängel unserer Kunstpolitik aus der Perspektive der Erfahrungen und Beobachtungen eines Schriftstellers anzumerken . . .

Auf dem Gebiet des eigenen Erbes haben wir eine gute Einrichtung wie die "Bibliothek deutscher Klassiker". Verlage wie der Insel-Verlag, Dieterich und der Aufbau-Verlag veröffentlichen ausgezeichnete Klassiker-Ausgaben, die jeder Kritik standhalten. Aber die Gedenktage bedeutender deutscher Dichter wie Friedrich Schlegel oder Novalis, zu denen in manchen Zeitungen Artikel erscheinen, rufen einem vor allem ins Gedächtnis, daß die Genannten seit 1945 bei uns überhaupt nicht veröffentlicht wurden. Die dafür Verantwortlichen verstecken sich zu ihrer Rechtfertigung hinter Redensarten wie der von der "kritischen Aufnahme des Erbes". Sie vergessen nur, daß eine "kritische" Aufnahme die Aufnahme selbst voraussetzt.

Mit Stolz wiesen Marx und Engels auf die großen deutschen Philosophen hin, ohne die sie selber ihre Arbeit nicht hätten leisten können. Bei uns sind die Werke Kants, Hegels, Fichtes, Schellings gar nicht oder nur in ganz beschränkter Auswahl zu haben. Von wichtigen Denkern wie Schopenhauer und Nietzsche, die von Georg Lukacs sehr einseitig beurteilt wurden (was u.a. daran lag, daß erst neulich die Fälschungen aufgedeckt wurden, die Nietzsches ursprüngliche Herausgeberin beging), ist bei uns nie eine Zeile gedruckt worden. Aber nicht nur die deutsche Philosophie existiert bei uns nur spärlich, sondern auch die antiken Philosophen wie Platon scheinen auf einer Art Index zu stehen. Dabei gibt der Akademie-Verlag seit Jahren eine ausgezeichnete Reihe griechischer und römischer Klassiker heraus, in der diese Philosophen ihren natürlichen Platz finden könnten . . .

Die größten Dichter des französischen 19. Jahrhunderts wie Nerval, Baudelaire, Rimbaud sind bei uns nie erschienen. Die wichtigsten französischen Schriftsteller unseres Jahrhunderts sind, mit wenigen Ausnahmen, hier nie gedruckt worden; ich nenne bloß Proust, Claudel, Gide, Malraux; ich könnte leicht andere hinzufügen. Diese Namen und die Werke, über denen sie stehen, sind aber in Polen, in der CSSR, in Ungarn durchaus bekannt.

Was für Frankreich gilt, trifft auch auf die Bundesrepublik, auf England und andere Länder zu. Wieder andere Länder werden von uns besser behandelt, z. B. Italien.

Die Existenz des Erbes und die Notwendigkeit seiner Pflege wird von niemand bestritten. In der Praxis stehen aber nach wie vor einige große Erscheinungen gerade der deutschen Literatur unter Quarantäne. Wird etwa nach einem großen Schriftsteller wie Musil gefragt, so antwortet einem ein bedenkliches Kopfschütteln, man munkelt von Spätbürgerlichkeit, man weist darauf hin, daß der Betreffende (Musil oder ein anderer) politisch weniger fortgeschritten gewesen sei als etwa Thomas Mann. Da wir eine ganze Reihe "spätbürgerlicher" Schriftsteller veröffentlicht haben, z. B. gerade Thomas Mann, kann "Spätbürgerlichkeit" kein Grund sein, einen Schriftsteller nicht zu drucken. Marx hat in seinem Balzac-Aufsatz, Lenin hat in seinen Arbeiten über Tolstoi das Verhältnis der Ansichten eines Schriftstellers zu seinem Werk behandelt. Da man ihre Gedanken nie weitergedacht hat, stehen wir alle paar Jahre vor einer Situation, als seien die erwähnten Arbeiten nie geschrieben worden.

Das Nichtdrucken bedeutender Literatur der Vergangenheit und Gegenwart resultiert aus der falschen Einschätzung des Wesens dieser Literatur. Auf diese Frage haben wir auch früher oft falsch, in einem verengenden Sinne geantwortet; was allerdings in den letzten Jahren von sogenannten Wissenschaftlern an grotesken, selbstentlarvenden Beurteilungen geleistet wurde, stellt einen Rekord dar. Unsere Auseinandersetzung mit der BRD etwa, die ja glücklicherweise bereits positive Resultate aufweist, wurde auf literarischem Gebiet unter Verwendung eines "wissenschaftlichen" Abrakadabra mit dem Zweck geführt, die Literatur Westdeutschlands mit dem dort herrschenden Gesellschaftssystem schlechthin gleichzusetzen und damit zu verwerfen. Gelten ließ man nur die zwei oder drei Schriftsteller, die der DKP nahestehen.

In Wirklichkeit vollzog sich in den letzten 15 Jahren ein stürmischer Aktivierungsprozeß in der westdeutschen Literatur, deren beste Vertreter (man könnte da leicht drei oder vier Dutzend Namen nennen) den politischen Fragen nicht aus dem Wege gingen und in allen wesentlichen Punkten (Anerkennung der DDR, Kampf gegen den Alleinvertretungsanspruch, Koexistenz, Kampf gegen den Atomkrieg, Vietnam, Kampf gegen bestimmte Züge des staatsmonopolistischen Kapitalismus) sich als unsere potentiellen Verbündeten erwiesen. Wir haben diese Leute nicht nur allein gelassen (was noch nicht das Schlimmste war) - wir haben ihnen gegenüber Hohn und Feindseligkeit walten lassen und uns bemüht, die bestehenden Verbindungen abzubrechen.

Der für uns wichtigste Bereich, in dem auch die meisten Mängel vorliegen, ist der unserer eigenen Literatur. Die Verengungen, die man hier in den letzten Jahren zuließ, eine jedes Maß übersteigende Zensur (die natürlich um keinen Preis Zensur genannt werden will), Manipulationen jeder Art - alles das, was angeblich der Förderung unserer Literatur dienen sollte, hat in Wirklichkeit der Gleichgültigkeit, der Verbitterung, dem Zynismus Vorschub geleistet.

Man kann darüber streiten, ob ein sozialistischer Staat Zensurmaßnahmen braucht. Marx begann seine politische Tätigkeit mit dem Kampf gegen die preußische Zensur. Brecht formulierte, daß im Sozialismus Kunst und Literatur frei sein sollten (die Ausnahme: Kriegs-, Völker- und Rassenhetze). Manche Leute, die sich den Sozialismus nur als eine gigantische Zensurmaschine vorstellen können, zitieren demagogisch Lenin, wobei sie wohlweislich eine der wichtigsten Äußerungen Lenins zur Literatur im Sozialismus beiseite lassen, den Artikel nämlich, den er am 22. 11. 1921 in der Prawda veröffentlichte. Dieser Artikel zeigt Lenins unvoreingenommene und tolerante Haltung selbst in einem extremen Fall.

Einig sollten wir uns jedenfalls darüber sein, daß das Nichtzulassen eines Kunstwerks immer nur eine Ausnahme, nicht die Regel sein darf. In den letzten Jahren wurde das Gegenteil Wirklichkeit: es wurde kaum noch ein Buch in der DDR geschrieben, das vor den Behörden Gnade fand; auch das Erscheinen der harmlosesten Dinge wurde durch Änderungswünsche der Zensur hinausgezögert. Zensoren, die oft als "Literaturwissenschaftler" auftraten, sich aber eher als eine Art Literaturpolizei verstanden, ließen eine anmaßende und drohende Sprache hören - ein letztes Beispiel dafür sind die Artikel von Reso und Weisbach im eben erschienenen Heft 2, 1972 der Zeitschrift Sinn und Form.

Ich kannte den Fall eines Zensors, der sich im Zustand der Trunkenheit damit brüstete, daß er sich die von ihm "verhinderten" Manuskripte in Leder binden ließ und sie dann in seine Bibliothek stellte. Woran erinnert einen das?

Auf dem letzten Parteitag fiel das richtige Wort von gewissen Institutionen, die sich mit sich selber beschäftigen. Dazu gehört, glaube ich, eine Zensur, die ständig nachweisen muß, daß sie nicht umsonst da ist. Sie hat in den letzten Jahren ihren Bereich erweitert und zu neuen Methoden gegriffen. Da gibt es etwa die sogenannten Außenlektoren, die über Leben und Tod eines Buches entscheiden; sie haben einen Anspruch auf absolutes Anonymat; kein Autor darf ihre Namen erfahren. Als das Präsidium des Schriftstellerverbandes vor kurzem in Gegenwart einiger Verlagsleiter diesen bedauerlichen Zustand diskutierte, sagte ein Verlagsleiter in aller Unschuld, man könne das nicht ändern, weil man keine Außenlektoren mehr zur Verfügung haben würde, falls ihre Namen preisgegeben werden sollten.

Dazu kommt, daß die "Außenlektoren" und andere "Wissenschaftler" wenig mit realem Wissen belastet, also offenbar besonders brauchbar sind. Ich möchte ein Beispiel anführen, das zum Teil mich selber betrifft. Im Jahre 1966 stellte ich auf die Bitte des Reclam-Verlages eine Auswahl des klassischen französischen Dichters Verlaine zusammen, zu der ich ein Nachwort schrieb. Das Buch blieb liegen. Auf mehrmalige Anfrage erhielt ich die Mitteilung, der Zensor habe Einwände, man dürfe sie mir aber nicht mitteilen. Auf mein Drängen geschah das aber dann doch. Die Einwände waren idiotisch, ich führe sie hier nicht an. Ich widerlegte sie schriftlich und riet dem Unbekannten, sein auf Kosten der Öffentlichkeit absolviertes Studium der Romanistik noch einmal zu beginnen. Mein kleines Buch erschien mit mehr als vierjähriger Verspätung. Den Namen des Zensors habe ich bis heute nicht erfahren.

Dies ist freilich ein verhältnismäßig harmloses Beispiel - handelt es sich doch "nur" um die Herausgabe eines klassischen Dichters. Gravierender wirken sich ähnliche Methoden aus, wenn es direkt um das Werk eines in der DDR lebenden und arbeitenden Autors geht. Ich brauche hier keine Namen zu nennen: eigentlich jeder begabte Autor unseres Landes ist in den letzten Jahren von der Zensur behindert worden. Das Ergebnis ist ein Austrocknungsprozeß, ein Ausweichen in Harmlosigkeit und Konformismus oder auch in Schweigen. In Literatur und Kunst wirken destruktive Maßnahmen oft jahrelang nach. Selbst wenn man Dinge jetzt ändern sollte, erwarte man keine schnelle Verbesserung der Lage.

Seit Jahren versucht man, bestimmte Autoren der DDR, ältere und jüngere, darunter manchen, der in vergangenen Jahrzehnten an nationalen und internationalen Kämpfen der Arbeiterklasse beteiligt gewesen war und daher die Voraussetzungen für diesen Staat mitgeschaffen hatte, aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, ihre Namen totzuschweigen und sie gewissermaßen durch andere Autoren zu "ersetzen". Es handelt sich hier um regelrechte Korruptionsversuche, die natürlich auch hier und da Erfolg hatten. Ich glaube nicht, daß ein wirklicher Schriftsteller, der von der Notwendigkeit seiner Arbeit überzeugt ist, sich durch Totschweigen, Zensur oder Beschimpfungen von dieser Arbeit abbringen läßt. Er kennt auch nicht den Begriff der "Konkurrenz", er ist nicht anfällig für Neid, er weiß, daß er nicht der einzige ist und sein kann, der innerhalb einer nationalen Literatur arbeitet. Andererseits sind Schriftsteller ja nicht besser als andere Menschen - man kann manche von ihnen korrumpieren, sie mit Erfolgen locken, sie mit Titeln und Ehren dazu bringen, sich selber für bedeutend zu halten und Kollegen zu schmähen, die mit mächtigen Leuten in Konflikt geraten sind. In einem sozialistischen Staat sollte es so etwas nicht geben, und dennoch wurden wir in den letzten Jahren Zeugen solcher Vorgänge . . .

Man verfügt über viele Mittel. Seit Jahren existieren schwarze und graue Listen, auf denen Autoren der DDR stehen. Diese Autoren werden gar nicht oder so selten wie möglich mit Namen genannt; sie werden in den sozialistischen Ländern nicht oder höchst selten veröffentlicht. Brüderliche staatliche Beziehungen werden zu Manipulationen mißbraucht, die Autoren nicht nur zu Hause, sondern auch im sozialistischen Ausland isolieren sollen. Diese Manipulationen sind kein Geheimnis geblieben. Menschen hier und dort, die Literatur lieben und kennen, antworten mit Bitterkeit und Verachtung auf diese niedrigen Manöver. Wenn ich die Kulturseite des Neuen Deutschland aufschlage, finde ich bis zum heutigen Tage meine Ahnung bestätigt, welche Namen ich dort finden, welche ich nicht finden werde, welche oft völlig bedeutungslosen Nachrichten ein Anrecht auf Öffentlichkeit haben, nur weil sie mit dem Namen von X oder Y verbunden sind, während andere, echte Erfolge bestimmter Schriftsteller und Künstler, die man nicht verhindern konnte und die in Wahrheit natürlich auch echte Erfolge der DDR sind, bewußt verschwiegen werden . . .

Es ist mir klar, daß die Exponenten alter Fehler nicht so leicht abrüsten. Dennoch begreife ich nicht, daß man bis heute die neuen Bücher eines im antifaschistischen Kampf bewährten und international anerkannten Schriftstellers wie Stefan Heym nicht veröffentlicht. Diese Bücher, die ich kenne, sind künstlerisch und politisch wertvoll, sie vertreten den gleichen Standpunkt, den Heym in seinen berühmten "Kreuzfahrern" und anderen Werken seit Jahrzehnten vertreten hat. Eines der letzten Bücher, die glänzend geschriebene "Schmähschrift", behandelt das Leben Defoes, des Verfassers des "Robinson". Früher wäre es für uns eine Selbstverständlichkeit gewesen, uns mit dem Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit Defoe zu identifizieren, wie wir uns überhaupt mit allen fortschrittlichen Gestalten der Geschichte identifizieren - die Schicht der Zensoren bei uns liest so ein Werk anders, sie liest es nämlich genau wie die Metternichs vor mehr als hundert Jahren; ohne daß sie es eigentlich wollen, identifizieren sich diese Leute mit den Bischöfen und Herzögen, gegen die Defoe seinen Kampf führt, und betrachten Defoe, was sie natürlich nicht laut sagen, als "schädliches Element". Aus diesem Grunde verbieten sie Heyms Buch. Ich habe hier Stefan Heyms Beispiel genannt, aber in Wirklichkeit sind viel mehr Schriftsteller betroffen. Auch in bezug auf Verbot und Drosselung von Literatur wirken, nebenbei bemerkt, korrumpierte Schriftsteller mit den Zensoren Hand in Hand. Es ist kein Zufall, daß vor kurzem bei der Hauptverwaltung Verlagswesen zwei bekannte Schriftsteller erschienen und eine Herabsetzung der Auflage von Hermann Kants "Impressum" verlangten . . . Y

Kaum noch ein Buch fand in der DDR Gnade vor den Behörden

Schriftsteller sind ja nicht besser als andere Menschen


DER SPIEGEL 12/1995
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