25.03.2013

VERWANDLUNGDer Lehrling

Im vergangenen Sommer ging Kai Diekmann, Chef der „Bild“-Zeitung, ins Silicon Valley, um ein Mittel gegen die Zeitungskrise zu finden. Im Tal der Erfinder wurde aus einem geölten Journalisten ein bärtiger Nerd.
An einem klaren kalifornischen Frühlingsmorgen sitzt Kai Diekmann am Steuer eines roten Hyundai, er fährt durch die kleinen Straßen seines Wohnviertels in Palo Alto, auf den Knien liegt sein iPhone. An der Fensterscheibe ziehen die Häuser der Nachbarschaft vorbei. Larry Page, der Gründer von Google, lässt gerade irgendetwas umbauen, vor seinem Grundstück sieht man einen Bauzaun und ein Toilettenhäuschen. Im Garten von Steve Jobs, dem verstorbenen Gründer von Apple, wird Rollrasen verlegt. Diekmann ist auf dem Weg nach San Francisco, er hat einen Geschäftstermin im 43. Stock der Transamerica Pyramid, des höchsten Gebäudes der Stadt. Er bewegt sich in großen Zusammenhängen, als das iPhone zu zittern beginnt.
Er schaltet die Freisprechfunktion ein und hört eine Frauenstimme, die von sehr weit weg spricht. "Hallo Kai, kann ich reinstellen?"
Diekmann ist jetzt verbunden mit einem Konferenzraum im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin. Er sagt: "Guten Morgen, Alfred, guten Morgen, Manfred." Er redet mit Alfred Draxler, dem stellvertretenden Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, und Manfred Hart, dem Chefredakteur von bild.de. Es geht um die Frage: Was machen wir mit Wulff?
In ein paar Tagen wird es ein Jahr her sein, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktrat. Wulffs Rücktrittsgeschichte hatte viel mit der "Bild"-Zeitung und ihrem Chefredakteur zu tun, sie begann eigentlich erst so richtig da-mit, dass der Bundespräsident bei Diekmann auf die Mailbox sprach und einen Krieg androhte. Diekmanns Handy stand also gewissermaßen mal im Mittelpunkt einer deutschen Staatsaffäre. "Alfred?", ruft Diekmann, "Alfred, du musst lauter sprechen, ich versteh dich sonst nicht."
Wie groß macht man so einen Jahrestag? Groß? Oder richtig groß? Diekmann meint: natürlich richtig groß. Alles noch mal rauf und runter, auf einer Doppelseite. Wie geht es den Protagonisten von damals? Dem Berater Glaeseker, dem Haus in Großburgwedel, Bettina, Christian, dem Bobby-Car?
Man kann schon fast die Skyline von San Francisco sehen, als Diekmann auf das iPhone tippt und die Verbindung zu seiner alten Welt kappt. Es kommt nicht so oft vor, dass er sich da noch hineinbegibt, aber wenn, dann kostet es wahrscheinlich Kraft. Es ist ein langer innerer Flug von Larry Page und Steve Jobs zu Alfred Draxler und Manfred Hart.
Diekmann lässt frische Luft ins Auto. Dann sagt er: "Im Valley ist selbst Washington weit weg."
Kai Diekmann, 48 Jahre alt, ist seit vergangenem September im Silicon Valley, und es sieht so aus, als hätten sich seitdem die Größenordnungen verschoben. Er war es gewohnt, als Journalist auf die Welt zu blicken, als Chefredakteur der größten Zeitung Europas. Er saß auf einem Hochstand, aber im Lauf der Zeit wurde der Abstand nach unten kleiner. Seine "Bild"-Zeitung verlor in zehn Jahren eineinhalb Millionen Exemplare, und er fand kein Mittel, etwas dagegen zu tun. Die Leute geben einfach nicht mehr so viel Geld für Zeitungen aus wie früher. Diekmann war ein Papierkönig.
Papierkönige sind gefährdete Könige, sie werden bedroht von Leuten, die von unten kommen, nicht von oben. Ihre Gegner leben im Silicon Valley, sie saßen ursprünglich mal in Garagen und erdachten von da aus die Welt neu. Sie dachten in kleinen digitalen Einheiten, ihre Erfindungen machten die Welt gleichzeitiger, cooler, billiger.
Man gibt im Silicon Valley kein Geld mehr aus für gedruckte Gedanken, Meinungen, Formulierungen. Sie versenden sich. In einer Garagenwelt kosten solche Sachen nichts mehr. Und gegen Worte, die nichts kosten, kann man wenig ausrichten als Papierkönig.
Kai Diekmann ist also einfach zu denen gegangen, die sein Reich angreifen. Er wird im Juni zur "Bild"-Zeitung zurückkehren. Er wird dann ein anderer sein.
Man würde ihn auf den ersten Blick schon nicht mehr erkennen, wenn er heute bei Springer durch die Tür käme. Er sah ja viele Jahre lang aus wie eine Figur, die sich Helmut Dietl für den Chefredakteur der "Bild"-Zeitung hätte ausdenken können. Er trug blaue Hemden und rote Krawatten und polierte Schuhe, und seine Haare waren so stramm mit Schaum nach hinten frisiert, dass man glauben konnte, sie seien verleimt.
Die Haare hat er sich abschneiden lassen, so wie man es nach Trennungen macht. Er rasiert sich nur noch alle paar Tage. Er trägt jetzt T-Shirts von der Stanford University und Kapuzenjacken mit Reißverschluss. An seinen Füßen stecken Stoffturnschuhe ohne Schnürsenkel. Diekmann sieht aus, als wollte er Spuren verwischen.
"Sie müssen mir auf Twitter folgen", sagt Diekmann. Er hat jetzt 5400 Follower auf Twitter.
Über seinem Auto wölben sich die Hochhäuser von San Francisco, er sagt: "Eigentlich ist es ein Wunder, dass die Menschen weiterhin Zeitungen kaufen. Raus aus dem Haus und zum nächsten Kiosk - das scheint heute manchmal wie von gestern."
Wie viele Leute werden in zehn Jahren noch die "Bild"-Zeitung kaufen?
Er nennt eine Zahl, die erstaunlich klein ist. Man darf sie aber nicht schreiben.
Wenn man ihn fragt, als was er eigentlich hier ist, sagt er: "Natürlich als Journalist." Aber es ist nicht mehr leicht zu erkennen, was er darunter versteht.
An einem Montag Mitte Februar steht er in einer kleinen Besuchergruppe vor der alten Kulisse der Stanford-Universität. Geschäftsleute aus Deutschland sind für einen Tag hier, sie begleiten den deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Rösler ist am Sonntagnachmittag mit der Regierungsmaschine gelandet und muss in ein paar Stunden wieder zurück, es bleibt unklar, warum er eigentlich gekommen ist. Außer diesem Besuch hier auf dem Campus der Universität hatte er nur noch einen Termin am Vormittag, und das war eigentlich ein Termin des Axel-Springer-Verlags.
Rösler steht in der Mitte der Besuchergruppe und schaukelt auf müden Beinen hin und her. Diekmann steht am Rand und hat Probleme mit seinem iPhone. Die Sonne steht hoch am Himmel, er kann das Display kaum erkennen. Er scheint Rösler nur als Ausschnitt wahrnehmen zu wollen, der in einen Bildschirm von vier Zoll passt.
Als Rösler heute Morgen kam, riss Diekmann gleich das iPhone nach oben und begann, darauf zu arbeiten, so als wäre der Wirtschaftsminister Nahrung für ein Mobiltelefon. Erst machte er Fotos, dann wechselte er die Applikation, und sein Finger begann auf das Display einzuhacken. Diekmann sagte: "Ich bin ein Viner der ersten Stunde."
"Vine" ist eine neue App, man kann damit Kurzfilme von maximal sechs Sekunden drehen. Wenn der Finger das Display berührt, zeichnet die Kamera auf. Sechs Sekunden, in denen man Kunst produzieren kann - oder Schrott.
Diekmann sah sich den Film an, den er gerade gedreht hatte.
Dann sagte er: "Find a new way to fuck up." Das sei der Spirit hier im Tal. "Seit Rupert Murdoch twittert, muss er sich auch ständig für irgendwas entschuldigen."
Diekmann war immer in Röslers Nähe, aber in Wirklichkeit war er weit weg. Er trug seine dunkle, breitumrandete Fernsichtbrille zwischen den Zähnen und hielt sein Telefon nah vor die Augen. Er vinte, er twitterte, er prüfte Kurznachrichten und E-Mails, er kreuzte durch das Meer seiner sozialen Netzwerke, er ist auf Facebook und LinkedIn, auf Finanz- und Investmentblogs, die er im Silicon Valley entdeckt hat.
Am Ende blieb von Röslers Besuch eine einzige Twitter-Nachricht hängen, Diekmann versendete ein Foto des Ministers, den er Philipp nennt, und schrieb darunter: "Good job, Philipp Rösler!" Man musste an Mathias Döpfner denken. Der Vorstandsvorsitzende von Springer hatte einmal gesagt: "Wer mit der ,Bild' im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten." Es wird interessant sein zu beobachten, wann sich für Rösler die Richtung ändert.
Nach einem kurzen Mittagessen in der Universität steht Rösler noch mal draußen in der Sonne. Er muss ja gleich wieder los ins dunkle Berlin, da hört er von hinten Diekmanns Stimme.
"Also vorhin war der Moment, da hätt ich mich fast erschossen", sagt Diekmann.
Als er im vergangenen Sommer hier angekommen war, hatte er schon nach wenigen Tagen eine Idee. Die Idee war: "Wir müssen eine Uhr machen." Eine Armbanduhr mit integriertem Telefon. Eine Uhr hat sowieso jeder, man musste nur noch ein Telefon einbauen. Das war ein Valley-Gedanke. Man kann sich gut vorstellen, wie Kai Diekmann ein Garagentor hinter sich schließt, und Wochen später geht das Tor wieder auf, und Diekmann hält eine Armbanduhr in die Luft, mit der man telefonieren kann.
Und jetzt? Jetzt ist das Gerücht aufgetaucht, dass Apple an einer Armbanduhr mit Telefon arbeitet. Jetzt ist Apple schneller als Diekmann.
Er blinzelt in die Sonne. "Echt, das war der Moment kurz vor dem Erschießen."
Er denkt jetzt ständig an neue Sachen. Man müsste eine App erfinden, meint er, mit der man sein Essen fotografieren kann, und die App spuckt sofort aus, wie viele Kalorien das Essen hat. Oder eine App, die ihm alles erzählt über den Ort, an dem er gerade ist. "Ich möchte durch Potsdam gehen und sofort wissen: Hier ist früher ein DDR-Flüchtling erschossen worden. Hier ist Friedrich der Große langgelaufen." Am besten wäre eine App, die einem den Weg weist durch den Treibsand der ganzen Apps, die täglich neu hinzukommen. Eine App, die ihm sagt, welche Apps seine Freunde benutzen und was man mit ihnen machen kann.
Er sagt: "Zeig mir deine Apps, und ich sage dir, wer du bist."
Kai Diekmann hat sieben Seiten mit Apps auf seinem iPhone, das sind zusammen um die 150 Apps. Es gibt Momente, in denen blättert er einfach so von Seite zu Seite und betrachtet die kleinen bunten Symbole wie Edelsteine.
Er hat alles gespeichert. Ruft ihn seine Frau an, eine ehemalige "Bild"-Redakteurin, leuchtet auf dem Display "Katja Kessler USA". Sie ist mitgereist und lebt mit den vier Kindern ein paar Häuserblocks entfernt. Freitags, wenn die Apps ruhen, zieht er zur Familie um, montags morgens kehrt er zu den Apps zurück.
Manchmal glaubt man, Diekmann und seinem iPhone könnte es ergehen wie Goethes Zauberlehrling und seinem Besen. Da hat jemand eine Formel bekommen, guckt, was geht, und am Ende machen sich die Dinge selbständig. Womöglich beginnt Diekmanns iPhone irgendwann damit, in seinen Händen wilde Tänze aufzuführen.
"Es ist doch eine große Scheiße", sagt Diekmann, er hat das Telefon am Ohr und zieht die Tür seines Wohnhauses hinter sich zu. Er muss zum Telefonieren auf die Straße, weil es drinnen so schlechten Empfang gibt. Da wohnt er keine hundert Meter von Steve Jobs' Privathaus entfernt, und dann kann man hier nicht mal vernünftig telefonieren. Das Haus hat der Axel-Springer-Verlag von einem Inder gemietet, der es eigentlich für 6,5 Millionen Dollar verkaufen wollte. Aber es fand sich niemand für den Preis.
Diekmann wohnt zusammen mit zwei Kollegen hier, der eine ist Springers Marketingchef Peter Würtenberger, der andere Springers IT-Experte Martin Sinner, ein Mann, der leise spricht und vegan isst. Vormittags kommt ein Asiate und macht die Küche sauber, vorn haben sie einen Arbeitsplatz eingerichtet, drei iMacs für drei Männer, die unter dem Tisch nicht voneinander zu unterscheiden sind, weil sie die gleichen Schuhe tragen, schnürsenkellose Stoffturnschuhe.
Wenn Diekmann hier morgens seinen Computer einschaltet, dann stoßen zwei Welten zusammen, die eine, aus der er gekommen ist, die andere, in die er sich hineinbewegt. Unten auf dem Boden liegt eine Umhängetasche aus Kunststoff, darauf sind Schlagzeilen aus 60 Jahren "Bild"-Zeitung gedruckt, "Dieter Bohlen singt Mädchen aus Koma", "Bundesliga-Hammer: 1. Tor mit Penis geschossen". Oben kann es schon mal sein, dass er sein E-Mail-Fach öffnet, und Sheryl Sandberg hat ihm geschrieben.
Vor ein paar Wochen war er in ihrem Büro, die Geschäftsführerin von Facebook gab ihm die Druckfahnen ihres Buchs und bat ihn um seine Meinung. Wahrscheinlich sind das Momente, in denen Diekmann eine Ahnung davon bekommt, wie es ist, wenn einen jemand im Aufzug mit nach oben nimmt.
Das Problem ist nur, dass er ja irgendwann zurück nach Deutschland muss. Er muss die Balance halten zwischen oben und unten, er darf nicht ganz verschwinden aus dem Alten. Es war hilfreich, dass er da neulich eine kleine Bombe zünden konnte. Auf der Online-Seite der "Bild"-Zeitung tauchte eine exklusive Geschichte über die Trennung von Bettina und Christian Wulff auf. In der Autorenzeile stand: Von Kai Diekmann. Die eigentliche Nachricht war: Er ist noch da. Man muss immer mit ihm rechnen. Wie mit Dieter Thomas Heck, der kurz zurückkehrt, wenn das Fernsehen runde Geburtstage feiert.
Weiter hinten in Diekmanns Haus gibt es ein Wohnzimmer, die Einrichtung haben sie bei Ikea in Palo Alto gekauft. Über einem Gaskamin hängt ein großer Flachbildschirm. Zur selben Zeit, als Philipp Rösler mit seiner Regierungsmaschine nach Deutschland abhebt, sitzen Diekmann, Würtenberger und Sinner auf weißen Polstermöbeln und hören einem jungen Mann mit roten Haaren zu. Auf seinem Schoß liegt ein aufgeklappter Laptop, der mit dem Flachbildschirm verbunden ist. Er heißt Catalin Voss, er ist 17 Jahre alt, ein Deutscher, der in Stanford Informatik studiert. Er hat bei seinen Kommilitonen die neuesten Ideen aus dem Internet eingesammelt und führt sie den Leuten von Springer vor. Das macht er einmal in der Woche, und die Absicht ist, dass aus einer Idee irgendwann vielleicht mal ein Geschäftsmodell wird.
Wahrscheinlich ist Catalin Voss die beste Geschäftsidee, die Kai Diekmann bisher gefunden hat. Wenn man sich länger mit Voss unterhält, denkt man irgendwann, dass er eigentlich die bessere Geschichte ist.
Als Kind lebte er in Heidelberg und baute in seinem Zimmer Alarmanlagen und Roboter zusammen. Er war zwölf Jahre alt, als Apple den App-Store eröffnete. Es gab damals viele Ideen, aber keine Entwickler. Voss entwickelte eine Spiele-App, dann nahm er ein Video von sich auf, auf dem er anderen Leuten erklärte, wie man Apps entwickelt, und wurde damit Nummer 1 im deutschen iTunes-Store.
Mit 13 entwickelte er Apps für die U. S. Army.
Mit 15 baute er für ein Start-up im Silicon Valley eine App, mit der man ohne Kreditkarte im Internet bezahlen kann. Er hatte acht Wochen Zeit, nach vier Wochen war er fertig. Mit Hilfe der App sammelte das Unternehmen 16 Millionen Dollar bei Investoren ein. Catalin Voss spricht auch ein bisschen Chinesisch.
Das Beruhigende aus analoger Sicht ist, dass man Leute wie Voss nicht googeln kann. Man muss sie finden. Die Leute von Springer fanden Catalin Voss auf einer Gartenparty beim Nachbarn.
Was an ihm sofort auffällt, ist, dass er seine Hände nicht ruhig halten kann. Die Hände sind immer unterwegs, sie wollen weiter. An den Händen von Catalin Voss lässt sich ablesen, wie das Netz Menschen verändern kann. Es zieht ihnen die Ruhe aus dem Leib.
Voss sagt, er habe nie auch nur die Hälfte einer "Bild"-Zeitung gelesen. Er habe in seinem ganzen Leben eigentlich so gut wie nie Zeitung gelesen. "Zeitungen sind wie Bettlaken. Sie passen nicht in die Hand", sagt er. Wenn man ihm einen Zettel gibt, den er ausfüllen soll, fragt er: "Kannst du mir das nicht als PDF schicken?" Er ist ein ganz und gar papierloser Mensch.
Voss berät heute unter anderem eine Organisation, die die besten Leute der Stanford-Universität fördert. Er arbeitet gerade an einer eigenen Idee, die vielleicht mal eine kleine Revolution im Netz wird. Man darf darüber noch nicht schreiben, sonst geht es Catalin Voss vielleicht wie Kai Diekmann mit seiner Armbanduhr. Grob gesagt hat Voss eine App erfunden, die dem Computer beibringt, Gesichter zu lesen.
Diekmann liegt in seinem weißen Sessel und sagt: "Die verrücktesten Dinger kommen aus L. A."
Vor kurzem sind sie bei so einer Sitzung auf Tinder gestoßen. Tinder ist ein Ding aus L. A., es geht dabei um Speed-Dating mit dem Smartphone. Wer als Mann eine Frau sucht, öffnet eine App, und es erscheinen Fotos von Frauen. Wenn einem ein Foto gefällt, wischt man mit dem Finger nach rechts, Fotos, die einem nicht gefallen, wischt man nach links. Mit etwas Glück hat man nach ein paar Minuten eine Verabredung. Vielleicht, sagt der IT-Mann Sinner, kann man etwas für bild.de daraus machen. "Dating 3.0. Jetzt mit Bild." So ungefähr.
Es sieht so aus, als verwandelte sich der Verlag langsam in einen großen App-Store. Eine gut designte digitale Daddelbude, mit Anwendungen, die es bisher noch nicht von Amerika nach Europa geschafft haben. Axel Springer hat einen Vorstandsvorsitzenden, der auf Bilanzpressekonferenzen viel von "Qualitätsjournalismus" spricht. Aber Geld macht er auch mit Beauty-Angeboten im Internet.
Von Sommer an soll bild.de Geld kosten, und das bedeutet, dass Leser verschwinden werden. Damit solche Leute nicht ganz verlorengehen, wird Springer im Internet eine neue Gratis-Site erschaffen. Das Geschäftsmodell dazu bringen Döpfners Leute aus Amerika mit, es folgt einem einfachen Prinzip: Der Leser wird zum Schreiber. Er sitzt zum Beispiel im Fußballstadion und schreibt alles auf, was da gerade so passiert. Kostet nichts, macht der Redaktion wenig Arbeit, bringt dem Verlag Geld durch Werbung. So entsteht im Netz eine Resterampe.
Vom Silicon Valley aus betrachtet besteht die Zukunft eines Medienunternehmens aus der Summe von Masse, Spaß, Geschwindigkeit und Preis. Es kommt darauf an, Leute zu kennen, die alles gleichzeitig beherrschen.
Kai Diekmann ist spät dran, er reißt auf dem Freeway hin und wieder das Tempolimit, er nimmt die Ausfahrt "Sand Hill Road". Die Sand Hill Road ist eine berühmte Straße in dieser Gegend, sie fällt sanft von einem Hügel hinab ins Tal, sie führt an freistehenden Häusern und frisierten Gärten vorbei, die sich zusammenfügen wie zu einer großen, friedlichen Ferienanlage. Aber das täuscht. In den Häusern arbeiten Leute, die Franz Müntefering von der SPD einmal "Heuschrecken" genannt hat. Venture Capital Companies, Risikokapitalgeber. Sie stecken Geld in aufsteigende Unternehmen und profitieren vom späteren Erfolg. Das Geschäft beruht auf Wahrscheinlichkeiten. Springer geht zu Heuschrecken, um eine Idee davon zu bekommen, wo der Verlag investieren kann.
Diekmann parkt das Auto vor dem Haus von Greylock Partners, über zwei Milliarden Dollar verwaltetes Kapital, Investments in Facebook, Instagram, LinkedIn. Die Leute hier wissen, was sie tun.
Er dreht sich zur Rückbank und greift nach einer schwarzen Kladde. Er hat diese Kladde bei jedem Termin dabei, sie ist praktisch das letzte Stück Papier, das er noch hat. Er schreibt da Sätze hinein, die er sich merken will. Sätze, die man mit nach Hause nehmen kann. Ein Satz heißt: "If anybody eats your lunch, it had better be yourself." Er hat Ausrufezeichen dahinter gesetzt. Wenn man ihn fragt, was das für ihn zu bedeuten hat, sagt er: "Du musst dich selbst fressen, bevor es die anderen tun." Du musst dich bewegen, bevor sie dich holen.
Er läuft mit schnellen Schritten die Treppen hinauf, und oben fällt ihm ein, dass er das Mauerbuch vergessen hat. Einen Bildband, herausgegeben von Kai Diekmann, mit einem Vorwort von Helmut Kohl. Er vergisst das Mauerbuch eigentlich nie, wenn er bei wichtigen Leuten ist. Er hat auch Sheryl Sandberg eins geschenkt. Das Mauerbuch fehlt jetzt, denn man weiß nie, wie diese Leute so drauf sind.
Diekmann, Würtenberger und Sinner sitzen auf Besuchersesseln und warten, dass etwas passiert. Eine Blonde mit kurzem Rock bringt Kaffee in Porzellantassen und Cola in richtigen Gläsern. Diekmann sagt, das sei schon mal ein gutes Zeichen.
Das letzte Mal, als sie bei einer Heuschrecke waren, gab es Getränke aus Pappbechern. Es war nicht schön. Sie wurden behandelt wie Wegelagerer. Der Mann, mit dem sie den Termin hatten, sah sie nur an und sagte erst mal gar nichts. Sie hatten vorher Geschichten über ihn gehört, die nicht gut klangen. Zum Beispiel, dass er sich, wenn ihn seine Gäste langweilen, die Socken auszieht, um sich die Fußnägel zu schneiden.
Eine Dreiviertelstunde später steht Kai Diekmann wieder unten auf dem Parkplatz. Die Heuschrecke war erstaunlich freundlich gewesen. Sie hatte ihre Schatztruhe geöffnet, das Portfolio mit all den verheißungsvollen Internetunternehmen, ihre Namen zogen auf bunten Piktogrammen vorüber wie Vogelschwärme, und am Ende fragte die Heuschrecke: "Woran haben Sie Interesse?"
Diekmann, Würtenberger und Sinner sahen sich einen Moment lang an. Was sie hier machen, muss ja irgendwie noch etwas mit dem Kerngeschäft des Verlags zu tun haben oder damit, was daraus geworden ist. Es darf nicht so sein wie bei Burda, wo Geld inzwischen schon mit Tierfutter verdient wird. Dann einigten sie sich auf einen Web-Anbieter für Lebenshilfekurse, einen Rabattwegweiser, eine Immobilienplattform, eine Automobilseite, einen Marketingentwickler und ein Shoppingportal für Inneneinrichtungen. Der Abstand zum Tierfutter wird immer kleiner.
Die Heuschrecke schrieb die Namen auf und sagte, sie werde Kontakte herstellen. Aus Sicht der Heuschrecke hat gerade ein Wicht das Haus verlassen. Aus Diekmanns Sicht ist der Wicht gerade wieder ein Stück gewachsen.
Kai Diekmann hat natürlich, und das wäre eine dritte Sicht, keine Antworten gefunden, mit denen sich die Zeitungskrise beenden ließe. Er sammelt Ideen ein, von denen niemand weiß, ob sie zünden werden. Er macht sich zum Wicht, aber zu einem, der wachsen will.
Er ist jetzt noch zum Abendessen verabredet. Ein Gespräch mit zwei Unternehmern, deren Firma irgendwas mit Online-Werbung macht. Die Firma hat hundert Millionen Dollar von Investoren eingesammelt, aber niemand kann genau sagen, warum. Diekmann ist müde und macht den Eindruck, als würde er das hier gern schnell hinter sich bringen wollen. Vor wenigen Tagen schien das noch ein interessanter Termin zu sein, aber wenn man von einer Heuschrecke kommt, sind hundert Millionen Dollar keine große Sache mehr. Diekmann bestellt eine Flasche Rotwein. Er hat kaum Fragen. Es ist schnell alles gesagt, aber der Hauptgang ist noch nicht mal angekommen. Da schiebt er seinen Körper über den Tisch und beginnt, etwas von sich selbst zu erzählen.
Er fragt, ob die Amerikaner eine Vorstellung davon hätten, was die "Bild"-Zeitung sei. 2,5 Millionen Auflage, 12 Millionen Leser täglich, das gibt es nicht mal in Amerika, richtig?, die Worte fallen jetzt mit hoher Geschwindigkeit aus seinem Mund, und dann ist er auch schon bei Christian Wulff, the German president versus the editor in chief of "Bild"-Zeitung, Diekmann schenkt noch einmal nach und erzählt die ganze schöne Geschichte, vom Haus in Großburgwedel, von der Reise zum Emir, vom Anruf auf seiner Mailbox, von der Kriegserklärung, vom Rücktritt, von journalistischen Siegen.
Es ist eine lange, leidenschaftliche Erzählung, die da über den Tisch geht, die große Verteidigung des Papiers durch einen Papierkönig, und als die Geschichte zu Ende ist, fällt Diekmann in seinen Stuhl zurück. Die beiden Amerikaner sehen ihn stumm an. Das war jetzt ein Vortrag aus einer Welt von gestern, die sie vergessen hatten. Diekmann fragt sich, wie er eigentlich darauf gekommen ist. ◆
Von Geyer, Matthias

DER SPIEGEL 13/2013
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