09.01.1995

VerbrechenDer Tod kommt zweimal

Sie hat Angst. Angst davor, alle anzurufen und ihnen zu sagen, was sie verschwiegen hatte. Angst, am nächsten Tag mit ihren drei Hunden durch die Straßen des schottischen Dorfes Portmahomack zu gehen, Angst, daß alle glauben werden, ihr Leben sei eine Lüge gewesen.
Morgen, so denkt sie an diesem 29. Juli 1994, würden es alle erfahren. Die Tageszeitungen würden es grell und falsch herausschreien, und sie würden lauter sein, als sie es jemals sein könnte.
Daß ihre Vergangenheit sie einholen würde, wußte sie, seit sie mit Meg Davis telefoniert hatte, ihrer Londoner Agentin und Freundin. "Ich habe heute ein absolut lächerliches Gerücht gehört", hatte Meg gesagt, "du sollst als Teenager jemanden ermordet haben." "Das Gerücht stimmt", hatte sie geantwortet.
Ja, es ist wahr. Vor 41 Jahren hat sie in Neuseeland zusammen mit ihrer Freundin deren Mutter erschlagen. Damals hieß sie noch Juliet Hulme. Fünf Jahre saß sie im Gefängnis. Nun soll sie ein zweites Mal bestraft werden. Diesmal wird die Strafe die Vernichtung ihrer neuen Identität als britische Bestsellerautorin Anne Perry sein.
Ausgerechnet sie, die in ihren 20 Krimis über Doppelmoral und Bigotterie schrieb, hat diesen Schatten in ihrer Vergangenheit. Wären ihre Bücher noch glaubwürdig? Würden nun ihre eigenen Werke gegen sie verwendet werden?
Das Trauma von damals wird sich wiederholen, als sie in dem sechs Tage dauernden Prozeß kein Wort sagen durfte, weil sie 15 Jahre alt und also minderjährig war. Sie mußte anhören, wie das Tagebuch ihrer Freundin verlesen wurde, und sie durfte nicht widersprechen, als der Staatsanwalt die Eintragungen mißverstand.
Sie muß es allen sagen, ihren Freundinnen, ihrem amerikanischen Agenten, den Freunden aus der Mormonen-Kirche. Werden sie verstehen? Kann sie das überhaupt erwarten von denen, die sie nur als die freundliche, elegante Dame kannten, die wie manisch ein bis zwei Romane pro Jahr schrieb, sonntags in die Kirche ging und bei den Mormonen stellvertretende Vorsitzende in der lokalen Frauengruppe war? Immer wieder wird sie diese ungeheuerliche Geschichte erzählen müssen.
Alles hatte schon so weit zurückgelegen, so viele Jahre hatte sie es verdrängt, daß jetzt alle Erinnerungen verschwommen, nebelhaft sind. Es war schnell und brutal, an mehr will sie nicht zurückdenken.
Die Zeitungen haben damals die Details des Mordes berichtet: Am 22. Juni 1954, einem grauen neuseeländischen Wintertag, machten die Freundinnen Pauline Parker und Juliet Hulme mit Paulines Mutter Honora einen Spaziergang durch den Victoria Park am Rande der Stadt Christchurch. Im Rausch von Wahn und Angst müssen sie dann mit dem in einen Strumpf gewickelten Ziegelstein zugeschlagen haben. 45 Wunden fanden die Pathologen später an der Leiche.
Schreiend und blutbesudelt rennen Pauline und Juliet aus dem Wald, und sie erzählen, die Mutter sei gestürzt und fürchterlich verletzt. Doch die Polizei entdeckt Paulines Tagebuch, in dem sie vier Monate lang den Plan für den Mord entwickelte. Drei Wochen später erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage.
Vielleicht hat sie eine Chance, denkt Anne Perry nun an diesem 29. Juli 1994: Wenn sie endlich ihre Wahrheit erzählt, kann sie auch verstanden werden. Vielleicht wird man dann ihr mehr glauben als den Journalisten der Boulevardzeitungen, die jetzt ihre frühere Identität entdeckt haben.
Und vielleicht wird sich ihre eigene Version auch gegen die des Films "Heavenly Creatures" (siehe Seite 172) durchsetzen, den der Neuseeländer Peter Jackson über den Mordfall gedreht hat.
Sie hat den Film nicht gesehen und ist wütend, daß er überhaupt gemacht wurde. Denn sie ist überzeugt, daß er nicht die Wahrheit erzählt. Nein, sie will nicht nach 40 Jahren ein Opfer ihres eigenen Verbrechens werden.
Pauline hat sie seit dem Prozeß nicht mehr gesehen. Jahrelang waren sie beste Freundinnen gewesen: Pauline, die Tochter eines Fischgroßhändlers, und Juliet, die Tochter des Nuklearphysikers und Rektors des Canterbury University Colleges. Juliets Eltern waren 1948 wegen des Klimas von England nach Neuseeland gezogen, denn bei Juliet drohte eine Tuberkulose auszubrechen.
Es war eine seltsame Freundschaft zwischen zwei seltsamen Mädchen. Sie waren immer zusammen, und sie versanken in eine Phantasiewelt, die von edlen Rittern und schönen Prinzessinnen bewohnt war. Mit lesbischer Zuneigung, so sagt die Frau, die heute Anne Perry heißt, hatte die Freundschaft der beiden nichts zu tun.
Juliet wollte Schriftstellerin werden, und Pauline wollte das auch. Zusammen würden sie nach Amerika gehen und für Hollywood Drehbücher schreiben. Die Sachverständigen der Verteidigung nannten das später eine "folie a deux".
Anfang 1953 brach Juliets Lungenkrankheit aus. Drei Monate lag sie isoliert, weit weg von Christchurch, im Krankenhaus, und die einzige, die ihr schrieb, war Pauline. Täglich kam ein Brief.
Auch Pauline war krank, psychisch krank, das wußte Juliet. Jeden Tag verbrachte Pauline Stunden bei George. Der Staatsanwalt, der aus dem Tagebuch vorlas, hielt George für einen Mann. Doch George war Paulines Name für die Toilette. Sie schloß sich dort ein, um sich zu übergeben. Heute würde man diese Krankheit Bulimie nennen.
Und dann kam die Katastrophe: Juliets Vater verlor seine Position an der Universität, und die Eltern beschlossen, sich scheiden zu lassen. Juliet würde zu ihrer Tante nach Südafrika gehen müssen. Nein, niemals wollten Juliet und Pauline sich trennen. Pauline mußte mit, und Juliets Eltern waren sogar einverstanden. Aber für Paulines Mutter Honora war das eine abwegige Idee.
Warum hatte Juliet nicht mit jemandem gesprochen? Und gesagt, daß sie überzeugt war, Pauline würde sterben, wenn sie nicht mitkommen könnte. Wieso war sie der paranoiden Vorstellung verfallen, Honora Parker müsse sterben, damit Pauline leben könnte? Lag es an diesem Medikament gegen ihre Lungenkrankheit, das sie damals dreimal so lange wie vorgeschrieben genommen hatte und das wegen psychoseauslösender Nebenwirkungen später vom Markt genommen wurde?
Die Verteidiger hatten auf Geisteskrankheit plädiert, doch die Prozeßgutachter hielten Juliet und Pauline für zurechnungsfähig. "Die Mädchen sind nicht unheilbar krank", sagte der Staatsanwalt, "sie sind unheilbar schlecht." Niemals in ihrem Leben sei sie geistesgestört gewesen, sagt Anne Perry, sie sei nur verzweifelt und verängstigt gewesen.
Ihr Verbrechen hat sie bereut, schon damals, drei Monate nach dem Prozeß, als sie in dem berüchtigten Gefängnis für erwachsene Schwerverbrecher in Einzelhaft in einer Zelle mit hohen Steinmauern saß.
Heute ist sie nicht mehr Juliet Hulme. Sie ist Anne Perry, die sich nach ihrer Freilassung im Jahre 1959 in England und Kalifornien mit Gelegenheitsjobs durchschlug. In der Funkzentrale eines Taxiunternehmens, als Stewardess, als Sekretärin, als Aushilfe bei einem Arzt.
Dabei war sie doch immer die Beste in der Schule gewesen und hatte als Tochter einer englischen Oberschichtfamilie die besten Aussichten auf Karriere und auf eine standesgemäße Ehe gehabt.
Sie heiratete nie. Romanzen hat es gegeben, aber der richtige Mann war nicht dabei. Nachts schrieb sie Bücher, Historienromane, die niemand veröffentlichen wollte.
Daß sie in den sechziger Jahren bei den Mormonen eintrat, hat ihr Halt gegeben. Denn für ihre Kirche ist das Verbrechen gesühnt. Seitdem legt sie die moralischen Prinzipien ihres Glaubens auch ihren Krimis zugrunde; zum Beispiel die Haltung zur Abtreibung in "Im Schatten der Gerechtigkeit".
Mit diesen etwas langatmigen, nahezu gewalt- und sexfreien Romanen hat sie seit Ende der siebziger Jahre Erfolg. In Deutschland stand "Schwarze Spitzen" auf der Bestsellerliste, allein in den USA verkaufte Perry bisher drei Millionen Bücher.
Daß ein düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit ans Licht zu kommen droht, ist in fast allen ihren Romanen die traumatische Vorstellung ihrer Figuren - und Motiv genug für einen Mord.
Aber natürlich hinterläßt die Tat der Juliet Hulme auch andere, deutlichere Spuren in ihren Krimis. "Ich habe auch schon oft Leute gemocht, die einen Mord begangen haben", sagt beispielsweise Inspektor Pitt, die Haupt- und vielleicht auch Lieblingsfigur von Anne Perry, "wenn sie ausreichend verzweifelt, verängstigt oder verletzt waren."
In der Nacht zum 30. Juli 1994 konnte Anne Perry kaum Schlaf finden. Sie hatte alle angerufen. Ihre Freunde verstanden; und die, die schon immer Bescheid wußten, wie ihre Freundin und Nachbarin Meg McDonald, würden zu ihr stehen. Aber am Ende, davon war sie überzeugt, würde sie aus ihrer umgebauten Scheune, die von einem riesigen Garten umgeben ist, ausziehen müssen.
Als in den nächsten Tagen und Wochen die Zeitungsjournalisten und die Teams der amerikanischen Fernsehsender in Portmahomack eintrafen und die Dorfbewohner befragten, erhielten sie immer die gleiche Antwort: "Anne Perry ist eine ausgesprochen nette Dame. Es gibt nichts Negatives über sie zu sagen." Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Vergessen *
war der Mord an der Neuseeländerin Honora Parker seit vielen Jahren, auch wenn er in den fünfziger Jahren für Aufsehen gesorgt hatte. Der neuseeländische Regisseur Peter Jackson, 33, verarbeitet den Fall in dem Kinofilm "Heavenly Creatures", der in dieser Woche in den Kinos anläuft. Für die britische Autorin Anne Perry, 56, deren Krimis vor allem in Deutschland und den USA Bestseller sind, bedeutet das die Konfrontation mit der Vergangenheit: Sie war an Honora Parkers Ermordung beteiligt.
Von Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 2/1995
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